{"id":627241,"date":"2025-12-06T09:36:18","date_gmt":"2025-12-06T09:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/627241\/"},"modified":"2025-12-06T09:36:18","modified_gmt":"2025-12-06T09:36:18","slug":"debatte-follows-form-follows-function-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/627241\/","title":{"rendered":"Debatte follows Form follows Function \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbWenn St\u00e4dte und Gemeinden ein neues Erscheinungsbild pr\u00e4sentieren, ist der Anteil derer, die das neue Design ablehnen, immer gr\u00f6\u00dfer. In den knapp 20 Jahren, die es das Design Tagebuch gibt, wurde hier noch kein Redesign einer Stadt vorgestellt, das im Umfeld von Social Media \u00fcberwiegend positiv aufgenommen wurde.\u00ab \u2013 So schreibt Achim Schaffrinna, Autor und Mitbegr\u00fcnder des Fachblogs \u00bbDesign Tagebuch\u00ab unter der \u00dcberschrift \u00bbDas neue Corporate Design der Stadt Leipzig\u00ab am 10. November.<\/p>\n<p>Als f\u00fcnf Tage zuvor das neue Erscheinungsbild der Stadt vorgestellt wurde, brach unmittelbar das gro\u00dfe Geschrei auf Social Media und in einigen Medien aus. In Zeiten von Krisen, Haushaltssperre und Mittelk\u00fcrzungen l\u00e4sst sich Aufmerksamkeits\u00f6konomie mit unterkomplexen Zusammenh\u00e4ngen in Klickzahlen pr\u00e4mieren. So stellten mehrere Medien wie auch die LVZ einfach das Stadtwappen (\u00bbAlt\u00ab) der aktuellen Wortbildmarke (\u00bbNeu\u00ab) gegen\u00fcber mit der Kostennennung 700.000 Euro \u2013 was suggerierte, dass dies f\u00fcr die Gestaltung des Logos ausgegeben wurde (\u00bbIn Zeiten leerer Kassen!\u00ab). Nahe liegen dann Einw\u00e4nde wie \u00bbDas kann ich auch!\u00ab oder die Auflistung konkreter Sparma\u00dfnahmen und was 700.000 Euro anderswo gebracht h\u00e4tten. <\/p>\n<p>In diesen ersten Meldungen und den entr\u00fcsteten Reaktionen darauf f\u00e4llt auf, dass bei gro\u00dfem Geschrei nur ein kleiner Teil des neuen Erscheinungsbildes \u00fcberhaupt beachtet wurde \u2013 und zum Beispiel nicht die komplexen neuen st\u00e4dtischen Webseiten, f\u00fcr deren Herstellung und Funktionieren die Berliner Agentur Edenspiekermann verantwortlich ist, oder die von Thomas Thiemich und Fred Smeijers eigens entwickelte Schrift \u00bbLeipzig Sans\u00ab. Smeijers unterrichtete lange als Professor der Klasse Type-Design an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst, in der Thiemich wiederum studierte. Beide ver\u00f6ffentlichen Schriften bei dem Fontlabel Type B und haben lokale Bez\u00fcge zum Messelogo und zum Uniriesen in die Gestaltung einflie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>Der MDR listete die Gesamtkosten f\u00fcr das neue Erscheinungsbild auf, die gar nicht 700.000, sondern 672.000 Euro betragen: 60.000 Euro Beratungskosten, 399.000 Euro f\u00fcrs Website-Design, 15.000 Euro f\u00fcrs Logo-Design, 114.000 Euro f\u00fcr die technische Umsetzung und 93.000 Euro f\u00fcr die Schriftherstellung der \u00bbLeipzig Sans\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbOptisch behutsam in die Zukunft f\u00fchren\u00ab<\/p>\n<p>Die Stadtverwaltung w\u00fcnschte sich bei der Beauftragung 2023\/24 ein neues Gesicht und Strukturen f\u00fcr alles von der Stadt im 21. Jahrhundert. Daher hei\u00dft es auch aus dem Rathaus \u2013 wie im Leipziger Amtsblatt Nummer 20 am 8. November 2025 zu lesen ist \u2013: Das neue Erscheinungsbild \u00bbsetzt hohe Standards bei der barrierefreien Kommunikation, schafft bessere und flexiblere Kommunikationswege zu B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern und zeigt durch vereinheitlichte Optik jetzt viel st\u00e4rker, welche Einrichtungen und Angebote st\u00e4dtisch sind.