{"id":629829,"date":"2025-12-07T12:22:21","date_gmt":"2025-12-07T12:22:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/629829\/"},"modified":"2025-12-07T12:22:21","modified_gmt":"2025-12-07T12:22:21","slug":"krach-im-postamt-neustadt-gefluester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/629829\/","title":{"rendered":"Krach im Postamt &#8211; Neustadt-Gefl\u00fcster"},"content":{"rendered":"<p>Als der Beamte Erich Sass des ehemaligen Kaiserlichen Milit\u00e4rpostamtes 15 auf der K\u00f6nigsbr\u00fccker Stra\u00dfe 90 in der Dresdner Albertstadt aufblickte, seufzte er h\u00f6rbar. An diesem Sonnabend, der tr\u00fcbe Dezembertag vor Nikolaus, war die Schlange noch lang. Und das eine halbe Stunde vor Schalterschluss, was f\u00fcr ihn wieder \u00dcberstunden bedeutete. Und so wies er seinen Lehrling Friedrich mit ruhigem Ton an, die Eingangst\u00fcr abzuschlie\u00dfen und jeden abzuweisen, der jetzt noch Einlass erbat.<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-12-05-Strassenbahn-am-Arsenal-Koenigsbruecker-Strasse-Postkarte-um-1909.jpg\" alt=\"Stra\u00dfenbahn am Arsenal K\u00f6nigsbr\u00fccker Stra\u00dfe. In ungef\u00e4hr dieser H\u00f6he befand sich seinerzeit das Milit\u00e4rpostamt 15. Foto: Archiv Altes Dresden\" width=\"1907\" height=\"1073\" class=\"size-full wp-image-233667\"  \/>Stra\u00dfenbahn am Arsenal K\u00f6nigsbr\u00fccker Stra\u00dfe. In ungef\u00e4hr dieser H\u00f6he befand sich seinerzeit das Milit\u00e4rpostamt 15. Foto: Archiv Altes Dresden <a href=\"https:\/\/www.altesdresden.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">altesdresden.de<\/a>\n<\/p>\n<p>Als n\u00e4chsten Kunden hatte er einen \u00e4lteren Herrn vor sich, dem Aussehen nach ein wohlhabender Pension\u00e4r. Dieser \u00fcberreichte ihm einen Brief, den er per Einschreiben zu bef\u00f6rdern w\u00fcnschte.1\n<\/p>\n<p>Sass schaute auf die Adresse. \u201eMacht 85 Pfennig, mein Herr\u201c, antwortete er und wartete auf das Geld. Doch der Kunde z\u00f6gerte und Sass hob seine linke Augenbraue irritiert nach oben.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-12-05-Kaiserliches-Postamt-15-Siegel-1914.jpg\" alt=\"Kaiserlich Deutsches Postamt 15 - Dresden-Neustadt - zeitgen\u00f6ssische Siegelmarke - Foto: Archiv Altes Dresden\" width=\"1500\" height=\"1027\" class=\"size-full wp-image-233669\"  \/>Kaiserlich Deutsches Postamt 15 \u2013 Dresden-Neustadt \u2013 zeitgen\u00f6ssische Siegelmarke \u2013 Foto: Archiv Altes Dresden\n<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen Sie, werter Herr Postbeamter\u201c, antwortete der Pension\u00e4r und ehemalige Regierungsinspektor a.D. der K\u00f6niglich-S\u00e4chsischen Armee, Ludwig Steinhag, h\u00f6flich. \u201eDas ist wohl zu teuer. Dieses Einschreiben geht meines Wissens zum Inlandstarif.\u201c<\/p>\n<p>Der Postbeamte Sass schaute auf und dem Steinhag lange in die Augen und merkte, dass es dem Kunden ernst war. \u201eNein, nein, mein Herr. Da irrt sich Ihr Wissen gewaltig. Der Brief geht doch nach Kowno. Und das ist eindeutig Ausland.\u201c\n<\/p>\n<p>Doch Steinhag lie\u00df nicht locker. \u201eDas ist wie Inland!\u201c, beharrte er etwas bestimmter im Ton.\n<\/p>\n<p>\u201eWas? Wie Finnland?\u201c, erwiderte Sass grinsend mit einem Wortspiel. \u201eSie sind witzig, mein Herr. Finnland ist eindeutig Ausland und zwar sehr eindeutig. Also, wollen Sie den Brief nun per Einschreiben losschicken oder nicht?\u201c\n<\/p>\n<p>Die in der Schlange wartenden Kunden wurden unruhig. <\/p>\n<p>Doch der pensionierte Regierungsinspektor lie\u00df nicht locker. \u201eErstens liegt Kowno nicht in Finnland, sondern in Litauen und nennt sich heute Kaunas. Und zweitens gilt f\u00fcr bestimmte Gegenden in Litauen der deutsche Inlandstarif. Und nun machen Sie schon. Ich habe nicht die Absicht, meinen Sonnabendnachmittag hier im Postamt 15 zu verbringen.\u201c\n<\/p>\n<p>Ein anderer Kunde, der weiter hinten stand, rief entnervt, dass der Auslandstarif gelte, weil ein Postbeamter immer Recht habe. Doch die Dame, Traudel Esche mit Namen und wohnhaft auf der K\u00f6nig-Georg-Allee2, widersprach dem Zwischenrufer hinter ihr. \u201eNein, nein, Sie haben nicht recht. Das \u00d6rtchen liegt wohl in Ostpreu\u00dfen. Und da gilt der Inlandstarif.