{"id":622953,"date":"2025-12-04T15:09:12","date_gmt":"2025-12-04T15:09:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622953\/"},"modified":"2025-12-04T15:09:12","modified_gmt":"2025-12-04T15:09:12","slug":"reagiert-die-kunstszene-endlich-auf-trump-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/622953\/","title":{"rendered":"Reagiert die Kunstszene endlich auf Trump? \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Mit der Kampagne \u201eFall of Freedom\u201c versuchen K\u00fcnstler wie Dread Scott und Robert Longo in den USA ihren Widerstand gegen Trump zu organisieren. F\u00fcr viele war das \u00fcberf\u00e4llig. Aber es gibt auch Kritik<\/p>\n<p>        Banner der Kampagne \u201eFall of Freedom&#8220;<\/p>\n<p>Plakat: Shepard Fairey f\u00fcr \u201eFall of Freedom\u201c<\/p>\n<p>In den USA, diesem Imperium der Freiheit, geht ein Gespenst um. Manche nennen es bereits <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/georg-seesslen\/jimmy-kimmel-das-willige-heer-von-speichelleckern-duckmaeusern-und-feiglingen\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Faschismus<\/a>, andere Kulturkampf oder Zensur. Was alle meinen: die Angst. Und um die endlich \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen \u2013 das hei\u00dft, sich aus der ohnm\u00e4chtigen Starre zu l\u00f6sen, die viele amerikanische Schriftstellerinnen, Maler und Museumsleiterinnen nach Donald Trumps Wiederwahl \u00fcberfallen hatte \u2013, wurde Ende November im US-Kulturbetrieb zum \u201ekreativen Widerstand\u201c aufgerufen. Von wem? Einer neu gegr\u00fcndeten Protestbewegung, die sich <a href=\"https:\/\/www.falloffreedom.com\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">\u201eFall of Freedom\u201c<\/a>nennt. Kann sie die Angstherrschaft in der Kultur beenden?<\/p>\n<p>\u201eDie Aktionstage waren ein Erfolg f\u00fcr uns\u201c, sagt Dread Scott danach am Telefon. Der K\u00fcnstler ist Initiator des \u201eFall of Freedom\u201c. Seinen pers\u00f6nlichen Karrieredurchbruch feierte er 1989, als seine Installation <a href=\"https:\/\/www.dreadscott.net\/portfolio_page\/what-is-the-proper-way-to-display-a-us-flag\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">What Is the Proper Way to Display a U.S. Flag<\/a> wegen des Verdachts auf Entweihung nationaler Symbole erst zum kunstkritischen, dann zum verfassungsrechtlichen Skandal wurde. In dieser Tradition sieht er auch den aktuellen Protest: \u201eKunst z\u00e4hlt!\u201c, so seine Botschaft. \u201eIch wusste, alle warteten darauf, dass es auf diese verr\u00fcckte Zeit endlich auch eine Antwort aus der Kultur geben w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Wie die ausfiel? Landesweit 600 Events firmierten zwischen dem 21. und 23. November unter dem Kampagnen-Banner des \u201eFall of Freedom\u201c; die meisten davon in den intellektuellen Gravitationszentren an der Ostk\u00fcste, in Washington, D. C., und New York City. Dort traten unter anderem Musik-Gr\u00f6\u00dfen wie Sheryl Crow und Mark Ronson auf, sangen und demonstrierten f\u00fcr eine angstfreie Kultur, w\u00e4hrend ein paar H\u00e4userblocks weiter LED-Trucks des Kunstkollektivs NYC Resistance Salon durch die dicht befahrenen Stra\u00dfen Manhattans kurvten, satirische Cartoons auf Mega-Screens abspielten und sich damit \u00fcber den Aggro-Despoten Trump lustig machten. So erz\u00e4hlt es Dread Scott und wirkt dabei erleichtert.