\u00ab Letztlich zeigt das Design bereits, wie sich die Verwaltung die Stadt im 21. Jahrhundert vorstellt \u2013 vielf\u00e4ltig; jedenfalls soll es \u00bboptisch behutsam in die Zukunft f\u00fchren\u00ab.<\/p>\n<p>Und dies zeigt die Homepage der Stadt sehr deutlich. Sie versteht sich nicht als repr\u00e4sentative Schaufl\u00e4che von Leipzig, sondern als Service-Einheit. Bereits der allein auf der Startseite farbig hervorgehobene Begriff \u00bbService-Portal\u00ab zeigt dies an. Wer aufs Men\u00fc klickt, dem f\u00e4llt im Vergleich zur alten Homepage auf, dass auch hier die Interessen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an erster Stelle stehen: Service-Portal, Leben in Leipzig und erst als sechster und letzter Punkt das Rathaus \u2013 die Verwaltung tritt fast in den Hintergrund. Was ebenso besonders an der Seite ist \u2013 und das nicht nur im bundesweiten, sondern auch im internationalen Vergleich \u2013: Sie ist au\u00dfer auf Deutsch auch auf Englisch, Spanisch, Franz\u00f6sisch, Russisch, Ukrainisch und Arabisch sowie in leichter Sprache nutzbar und vorlesbar. <\/p>\n<p>Dieses Prinzip der \u00dcbersichtlichkeit und Benutzbarkeit stellt nicht nur die Website der Stadt dar, sondern beispielsweise auch die mit dem neuen Erscheinungsbild der Stadt ebenfalls neue Seite der St\u00e4dtischen Bibliotheken \u2013 hier sticht sofort \u00bbMein Konto\u00ab in die Augen, was vormals eher unscheinbar auf der Seite stand, aber wichtig ist, um die Abgabefristen der ausgeliehenen B\u00fccher im Blick zu behalten. <\/p>\n<p>Was hier auch auff\u00e4llt: die Farbpalette. Insgesamt zw\u00f6lf Farben sind nun im Einsatz, die \u00bbmehr Vielfalt und Facettenreichtum\u00ab aufzeigen sollen, wobei kr\u00e4ftige Farbt\u00f6ne bei den Oberkategorien verwendet werden und die Unterkategorien auf der Leipzig-Seite dann in helleren Nuancen auftreten. <\/p>\n<p>Die Offenheit in der farbigen Gestaltung und in der Gliederung der Stadtseite findet sich konsequenterweise in der neuen Wortbildmarke, die die Stadt nun anstelle des Wappens benutzt. Und dies stellt nun den Hauptaufreger bei der Vorstellung und der medial verbreiteten Gegen\u00fcberstellung von Alt und Neu dar. Bestehen bleibt das amtliche Hoheitszeichen \u2013 der Mei\u00dfner L\u00f6we mit Landsberger Pf\u00e4hlen \u2013 f\u00fcr Bescheide und Dienstsiegel der Stadt. In Pressemitteilungen und anderen Kommunikationsmitteln wie etwa dem Amtsblatt der Stadt kommt nun der entmilitarisierte und abstraktere L\u00f6we zum Zug; das Tier ist im Unterschied zum L\u00f6wen im Stadtwappen nicht mit Attributen der aggressiven St\u00e4rke \u2013 langen roten Krallen und langer roter Zunge \u2013 ausgestattet. Dies scheint f\u00fcr eine Stadtgesellschaft im 21. Jahrhundert durchaus gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Problem<\/p>\n<p>Gelungen ist bei der Neugestaltung sicher nicht alles. Auf der Homepage der Stadt fallen vor allem die schlimmen Fotografien auf. Sie sind auf keinen Fall identifikationsf\u00f6rderlich, weil austauschbar. In einer Stadt mit einer sehr langen Fotografie-Tradition und einer Kunsthochschule mit dem Fachbereich Fotografie w\u00e4ren individuellere Aufnahmen durchaus m\u00f6glich gewesen. <\/p>\n<p>Das Hauptmanko bei der Neugestaltung stellt aber die fehlende Kommunikation durch die Stadt dar. Wie w\u00e4re die Debatte wohl gelaufen, h\u00e4tte das Rathaus sich etwas Zeit genommen, um \u00fcber die Neuerungen zu informieren, die das Surfen auf den Seiten vereinfachen und serviceorientiert sind? Oder wenn der Pressesprecher der Stadt nicht erst nach dem gro\u00dfen Aufschrei der LVZ ein