{"id":622872,"date":"2025-12-04T14:15:19","date_gmt":"2025-12-04T14:15:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622872\/"},"modified":"2025-12-04T14:15:19","modified_gmt":"2025-12-04T14:15:19","slug":"hafencity-der-elbtower-wird-zum-evolutioneum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622872\/","title":{"rendered":"Hafencity: Der Elbtower wird zum Evolutioneum"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein virtueller Heringsschwarm tummelt sich unter einer gl\u00e4sernen, begehbaren Fl\u00e4che, die an einen kleinen Teich erinnert. Auf m\u00f6gliche Fressfeinde reagieren die animierten Fische, die im k\u00fcnftigen Hamburger Naturkundemuseum ihre Kreise ziehen werden, genau wie ihre biologischen Artgenossen: in einer gut koordinierten Massenbewegung weichen sie blitzschnell aus, sobald ein Museumsbesucher den k\u00fcnstlichen Teich betritt. Der Mensch ver\u00e4ndert mit seiner Anwesenheit die Umwelt \u2013 diese schlichte Botschaft der Animation ist klar. Schlie\u00dflich ist Eing\u00e4ngigkeit ein wichtiges Prinzip der multimedialen Inszenierung, die f\u00fcr das Naturkundemuseum alias Evolutioneum entwickelt wurde.<\/p>\n<p>Noch ist der \u201eEvo-Tower\u201c nicht mehr als ein Rohbau<\/p>\n<p>\u201eWir haben das szenografische Konzept, wir haben die Inhalte. Wir haben die Forschungsinfrastruktur und wollen dazu auch das Schaufenster vor Ort haben\u201c, sagt der Biologieprofessor Matthias Glaubrecht, der als Projektleiter Evolutioneum einen langen Atem bewiesen hat. Denn das vielversprechende Ausstellungskonzept liegt seit Jahren in der Schublade, w\u00e4hrend ergebnislos nach einem passenden Baugrund f\u00fcr das Museum gesucht wurde. Mitte Oktober hat sich der Senat nun gegen einen eigenen Neubau entschieden. Stattdessen wird das Evolutioneum in den Elbtower ziehen, der dank dieser Belegung bis zum Jahr 2029 fertiggestellt werden soll.<\/p>\n<p>Noch befindet sich der \u201eEvo-Tower\u201c (Glaubrecht) an den Elbbr\u00fccken im Rohbauzustand. Der Entwurf von David Chipperfield Architects Berlin sieht einen skulpturalen Turm auf einem abgestuften Sockel mit dreieckigem Grundriss vor. Das Museum soll auf zw\u00f6lf Geschossen den Sockel bespielen, der ein Atrium einschlie\u00dft. Auf 46.000 Quadratmetern, das ist knapp der H\u00e4lfte der Elbtower-Gesamtfl\u00e4che, werden die Ausstellung, die naturkundlichen Sammlungen und die Forschungslabore unter einem Dach untergebracht. Das knapp 200 Meter hohe Geb\u00e4ude in exponierter Lage verst\u00e4rkt den angestrebten Leuchtturmcharakter des Museums, das den Biodiversit\u00e4tswandel erforschen und vermitteln wird.<\/p>\n<p>Der Elbtower ist nicht nur eine Landmarke<\/p>\n<p>Ist das der richtige Ort? \u201eIch sehe den Elbtower nicht nur als Landmarke, sondern auch als Bindeglied zwischen Stadt und Natur\u201c, erkl\u00e4rt Professor Glaubrecht. Im Nordwesten grenzt die Hafencity an, im S\u00fcdosten liegen der Elbpark Entenwerder und die Elbinsel Kaltehofe, auf der 44 Vogelarten leben. \u201eEtwas Besseres h\u00e4tte uns gar nicht passieren k\u00f6nnen\u201c, so der Biologe, der mit den Museumsbesuchern auch Exkursionen in die Natur plant.