<\/p>\n<p>Auch der K\u00fcnstler Dread Scott sp\u00fcrte die Folgen von Trumps Politik<\/p>\n<p>Ernst klingt er wieder, wenn es um die politischen Hintergr\u00fcnde des Protests geht. Der K\u00fcnstler spricht von \u201eaufkommendem Faschismus und Zensur in den USA\u201c. Gro\u00dfe, beunruhigende Begriffe. Was die konkret f\u00fcr den Kulturbetrieb bedeuteten? Scott listet auf: Trumps Anti-Wokeness-Attacken auf geschichtsvermittelnde Institutionen, wie die <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lennart-laberenz\/jason-stanley-verlaesst-die-usa-wie-bekaempft-man-einen-tyrannen\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Museen und Galerien des Smithsonian<\/a>, oder auf Medienvertreter wie den<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/was-hat-jimmy-kimmel-denn-genau-gesagt-ueber-das-attentat-auf-charlie-kirk\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\"> TV-Comedian Jimmy Kimmel<\/a>. Auch ihn pers\u00f6nlich h\u00e4tten die autokratischen Ambitionen des \u201eOrange Man\u201c bereits getroffen, erkl\u00e4rt Scott, der Afroamerikaner ist. \u201eEines meiner Projekte wurde gecancelt, weil dem Skulpturenpark, in dem ich ausstellen sollte, 100.000 Dollar F\u00f6rderung entzogen wurden.\u201c<\/p>\n<p>Placeholder image-1<\/p>\n<p>Hari Kunzru, britischer Autor und Ko-Organisator des \u201eFall of Freedom\u201c, erg\u00e4nzt per E-Mail: \u201eDie nationalen Fonds f\u00fcr Kulturf\u00f6rderung wurden so gut wie abgeschafft.\u201c F\u00fcr seine Disziplin, die Literatur, bedeute dies, dass \u201ejedes Magazin, jeder Verlag, jede Lesereihe die F\u00f6rderung vom Staat verliert\u201c. Bereits im Oktober widmete der PEN America, dessen Mitglied Kunzru ist, dieser indirekten Form staatlicher Zensur eine Veranstaltungsreihe, in der auch die direkte Zensur, das Verbot ungewollter B\u00fccher an Schulen, zum Thema wurde.<\/p>\n<p>\u201eEs ist schlimmer als unter Ronald Reagan\u201c, sagt der K\u00fcnstler Robert Longo<\/p>\n<p>Selbst Schwergewichte der amerikanischen Gegenwartskultur m\u00fcssen Einschnitte bef\u00fcrchten. Zum Beispiel Robert Longo, der Bruce Springsteen unter den Pop-Art-K\u00fcnstlern: Seit den 1960er Jahren kratzen seine bilderst\u00fcrmerischen Kohlezeichnungen an den Machtmythen der Vereinigten Staaten \u2013 Vietnam, Reagan, der \u201eWar on Terror\u201c. Neben dem Filmemacher und Schwergewicht der Amerika-Kritik Michael Moore geh\u00f6rte Longo zu den prominenten Unterst\u00fctzern des \u201eFall of Freedom\u201c. \u201eEs ist schlimmer als unter Ronald Reagan\u201c, sagt er. \u201eUnd damals dachte ich schon, jemand von der Regierung k\u00f6nnte mir jederzeit verbieten, meine Arbeiten zu zeigen.\u201c Der Unterschied zwischen damals und heute? \u201ePolitik unter Trump ist nur noch organisierter Hass.\u201c<\/p>\n<p>Robert Longo erreicht man via Zoom in seinem Studio im sonnigen Kalifornien. Soeben zeigte er in der renommierten Pace Gallery in New York City seine Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.pacegallery.com\/exhibitions\/robert-longo-the-weight-of-hope\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">The Weight of Hope<\/a>. Ein Erfolg. Genau deshalb f\u00fchle er sich jetzt aber schlecht, gesteht er. Sein Leben laufe so gut, w\u00e4hrend das vieler Menschen in den Vereinigten Staaten nur noch miserabler werde. Scham, Schuld, Ohnmacht: Aus diesen Gef\u00fchlen heraus habe er sich dem \u201eFall of Freedom\u201cangeschlossen.<\/p>\n<p>Wahr oder nicht: Die Paranoia reicht aus, um Kunst zu beschr\u00e4nken<\/p>\n<p>Allerdings sp\u00fcre auch er die Angst. Und das aus weniger abstrakten Gr\u00fcnden: Die Nationalgalerie in Washington, so erz\u00e4hlt Longo stotternd, habe neulich eine seiner Zeichnungen gekauft, sie bisher aber nicht \u00f6ffentlich gezeigt. Das Ger\u00fccht gehe um, die Museumsleitung f\u00fcrchte sich vor den Reaktionen des Pr\u00e4sidenten \u2013 auf Longos Bild sind die von Trump aufgehetzten Capitol-Hill-Randalierer vom 6. Januar 2021 zu sehen. Ob das Ger\u00fccht wahr ist oder nicht, sei eigentlich egal, meint der K\u00fcnstler. Allein die Paranoia, die Trumps Politik ausl\u00f6se, reiche, um die Kunstfreiheit effektiv auszuhebeln.