{"id":619157,"date":"2025-12-03T00:25:22","date_gmt":"2025-12-03T00:25:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/619157\/"},"modified":"2025-12-03T00:25:22","modified_gmt":"2025-12-03T00:25:22","slug":"bildungsausschuss-vertagt-beschluss-zur-fusion-von-igs-am-steintor-und-kgs-hutten-eltern-und-schueler-protestieren-schulleiter-wirft-stadt-falsche-zahlen-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/619157\/","title":{"rendered":"Bildungsausschuss vertagt Beschluss zur Fusion von IGS Am Steintor und KGS Hutten, Eltern und Sch\u00fcler protestieren, Schulleiter wirft Stadt falsche Zahlen vor"},"content":{"rendered":"<p>Die Bildungslandschaft in Halle (Saale) steht vor einer gro\u00dfen Ver\u00e4nderung. Am Dienstag fand die intensive Debatte um die geplante Fusion der Integrierten Gesamtschule (IGS) Am Steintor und der Kooperativen Gesamtschule (KGS) \u201eUlrich von Hutten\u201c ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt im Bildungsausschuss der Stadt. Das Ergebnis nach gut anderthalbst\u00fcndiger, hitziger Diskussion war eine Vertagung des Beschlusses auf den Januar des kommenden Jahres. Das \u00f6ffentliche Interesse an der Sitzung war enorm, was sich nicht zuletzt durch die Anwesenheit zahlreicher Elternvertreter und Sch\u00fcler mit Plakaten im Publikum zeigte. Der sichtbare Protest manifestierte den tief sitzenden Widerstand gegen die Pl\u00e4ne der Stadtverwaltung und verdeutlichte, dass es hier nicht nur um administrative Umstrukturierung geht, sondern um die Identit\u00e4t und die p\u00e4dagogische Ausrichtung von zwei etablierten Bildungseinrichtungen. Die Elternvertreter wandten sich entschieden gegen die Fusion, w\u00e4hrend die Stadtverwaltung die Notwendigkeit des Schrittes verteidigte.<\/p>\n<p><strong>Fusion oder \u201eEngere Zusammenarbeit\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Die Verwaltung sah sich gen\u00f6tigt, die Wortwahl selbst zu hinterfragen. Bildungsdezernentin Katharina Brederlow r\u00e4umte ein, dass der im Schulgesetz verankerte Begriff \u201eFusion\u201c ihrer Ansicht nach die eigentliche Absicht der Stadt nicht treffe. Sie sprach stattdessen von einer \u201eengeren Zusammenarbeit\u201c. Diese semantische Differenzierung mag rechtlich subtil sein, ist politisch jedoch hochbrisant. Sie zielt offenbar darauf ab, die \u00c4ngste der Schulgemeinschaften vor einer vollst\u00e4ndigen Aufl\u00f6sung und Identit\u00e4tsverlust zu mildern. Unabh\u00e4ngig von der gew\u00e4hlten Terminologie wird das faktische Ergebnis jedoch eine tiefgreifende Ver\u00e4nderung sein: Am Ende des Prozesses soll es eine Schule mit zwei Standorten geben. Diese Struktur, so die Hoffnung der Verwaltung, soll die rechtliche Existenz des Standortes der KGS sichern. Schon am Dienstagmorgen hatte die Stadtverwaltung versucht, mit einer Pressemitteilung \u00f6ffentlich f\u00fcr die Notwendigkeit der Fusion zu werben. Darin argumentierte die Verwaltung, dass es trotz eines Angebots von 112 Pl\u00e4tzen an der KGS in sechs von elf Jahren nicht gelungen sei, zumindest 100 Schulpl\u00e4tze in den neuen f\u00fcnften Klassen erfolgreich zu besetzen. Die Stadt sah hierin einen klaren Indikator f\u00fcr die mangelnde Stabilit\u00e4t der Schule.<\/p>\n<p><strong>Der Streit um die Zahlen: Wer arbeitet mit falschen Fakten?<\/strong><\/p>\n<p>Die von der Stadtverwaltung pr\u00e4sentierten Zahlen wurden von den Vertretern der Schule scharf angegriffen. Stephan Wussow, der Schulleiter der KGS \u201eUlrich von Hutten\u201c, stellte die Richtigkeit der Daten vehement in Frage. Er insistierte: \u201eWir haben immer die 100 geknackt.\u201c Angesichts der Diskrepanz zwischen seiner Wahrnehmung und den st\u00e4dtischen Angaben zeigte sich Wussow zutiefst irritiert und stellte die Arbeitsweise der Verwaltung infrage: \u201eDa frage ich mich, warum mit solchen Zahlen gearbeitet wird.