{"id":622044,"date":"2025-12-04T05:56:18","date_gmt":"2025-12-04T05:56:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622044\/"},"modified":"2025-12-04T05:56:18","modified_gmt":"2025-12-04T05:56:18","slug":"damascus-dossier-anatomie-eines-verbrechens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622044\/","title":{"rendered":"&#8222;Damascus Dossier&#8220; &#8211; Anatomie eines Verbrechens"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/baschar-al-assad-106.jpg\" alt=\"Damaskus: Ein zerrissenes Plakat zeigt den gest\u00fcrzten syrischen Pr\u00e4sidenten Baschar al-Assad.\" title=\"Damaskus: Ein zerrissenes Plakat zeigt den gest\u00fcrzten syrischen Pr\u00e4sidenten Baschar al-Assad. | dpa\"\/><\/p>\n<p>                    <strong>exklusiv<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 04.12.2025 06:02 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Tausende Dokumente enth\u00fcllen schwerste Menschenrechtsverletzungen des Assad-Regimes. Die Daten, die NDR\/WDR, SZ und internationale Partner ausgewertet haben, geben auch Aufschluss \u00fcber das Schicksal von mehr als 1.500 Vermissten.<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Volkmar Kabisch, Antonius Kempmann, Amir Musawy, Sebastian Pittelkow, Benedikt Strunz, Sulaiman Tadmory, NDR, und Petra Blum, WDR\n                        <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Im Herbst besuchen NDR-Reporter Salah Khalifa in der syrischen Stadt Deir El Zour. Seit mehr als zw\u00f6lf Jahren will Khalifa verstehen, was mit seinem Sohn Muhannad passiert ist. Ob er noch lebt, und wenn ja, wo? Der junge Mann war 2013 von syrischen Sicherheitskr\u00e4ften verhaftet worden. Seither hat Khalifa nichts mehr von seinem Sohn geh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nun wird ein schlimmer Verdacht zur Gewissheit. Khalifas Sohn ist tot. Nach seiner Verhaftung wurde der junge Mann, der damals Jura studierte, ins ber\u00fcchtigte Foltergef\u00e4ngnis Al-Khatib gebracht. Wenige Tage danach verstarb er. Auf seinem Totenschein, der dem Rechercheteam vorliegt, ist als Todesursache &#8222;Herzstillstand&#8220; vermerkt.<\/p>\n<p>    Datensatz mit mehr als 70.000 Fotos<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der Totenschein von Muhannad ist eines von 134.000 Dokumenten eines geheimen Datensatzes aus Syrien. Die Unterlagen belegen im Detail, wie das Assad-Regime die eigene Bev\u00f6lkerung massenhaft bespitzelt, entf\u00fchrt, gefoltert und umgebracht hat. Bei den Daten handelt es sich zum einen um mehr als 70.000 Fotos, die unter anderem die Gr\u00e4uel in Assads Foltergef\u00e4ngnissen dokumentieren. Sie zeigen unter anderem Zehntausende Aufnahmen von toten H\u00e4ftlingen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Bilder\u00a0wurden von der syrischen Milit\u00e4rpolizei aufgenommen &#8211; die meisten davon in den Jahren 2015 bis 2024. Erste Bilder datieren auf das Jahr 2012. Zum anderen stammen die Unterlagen aus mehreren syrischen Nachrichtendiensten, darunter von dem Luftwaffengeheimdienst und dem Allgemeinen Geheimdienst. Beide Dienste werden f\u00fcr systematische Menschenrechtsverbrechen verantwortlich gemacht und spielten eine zentrale Rolle dabei, die syrische Opposition zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die vertraulichen Dokumente decken insgesamt einen Zeitraum von 1994 bis Dezember 2024 ab. Sie enthalten nicht nur die Namen zahlreicher Vermisster, sondern machen deutlich, welche zentrale Rolle Milit\u00e4rkrankenh\u00e4user und \u00c4rzte in Assads T\u00f6tungsmaschine spielten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der NDR erhielt die Unterlagen und hat sie mit dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) und mit internationalen Medienpartnern geteilt. In Deutschland waren WDR und S\u00fcddeutsche Zeitung an den Recherchen beteiligt.