<\/p>\n<p>Angst zu machen, liegt im politischen Kalk\u00fcl des US-Pr\u00e4sidenten. Hinter seinen Ma\u00dfnahmen gegen die Kulturfreiheit steht der ausgefeilte Plan einer Konterrevolution. So, wie ihn das <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/project-2025-gebrauchsanweisung-fuer-donald-trumps-radikalen-machtausbau\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">\u201eProject 2025\u201c<\/a> des ultrarechten Think-Tanks Heritage Foundation \u2013 Trumps Ideologiefl\u00fcsterer \u2013 seit 2023 \u00f6ffentlich promotet: der R\u00fcckbau eines vermeintlich \u00fcberm\u00e4chtigen \u201eKulturmarxismus\u201c im Staatsapparat und die Wiederherstellung eines Geschichtsbildes, das sich an den \u201eGr\u00fcndungswerten Amerikas\u201c ausrichtet, also Kolonialismus und Sklaverei als moralisch darstellt.<\/p>\n<p>Man muss das bisherige Ergebnis dieses Plans nicht Faschismus nennen, wie Dread Scott das tut, drastisch sind seine Auswirkungen trotzdem: Die Regierung instrumentalisiere \u201eAngst vor finanzieller Vergeltung und vor Gewalt\u201c, sagt K\u00fcnstler Scott. Und diese Angst sei das Schlimmste, was der Freiz\u00fcgigkeit einer liberalen Kultur, wie sie in den USA eigentlich gelebt wird, geschehen k\u00f6nne, so Hari Kunzru. F\u00fcr ihn bedeute Freiheit in der Literatur vor allem, \u201ein der Lage zu sein, zu schreiben, ohne dar\u00fcber nachzudenken, was die m\u00f6glichen Folgen eines Gedankens sind, den man aufs Papier bringt\u201c.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstlerin Hilde Helphenstein aka \u201eJerry Gogosian\u201c macht etwas anderes Angst<\/p>\n<p>Nicht alle im US-Kulturbetrieb teilen Kunzrus Meinung, dass allein Trumps Kahlschlag diese Freiheit bedrohe. Etwa Hilde Helphenstein. Die K\u00fcnstlerin betreibt den bekannten Satire-Account <a href=\"https:\/\/gogosian.com\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">\u201eJerry Gogosian\u201c<\/a> und ist in den letzten Jahren mit ihren Popkultur-Memes und ihren 140.000 Followern auf Instagram zu einer bedeutenden, subversiven Stimme der Kunstweltkritik geworden. Sie kann die Perspektive der \u201eFall of Freedom\u201c-Organisatoren nur ansatzweise teilen. \u201eWas mir Angst macht\u201c, sagt sie, \u201eist die Polarisierung, das Herdendenken \u2013 rechts wie links.\u201c<\/p>\n<p>Neulich, so erz\u00e4hlt sie, nachdem sie in einem Posting \u201eMamdani ist schlecht f\u00fcr die Kunstwelt\u201c geschrieben und ein paar aufgeregte, sozialismusskeptische Beitr\u00e4ge nachgelegt habe, habe sich \u00fcber ihr der Zorn eines eigentlich als links und moralisch geltenden Szenemobs entladen. \u201eIch habe Morddrohungen erhalten\u201c, sagt sie, \u201everletzende Beleidigungen\u201c, und liest einige davon vor: \u201eZionisten-Hure\u201c, \u201eNazi-Bastard\u201c, \u201eIslamhasserin\u201c. Ihre Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese enthemmten Reaktionen? Helphenstein hadert lange mit den Worten, antwortet dann aber doch: \u201eCancel Culture.