{"id":62533,"date":"2025-04-26T10:22:11","date_gmt":"2025-04-26T10:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62533\/"},"modified":"2025-04-26T10:22:11","modified_gmt":"2025-04-26T10:22:11","slug":"auswandern-in-usa-nicht-erst-seit-trump-schon-vor-300-jahren-keine-gute-idee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62533\/","title":{"rendered":"Auswandern in USA? Nicht erst seit Trump, schon vor 300 Jahren keine gute Idee"},"content":{"rendered":"<p>  In die USA auswandern? Keine gute Idee, wie die Geschichte eines Berner Patriziers zeigt <\/p>\n<p class=\"headline__lead\">Nicht erst seit Donald Trump, sondern schon vor 300 Jahren wandelte sich Nordamerika von einem Sehnsuchtsland zum Schreckensort zerst\u00f6rter Illusionen. Die Lebensgeschichte des Berner Patriziers Christoph von Graffenried bietet daf\u00fcr ein skurril-erschreckendes Beispiel.<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Christoph von Graffenried und sein Begleiter John Lawson als Gefangene der indigenen Tuscarora, 1711.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5928\" height=\"3648\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/d143f2e2-6708-4fe3-8f80-69c2c242fdba.jpeg\" loading=\"eager\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Christoph von Graffenried und sein Begleiter John Lawson als Gefangene der indigenen Tuscarora, 1711. <\/p>\n<p>Bild: Burgerbibliothek Bern, Wikimedia<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipgfem3k1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text\">Wer heutzutage aus der Schweiz auswandert, ist entweder digitaler Nomade oder Wissenschafterin, Rentner oder Hobby-Gastronomin, hat einfach die Wohlstandsschweiz satt oder will sich unbedingt in einer Reality-Show im TV l\u00e4cherlich machen. Weltgeschichtlich ist das angesichts von Flucht vor Hunger, Krieg und Religionsverfolgung ein unerh\u00f6rtes Privileg \u2013 und eine unglaublich luxuri\u00f6se Option: Reiseversicherung, Visum, Arbeitsbewilligung, Krankenkasse, volles Sparbuch, Sprachschule, Altersvorsorge \u2013 mit zwei Klicks findet man die Checkliste des Bundes. Hilfe bieten auch gerne etliche Versicherungen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipgmj3lk1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Noch im 19. Jahrhundert ist das auch f\u00fcr Schweizer ganz anders: Rund 250\u2019000 Eidgenossen kehren in diesem Zeitraum als Armutsfl\u00fcchtlinge ihrer Heimat den R\u00fccken und erhoffen sich in Amerika ein besseres Leben. Besonders skurril und erschreckend ist jedoch der Fall des Berner Patriziers Christoph von Graffenried, der im Jahr 1710 mit hochtrabender Naivit\u00e4t nach Nordamerika reist: Bei ihm kommen Ruhmsucht und Flucht vor horrender Verschuldung zusammen. Seine grandiose Selbstt\u00e4uschung l\u00f6st einen Krieg aus, er landet fast an einem Marterpfahl und endet nach seiner R\u00fcckkehr in die Schweiz verbittert und gesellschaftlich ge\u00e4chtet. Ein grossartiger Stoff f\u00fcr einen historischen Roman.<\/p>\n<p>Graffenried stolziert am liebsten mit der Lockenper\u00fccke<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphfk5nu1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Graffenried wollte \u00abLandgrave of Carolina\u00bb werden, eine Stadt gr\u00fcnden und dank Silberminen zu m\u00e4rchenhaftem Reichtum gelangen. Nichts davon findet ein gutes Ende. Besser gesagt: fast nichts. Denn seine Stadtgr\u00fcndung hat trotz horrender Anfangsschwierigkeiten Bestand: New Bern ist 315 Jahre nach seiner Gr\u00fcndung eine typisch amerikanische Kleinstadt mit gut 30\u2019000 Einwohnern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Christoph von Graffenried, verewigt auf einem Strassenschild in New Bern.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3358\" height=\"2238\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Christoph von Graffenried, verewigt auf einem Strassenschild in New Bern. <\/p>\n<p>Bild: Andreas Blatter<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipgutpr40\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Von diesem Gl\u00fccksritter Christoph von Graffenried (1661\u20131743) erz\u00e4hlt der neue Roman des Schweizer Schriftstellers Nicolas Ryhiner. Das Material seiner reichen und vielschichtigen historischen Recherche hat er zu einem melancholischen Schelmenroman geb\u00fcndelt. Der tragikomische Held in \u00abGraffenrieds Gr\u00fcndung\u00bb sieht sich als verkannten Friedensbringer, als einen \u00abGutmenschen\u00bb, der unverschuldet Opfer der Umst\u00e4nde und heimt\u00fcckischer Gef\u00e4hrten wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Christoph von Graffenried (1663\u20131719)\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"1426\" height=\"1767\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Christoph von Graffenried (1663\u20131719) <\/p>\n<p>Bild: Burgerbibliothek Bern<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphfnu3l1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Aber Ryhiner stellt ihn auch als einen vor, der es dank seinem Talent des Einschmeichelns sogar bis zur pers\u00f6nlichen Audienz bei der englischen K\u00f6nigin bringt. Und die verleiht ihm dann auch tats\u00e4chlich den Titel \u00abLandgrave of Carolina\u00bb, weil sie in ihm einen erkennt, der ihr vor vielen Jahren beim Tanzen geholfen hat. Eine herrlich romanhafte Ausschm\u00fcckung der historischen Figuren. Kein Wunder, stolziert Graffenried mit seiner Lockenper\u00fccke sogar in Amerika herum. Dies vor allem auf Bittgang beim Gouverneur, denn im neu gegr\u00fcndeten New Bern verhungern seine Siedler fast.