{"id":62305,"date":"2025-04-26T08:15:08","date_gmt":"2025-04-26T08:15:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62305\/"},"modified":"2025-04-26T08:15:08","modified_gmt":"2025-04-26T08:15:08","slug":"postpaten-in-muenchen-wie-ehrenamtliche-aelteren-menschen-den-papierkrieg-abnehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62305\/","title":{"rendered":"Postpaten in M\u00fcnchen: Wie Ehrenamtliche \u00e4lteren Menschen den Papierkrieg abnehmen"},"content":{"rendered":"<p>Ein Haus mit Sozialwohnungen im M\u00fcnchner Stadtteil Neuhausen: Elisabeth Tr\u00e4der tr\u00e4gt in der linken Hand einen Stoffbeutel mit einem Aktenordner, mit der rechten Hand dr\u00fcckt die 73-J\u00e4hrige am Eingang auf den Klingelknopf. Im ersten Stock \u00f6ffnet Jasenka M. die Wohnungst\u00fcr.<\/p>\n<p>&#8222;Wir treffen uns alle zwei Wochen, jeweils am Mittwoch&#8220;, berichtet Postpatin Tr\u00e4der. Sie hilft seit sechs Jahren, hat elf Menschen beigestanden und deren Briefwechsel geregelt oder Anrufe etwa bei Beh\u00f6rden gemacht. Jetzt sitzt sie auf dem Sofa von Jasenka und \u00f6ffnet einen der angekommenen Briefe. Einer enth\u00e4lt eine gute Nachricht, das beantragte Wohngeld wurde bewilligt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Das ist sch\u00f6n&#8220;, sagt Jasenka: &#8222;Jetzt kann ich mir ein bisschen mehr leisten.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vor 50 Jahren ist sie aus Kroatien ausgewandert, der Arbeit wegen. Zuerst ging sie in die Schweiz, arbeitete als Hilfskraft bei einem Schokoladenhersteller. Wegen der Sprachbarriere fand sie keinen Job in ihrem eigentlichen Beruf als Stenotypistin. Mit 29 Jahren kam sie nach M\u00fcnchen, arbeitete als ungelernte Arbeiterin bei Siemens. Seit sieben Jahren wohnt sie hier in Neuhausen.<\/p>\n<p>Dass die 75-J\u00e4hrige mit einer kleinen Rente auskommen muss, macht ein Blick in die sp\u00e4rlich eingerichteten zwei R\u00e4ume der Sozialwohnung deutlich. In dem einen Raum ist die K\u00fcche, in dem anderen steht Bett und Sofa. Auf dem Nachttisch steht ein Foto von ihrem Lebensgef\u00e4hrten, der schon gestorben ist. Sie lebte mit ihm zusammen in der Sozialwohnung, stand aber nicht im Mietvertrag.<\/p>\n<p>Patin schafft Ordnung<\/p>\n<p>Ein Problem, das Tr\u00e4der bereits gel\u00f6st hat. Ein Rechtsanwalt wurde eingeschaltet, der Zeugen daf\u00fcr fand, dass Jasenka all die Jahre hier auch gelebt hatte. Schlie\u00dflich m\u00fcndete alles in einer Sonderrechtsnachfolge, wie der juristische Fachbegriff hei\u00dft, sie konnte wohnen bleiben.<\/p>\n<p>Steckten fr\u00fcher die Briefe und amtlichen Schreiben bei Jasenka unsortiert in zwei Plastikt\u00fcten, hat sie sie jetzt auf mehrere Aktenordner aufgeteilt und thematisch eingeordnet: Nach Themen wie Wohnung, Rente, Miete. Das ist die Hauptaufgabe der Patin: Ordnung zu schaffen. Das hat sie lange Jahre beruflich gemacht. Tr\u00e4der hat einen Doktorgrad in Sprachwissenschaften, hat eine Zeitlang an der Universit\u00e4t gearbeitet und war dann lange Jahre in der Verwaltung von gro\u00dfen Organisationen t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Nun setzt Tr\u00e4der ihr K\u00f6nnen f\u00fcr Senioren ein. &#8222;Ich hatte fr\u00fcher keine Zeit f\u00fcr ein soziales Engagement und m\u00f6chte das nachholen&#8220;, erkl\u00e4rt sie So hat die Postpatin etwa einer ehemaligen Montessori-Lehrerin Ordner f\u00fcr Steuer, Wohnung, Verm\u00f6gen angelegt. Und einem 87-J\u00e4hrigen, dessen Frau gestorben war, die Ablage von wichtigen Schriftst\u00fccken der vergangenen zehn Jahre erledigt.<\/p>\n<p>Rotes Kreuz ist Tr\u00e4ger<\/p>\n<p>Hinter diesen Hilfen steht die Beratungsstelle f\u00fcr \u00e4ltere Menschen und Angeh\u00f6rige des Bayerischen Roten Kreuzes in M\u00fcnchen. Dort arbeitet Markus Brucker. Er erz\u00e4hlt, was es mit den Postpaten auf sich hat. Brucker betreut 18 Paten, die sich wiederum um 35 Senioren k\u00fcmmern. Diese Art von Patenschaften gibt es seit 2018, und das Rote Kreuz ist einer von mehreren Tr\u00e4gern. Auch bei der Caritas, dem Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverband oder der Diakonie gibt es Postpaten. Die Organisationen haben die Stadt nach Vierteln unter sich aufgeteilt.<\/p>\n<p>Es gebe gen\u00fcgend Menschen, die helfen wollen, sagt Brucker:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Wir hatten noch nie Schwierigkeiten gehabt, Ehrenamtliche zu finden.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr k\u00fcnftige Postpaten gibt es eine spezielle Fortbildung. An f\u00fcnf Abenden werden sie in Sachen Sozialsystem, Altenhilfe, Umgang mit \u00e4lteren Menschen oder Sachfragen wie Wohngeld geschult. &#8222;Man lernt dabei auch, was man nicht tun soll&#8220;, schmunzelt Tr\u00e4der. Zum Beispiel Einkaufen gehen oder den M\u00fcll f\u00fcr die Klienten runtertragen. Und die Patenschaft soll auch nicht unbedingt in eine Freundschaft m\u00fcnden, was nat\u00fcrlich m\u00f6glich ist. &#8222;Es besteht die Gefahr, dass es ein zu enges Verh\u00e4ltnis wird&#8220;, so ihre Erfahrung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jasenka will Tr\u00e4der noch einen Brief nach Kroatien schreiben, an eine Bank. Denn ihre Klientin hatte dort als junge Frau ein Sparbuch. Jetzt will sie wissen, ob es das noch gibt und wie viel Geld da drauf ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Haus mit Sozialwohnungen im M\u00fcnchner Stadtteil Neuhausen: Elisabeth Tr\u00e4der tr\u00e4gt in der linken Hand einen Stoffbeutel mit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":62306,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[3274,772,29,9485,30,5508,1268,14,15,575,9486],"class_list":{"0":"post-62305","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-deutschland","11":"tag-evangelisch","12":"tag-germany","13":"tag-journalismus","14":"tag-muenchen","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-religion","18":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114403274007384079","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62305"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62305\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/62306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}