Interview gegeben h\u00e4tte? Oder wenn jemand gefragt worden w\u00e4re, der sich mit der Gestaltung und der Stadt auskennt, um eine kleine Geschichte des st\u00e4dtischen Erscheinungsbildes \u2013 wie zeigte sich Leipzig wann \u2013 zu ver\u00f6ffentlichen? So h\u00e4tte eine Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber der visuellen Kultur im eigenen Interesse entstehen k\u00f6nnen. Das hat das Referat Kommunikation im Rathaus komplett verschlafen, es h\u00e4tte parallel zur Herstellung des Neuen passieren m\u00fcssen. Ist es aber nicht \u2013 so konnte in ungebremstem Ma\u00dfe eine Welle von r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Argumentationen ebenso losbrechen wie eine Petition.<\/p>\n<p>Gegen alles Neue<\/p>\n<p>Was nun die Reaktionen auf die Vorstellung betrifft, so f\u00e4llt vor allem auf, dass sich die in der aktuellen Krisensituation offensichtliche Angst vor Ver\u00e4nderungen vor allem zu Wort meldet. Heimatstube statt bunter Serviceplattform \u2013 so k\u00f6nnte eine verk\u00fcrzte Zusammenfassung des Aufschreis lauten. <\/p>\n<p>Der Leipziger Fotograf Ron Kuhwede machte bereits einen Tag nach der Ver\u00f6ffentlichung der Neugestaltung mobil und reichte einen Petitionsaufruf unter der \u00dcberschrift \u00bbLeipzig will sein Wappen als Logo zur\u00fcck \u2013 B\u00fcrgerentscheid \u00fcber das neue Stadtlogo\u00ab ein. Wer an dieser Stelle \u00bbLeipzig\u00ab ist und wer nicht, bleibt im Dunklen. Die Abbildung zur Petition zeigt die Gegen\u00fcberstellung vom nach wie vor aktuellen Stadtwappen als amtlichem Hoheitszeichen mit dem im Alltag von nun an anzutreffenden Wortlogo. Letzteres ist mit einem \u00fcberdimensionalen roten Kreuz versehen. Bis zum Redaktionsschluss unterzeichneten 14.000 Leipzigerinnen und Leipziger den Aufruf, der eine R\u00fcckkehr des vermeintlich verlorenen L\u00f6wen ebenso fordert wie eine Beteiligung oder Abstimmung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu einem Logo. Die R\u00fcckkehr zum alten Erscheinungsbild und die Offenlegung der Entscheidungsstrukturen und Kosten ist das Ziel. Weiter ist zu lesen: \u00bbLeipzig steht f\u00fcr Geschichte, Kultur und Selbstbewusstsein \u2013 und das soll auch sein Symbol tun. Ein Wappen ist keine Werbegrafik, sondern ein St\u00fcck Identit\u00e4t.\u00ab Das klingt genau so, wie sich die Gestalterinnen und Gestalter im Auftrag der Stadtverwaltung Leipzig im 21. Jahrhundert nicht vorstellen, denn Leipzig ist keine Trutzburg, sondern muss sich ver\u00e4ndern, um f\u00fcr alle in der Stadtgesellschaft ein Ort zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbWenn St\u00e4dte und Gemeinden ein neues Erscheinungsbild pr\u00e4sentieren, ist der Anteil derer, die das neue Design ablehnen, immer&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":627242,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,4060,3648,859,1108,35631,17075],"class_list":{"0":"post-627241","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-leipzig","12":"tag-lokal","13":"tag-lokalpolitik","14":"tag-sachsen","15":"tag-stadtrat","16":"tag-stadtratssitzung","17":"tag-verwaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115671949894774737","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/627241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=627241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/627241\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/627242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=627241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=627241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=627241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}