\u201c Dem stimmte ein anderer Herr, der in der Reihe weiter hinten stand, zu.\n<\/p>\n<p>Inzwischen brach eine an Lautst\u00e4rke zunehmende Diskussion in der Kundenschlange los und spaltete diese. F\u00fcr die einen galt der Inlandstarif und nicht der doppelte Auslandstarif. Ein anderer Kunde weiter hinten fuchtelte erregt mit seinen Armen herum, so dass er einer Dame vor ihm den Hut vom Kopf riss. Diese kreischte w\u00fctend auf und klatschte dem Mann hinter ihr heftig ins Gesicht.\n<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00e4llt Ihnen ein, mich zu begrapschen, Sie Frauensch\u00e4nder\u201c, rief sie und schlug noch einmal zu.\n<\/p>\n<p>Der geschlagene Mann gab sich geschlagen und verlie\u00df das Postamt unter w\u00fcsten Beschimpfungen, dass diese Zeiten, wo sich Frauen alles erlauben d\u00fcrften, \u00fcbel f\u00fcr das Vaterland seien, sie sich lieber um Haushalt und Kinder k\u00fcmmern sollten und dieses Verhalten die Frucht des verlorenen Krieges und des Dolchsto\u00dfes der sowjetverseuchten Arbeiterschaft sei.\n<\/p>\n<p>Auch diese Auseinandersetzung spaltete die Kundenschlange im ehemaligen Milit\u00e4rpostamt 15.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-12-05-Schmidts-Restaurant-Koenig-Georg-Allee-15-Ecke-Oppelstrasse-Postkarte-1907.jpg\" alt=\"Die zeitgen\u00f6ssische Postkarte zeigt Schmidts Restaurant - an der Prinz-Georg-Allee 15 (heute Stauffenbergallee), Ecke Oppelstrasse (heute Rudolf-Leonhard-Stra\u00dfe).\" width=\"968\" height=\"649\" class=\"size-full wp-image-233672\"  \/>Die zeitgen\u00f6ssische Postkarte zeigt Schmidts Restaurant \u2013 an der Prinz-Georg-Allee 15 (heute Stauffenbergallee), Ecke Oppelstrasse (heute Rudolf-Leonhard-Stra\u00dfe).\n<\/p>\n<p>Doch der Postbeamte forderte mit kr\u00e4ftiger tiefer Stimme Ruhe, sonst schlie\u00dfe er das Amt und bediene nicht weiter. Als Ruhe einkehrte, wandte er sich wieder seinem Kunden mit dem Einschreiben zu und beharrte mit ernstem Ton auf seine Entscheidung.\n<\/p>\n<p>\u201eAlso, Kowno ist nicht Ostpreu\u00dfen, sondern Litauen. Und Litauen ist als eigenst\u00e4ndige Republik Ausland. Und Ausland hat doppelten Tarif. Also zahlen Sie doppeltes Porto f\u00fcr ein Einschreiben.\u201c\n<\/p>\n<p>Doch Ludwig Steinhag blieb st\u00f6rrisch bei seiner Meinung und pochte weiter auf den Inlandstarif. W\u00fctende Blicke erntete er vom Schalterbeamten. W\u00fctende \u00c4u\u00dferungen kamen auch aus der Schlange hinter ihm. Ein Kind quengelte an der Hand seiner Mutter. Andere riefen, er m\u00f6ge endlich bezahlen und dann verschwinden. Ein bulliger Typ drohte ihm Schl\u00e4ge an. Und als eine Dame im neusten Schick zaghaft meinte, dass der Regierungsinspektor a. D. doch auch Recht haben k\u00f6nnte, weil sie sich an den Erdkundeunterricht in der Schule erinnern konnte, dass Kowno die russische Bezeichnung f\u00fcr das litauische Kaunas sei und 1915 im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt wurde.3 Die Litauer machten im Februar 1918 Kowno\/Kaunas zur Hauptstadt ihrer Republik, nachdem die eigentliche Hauptstadt Vilnius von polnischen Truppen besetzt wurde.4\n<\/p>\n<p>Trotzdem ging der Streit unter den Kunden weiter.\n<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich lenkte Erich Sass scheinbar ein und best\u00e4tigte, dass Kowno in Litauen, also im Ausland l\u00e4ge und jetzt Kaunas hei\u00dfe. \u201eAber trotzdem gelte f\u00fcr den Brief dorthin der Auslandstarif.\u201c\n<\/p>\n<p>Nun brach wieder ein Tumult aus, weil die einen davon ausgingen, dass immer noch das deutsche Besatzungsrecht f\u00fcr Kowno\/Kaunas gelte und damit der Inlandtarif und die anderen sagten, dass die Stadt eindeutig zum unabh\u00e4ngigen Litauen geh\u00f6re. Und eine dritte Partei entstand, die fordere, der Steinhag m\u00f6ge sich mit seinem Brief zum Teufel scheren. Schlie\u00dflich warte ein vorweihnachtlicher Sonnabend und der Nikolaus verlange f\u00fcr die Kinder entsprechende Vorbereitungen. Die Sache schien ziemlich verfahren.