{"id":622096,"date":"2025-12-04T06:30:19","date_gmt":"2025-12-04T06:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622096\/"},"modified":"2025-12-04T06:30:19","modified_gmt":"2025-12-04T06:30:19","slug":"damascus-dossier-zehntausende-bilder-voller-anklagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622096\/","title":{"rendered":"&#8222;Damascus Dossier&#8220;: Zehntausende Bilder voller Anklagen"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/harasta-militaerkrankenhaus-102.jpg\" alt=\"Ein Patientenzimmer des Harasta Milit\u00e4rkrankenhauses in Damaskus, Syrien.\" title=\"Ein Patientenzimmer des Harasta Milit\u00e4rkrankenhauses in Damaskus, Syrien. | Volkmar Kabisch\/NDR\"\/><\/p>\n<p>                    <strong>exklusiv<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 04.12.2025 06:02 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Seit dem Ende des Assad-Regimes machen sich Syrer weltweit auf die Suche nach Angeh\u00f6rigen. Viele waren in Folter-Kerkern verschwunden. Eine Festplatte mit mehr als 70.000 Fotos k\u00f6nnte nun helfen, Opfer und T\u00e4ter zu ermitteln.\u00a0\u00a0<\/strong>\n    <\/p>\n<p>Von Volkmar Kabisch, Antonius Kempmann, Amir Musawy, Sebastian Pittelkow, Benedikt Strunz, Sulaiman Tadmory, NDR, und Petra Blum, WDR\n                        <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die wohl wichtigste Entscheidung in seinem Leben trifft der Oberst in nur wenigen Sekunden. Es ist der Abend, an dem Syriens langj\u00e4hriger Machthaber Baschar al-Assad flieht. In den St\u00e4dten brennen an jenen Tagen im Dezember 2024 Polizeiwachen, Geheimdienstzentralen und Gerichtsgeb\u00e4ude.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Viele Beweise f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten des Diktators und seiner Schergen gehen in Flammen auf. Oberst Muhammad (*Name ge\u00e4ndert) \u00f6ffnet den Tresor in seinem B\u00fcro der Beweissicherungsabteilung der Milit\u00e4rpolizei von Damaskus. Dann, so erz\u00e4hlt er es im Interview, greift er darin zu einer Festplatte und flieht. Die Festplatte verschwindet mit ihm in seinem Versteck und \u00fcbersteht den Umsturz. Auch unter den neuen Machthabern bleibt sie unentdeckt, genau wie der Oberst.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Blick in das B\u00fcro von Oberst Muhammad auf dem Gel\u00e4nde der syrischen Milit\u00e4rpolizei in Al-Qaboun in Damaskus.\n                    <\/p>\n<p>    Bilder von mehr als 10.000 ermordeten Syrern<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Monate sp\u00e4ter findet sie den Weg zu Reportern des NDR, die deren Inhalt mit dem WDR, der S\u00fcddeutschen Zeitung und dem International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) teilen. Die Festplatte k\u00f6nnte Aufschluss \u00fcber das Schicksal Tausender verschwundener Syrer bringen. Auf dem Datentr\u00e4ger finden sich mehr als 70.000 Fotos. Sie zeigen Bilder von 10.212 mutma\u00dflich von syrischen Sicherheitsbeh\u00f6rden ermordeten Syrern.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es ist eine Festplatte, die deutlich macht, wie grausam und systematisch Baschar al-Assads Regime Tausende zu Tode folterte und wie der Sicherheitsapparat diesen V\u00f6lkermord am eigenen Volk auch noch akribisch dokumentierte. Und der Inhalt wirft die Frage auf, wie eines der gro\u00dfen Menschenrechtsverbrechen der Gegenwart unter den Augen der internationalen Gemeinschaft geschehen konnte.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">An einem Tag im November setzt sich Oberst Muhammad in einem dunklen Raum auf einen Stuhl und erz\u00e4hlt den Reportern, was es mit der Festplatte auf sich hat. Mehrere Monate Verhandlung waren dem Treffen vorausgegangen. Denn der Oberst hat Angst um sein Leben &#8211; er f\u00fcrchtet sich vor den neuen Machthabern in Syrien und auch vor den alten Kadern des Assad-Regimes. Die Gardinen sind blickdicht verschlossen.<\/p>\n<p>    Fotos bis zum Fall des Assad-Regimes<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Niemand soll das Gesicht des Mannes erkennen k\u00f6nnen, der daf\u00fcr gesorgt hat, dass die Welt diese Fotos nun sehen kann. &#8222;Es gibt Dinge, die die Menschen wissen m\u00fcssen&#8220;, sagt er. &#8222;Es gibt Menschenleben, die ausgel\u00f6scht wurden, und Familien m\u00fcssen wissen, wo ihre Angeh\u00f6rigen sind&#8220;, erkl\u00e4rt er seine Motivation. Eigene Schuld weist Oberst Muhammad strikt von sich, obwohl er jahrelang selbst Teil des Regimes und des ber\u00fcchtigten Sicherheitsapparats war.