<\/p>\n<p>Mit der Entscheidung f\u00fcr das Evolutioneum im Elbtower will der Senat zwei Probleme auf einmal l\u00f6sen. Mit dem Erwerb der Museumsfl\u00e4che als Teileigentum f\u00fcr eine feste Kaufsumme von 595 Millionen Euro wird zum einen die Wiederaufnahme der seit zwei Jahren ruhenden Bauarbeiten am Elbtower erm\u00f6glicht. Grund f\u00fcr den Baustopp war die Insolvenz des urspr\u00fcnglichen Investors Ren\u00e9 Benko. Die Stadt will die Vertr\u00e4ge nun mit einem Konsortium um den Hamburger Investmentunternehmer Dieter Becken abschlie\u00dfen, der die Vollendung des Bauvorhabens plant. Laut Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) ist das Evolutioneum im Elbtower rund f\u00fcnf Jahre fr\u00fcher realisierbar, als in einem eigens errichteten Bau \u2013 und w\u00fcrde zudem rund 230 Millionen Euro weniger kosten.<\/p>\n<p>Architektur muss im Inneren angepasst werden<\/p>\n<p>Zum anderen steht die Stadt in der Pflicht, seit sie mit dem Land Nordrhein-Westfalen 2021 einen Staatsvertrag zur Gr\u00fcndung des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversit\u00e4tswandels (LIB) unterzeichnet hat. Damals wurde das Centrum f\u00fcr Naturkunde (CeNak) der Universit\u00e4t Hamburg mit dem Bonner Leibniz-Institut Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZFMK) zusammengef\u00fchrt. An die Aufnahmen in die Leibniz-Gemeinschaft war die Zusage Hamburgs gebunden, ein Forschungs- und Ausstellungsgeb\u00e4ude zur Verf\u00fcgung zu stellen. Bevor dieser Bau nun an den Elbr\u00fccken Realit\u00e4t wird, muss allerdings die B\u00fcrgerschaft dem Projekt noch zustimmen.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, mit Chipperfield haben wir jemanden, bei dem die Museumsidee auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt\u201c, sagt Glaubrecht. Er sei zuversichtlich, dass die gegebene Architektur im Innern des Geb\u00e4udes an das Ausstellungskonzept angepasst werden kann. Darin seien, eingebunden in die multimedialen Szenarien, auch historische Einfl\u00fcsse zu finden: \u201eWir greifen neben den modernen gestalterischen Elementen auch Ideen aus dem alten Naturkundemuseum wieder auf\u201c, so der Projektleiter. Das naturhistorische Museum am Steintorwall wurde w\u00e4hrend der alliierten Bombenangriffe 1943 zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Zehn Millionen Objekte in der Hamburger Sammlung<\/p>\n<p>Auf den teilweise geretteten Best\u00e4nden baut die Hamburger LIB-Sammlung auf, die heute zehn Millionen Objekte umfasst. Wie im kaiserzeitlichen Museumsbau sollen die Besucher auch im Evolutioneum an langen Reihen von Sammlungsschr\u00e4nken entlangspazieren k\u00f6nnen. Hier und da werden ge\u00f6ffnete Schubladen den Blick auf die naturkundlichen Sch\u00e4tze freigeben, die vor Ort von internationalen Wissenschaftlern erforscht werden. \u201eWir sind in einem Chipperfield-Bau, in einem Museum des 21. Jahrhunderts. Wir arbeiten aber mit der Vergangenheit\u201c, erkl\u00e4rt der Professor.<\/p>\n<p>Anhand der zoologischen, geologisch-pal\u00e4ontologischen und mineralogischen Sammlungen will das neue Naturkundemuseum von der Evolution erz\u00e4hlen \u2013 und von der Biodiversit\u00e4t, deren Verlust im Anthropoz\u00e4n, dem Zeitalter des Menschen, zu einer Bedrohung f\u00fcr uns selbst geworden ist. Diese beiden gro\u00dfen musealen Narrative sollen sich in zwei Haupts\u00e4len entfalten. Im Evolutions-Raum f\u00fchrt ein gewundener Pfad durch die biologisch-geologische Erdgeschichte, von der kosmischen Entstehung bis zum Auftritt des Menschen.