{"id":62911,"date":"2025-04-26T13:49:08","date_gmt":"2025-04-26T13:49:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62911\/"},"modified":"2025-04-26T13:49:08","modified_gmt":"2025-04-26T13:49:08","slug":"tahsim-durgun-und-sein-buch-mama-bitte-lern-deutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/62911\/","title":{"rendered":"Tahsim Durgun und sein Buch \u201eMama, bitte lern Deutsch\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Tahsim Durgun, Sohn jesidischer Kurden aus der Ostt\u00fcrkei, ist ein erfolgreicher Youtuber, Instagram-Star, Buchautor und gern gesehener Interviewgast, weil er mit Humor \u00fcber Mi\u00adgration, Rassismus, die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"AfD\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\" data-rtr-score=\"14.519268970997219\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/afd\" title=\"AfD\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AfD<\/a> und Deutschland als Einwanderungsland spricht. Auf Karrieren wie die des Neunundzwanzigj\u00e4hrigen verweisen Politiker gern und sagen: Seht her, in Deutschland bekommt jeder eine Chance. Wenn er nur wolle.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Die Wahrheit ist: Dieses Land und die traumatische Vergangenheit seiner aus ihrer Heimat vor Verfolgung geflohenen Eltern haben es dem in Oldenburg geborenen Tahsim Durgun nicht gerade leicht gemacht, auf die Sonnenseite des gesellschaftlichen Lebens zu wechseln. Von diesem beschwerlichen Weg erz\u00e4hlt Durgun in unverkennbarem Sound in seinem auch als H\u00f6rbuch erschienenen Deb\u00fct \u201eMama, bitte lern Deutsch. Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft\u201c (Droemer Knaur Verlag, 18 Euro; als H\u00f6rbuch ab 9,99 Euro).<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Dass er das H\u00f6rbuch selbst eingelesen hat, versteht sich von selbst. Eine geschliffene Schauspielerstimme h\u00e4tte seine Geschichte blo\u00df verw\u00e4ssert und sie ihrer Authentizit\u00e4t beraubt. Da es bei Durgun viel um die deutsche Sprache als Schl\u00fcssel zur gesellschaftlichen Teilhabe geht, hat er seinen Kapiteln Titel gegeben wie \u201eMama, was sind Alliterationen?\u201c, \u201eMama, was ist eine Metapher?\u201c oder \u201eMama, was sind Nomen?\u201c Das Buch ist auch eine Liebeserkl\u00e4rung an seine Mutter, die, obwohl sie seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, kaum Deutsch spricht und ohne ihre dolmetschenden Kinder im Alltag oft verloren w\u00e4re.<\/p>\n<p>Gebrauchte Spritzen auf dem Spielplatz<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Durgun w\u00e4chst mit seinen Eltern, ei\u00adnem Bruder und zwei Schwestern in ei\u00adnem Oldenburger Wohnblock auf. In der N\u00e4he gibt es einen Supermarkt, eine Anlaufstelle des Deutschen <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Rotes Kreuz\" data-rtr-id=\"13928c8458a00c3b5b1fbbead572551f471d8219\" data-rtr-score=\"10.653555820421136\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/thema\/drk\" title=\"Rotes Kreuz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Roten Kreuzes<\/a>, eine Tafel und einen Spielplatz, auf dem Schnapsflaschen und gebrauchte Spritzen herumliegen. Die Familien aus der Nachbarschaft sind kurdisch, t\u00fcrkisch, russisch oder arabisch. Deutsche leben dort wenige, und wenn, erz\u00e4hlt Durgun, schotteten sie sich ab. Er nennt diesen Ort \u201eGer\u00fcstlandschaft\u201c, und seine H\u00f6rbuchstimme klingt warm und verletzlich, wenn er von dieser Ger\u00fcstlandschaft erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">In der Schule ist Durgun wegen seines Migrationshintergrunds ein Au\u00dfenseiter und hat mit Hamza nur einen Verb\u00fcndeten in der Klasse. Die Mareikes und Svens dominieren das schulische Geschehen und geben den Ton an. Just jene Mareike bricht einmal in Tr\u00e4nen aus, als Durgun \u2013 die Klasse sitzt brav in einem Stuhlkreis und erz\u00e4hlt von ihren Ferienerlebnissen \u2013 berichtet, dass sie bei seinem Onkel auf dem Bauernhof ein Schaf geschlachtet haben. Mareike also schluchzt: \u201eMein Opa hat auch Schafe, und die sind total s\u00fc\u00df, das sind meine Freunde. Macht man das da so, wo ihr herkommt?\u201c Der Unterschied zwischen ihm und den \u201eRieketonias\u201c, so Durgun, sei folgender: \u201eW\u00e4hrend sie Fleisch a\u00dfen, aber mit dem T\u00f6ten der Tiere nichts zu tun haben wollten, wurden wir durch das T\u00f6ten als \u201ar\u00fcckst\u00e4ndig\u2018 bezeichnet. Dabei schlachten wir Tiere nicht, um uns an ihrem Leid zu erfreuen. Wir tun das zu besonderen Anl\u00e4ssen, etwa zum Opferfest oder wenn jemand in der Familie eine Operation \u00fcberstanden hat.\u201c Als Zeichen der Dankbarkeit.