\u00a0<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der Datensatz umfasst Aufnahmen von insgesamt 10.212 toten H\u00e4ftlingen. Fotos, aufgenommen zumeist in den Jahren von Mitte 2015 bis zum Fall des Assad-Regimes Ende 2024. Fast immer sind es mehrere Aufnahmen einzelner toter K\u00f6rper, vor allem von M\u00e4nnern. Auch Abbildungen von Frauen, Minderj\u00e4hrigen und mindestens einem Baby finden sich darin.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auf die leblosen K\u00f6rper hat ein Pathologe Nummern gekritzelt, wohl um sie sp\u00e4ter zuordnen zu k\u00f6nnen. Jedes Foto enth\u00e4lt auf einer digitalen Karteikarte Chiffren f\u00fcr die Herkunft der Leiche. In wenigen F\u00e4llen finden sich auch Namen auf den Fotos. Die meisten Leichen sind bis heute nicht identifiziert.<\/p>\n<p>    In den Kerkern des Regimes verschwunden<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch Mazen al-Hamada galt lange als vermisst. 2020 war der bekannte Oppositionelle nach Jahren des Exils in Europa nach Syrien zur\u00fcckgekehrt. Direkt am Flughafen von Damaskus wurde er verhaftet und verschwand in den Kerkern des Regimes. Bis zum Sturz Assads hatte seine Familie keine Ahnung, wo er ist. Dann wird seine Leiche in einem K\u00fchlraum des Milit\u00e4r-Krankenhauses Harasta gefunden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Im November dieses Jahres versammelt sich die Familie auf einem Friedhof am Stadtrand der syrischen Hauptstadt. Hamadas Bruder Fawzi und Schwester Amel stehen am Grab. Sie haben immerhin einen Ort, den sie zum Trauern aufsuchen k\u00f6nnen &#8211; anders als Tausende andere Familien in Syrien.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wann der Aktivist genau verstarb, wo er die letzten Jahre genau war und wer ihn get\u00f6tet hat &#8211; all das wei\u00df die Familie lange nicht. Antworten finden sich nun auf der Festplatte von Oberst Muhammad: Mazen al-Hamada tr\u00e4gt die Leichen-Nummer 1174\/K. Die Chiffre ist auf die braune H\u00e4ftlingsuniform geklebt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nach Jahren der Folter in den Gef\u00e4ngnissen Assads h\u00e4tte al-Hamada nur noch wenige Wochen durchhalten m\u00fcssen. Dann h\u00e4tte er das Regime \u00fcberlebt, gegen das er so gek\u00e4mpft hatte. Laut Metadaten werden die Bilder seiner Leiche am 28. September 2024 aufgenommen &#8211; durch einen Fotografen aus der Einheit von Oberst Muhammad &#8211; im Keller des ber\u00fcchtigten Milit\u00e4rkrankenhauses von Harasta.<\/p>\n<p>    Drei Viertel aller Toten sind unterern\u00e4hrt<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Bilder sind stumme Zeugen einer Todesmaschinerie, die jahrzehntelang niemand stoppte. Auf einem repr\u00e4sentativen Auszug der Fotos, insgesamt von 565 Leichen, den die Reporter erstellt haben, sieht man zu zwei Dritteln nackte oder nur sp\u00e4rlich bekleidete Leichen. Drei Viertel aller Toten sind unterern\u00e4hrt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mehr als die H\u00e4lfte der Leichen hat erkennbare Verletzungen im Gesicht, am Kopf oder Nacken. Viele haben Verbrennungen, etwa von ausgedr\u00fcckten Zigarettenstummeln, manche \u00fcber den ganzen K\u00f6rper verteilt. Jede f\u00fcnfte Leiche weist stumpfe Verletzungen wie Prellungen auf. Wieder andere haben Schnitte am K\u00f6rper.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">An den Bildr\u00e4ndern und denen Hunderter weiterer Fotografien von Leichen finden sich markante Hinweise, die zeigen, dass sie im Leichenkeller des Harasta-Krankenhauses aufgenommen wurden. Immer wieder ist eine vierstufige Treppe auf den Bildern zu sehen, bei der untersten Stufe ist eine Ecke herausgeschlagen, und eine Fliese mit markanter Marmorierung. Offenbar ist dies\u00a0ein zentraler Ort f\u00fcr die Dokumentation der Folteropfer des Regimes.