<\/p>\n<p>Einer der beiden Haupts\u00e4le ist der Biodiversit\u00e4t gewidmet<\/p>\n<p>\u201eMit einem Alter von 300.000 Jahren sind wir eine Eintagsfliege der Evolution, eine endliche Erscheinung\u201c, sagt Glaubrecht. Menschliche Spuren auf dem Planeten werden im Museum ganz konkret gezeigt: An eine Nachbildung der Fu\u00dfabdr\u00fccke von Laetoli, Ostafrika, die Vertreter des Australopithecus afarensis vor 3,6 Millionen Jahren hinterlassen haben, schlie\u00dfen sich Spuren des Homo sapiens an. Es folgen die Fu\u00dfstapfen eines Schuhtr\u00e4gers, dann Wagen- und zuletzt Reifenspuren.<\/p>\n<p>Im Saal der Biodiversit\u00e4t wird eine Br\u00fccke geschlagen zwischen dem modernen Raumbild \u2013 in dem auch die eingangs erw\u00e4hnte Herings-Animation ihren Platz hat \u2013 und der F\u00fclle der gesammelten Organismen, seien es K\u00e4fer oder Schmetterlinge, Regenw\u00fcrmer, Fische in Alkohol oder Fossilien. \u201eWir sind eine Forschungsinstitution, die ihre Sammlung optisch sichtbar und erlebbar machen will\u201c, so der Projektleiter. Weiterhin m\u00f6chte das integrierte Forschungsmuseum die wissenschaftlichen Fakten so aufbereiten, dass sie nahbar und verst\u00e4ndlich werden. Daf\u00fcr wurden neue Formate der Scientific Literacy erdacht, der naturwissenschaftlichen Grundbildung.<\/p>\n<p>Wissenschafts-Unterricht in \u201eKlassenzimmern\u201c<\/p>\n<p>So sollen sich im Evolutioneum zu bestimmten Zeiten T\u00fcren zu kleinen \u201eKlassenzimmern\u201c \u00f6ffnen. Darin spricht dann ein Museumsmitarbeiter \u00fcber spezielle Themen, wie zum Beispiel den Unterschied zwischen Hunde- und Katzensch\u00e4deln oder \u00fcber die Variabilit\u00e4t der Augenflecken von Vogelschwingenfaltern. Ein anderes Format arbeitet mit virtuellen Forschern, die in passend inszenierten Dioramen auftreten und dort von ihren Projekten erz\u00e4hlen \u2013 etwa der Untersuchung von Zebraz\u00e4hnen, aus deren Abriebmustern Erkenntnisse \u00fcber die Nahrung der Tiere und damit auch \u00fcber das Klima gewonnen werden.<\/p>\n<p>Eine dritte Form der Wissensvermittlung erfolgt \u00fcber Einzelobjekte, die mit einer Geschichte verbunden werden. Da ist etwa die Eisb\u00e4rin \u201eSmilla\u201c, deren Lebensraum sich durch die globale Erw\u00e4rmung ver\u00e4ndert. Mit Blick auf das Finnwal Skelett \u201eFinni\u201c wird das Thema Walfang aufgef\u00e4chert. Die Biologie von Walrossen l\u00e4sst sich durch das konservierte NDR-Maskottchen \u201eAntje\u201c verdeutlichen. Dabei wird auch auf die Stellersche Riesenseekuh verwiesen: Bis zu seiner Zerst\u00f6rung besa\u00df das alte Hamburger Naturhistorische Museum ein Skelett der Seekuh, die kurz nach ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert durch exzessive Bejagung ausstarb.<\/p>\n<p>J\u00e4hrlich werden 500.000 Besucher erwartet<\/p>\n<p>Ihr Schicksal ist nur eins von vielen Beispielen daf\u00fcr, welche Rolle der Menschen als Evolutionsfaktor spielt. Im \u201eEvo-Tower\u201c, der j\u00e4hrlich 500.000 Besucher anziehen soll, wird dieses Thema erstmals museal aufgegriffen. Das Fazit lautet: Das Leben auf der Erde bildet ein komplexes Geflecht, in dem sich alle Lebewesen gegenseitig beeinflussen. \u201eEine Kette rei\u00dft, wenn ein Glied wegf\u00e4llt\u201c, erkl\u00e4rt Professor Glaubrecht: \u201eWenn wir Arten verlieren, schw\u00e4chen wir das Netzwerk\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein virtueller Heringsschwarm tummelt sich unter einer gl\u00e4sernen, begehbaren Fl\u00e4che, die an einen kleinen Teich erinnert. 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