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Auf einem Schulbasar, bei dem die M\u00fctter selbst gemachte Speisen anbieten, scharen sich die Frauen um den Stand von Durguns Mutter, r\u00fcmpfen die Nase, fragen skeptisch, welche Zutaten in den Speisen seien, und beschweren sich \u00fcber die Sch\u00e4rfe des Bulgursalats. Die Frau, die jeden Morgen um f\u00fcnf Uhr aufsteht und putzen geht, l\u00e4chelt freundlich, weil sie die Feindseligkeiten nicht versteht. Als Mareikes Mutter schlie\u00dflich den Geschmack des B\u00f6reks lobt, sagt Durgun, um sich zu r\u00e4chen: \u201eDas Tier daf\u00fcr haben wir heute Morgen geschlachtet. War noch ein Baby. Da ist ganz viel Blut rausgekommen. Hat alles vollgespritzt. Nicht wahr, Mama?\u201c<\/p>\n<p>Alltagsrassismus als st\u00e4ndiger Begleiter<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Man k\u00f6nnte \u00fcber Passagen wie diese lachen, spiegelte sich in ihnen nicht ein weit verbreitetes Misstrauen gegen\u00fcber Fremden. Alltagsrassismus ist Durguns st\u00e4n\u00addiger Begleiter. Ob in der Schule oder auf \u00c4mtern. Selbstverst\u00e4ndlich besucht er auf Wunsch seiner Klassenlehrerin den F\u00f6rderunterricht \u2013 und \u201elernt\u201c dort unter anderem, was er als Viertkl\u00e4ssler bereits seit zwei Jahren wei\u00df: was Nomen sind. Ein Austausch mit der Lehrerin findet nicht statt. Durgun bekommt eine Empfehlung f\u00fcr die Hauptschule. Einmal sagt er, er f\u00fchle sich, als lade er Deutschland immer wieder zu seinem Kindergeburtstag ein \u2013 und Deutschland sage immer wieder ab.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Die Heldin dieses Buches ist Durguns Mutter, die in ihrer eigenen Sprache den Platz der Poetin innerhalb der Familie einnimmt. \u00dcber sie zu schreiben, hei\u00dft f\u00fcr Durgun, sie besser zu verstehen und gleichzeitig Deutschland zu erkl\u00e4ren. Wenn nicht er das tue, ihr Sohn, \u201edann macht das einer wie Friedrich Merz bei \u201ahart aber fair\u2018, und das m\u00f6chte ich ihr \u2013 eigentlich uns allen \u2013 ersparen.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Denn jeder, so der Autor, kenne eine Person wie seine Mutter. Die sch\u00fcchterne, aber freundliche Frau, die abends das B\u00fcro putzt? Seine Mutter. Die penetrant laute Person an der Bushaltestelle, die Sonnenblumenkerne knackt? Seine Mutter. Eine Frau, die als \u201eNebendarstellerin\u201c un\u00adserer Gesellschaft wahrgenommen wird? Seine Mutter. Er \u00fcbersetzt f\u00fcr sie die Aldi-Prospekte, begleitet sie zum Arzt und zu Beh\u00f6rden. Eines Tages kommt ein Brief, wieder muss Durgun \u00fcbersetzen: \u201eWiderruf der Asylberechtigung\/Fl\u00fcchtlingseigenschaft\u201c. In der T\u00fcrkei liege keine grunds\u00e4tzliche Verfolgung der Jesiden mehr vor, weshalb beabsichtigt sei, die asylrechtliche Beg\u00fcnstigung zu widerrufen. Innerhalb einer vierw\u00f6chigen Frist k\u00f6nnten Durgun und seine Geschwister dazu Stellung beziehen. Pl\u00f6tzlich droht ihm, der in Deutschland geboren und dessen l\u00e4ngste Reise nach Hannover gewesen ist, die Abschiebung. Durgun vereinbart einen Termin bei der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde und sitzt schlie\u00dflich gemeinsam mit seiner Mutter und der Schwester vor einer \u00fcberkorrekten Sachbearbeiterin, die Dem\u00fc\u00adtigungen zu genie\u00dfen scheint: Mareikes Mutter.<\/p>\n<p>Die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Von diesem Tag an trainierte Durgun f\u00fcr die Besuche bei der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde so hart wie f\u00fcr einen Leistungssport. \u201eIch lernte intensiver Deutsch. Ich begann, B\u00fccher zu lesen \u2013 und irgendwann auch Zeitungen. Nicht weil diese Medien das \u201a1\u00d71 How to Survive Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde\u2018 enthielten, sondern weil ich mir die Sprache der Menschen aneignen wollte, die \u00fcber uns verf\u00fcgen konnten. Ich wollte daf\u00fcr sorgen, dass ich, dass wir irgendwann genug sein w\u00fcrden.\u201c Es gelingt ihm. Inzwischen hat Durgun die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-60d82184=\"\">Wer nie wie Tahsim Durgun und seine Familie Ausgrenzung erlebt hat, wer nie wegen seiner Herkunft diskriminiert und rassistisch beleidigt wurde, kann die Angst vor Abschiebung und die Existenz am Rande der Gesellschaft als Unsichtbarer nicht nachempfinden. Aber das muss man auch gar nicht. Es w\u00e4re schon ein Anfang, Tahsim Durgun zuzuh\u00f6ren. Mit \u201eMama, bitte lern Deutsch\u201c geht er von November an auf B\u00fchnentour.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tahsim Durgun, Sohn jesidischer Kurden aus der Ostt\u00fcrkei, ist ein erfolgreicher Youtuber, Instagram-Star, Buchautor und gern gesehener Interviewgast,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":62912,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-62911","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114404587223547198","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62911","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62911"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62911\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/62912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}