\u201c Er ging sogar so weit, eine \u201eNegativpresse\u201c durch die Stadtverwaltung zu beklagen \u2013 ein deutlicher Ausdruck des tiefen Misstrauens, das zwischen Teilen der Schulgemeinschaft und der Verwaltung herrscht. Die Verwaltung hielt jedoch mit eigenen Quellen dagegen. Markus Petzold, der Schulentwicklungsplaner der Stadtverwaltung, konterte die Vorw\u00fcrfe mit Verweis auf die Schuljahresanfangsstatistik. Er betonte, dass das Problem nicht nur die Anwahl der jeweils neuen f\u00fcnften Klassen betreffe, in denen das Ziel von mindestens 100 Sch\u00fclern mehrfach verfehlt wurde. Die eigentliche und wesentlich gravierendere Problematik sei die Gesamtsch\u00fclerzahl der KGS: \u201eWir rangieren seit 2015 unter den vom Schulgesetz geforderten 600 Sch\u00fclern\u201c, so Petzold.<\/p>\n<p><strong>Die Genehmigungsf\u00e4higkeit auf der Kippe: Rettung durch Fusion?<\/strong><\/p>\n<p>Die Unterschreitung der vom Schulgesetz geforderten Mindestsch\u00fclerzahl von 600 Sch\u00fclern ist der Kern des Problems und die prim\u00e4re Begr\u00fcndung f\u00fcr den Fusionsbeschluss. Durch diese anhaltende Unterdeckung stehe die eigenst\u00e4ndige Genehmigungsf\u00e4higkeit der KGS auf der Kippe. Markus Petzold skizzierte die Fusion mit der IGS Am Steintor als eine Art letzte Rettungsanker-Strategie, um zumindest den Standort zu erhalten, auch wenn er nicht mehr als eigenst\u00e4ndige Schule weitergef\u00fchrt werden k\u00f6nne. Petzolds n\u00fcchterne Zusammenfassung der Lage verdeutlichte die aus Sicht der Verwaltung alternativlose Zwangslage: \u201eWir haben keine andere M\u00f6glichkeit, um diese Schule zu retten\u201c, betonte er. An einer sp\u00e4teren Stelle im Verlauf der Debatte wurde Petzolds Argumentation noch drastischer, als er angesichts der Gesamtzahlen der KGS Hutten, die mit 560 Sch\u00fclern \u201eweit entfernt von den geforderten 600 Sch\u00fclern\u201c liege, das n\u00fcchterne Fazit zog: \u201edie Schule ist platt.\u201c Diese ungesch\u00f6nte Darstellung brachte den Schulleiter Stephan Wussow zur Wei\u00dfglut. Er machte deutlich, wie schwer es ihm falle, angesichts der Aussagen der Stadtverwaltung emotionslos zu bleiben. Der Konflikt ist somit nicht nur administrativ, sondern zutiefst pers\u00f6nlich und emotional aufgeladen.<\/p>\n<p><strong>Die Stimmen der Schulgemeinschaften: Verlust von Identit\u00e4t und Konzepten<\/strong><\/p>\n<p>Die Eltern- und Sch\u00fclervertreter brachten im Ausschuss ihre tiefen Sorgen zum Ausdruck. Jessica Seebauer, Elternvertreterin der IGS, stellte klar, dass ihre Wahl f\u00fcr die IGS Am Steintor bewusst aufgrund des spezifischen Profils der Gesamtschule getroffen wurde. Sie sieht durch die Fusion mit der KGS das bestehende Raumkonzept der IGS in Gefahr und \u00e4u\u00dferte zudem Bedenken hinsichtlich der Infrastruktur der KGS, da ihrer Ansicht nach die R\u00e4ume der KGS auch nicht abiturreif seien. Ihre zentrale Frage an die Verwaltung war, wie die geplante Fusion einem drohenden Mangel an IGS-Pl\u00e4tzen entgegenwirken soll. Dezernentin Katharina Brederlow entgegnete, dass die Stadt sich \u201eimmer zu den Gesamtschulen bekannt\u201c habe und durch die Fusion die Gesamtschulpl\u00e4tze an beiden Standorten erhalten wolle. Die Logik der Verwaltung ist hier eindeutig: Sollte der Weiterbetrieb der KGS als eigene Schule durch das Land nicht mehr genehmigt werden, w\u00e4ren alle vorhandenen Gesamtschulpl\u00e4tze am KGS-Standort verloren \u2013 ein Szenario, das die Stadt mit der Fusion verhindern will. Der Stadtelternrat, vertreten durch Thomas Senger, positionierte sich ebenfalls kritisch. Er bem\u00e4ngelte, dass die Schulgemeinschaften