{"id":625168,"date":"2025-12-05T12:57:12","date_gmt":"2025-12-05T12:57:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/625168\/"},"modified":"2025-12-05T12:57:12","modified_gmt":"2025-12-05T12:57:12","slug":"ein-mann-stirbt-in-harchies-und-europa-schaut-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/625168\/","title":{"rendered":"Ein Mann stirbt in Harchies und Europa schaut weg"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein lokaler Bericht aus einem kleinen Ort an der Grenze, einer von vielen. <\/p>\n<p>Aber genau darin liegt das Problem: Solche \u00abEinzelf\u00e4lle\u00bb summieren sich, quer durch Europa, zu einer t\u00f6dlichen Statistik, ohne dass es \u00fcberhaupt ein zentrales, transparentes Register g\u00e4be.<\/p>\n<p>Die simple Frage \u00abWie viele Menschen sind in der aktuellen Jagdsaison in Europa bereits gestorben?\u00bb hat eine unbequeme Antwort:<\/p>\n<p><strong>Niemand weiss es genau.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>keine EU-weite Meldepflicht,<\/li>\n<li>keine gemeinsame Datenbank,<\/li>\n<li>sehr unterschiedliche nationale Definitionen von \u00abJagdunfall\u00bb (z\u00e4hlt nur die Schusswaffe? Nur w\u00e4hrend offizieller Jagdzeiten?),<\/li>\n<li>und viele Vorf\u00e4lle, die in lokalen Medien auftauchen, aber nie offiziell aggregiert werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotzdem l\u00e4sst sich ein Bild zeichnen und dieses Bild ist alles andere als beruhigend.<\/p>\n<p>Frankreich und Italien: zwei Beispiele f\u00fcr ein strukturelles Problem<\/p>\n<p><strong>Frankreich: 100 Unf\u00e4lle, 11 Tote in nur einer Saison<\/strong><\/p>\n<p>Frankreich ist eines der wenigen L\u00e4nder, in denen eine staatliche Beh\u00f6rde die Jagdunf\u00e4lle systematisch erfasst.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Saison <strong>2024\/2025<\/strong> meldet das Office fran\u00e7ais de la biodiversit\u00e9 (OFB):<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>100 Unf\u00e4lle mit Schusswaffen<\/li>\n<li>11 Tote (allesamt Hobby-J\u00e4ger)<\/li>\n<li>16 verletzte Nichtj\u00e4ger, drei davon schwer<\/li>\n<li>135 \u00abIncidents\u00bb ohne Personenschaden \u2013 darunter 58 beschossene H\u00e4user, 27 Fahrzeuge und 50 Haustiere.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das ist die offizielle Bilanz f\u00fcr eine Saison in einem Land. Tierschutzorganisationen sprechen zu Recht von einer \u00abdeutlich gestiegenen\u00bb Zahl t\u00f6dlicher Jagdunf\u00e4lle.<\/p>\n<p><strong>Italien: 62 Unf\u00e4lle, 14 Tote \u2013 laut Jagdverband selbst<\/strong><\/p>\n<p>In Italien wertet die Universit\u00e4t Urbino seit Jahren landesweit Medienberichte \u00fcber Jagdunf\u00e4lle aus. F\u00fcr die Jagdsaison 2024\/2025 kommt die Auswertung auf:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>62 Unf\u00e4lle<\/li>\n<li>14 Todesopfer<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bemerkenswert: Diese Zahlen werden von italienischen Jagdverb\u00e4nden selbst verbreitet, als Beleg daf\u00fcr, dass man sich \u00abum Sicherheit bem\u00fche\u00bb. F\u00fcr die Opfer \u00e4ndert das nichts und an der Vollst\u00e4ndigkeit gibt es erhebliche Zweifel.<\/p>\n<p>Aktuelle Saison 2025\/2026: Ein blutiger Herbst und nur Bruchst\u00fccke an Daten<\/p>\n<p>Die laufende Jagdsaison 2025\/26 hat in weiten Teilen Europas im September begonnen. Offizielle Gesamtzahlen sind naturgem\u00e4ss noch nicht ver\u00f6ffentlicht. Doch bereits jetzt ergibt sich aus NGO-Berichten und Medienmeldungen ein alarmierendes Bild.<\/p>\n<p><strong>Italien: Mindestens 7 Tote und 22 Verletzte in wenigen Monaten<\/strong><\/p>\n<p>Eine italienische Tierschutzorganisation, die Jagdunf\u00e4lle systematisch dokumentiert, spricht f\u00fcr die ersten rund drei Monate der Saison 2025\/26 allein bei Wildschwein-Jagden von:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>29 betroffenen Personen,<\/li>\n<li>darunter 7 Tote und 22 Verletzte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Zahlen betreffen nur einen Teil der Jagd (Schwarzwild), nur ein Land und nur einen Ausschnitt der Saison.