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Buzzwords, die auch der US-Pr\u00e4sident verwendet, um seine harten Attacken auf die ihm verhasste linksliberale Kulturszene zu begr\u00fcnden. Denn eigentlich, so Trumps Logik, seien es ja deren ideologische Zw\u00e4nge gewesen, die die Kultur erst unfrei gemacht h\u00e4tten. Helphenstein teilt die rechtsautorit\u00e4ren Implikationen dieser Sichtweise trotzdem nicht. \u00dcberhaupt sei sie politisch \u201eradikal moderat\u201c. Ihr gehe es vielmehr um die Kritik an einer Grundstimmung im Kulturbetrieb: \u201eDie Angst, der Konformismus, die finanzielle Not von K\u00fcnstlern\u201c, so meint sie, \u201edas war alles schon vor Trump da.\u201c Was sie damit erkl\u00e4ren will? Dass Trumps Schreckgespenst-Politik nur deshalb ihre verunsichernden Ziele erreiche, weil das krass polarisierte Vorfeld in der Kultur bereits seit Jahren von Angst und Alarmismus gepr\u00e4gt sei.<\/p>\n<p>Klingen diese Forumulierungen nicht etwas abgedroschen?<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft das f\u00fcr den \u201eFall of Freedom\u201c, der \u00fcbersetzt sowohl \u201eHerbst der Freiheit\u201c als auch \u201eNiedergang der Freiheit\u201c bedeutet? Kann die Bewegung mit ihrem Hyperfokus auf Trumps Regierungspolitik die Resilienz des Betriebs wirklich st\u00e4rken, oder betreibt sie nur Symptombehandlung? Scott und Kunzru \u2013 die beiden Organisatoren \u2013 sind sich sicher: Der gemeinsame Protest helfe ihren Kollegen, sich von der Angst zu l\u00f6sen. Das Signet der Kampagne, das sich an den beiden Aktionstagen jedes Variet\u00e9-Theater und jeder Buchclub \u00fcberst\u00fclpen konnte, diente dabei vor allem der gegenseitigen Selbstvergewisserung: Wir stehen zusammen \u2013 als \u201ekreativer Widerstand\u201c.<\/p>\n<p>Nur klingt nicht genau diese Formulierung, mit der der Kampagnentext wirbt, Misstrauen erweckend abgedroschen? Nach den gleichen Stichwortkarten, mit denen der westliche Kulturbetrieb seit ein paar Jahren erfolglos versucht, zwischen hohler Pop-Politik und aktivistischem Deutungsstress zu bestehen?<\/p>\n<p>Hari Kunzru erwidert: \u201eWir tun nicht so, als ob wir einen magischen Schild h\u00e4tten.\u201c Die Rolle von K\u00fcnstlern sei es nicht, sagt er, \u201eGegenpropaganda\u201c zu produzieren, das sei klar, \u201esondern Menschen mit einer neuen Art des Sehens und Verstehens auszustatten\u201c. Die solle dabei helfen, \u201eden spektakul\u00e4ren Schleier einer jeden Propaganda zu durchschauen\u201c. Weniger zweideutig argumentiert da Dread Scott: \u201eWas Propaganda angeht\u201c, so sagt der K\u00fcnstler, \u201eist die gr\u00f6\u00dfere Gefahr immer noch die, dass wir den Faschismus nicht rechtzeitig besiegen und irgendwann nur noch die Kunst gezeigt werden kann, die MAGA f\u00fcr richtig h\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer richtungsweisenden Wende im Kampf der Kulturszene gegen Trumps Angstherrschaft klingt auch das nicht. Eher nach einer moralisch-strategischen Sackgasse: Hier stehen wir und k\u00f6nnen nicht anders.<\/p>\n<p>\n    ennt. Kann sie die Angstherrschaft in der Kultur beenden?\u201eDie Aktionstage waren ein Erfolg f\u00fcr uns\u201c, sagt Dread Scott danach am Telefon. Der K\u00fcnstler ist Initiator des \u201eFall of Freedom\u201c. Seinen pers\u00f6nlichen Karrieredurchbruch feierte er 1989, als seine Installation What Is the Proper Way to Display a U.S. Flag wegen des Verdachts auf Entweihung nationaler Symbole erst zum kunstkritischen, dann zum verfassungsrechtlichen Skandal wurde. In dieser Tradition sieht er auch den aktuellen Protest: \u201eKunst z\u00e4hlt!\u201c, so seine Botschaft. \u201eIch wusste, alle warteten darauf, dass es auf diese verr\u00fcckte Zeit endlich auch eine Antwort aus der Kultur geben w\u00fcrde.