\n<\/p>\n<p>Da hatte Traudel Esche, die bisher geduldig hinter der Regierungsinspektor a. D. stand, die z\u00fcndende Idee. Der Postbeamte m\u00f6ge doch bitte in den Tarifrichtlinien der Post nachschauen, welcher Tarif f\u00fcr diesen konkreten Fall nun gelte. Damit k\u00f6nne qua Amt der uns\u00e4gliche Streit beigelegt werden, da die deutsche B\u00fcrokratie immer Recht habe.\n<\/p>\n<p>Erich Sass, der Schalterbeamte, schalt sich einen Deppen, weil er auf diese L\u00f6sung nicht selbst gekommen sei. Eine angespannte Stille herrschte nun im Milit\u00e4rpostamt 15. Das Bl\u00e4ttern in den Tarifrichtlinien der Post war bis zum letzten Kunden in der Reihe zu vernehmen.<br \/>Dann zeichnete sich ein L\u00e4cheln im Gesicht des Beamten ab. Doch der Regierungsinspektor a. D. lie\u00df sich nicht vom freudigen Ausdruck des Beamten einsch\u00fcchtern und l\u00e4chelte ebenfalls.\n<\/p>\n<p>\u201eMein lieber Herr, Kowno\/Kaunas liegt in Litauen und demnach im Ausland.\u201c\n<\/p>\n<p>Dann machte er eine kleine Pause. \u201eAber wegen der von 1915 bis 1918 erfolgten Besetzung der Stadt durch die deutschen Truppen gilt f\u00fcr Kowno oder heute Kaunas nach wie vor der Inlandstarif.\u201c Beifall brandete ob der verquickten L\u00f6sung des Problems auf.\n<\/p>\n<p>Nun ging es ganz schnell. Ludwig Steinhag bezahlte sein Einschreiben nach Inlandstarif. Und rasch wurden anschlie\u00dfend die Kunden der Schlange mit ihren Belangen bedient. Lehrling Friedrich schloss aufatmend hinter dem letzten Kunden und trotz Versp\u00e4tung f\u00fcr diese Woche das Postamt um 15 Uhr ab.\n<\/p>\n<p>Anmerkungen des Autors<\/p>\n<p>1 Dresdner Nachrichten vom 3. Dezember 1925<br \/>2 heute Stauffenbergallee<br \/>3 W\u00e4hrend der NS-Besatzung im Zweiten Weltkrieg hatte Kaunas den deutschen Namen \u201eKauen\u201c. So hie\u00df die Stadt auch zu Zeiten als Mitglied der Hanse und sp\u00e4ter der Herrschaft des Deutschen Ordens. 1918 bis 1939 war Kaunas Litauens Hauptstadt. Die Hauptstadt und Regierungssitz ist heute Vilnius. Litauen ist Mitglied der EU und der NATO.<br \/>4 Geschichte Litauen im \u201eInfoportal \u00f6stliches Europa\u201c der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung Baden-W\u00fcrttemberg\n<\/p>\n<p>Unter der Rubrik <a href=\"https:\/\/www.neustadt-ticker.de\/category\/alltag\/vor-100-jahren\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eVor 100 Jahren\u201c<\/a> ver\u00f6ffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Daf\u00fcr durchst\u00f6bert der Dresdner Schriftsteller und Journalist <a href=\"https:\/\/www.neustadt-ticker.de\/233258\/alltag\/kultur\/mannsbilder-heinz-kulbs-dritter-streich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heinz Kulb<\/a> die Zeitungsarchive in der S\u00e4chsischen Landes- und Universit\u00e4tsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einfl\u00fcssen verwebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als der Beamte Erich Sass des ehemaligen Kaiserlichen Milit\u00e4rpostamtes 15 auf der K\u00f6nigsbr\u00fccker Stra\u00dfe 90 in der Dresdner&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":629830,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1835],"tags":[3364,29,2386,30,27052,142492,4229,859,148812],"class_list":{"0":"post-629829","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-dresden","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-dresden","11":"tag-germany","12":"tag-heinz","13":"tag-kulb","14":"tag-neustadt","15":"tag-sachsen","16":"tag-vor-100-jahren"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115678266816478835","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/629829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=629829"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/629829\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/629830"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=629829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=629829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=629829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}