<\/p>\n<p>Parallel dazu berichten italienische Regionalmedien \u00fcber weitere t\u00f6dliche Jagdunf\u00e4lle:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein 69-j\u00e4hriger J\u00e4ger wird in der Provinz Pistoia bei einer Wildschweinjagd von \u00abfreundlichem Feuer\u00bb t\u00f6dlich getroffen.<\/li>\n<li>Ein 80-j\u00e4hriger J\u00e4ger in der Maremma stirbt, nachdem ihn w\u00e4hrend einer Jagd eine Kugel in die Brust trifft.<\/li>\n<li>In mehreren norditalienischen Regionen kommt es zu weiteren t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen auf Jagdteilnehmer, etwa in Piemont oder Friaul.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Viele dieser F\u00e4lle sind sehr wahrscheinlich bereits in den NGO-Zahlen enthalten. Sie zeigen vor allem, wie dicht die Kette der Trag\u00f6dien ist.<\/p>\n<p><strong>Spanien: Ein Hobby-J\u00e4ger erschiesst seinen Begleiter<\/strong><\/p>\n<p>In Katalonien stirbt im November ein Hobby-J\u00e4ger, als sein Begleiter beim Hantieren mit dem Gewehr einen Schuss l\u00f6st. Polizei und Medien sprechen von einem Jagdunfall und ermitteln wegen fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung.<\/p>\n<p><strong>Belgien: Der Fall Harchies<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck nach Belgien: In Harchies wird ein Hobby-J\u00e4ger bei einer Treibjagd in der N\u00e4he der franz\u00f6sischen Grenze t\u00f6dlich getroffen. Anwohner h\u00f6ren einen Schuss und Schreie; f\u00fcr den Mann kommt jede Hilfe zu sp\u00e4t. Ein weiterer Toter, ein weiterer lokaler Bericht, aber kein Eintrag in einer europ\u00e4ischen Gesamtstatistik.<\/p>\n<p><strong>Irland und andere L\u00e4nder: \u00e4hnliche Meldungen<\/strong><\/p>\n<p>Auch ausserhalb des Kontinents, aber innerhalb des \u00abeurop\u00e4ischen Jagdmodells\u00bb, h\u00e4ufen sich Berichte: In Irland stirbt etwa ein 21-J\u00e4hriger bei der Fuchsjagd durch einen Gewehrschuss.<\/p>\n<p>Und sogar Jagdlobby-Organisationen auf europ\u00e4ischer Ebene r\u00e4umen ein, dass es immer wieder t\u00f6dliche Jagdunf\u00e4lle gibt, auch wenn sie betonen, die Zahlen seien \u00abr\u00fcckl\u00e4ufig\u00bb und man arbeite an \u00absicheren Bewegungsjagden\u00bb.<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst sich seri\u00f6s sagen?<\/p>\n<p>Auf Basis der verf\u00fcgbaren Daten und Medienberichte l\u00e4sst sich f\u00fcr die aktuelle Jagdsaison 2025\/2026 nur eine vorsichtige Aussage machen:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Es gibt kein zentrales, offizielles Register f\u00fcr Jagdunf\u00e4lle in Europa.<\/li>\n<li>Allein in Italien sprechen NGO- und Medienauswertungen von mindestens sieben Toten und \u00fcber zwanzig Verletzten in den ersten Monaten der Saison.<\/li>\n<li>In mehreren weiteren L\u00e4ndern \u2013 etwa Spanien, Belgien und Frankreich \u2013 sind in diesem Herbst ebenfalls t\u00f6dliche Jagdunf\u00e4lle dokumentiert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Konservativ formuliert heisst das:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In der laufenden europ\u00e4ischen Jagdsaison 2025\/26 sind nachweislich bereits mindestens ein gutes Dutzend Menschen durch Jagdaktivit\u00e4ten ums Leben gekommen. Die tats\u00e4chliche Zahl liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich dar\u00fcber.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Zum Vergleich: Allein in Frankreich starben in der abgeschlossenen Saison 2024\/25 offiziell 11 Menschen, in Italien im selben Zeitraum 14. Es w\u00e4re realit\u00e4tsfern anzunehmen, dass Europa als Ganzes in der aktuellen Saison pl\u00f6tzlich deutlich unter diesen Gr\u00f6ssenordnungen liegt, zumal die Saison noch lange nicht beendet ist. Auch im deutschsprachigen Raum gab es zus\u00e4tzlich in den vergangenen Jahren immer wieder F\u00e4lle, in denen bewaffnete Hobby-J\u00e4ger im Endstadium Amok liefen und Unbeteiligte t\u00f6teten.