\u201cWie die ausfiel? Landesweit 600 Events firmierten zwischen dem 21. und 23. November unter dem Kampagnen-Banner des \u201eFall of Freedom\u201c; die meisten davon in den intellektuellen Gravitationszentren an der Ostk\u00fcste, in Washington, D. C., und New York City. Dort traten unter anderem Musik-Gr\u00f6\u00dfen wie Sheryl Crow und Mark Ronson auf, sangen und demonstrierten f\u00fcr eine angstfreie Kultur, w\u00e4hrend ein paar H\u00e4userblocks weiter LED-Trucks des Kunstkollektivs NYC Resistance Salon durch die dicht befahrenen Stra\u00dfen Manhattans kurvten, satirische Cartoons auf Mega-Screens abspielten und sich damit \u00fcber den Aggro-Despoten Trump lustig machten. So erz\u00e4hlt es Dread Scott und wirkt dabei erleichtert.Auch der K\u00fcnstler Dread Scott sp\u00fcrte die Folgen von Trumps PolitikErnst klingt er wieder, wenn es um die politischen Hintergr\u00fcnde des Protests geht. Der K\u00fcnstler spricht von \u201eaufkommendem Faschismus und Zensur in den USA\u201c. Gro\u00dfe, beunruhigende Begriffe. Was die konkret f\u00fcr den Kulturbetrieb bedeuteten? Scott listet auf: Trumps Anti-Wokeness-Attacken auf geschichtsvermittelnde Institutionen, wie die Museen und Galerien des Smithsonian, oder auf Medienvertreter wie den TV-Comedian Jimmy Kimmel. Auch ihn pers\u00f6nlich h\u00e4tten die autokratischen Ambitionen des \u201eOrange Man\u201c bereits getroffen, erkl\u00e4rt Scott, der Afroamerikaner ist. \u201eEines meiner Projekte wurde gecancelt, weil dem Skulpturenpark, in dem ich ausstellen sollte, 100.000 Dollar F\u00f6rderung entzogen wurden.\u201cPlaceholder image-1Hari Kunzru, britischer Autor und Ko-Organisator des \u201eFall of Freedom\u201c, erg\u00e4nzt per E-Mail: \u201eDie nationalen Fonds f\u00fcr Kulturf\u00f6rderung wurden so gut wie abgeschafft.\u201c F\u00fcr seine Disziplin, die Literatur, bedeute dies, dass \u201ejedes Magazin, jeder Verlag, jede Lesereihe die F\u00f6rderung vom Staat verliert\u201c. Bereits im Oktober widmete der PEN America, dessen Mitglied Kunzru ist, dieser indirekten Form staatlicher Zensur eine Veranstaltungsreihe, in der auch die direkte Zensur, das Verbot ungewollter B\u00fccher an Schulen, zum Thema wurde.\u201eEs ist schlimmer als unter Ronald Reagan\u201c, sagt der K\u00fcnstler Robert LongoSelbst Schwergewichte der amerikanischen Gegenwartskultur m\u00fcssen Einschnitte bef\u00fcrchten. Zum Beispiel Robert Longo, der Bruce Springsteen unter den Pop-Art-K\u00fcnstlern: Seit den 1960er Jahren kratzen seine bilderst\u00fcrmerischen Kohlezeichnungen an den Machtmythen der Vereinigten Staaten \u2013 Vietnam, Reagan, der \u201eWar on Terror\u201c. Neben dem Filmemacher und Schwergewicht der Amerika-Kritik Michael Moore geh\u00f6rte Longo zu den prominenten Unterst\u00fctzern des \u201eFall of Freedom\u201c. \u201eEs ist schlimmer als unter Ronald Reagan\u201c, sagt er. \u201eUnd damals dachte ich schon, jemand von der Regierung k\u00f6nnte mir jederzeit verbieten, meine Arbeiten zu zeigen.\u201c Der Unterschied zwischen damals und heute? \u201ePolitik unter Trump ist nur noch organisierter Hass.\u201cRobert Longo erreicht man via Zoom in seinem Studio im sonnigen Kalifornien. Soeben zeigte er in der renommierten Pace Gallery in New York City seine Ausstellung The Weight of Hope. Ein Erfolg. Genau deshalb f\u00fchle er sich jetzt aber schlecht, gesteht er. Sein Leben laufe so gut, w\u00e4hrend das vieler Menschen in den Vereinigten Staaten nur noch miserabler werde. Scham, Schuld, Ohnmacht: Aus diesen Gef\u00fchlen heraus habe er sich dem \u201eFall of Freedom\u201cangeschlossen.Wahr oder nicht: Die Paranoia reicht aus, um Kunst zu beschr\u00e4nkenAllerdings sp\u00fcre auch er die Angst. Und das aus weniger abstrakten Gr\u00fcnden: Die Nationalgalerie in Washington, so erz\u00e4hlt