nicht gefragt worden seien, was das Gef\u00fchl der \u00dcberstimmung und des Mangels an Partizipation verst\u00e4rkt. Senger pl\u00e4dierte f\u00fcr einen \u201eMut zur L\u00fccke\u201c und verwies auf das Beispiel Magdeburg, wo es keine eigenen Sekundarschulen mehr gebe. Er hielt die nun vorgesehene Fusion f\u00fcr falsch, insbesondere da sie dazu f\u00fchre, dass die Zahl der Gesamtschulpl\u00e4tze sinkt. Zwar soll es ab dem kommenden Schuljahr 18 neue f\u00fcnfte IGS-Klassen geben, drei mehr als bisher. Doch im Gegenzug sinkt gleichzeitig die Zahl der KGS-Klassen von 11 auf 7. Unterm Strich resultiert dies in einer Gesamtschulklasse weniger, was die Kritik an der Argumentation der Verwaltung, Pl\u00e4tze erhalten zu wollen, befeuert.<\/p>\n<p><strong>Organisatorische Fragen und der Wunsch nach Eigenst\u00e4ndigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Politik meldete Zweifel an der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme an. SPD-Stadtr\u00e4tin Silke Burkert hob hervor, dass \u201eDie Gesamtschulen in der Stadt leisten gute Arbeit und werden gut angew\u00e4hlt\u201c. Sie \u00e4u\u00dferte Verwunderung dar\u00fcber, dass die Sch\u00fclerzahlen oft nur um ein bis zwei die geforderten 100 unterschreiten. Burkert stellte die \u00dcberlegung in den Raum, ob man dieses Defizit nicht umgehen k\u00f6nnte, indem an anderen Schulen kein weiterer Zweig er\u00f6ffnet w\u00fcrde. Markus Petzold musste jedoch erneut pr\u00e4zisieren, dass es nicht nur um die geringf\u00fcgige Unterschreitung in den neuen Klassen gehe, sondern um die Gesamtzahl der Sch\u00fcler \u00fcber alle Jahrg\u00e4nge hinweg, wo die KGS Hutten mit 560 weit entfernt von der 600er-Marke liege. Der Wunsch nach Eigenst\u00e4ndigkeit wurde von der Basis erneut bekr\u00e4ftigt. Nadine Winter vom Schulelternrat der KGS Hutten sagte, dass sich ein Gro\u00dfteil der Eltern auch weiterhin eine Eigenst\u00e4ndigkeit w\u00fcnsche. Sie fasste die Bef\u00fcrchtungen der KGS-Gemeinschaft zusammen: \u201eWir wollen als vollwertige Schule erhalten bleiben, nicht nur als Anh\u00e4ngsel.\u201c Winter sprach auch organisatorische Fragen an, etwa wie die Zusammenlegung vonstatten gehen soll und welche Sch\u00fcler und Lehrer beispielsweise pendeln sollen. Hierzu stellte die Verwaltung jedoch klar, dass dies Aufgabe der Schule zusammen mit dem Landesschulamt sei. Die Stadt stellt nur die Geb\u00e4ude. <\/p>\n<p>Die Vertagung des Beschlusses auf Januar verschafft dem Bildungsausschuss Zeit, die tiefgreifenden Bedenken der Schulgemeinschaften und die Alternativvorschl\u00e4ge der Politik zu pr\u00fcfen. Gleichzeitig bleibt der Druck der Schulgesetze auf die Verwaltung bestehen. Die Zukunft der KGS \u201eUlrich von Hutten\u201c und die p\u00e4dagogische Stabilit\u00e4t der IGS Am Steintor h\u00e4ngen nun von einer Entscheidung ab, die weit \u00fcber das Administrative hinaus die Schullandschaft in Halle pr\u00e4gen wird. Als nach Ende der Sitzung das Stadthaus verlie\u00dfen, lief durch Zufall gerade Oberb\u00fcrgermeister Dr. Alexander Vogt vorbei. Mit ihn unterhielt sich KGS-Schulleiter Wussow noch eine Weile. \u201eEs ist gruselig, wie die Stadtverwaltung mit uns umgeht\u201c, sagte Wussow dem OB. Beide kennen sich auch aus ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit, denn Vogt war noch bis zum Fr\u00fchjahr Lehrer.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"676\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WhatsApp-Image-2025-12-02-at-17.29.20-1200x676.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-336219\"  \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Bildungslandschaft in Halle (Saale) steht vor einer gro\u00dfen Ver\u00e4nderung. 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