<\/p>\n<p>Die unsichtbaren Opfer: Nichtj\u00e4ger, Haustiere, Millionen Wildtiere<\/p>\n<p>Wenn Jagdverb\u00e4nde wie FACE argumentieren, die meisten Opfer seien \u00abnur J\u00e4ger\u00bb, steckt dahinter eine zynische Logik: Als ob Menschenleben weniger z\u00e4hlen, sobald jemand eine Flinte in der Hand hat.<\/p>\n<p>Dabei zeigen die Zahlen:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In Frankreich waren in der Saison 2024\/25 16 der Verletzten keine J\u00e4ger, darunter Spazierg\u00e4nger und andere \u00abNutzer\u00bb der Landschaft.<\/li>\n<li>Die gleiche Saison brachte mindestens 135 schwere \u00abIncidents\u00bb, bei denen H\u00e4user, Autos und 50 Haustiere beschossen oder getroffen wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Von den eigentlichen Hauptopfern, den wild lebenden Tieren, ganz zu schweigen. Organisationen, die die Hobby-Jagd kritisieren, sprechen von Gr\u00f6ssenordnungen im zweistelligen Millionenbereich get\u00f6teter Wildtiere pro Jahr, teils 30 bis 40 Millionen get\u00f6teten Tieren pro Saison nur in Frankreich; internationale Studien zeigen, dass bei W\u00f6lfen rund 60 Prozent der Todesf\u00e4lle direkt auf legale oder illegale Jagd zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Ein Freizeitvergn\u00fcgen mit t\u00f6dlicher Schusswaffe<\/p>\n<p>Die Hobby-Jagd wird von ihren Lobbyorganisationen gerne als \u00abkulturelles Erbe\u00bb und \u00abNaturverbundenheit\u00bb verkauft. In der Praxis bedeutet sie:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Menschen mit scharfen Waffen in W\u00e4ldern und Feldern, oft in unmittelbarer N\u00e4he zu D\u00f6rfern, Wanderwegen, Reit- und Fahrradstrecken;<\/li>\n<li>eine Mischung aus Adrenalin, Gruppendruck, unklaren Schussfeldern und teilweise mangelnder Ausbildung;<\/li>\n<li>und ein System, in dem Unf\u00e4lle routinem\u00e4ssig als \u00abtragische Einzelf\u00e4lle\u00bb abgebucht werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gleichzeitig blockieren Jagdverb\u00e4nde in mehreren L\u00e4ndern strengere Regeln, etwa Jagdverbote an Sonn- und Feiertagen oder Pufferzonen um Wohnh\u00e4user, obwohl Verb\u00e4nde von Jagdopfern und Tierschutzorganisationen seit Jahren genau das fordern.<\/p>\n<p>Die t\u00f6dliche Normalit\u00e4t der \u00abHobby-Jagd\u00bb<\/p>\n<p>Der Tod des Hobby-J\u00e4gers in Harchies ist kein Ausnahmefall, sondern Symptom einer Normalit\u00e4t, die man in Europa erstaunlich bereitwillig hinnimmt:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Freizeitj\u00e4ger laufen mit Waffen durch \u00f6ffentliche Landschaften.<\/li>\n<li>Menschen \u2013 Hobby-J\u00e4ger wie Nichtj\u00e4ger \u2013 sterben oder werden schwer verletzt.<\/li>\n<li>Haustiere und Wildtiere werden \u00abversehentlich\u00bb getroffen.<\/li>\n<li>H\u00e4user und Autos werden durch Kugeln besch\u00e4digt.<\/li>\n<li>Und trotzdem gibt es nicht einmal eine europ\u00e4ische Pflicht, diese Vorf\u00e4lle sauber zu erfassen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solange die Hobby-Jagd als Privileg einer lauten Minderheit behandelt wird, statt als Sicherheits- und Tierschutzproblem, werden Meldungen wie aus Harchies, der Toskana oder Katalonien einfach weiterlaufen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen in Europa in der aktuellen Jagdsaison bereits durch die Hobby-Jagd gestorben sind, aber die besten verf\u00fcgbaren Daten deuten darauf hin, dass es auch in diesem Jahr wieder Dutzende sein werden. Und die meisten dieser Todesf\u00e4lle w\u00e4ren vermeidbar, wenn Politik und Gesellschaft den Mut h\u00e4tten, die Hobby-Jagd radikal zu begrenzen oder abzuschaffen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein lokaler Bericht aus einem kleinen Ort an der Grenze, einer von vielen. 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