Longo stotternd, habe neulich eine seiner Zeichnungen gekauft, sie bisher aber nicht \u00f6ffentlich gezeigt. Das Ger\u00fccht gehe um, die Museumsleitung f\u00fcrchte sich vor den Reaktionen des Pr\u00e4sidenten \u2013 auf Longos Bild sind die von Trump aufgehetzten Capitol-Hill-Randalierer vom 6. Januar 2021 zu sehen. Ob das Ger\u00fccht wahr ist oder nicht, sei eigentlich egal, meint der K\u00fcnstler. Allein die Paranoia, die Trumps Politik ausl\u00f6se, reiche, um die Kunstfreiheit effektiv auszuhebeln.Angst zu machen, liegt im politischen Kalk\u00fcl des US-Pr\u00e4sidenten. Hinter seinen Ma\u00dfnahmen gegen die Kulturfreiheit steht der ausgefeilte Plan einer Konterrevolution. So, wie ihn das \u201eProject 2025\u201c des ultrarechten Think-Tanks Heritage Foundation \u2013 Trumps Ideologiefl\u00fcsterer \u2013 seit 2023 \u00f6ffentlich promotet: der R\u00fcckbau eines vermeintlich \u00fcberm\u00e4chtigen \u201eKulturmarxismus\u201c im Staatsapparat und die Wiederherstellung eines Geschichtsbildes, das sich an den \u201eGr\u00fcndungswerten Amerikas\u201c ausrichtet, also Kolonialismus und Sklaverei als moralisch darstellt.Man muss das bisherige Ergebnis dieses Plans nicht Faschismus nennen, wie Dread Scott das tut, drastisch sind seine Auswirkungen trotzdem: Die Regierung instrumentalisiere \u201eAngst vor finanzieller Vergeltung und vor Gewalt\u201c, sagt K\u00fcnstler Scott. Und diese Angst sei das Schlimmste, was der Freiz\u00fcgigkeit einer liberalen Kultur, wie sie in den USA eigentlich gelebt wird, geschehen k\u00f6nne, so Hari Kunzru. F\u00fcr ihn bedeute Freiheit in der Literatur vor allem, \u201ein der Lage zu sein, zu schreiben, ohne dar\u00fcber nachzudenken, was die m\u00f6glichen Folgen eines Gedankens sind, den man aufs Papier bringt\u201c.Der K\u00fcnstlerin Hilde Helphenstein aka \u201eJerry Gogosian\u201c macht etwas anderes AngstNicht alle im US-Kulturbetrieb teilen Kunzrus Meinung, dass allein Trumps Kahlschlag diese Freiheit bedrohe. Etwa Hilde Helphenstein. Die K\u00fcnstlerin betreibt den bekannten Satire-Account \u201eJerry Gogosian\u201c und ist in den letzten Jahren mit ihren Popkultur-Memes und ihren 140.000 Followern auf Instagram zu einer bedeutenden, subversiven Stimme der Kunstweltkritik geworden. Sie kann die Perspektive der \u201eFall of Freedom\u201c-Organisatoren nur ansatzweise teilen. \u201eWas mir Angst macht\u201c, sagt sie, \u201eist die Polarisierung, das Herdendenken \u2013 rechts wie links.\u201cNeulich, so erz\u00e4hlt sie, nachdem sie in einem Posting \u201eMamdani ist schlecht f\u00fcr die Kunstwelt\u201c geschrieben und ein paar aufgeregte, sozialismusskeptische Beitr\u00e4ge nachgelegt habe, habe sich \u00fcber ihr der Zorn eines eigentlich als links und moralisch geltenden Szenemobs entladen. \u201eIch habe Morddrohungen erhalten\u201c, sagt sie, \u201everletzende Beleidigungen\u201c, und liest einige davon vor: \u201eZionisten-Hure\u201c, \u201eNazi-Bastard\u201c, \u201eIslamhasserin\u201c. Ihre Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese enthemmten Reaktionen? Helphenstein hadert lange mit den Worten, antwortet dann aber doch: \u201eCancel Culture.\u201cZwei Buzzwords, die auch der US-Pr\u00e4sident verwendet, um seine harten Attacken auf die ihm verhasste linksliberale Kulturszene zu begr\u00fcnden. Denn eigentlich, so Trumps Logik, seien es ja deren ideologische Zw\u00e4nge gewesen, die die Kultur erst unfrei gemacht h\u00e4tten. Helphenstein teilt die rechtsautorit\u00e4ren Implikationen dieser Sichtweise trotzdem nicht. \u00dcberhaupt sei sie politisch \u201eradikal moderat\u201c. Ihr gehe es vielmehr um die Kritik an einer Grundstimmung im Kulturbetrieb: \u201eDie Angst, der Konformismus, die finanzielle Not von K\u00fcnstlern\u201c, so meint sie, \u201edas war alles schon vor Trump da.