\u00a0Alle Rechercheergebnisse werden ab sofort weltweit unter dem Titel &#8222;Damascus Dossier&#8220; ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>    Dienstanweisungen, Protokolle, abgeh\u00f6rte Telefonate<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Bei den Unterlagen handelt es sich um Dienstanweisungen, Protokolle, um abgeh\u00f6rte Telefonate und um Einsatzpl\u00e4ne. Immer wieder sind die Reporterinnen und Reporter bei ihrer Arbeit aber auch auf Gefangenenlisten und auf Totenscheine verstorbener H\u00e4ftlinge gesto\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Insgesamt konnte das Rechercheteam die Namen von mehr als 1.500 Personen aus den Dokumenten zusammentragen, die vom syrischen Sicherheitsapparat unter Assad festgenommen wurden oder in Haft verstorben sind. Der NDR hat diese Informationen inzwischen auch mit drei syrischen Nichtregierungsorganisationen und mit der UN-Organisation IIMP geteilt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sie unterst\u00fctzen syrische Familien bei der Suche ihrer Angeh\u00f6rigen. Bis heute fehlt nach Angaben des Syrian Network for Human Rights SNHR von mehr als 160.000 Menschen in Syrien jede Spur. Viele Familien suchen verzweifelt nach Informationen \u00fcber das Schicksal ihrer Verwandten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die blutige Herrschaft der Assad-Familie dauerte mehr als 50 Jahre. W\u00e4hrend dieser Zeit wurden Hunderttausende Syrerinnen und Syrer umgebracht. Viele verstarben in den Foltergef\u00e4ngnissen des Regimes, andere kamen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges um, den Baschar al-Assad gegen die eigene Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte.<\/p>\n<p>    Chemische Waffen gegen die Bev\u00f6lkerung<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wiederholt setzte die Armee auch Chemiewaffen gegen die eigene Bev\u00f6lkerung ein. Die &#8222;Damascus Dossier&#8220;-Daten enthalten die Namen zahlreicher Geheimdienstmitarbeiter und Offiziere des Assad-Regimes. Unter anderem finden sich darin auch die Namen von mehr als 30 Personen, die im geheimen syrischen Chemiewaffen-Programm gearbeitet haben, darunter auch in solchen Einheiten, die an Menschenrechtsverbrechen beteiligt gewesen sein sollen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Recherchen von NDR, WDR und SZ haben ergeben, dass mehrere der fr\u00fcher im Milit\u00e4rkrankenhaus Harasta besch\u00e4ftigten \u00c4rzte heute in Deutschland praktizieren. Mit einigen von ihnen konnte das Rechercheteam sprechen. Sie wiesen dabei alle Schuld von sich. Sie seien nicht an Folterhandlungen beteiligt gewesen. Die Gefangenen seien durch Sicherheitskr\u00e4fte und nicht durch \u00c4rzte misshandelt worden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Fotos der Folteropfer liegen den Recherchen zufolge mittlerweile auch dem Generalbundesanwalt vor, der diese pr\u00fcfen und auswerten will.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sie sind Teil eines Struktur-Ermittlungsverfahrens zu Syrien, in dem \u00e4hnliche Bilder schon einmal eine Rolle gespielt haben. Den Recherchen zufolge f\u00fchrt die Bundesanwaltschaft derzeit in diesem Strukturermittlungsverfahren eine mittlere zweistellige Anzahl an einzelnen Ermittlungsverfahren und hat bereits weit \u00fcber 2.000 Zeugen vernommen. T\u00e4ter des Assad-Regimes k\u00f6nnen auch in Deutschland nach dem sogenannten Weltrechtsprinzip strafrechtlich verfolgt werden.<\/p>\n<p>    Reisegenehmigungen f\u00fcr syrische Milit\u00e4rs<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Daten geben auch Einblicke, wie befreundete Staaten das Assad-Regime \u00fcber Jahrzehnte hinweg unterst\u00fctzt haben. So finden sich in den Dokumenten beispielsweise Reisegenehmigungen f\u00fcr syrische Milit\u00e4rs, die an Lehrg\u00e4ngen im Ausland teilnehmen sollten. Dokumente aus dem Jahr 2000 zeigen, wie syrische Soldaten nach Nordkorea entsandt wurden, um dort den Bau unterirdischer Festungen zu erlernen. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die entsprechenden Kenntnisse anschlie\u00dfend beim Bau einer unterirdischen Atomanlage in Syrien genutzt wurden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Papiere belegen weiter, dass syrische Soldaten auch nach Ausbruch des B\u00fcrgerkrieges in anderen L\u00e4ndern trainiert wurden. Demnach reisten syrische Milit\u00e4rs 2012 und 2014 nach Russland, um an Kampffliegern ausgebildet zu werden. Und in China erfolgte demnach eine Ausbildung am milit\u00e4rischen Radarsystem &#8222;YLG-6M&#8220;. Die engen Verbindungen zwischen Syrien und seinen Partnern rissen dabei offenbar bis zur Flucht Assads nicht ab.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">So vermerkt ein Nachrichtendienstpapier aus dem Jahr 2023, dass &#8222;unsere chinesischen Freunde&#8220; Lehrg\u00e4nge durchgef\u00fchrt h\u00e4tten, wie man am besten Gespr\u00e4che im 4G-Netz abh\u00f6rt. Die &#8222;iranischen Kollegen&#8220; h\u00e4tten den syrischen Luftwaffennachrichtendienst demnach 2023 darin unterrichtet, wie man am besten Schl\u00f6sser aufbricht und Schl\u00fcssel kopiert. China, Russland, Iran und Nordkorea lie\u00dfen Anfragen hierzu unbeantwortet.<\/p>\n<p>    Aufarbeitung f\u00fcr Syriens Zukunft &#8222;extrem wichtig&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das &#8222;Damascus Dossier&#8220;-Projekt helfe dabei zu verstehen, wie &#8222;die B\u00fcrokratie des T\u00f6tens unter Assad&#8220; funktioniert habe, sagt Patrick Kroker von der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin. Der Jurist leitet dort die Arbeit zu Menschenrechtsverbrechen in Syrien.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;F\u00fcr Syriens Zukunft ist es extrem wichtig, die Verbrechen unter Assad aufzuarbeiten&#8220;, sagt er. Die jetzige Ver\u00f6ffentlichung b\u00f6te die Chance, das Augenmerk der internationalen \u00d6ffentlichkeit auf ein Menschheitsverbrechen zu lenken, das in seinem Ausma\u00df noch lange nicht verstanden ist.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Baschar al-Assad ist Anfang Dezember 2024 aus Syrien geflohen und hat mit seinem engen F\u00fchrungsstab Unterschlupf in Moskau gefunden. Anfragen des Rechercheteams zu den Vorw\u00fcrfen lie\u00dfen sowohl die jetzige syrische Regierung als auch der ehemalige Pr\u00e4sident Assad unbeantwortet.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mitarbeit: Hannah El-Hitami, Essam Yehia<\/p>\n<p>&#8222;Damascus Dossier&#8220;<\/p>\n<p>        Grundlage der Recherchen sind Unterlagen aus den syrischen Nachrichtendiensten unter Assad und mehr als 70.000 Fotos, die unter anderem Folter und Mord in syrischen Gef\u00e4ngnissen dokumentieren. Die insgesamt 134.000 Dokumente decken einen Zeitraum von 1994 bis Dezember 2024 ab. <\/p>\n<p>Der NDR hat die Daten mit dem ICIJ und mit internationalen Medienpartnern geteilt. An dem Projekt beteiligt sind neben NDR, WDR und SZ, Daraj Media (Libanon), ARIJ (Syrien), Le Monde (Frankreich), Washington Post (USA), Yle (Finnland), SVT (Schweden), Times of London (Gro\u00dfbritannien), El Pais (Spanien), CBC (Kanada).<\/p>\n<p>Der NDR hat die Namen von mehr als 1.500 Personen, die vom Assad-Regime verhaftet wurden oder in Gef\u00e4ngnissen verstorben sind, mit folgenden Organisationen geteilt: Syrian Network for Human Rights (info@snhr.org), Syrian Center for Legal Studies and Research (info@sl-center.org), Ta\u00b4afi (ahmad.helmi@taafi-sy.org) und mit der UN-Organisation Independent Institution on Missing Persons (IIMP) (iimp-syria@un.org).\n    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"exklusiv Stand: 04.12.2025 06:02 Uhr Tausende Dokumente enth\u00fcllen schwerste Menschenrechtsverletzungen des Assad-Regimes. 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