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch Oberst Muhammad best\u00e4tigt die spezielle Rolle, die Milit\u00e4rkrankenh\u00e4user im Todesapparat des Assad-Regimes spielten. &#8222;Laut Anweisungen des Generalkommandos ist das Milit\u00e4rkrankenhaus Harasta spezialisiert auf das Fotografieren von H\u00e4ftlingen der Geheimdienste. Ausschlie\u00dflich&#8220;, sagt er. F\u00fcr jeden Toten sei eine Akte in der Milit\u00e4rjustiz angefertigt worden, erinnert er sich.<\/p>\n<p>    Viele Akten verbrannt<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Wie Recherchen der Reporter im Milit\u00e4rgericht von Damaskus ergeben, wurden offenbar viele der Akten dort verbrannt. Jene, die \u00fcbrig geblieben sind, versuchen die neuen Machthaber derzeit zu sichten. Die Meta-Daten der Fotos auf der Festplatte des Obersts, die Ordnerbeschriftungen und die Informationen der Fotos selbst k\u00f6nnten nun bei der Suche nach Vermissten hilfreich sein &#8211; ebenso wie bei der Strafverfolgung mutma\u00dflicher T\u00e4ter.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Anfragen des Rechercheteams zu den Vorw\u00fcrfen lie\u00dfen sowohl die jetzige syrische Regierung als auch der ehemalige Pr\u00e4sident Baschar al-Assad unbeantwortet.<\/p>\n<p>    Datensatz liegt auch dem Generalbundesanwalt vor<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Nach Informationen von NDR, WDR und SZ liegt der Datensatz mittlerweile auch dem Generalbundesanwalt vor. Er ist Teil eines Struktur-Ermittlungsverfahrens zu Syrien, in dem \u00e4hnliche Bilder schon einmal eine Rolle gespielt haben.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Fotos, die uns zu Syrien vorliegen, erg\u00e4nzen die Zeugenaussagen einzelner Personen. Sie machen besonders anschaulich f\u00fcr jeden sichtbar und damit auch objektivierbar, was einzelne Personen erlitten haben&#8220;, sagt Generalbundesanwalt Jens Rommel gegen\u00fcber NDR, WDR und SZ. T\u00e4ter des Assad-Regimes k\u00f6nnen auch in Deutschland nach dem sogenannten Weltrechtsprinzip strafrechtlich verfolgt werden. Die Bundesanwaltschaft will nun den neuen Datensatz kriminologisch auswerten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mitarbeit: Hannah El-Hitami, Essam Yehia<\/p>\n<p>&#8222;Damascus Dossier&#8220;<\/p>\n<p>        Grundlage der Recherchen sind Unterlagen aus den syrischen Nachrichtendiensten unter Assad und mehr als 70.000 Fotos, die unter anderem Folter und Mord in syrischen Gef\u00e4ngnissen dokumentieren. Die insgesamt 134.000 Dokumente decken einen Zeitraum von 1994 bis Dezember 2024 ab. <\/p>\n<p>Der NDR hat die Daten mit dem ICIJ und mit internationalen Medienpartnern geteilt. An dem Projekt beteiligt sind neben NDR, WDR und SZ, Daraj Media (Libanon), ARIJ (Syrien), Le Monde (Frankreich), Washington Post (USA), Yle (Finnland), SVT (Schweden), Times of London (Gro\u00dfbritannien), El Pais (Spanien), CBC (Kanada).<\/p>\n<p>Der NDR hat die Namen von mehr als 1.500 Personen, die vom Assad-Regime verhaftet wurden oder in Gef\u00e4ngnissen verstorben sind, mit folgenden Organisationen geteilt: Syrian Network for Human Rights (info@snhr.org), Syrian Center for Legal Studies and Research (info@sl-center.org), Ta\u00b4afi (ahmad.helmi@taafi-sy.org) und mit der UN-Organisation Independent Institution on Missing Persons (IIMP) (iimp-syria@un.org).\n    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"exklusiv Stand: 04.12.2025 06:02 Uhr Seit dem Ende des Assad-Regimes machen sich Syrer weltweit auf die Suche nach&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":622097,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[331,332,62051,147339,3364,29,30,13,14,15,12,58,1995],"class_list":{"0":"post-622096","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nachrichten","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-assad","11":"tag-damascus-dossier","12":"tag-de","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen","19":"tag-syrien","20":"tag-verbrechen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115659894096998319","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/622096","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=622096"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/622096\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/622097"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=622096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=622096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=622096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}