{"id":624178,"date":"2025-12-05T03:07:26","date_gmt":"2025-12-05T03:07:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/624178\/"},"modified":"2025-12-05T03:07:26","modified_gmt":"2025-12-05T03:07:26","slug":"unkultivierte-bruellzutat-sz-magazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/624178\/","title":{"rendered":"Unkultivierte Br\u00fcllzutat &#8211; SZ Magazin"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph text__normal paragraph--dropcap\">Meinen ersten Cocktail habe ich mit 19 in einer Bar getrunken, in der au\u00dfer mir nur Immobilienmakler und Adlige und Drogendealer mit Jagdschein rumhingen, M\u00e4nner in Ledersesseln, keine Frauen, zumindest erinnere ich mich nicht an sie. Ich wurde an diesem Abend versetzt. Das wei\u00df ich noch. Aber  nicht mehr, von wem. Den Grund daf\u00fcr, dass ich \u00fcberhaupt an so einem Ort verabredet war, habe ich in der vorigen Kolumne zum Thema Grauburgunder angedeutet. Nach einer als \u00f6konomisch abgeh\u00e4ngt zu bezeichnenden Kindheit wurde ich als Teenager in R\u00e4ume katapultiert, in denen verschwenderischer Luxus herrschte, mein Verh\u00e4ltnis zu Alkohol ist deshalb von massiven sozialen Spannungen gepr\u00e4gt, die mir in ihrer Absurdit\u00e4t erst jetzt, 14 Jahre sp\u00e4ter, im Zuge der journalistisch-essayistischen Auseinandersetzung mit Getr\u00e4nken im Allgemeinen, vollst\u00e4ndig bewusst werden.<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Ich sa\u00df mit 19 also am Tresen in diesem Upperclass-Laden, zerrissene Jeans, nehme ich an, die Rechtfertigung daf\u00fcr, mich dort \u00fcberhaupt aufzuhalten, brach in dem Moment ein, in dem mir die Person, die mich dorthin bestellt hatte, per SMS schrieb, sie habe Migr\u00e4ne. Ich h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen und wollen und m\u00fcssen. Ich ging aber nicht, weil sich das Gef\u00fchl aufdr\u00e4ngte, dass mein Umgang mit dieser Situation in Relation zum Umgang mit meinem gesamten bevorstehenden Erwachsenenleben stand, ich musste es schaffen, mir diesen Ort als meinen eigenen zu erschlie\u00dfen, trotz allertiefsten Unbehagens, trotz des Schamgef\u00fchls, das jeder kennt, der schon mal als klar zu identifizierender Fremdk\u00f6rper allein in einer Restauration ausharren musste. Gehen h\u00e4tte Aufgeben bedeutet, obwohl ich bis heute nicht genau wei\u00df, was.<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Ich blieb also sitzen. Studierte die Karte. Entschloss mich zu einer Art Kontrabestellung. Was ein \u00bbManhattan\u00ab war, wusste ich. Es gab aber auch einen Drink namens \u00bbBronx\u00ab. Die Bronx hielt ich f\u00fcr die \u00e4sthetische Antithese zu jeder Form von Upperclass-Stabilit\u00e4t, ich brachte sie mit Bildern von Verwundung, \u00dcberleben und ausgebrannten Mietskasernen in Verbindung, die mir als die Person, die ich glaube zu sein, in dem Kontext, in dem ich gerade glaubte zu sitzen, paradoxerweise zu einer gewissen Beruhigung verhalfen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Drink vermutlich von einem Bartender im \u00bbWaldorf Astoria\u00ab erfunden, die Namensgebung war kein Kommentar auf soziale Missst\u00e4nde, sondern wahrscheinlich spontan-assoziativ nach einem Besuch des in der Bronx neu er\u00f6ffneten Zoos erfolgt.<\/p>\n<p>Meistgelesen diese Woche:<\/p>\n<p class=\"paragraph text__normal\">Meine Entscheidung, den Bronx zu bestellen, war ein Volltreffer, weil sich der Bronx als Lieblingsdrink des Bartenders herausstellte, netter Typ Mitte 50, der mir vor lauter Begeisterung sofort die exakte Zusammensetzung erkl\u00e4rte. Der Bronx unterscheidet sich vom Manhattan dadurch, dass er Orangensaft enth\u00e4lt. Orangensaft gilt als sogenannte Br\u00fcllzutat, als nahezu unkultiviert, weil er die feine Balance aus Alkohol, Bitterstoffen und Aromen torpediert. In den Augen des Bartenders f\u00fchrte der Orangensaft speziell im Fall des Bronx-Cocktails allerdings dazu, dass man das Gef\u00fchl bekomme, jemand rei\u00dfe kurz mal das Fenster auf zwecks Sto\u00dfl\u00fcftung in einem Raum voller Zigarrenrauch, er liebte diesen Drink, er liebte ihn einfach. Ich nicht, ich hasste Wermut, ich hasste auch Gin, lie\u00df mir das aber nicht anmerken, trank aus und tat w\u00e4hrenddessen so, als teilte ich seine Begeisterung. Und teile die Begeisterung gerade deshalb bis heute, in aller Aufrichtigkeit, und dabei spielt es nicht die geringste Rolle, ob ich ihn mag oder nicht. Als ich bezahlte, wurde ich mit respektvollem Handschlag verabschiedet. Ich hatte eine Pr\u00fcfung bestanden, allerdings wei\u00df ich bis heute nicht genau, was f\u00fcr eine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Meinen ersten Cocktail habe ich mit 19 in einer Bar getrunken, in der au\u00dfer mir nur Immobilienmakler und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":624179,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[68911,3364,29,3688,4974,30,99627,1209,9592],"class_list":{"0":"post-624178","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-cocktails","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-essen","12":"tag-essen-und-trinken","13":"tag-germany","14":"tag-getraenkekolumne","15":"tag-nordrhein-westfalen","16":"tag-trinken"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115664758024455329","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/624178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=624178"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/624178\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/624179"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=624178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=624178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=624178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}