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipjes0ju0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Graffenried ist nat\u00fcrlich auch ein Windhund und Ausreisser. Er ist schon Mitte 40, als er seine Frau und seine elf Kinder in Bern zur\u00fcckl\u00e4sst, um sich in Amerika mit dem Titel \u00abLandgrave of Carolina\u00bb als Landesvater, als Sch\u00f6pfer, ja als Allm\u00e4chtiger neu zu erfinden.<\/p>\n<p>Die Gier nach Gold und Silber l\u00f6st einen Indianerkrieg aus<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphdja311\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Das Groteske und das R\u00fchrende halten sich in diesem Roman die Waage. Und weil dieses Buch \u00e4usserst anschaulich die fr\u00fche Kolonisierung Nordamerikas durch Europ\u00e4er beschreibt, liest man auch die Tragik dieser historischen Epoche mit Ersch\u00fctterung. Deshalb ist die Wahl des Stoffs mit Graffenried und New Bern so gut. Die neuen Siedler sind n\u00e4mlich \u00fcberwiegend Wiedert\u00e4ufer, die der Kanton Bern loswerden wollte und abgeschoben hat, sowie deutsche Religionsfl\u00fcchtlinge. Heute w\u00fcrde man ihnen politisches Asyl gew\u00e4hren. Dass nun diese Vertriebenen und Verfolgten ihrerseits die indigenen Irokesen verdr\u00e4ngen, ist die zynische weltgeschichtliche Pointe.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphfph1l0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Nicolas Ryhiner mildert jedoch diese Schuldfrage, indem er in seinem Roman den Ausl\u00f6ser der Trag\u00f6die vor allem der Gier nach Gold und Silber zuschreibt. Denn zun\u00e4chst sind es skrupellose europ\u00e4ische Betr\u00fcger und brutale Goldsch\u00fcrfer, die den Zorn der Indigenen auf sich ziehen. Die Siedler werden erst sp\u00e4ter in den Konflikt hineingezogen \u2013 aufgeputscht durch Gr\u00e4uelgeschichten \u00fcber vermeintlich mordl\u00fcsterne, primitive Indianer. Hier verkn\u00fcpft Ryhiner gekonnt brutale Kolonialgeschichte und Ethnologie.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Nicolas Ryhiner: Graffenrieds Gr\u00fcndung. Roman. Zytglogge, 251 S.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"445\" height=\"719\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>   Nicolas Ryhiner: Graffenrieds Gr\u00fcndung. Roman. Zytglogge, 251 S. <\/p>\n<p>Bild: pd<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphh2v4k1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Der Roman kulminiert schliesslich in der Gefangennahme von Christoph von Graffenried und seinem geldgierigen Begleiter Lawson \u2013 wobei letztlich nur Lawson von den indigenen Tuscarora hingerichtet wird. Nachdem Banditen und Siedler unz\u00e4hlige Indigene ermordet und versklavt haben, mag man die Wut der Tuscarora verstehen. Warum sie Graffenried am Leben liessen, ist historisch umstritten. Er habe sich als K\u00f6nig ausgegeben, sagen die einen Historiker. Andere vermuten, Graffenried habe dank seiner fr\u00fcheren Vermittlungsversuche einen Rest an Respekt beim H\u00e4uptling der Tuscarora bewahrt. Schliesslich sei er immer f\u00fcr gegenseitigen Respekt und fairen Handel eingetreten \u2013 so zumindest das Bild, das Ryhiner in seinem Roman von Graffenried zeichnet. Weshalb dessen Widersacher ihn einmal als einen \u00abGutmenschen\u00bb verspotten.<\/p>\n<p>Der \u00abGutmensch\u00bb mag keine Schulden eintreiben<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphgomt90\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Was man in diesem Roman neben der amerikanischen Kolonialgeschichte auch \u00fcber die Schweiz um 1700 erf\u00e4hrt, wird viele Lesende verbl\u00fcffen. In Bern herrschen die Patrizierfamilien wie selbstgef\u00e4llige Aristokraten. Diese d\u00fcrfen keiner Erwerbsarbeit nachgehen, regieren von ihren Schl\u00f6ssern herab \u00fcber L\u00e4ndereien, m\u00fcssen Steuern eintreiben und verheddern sich in b\u00f6sartigen Erbstreitigkeiten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipjbs86e0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction zephr-article\">Ein \u00abGutmensch\u00bb und Tr\u00e4umer wie Christoph von Graffenried, der S\u00e4umigen immer wieder ihre Schulden erl\u00e4sst, ist darin selbstredend ein kompletter Versager. Das hat grosse satirische Qualit\u00e4ten, und diese Kapitel geh\u00f6ren denn auch zu den besten in Nicolas Ryhiners Roman. Und wenn der von Schulden geplagte Graffenried nur durch Angeberei und unz\u00e4hlige B\u00fccklinge zu neuen Krediten kommt, sp\u00fcrt man die W\u00fcrdelosigkeit dieser feudalen Gesellschaft.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\">Nicolas Ryhiner: Graffenrieds Gr\u00fcndung. Zytglogge, 251 S.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In die USA auswandern? 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