\u201c Was sie damit erkl\u00e4ren will? Dass Trumps Schreckgespenst-Politik nur deshalb ihre verunsichernden Ziele erreiche, weil das krass polarisierte Vorfeld in der Kultur bereits seit Jahren von Angst und Alarmismus gepr\u00e4gt sei.Klingen diese Forumulierungen nicht etwas abgedroschen?Aber was hei\u00dft das f\u00fcr den \u201eFall of Freedom\u201c, der \u00fcbersetzt sowohl \u201eHerbst der Freiheit\u201c als auch \u201eNiedergang der Freiheit\u201c bedeutet? Kann die Bewegung mit ihrem Hyperfokus auf Trumps Regierungspolitik die Resilienz des Betriebs wirklich st\u00e4rken, oder betreibt sie nur Symptombehandlung? Scott und Kunzru \u2013 die beiden Organisatoren \u2013 sind sich sicher: Der gemeinsame Protest helfe ihren Kollegen, sich von der Angst zu l\u00f6sen. Das Signet der Kampagne, das sich an den beiden Aktionstagen jedes Variet\u00e9-Theater und jeder Buchclub \u00fcberst\u00fclpen konnte, diente dabei vor allem der gegenseitigen Selbstvergewisserung: Wir stehen zusammen \u2013 als \u201ekreativer Widerstand\u201c.Nur klingt nicht genau diese Formulierung, mit der der Kampagnentext wirbt, Misstrauen erweckend abgedroschen? Nach den gleichen Stichwortkarten, mit denen der westliche Kulturbetrieb seit ein paar Jahren erfolglos versucht, zwischen hohler Pop-Politik und aktivistischem Deutungsstress zu bestehen?Hari Kunzru erwidert: \u201eWir tun nicht so, als ob wir einen magischen Schild h\u00e4tten.\u201c Die Rolle von K\u00fcnstlern sei es nicht, sagt er, \u201eGegenpropaganda\u201c zu produzieren, das sei klar, \u201esondern Menschen mit einer neuen Art des Sehens und Verstehens auszustatten\u201c. Die solle dabei helfen, \u201eden spektakul\u00e4ren Schleier einer jeden Propaganda zu durchschauen\u201c. Weniger zweideutig argumentiert da Dread Scott: \u201eWas Propaganda angeht\u201c, so sagt der K\u00fcnstler, \u201eist die gr\u00f6\u00dfere Gefahr immer noch die, dass wir den Faschismus nicht rechtzeitig besiegen und irgendwann nur noch die Kunst gezeigt werden kann, die MAGA f\u00fcr richtig h\u00e4lt.\u201cNach einer richtungsweisenden Wende im Kampf der Kulturszene gegen Trumps Angstherrschaft klingt auch das nicht. Eher nach einer moralisch-strategischen Sackgasse: Hier stehen wir und k\u00f6nnen nicht anders.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit der Kampagne \u201eFall of Freedom\u201c versuchen K\u00fcnstler wie Dread Scott und Robert Longo in den USA ihren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":622954,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3977],"tags":[331,332,13,14,15,12,4017,4018,4016,64,4019,4020],"class_list":{"0":"post-622953","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-usa","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-united-states","15":"tag-united-states-of-america","16":"tag-us","17":"tag-usa","18":"tag-vereinigte-staaten","19":"tag-vereinigte-staaten-von-amerika"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115661934596360388","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/622953","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=622953"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/622953\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/622954"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=622953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=622953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=622953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}