{"id":633182,"date":"2025-12-08T22:03:17","date_gmt":"2025-12-08T22:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633182\/"},"modified":"2025-12-08T22:03:17","modified_gmt":"2025-12-08T22:03:17","slug":"pariser-kommune-wie-eine-gruppe-maler-den-impressionismus-erfand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633182\/","title":{"rendered":"Pariser Kommune: Wie eine Gruppe Maler den Impressionismus erfand"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Als Sebastian Smees Buch \u201eParis in Ruins. The Siege, the Commune and the Birth of Impressionism\u201c voriges Jahr in den Vereinigten Staaten erschien, j\u00e4hrte sich zum 150. Mal die erste Sezessions-Ausstellung, die im Atelier des Fotografen Nadar am Boulevard des Capucines stattfand. Der 15. April 1874 gilt deswegen als Geburtsstunde des Impressionismus, daf\u00fcr stehen heute die Namen Degas, Monet, Pissarro, Renoir, Sisley und, als einzige Frau, Berthe Morisot. In den Mittelpunkt seiner gro\u00df angelegten Erz\u00e4hlung stellt Smee aber <a data-rtr-index=\"13\" title=\"\u00c9douard Manet\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/edouard-manet\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00c9douard Manet<\/a>, den gewiss ma\u00dfgeblichen Wegbereiter des Impressionismus (der sich allerdings weigerte, an dieser Schau teilzunehmen), und Berthe Morisot.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Keineswegs zeigt Smee das f\u00fcr Frankreich, vor allem f\u00fcr Paris \u201eschreckliche Jahr\u201c 1870\/71 allein aus der Sicht dieser zwei K\u00fcnstler, die in der Stadt geblieben waren und so zu Zeugen der Wirren und Gr\u00e4uel wurden. Vielmehr entsteht ein Panorama, nicht im Stil eines Historiengem\u00e4ldes staatstragender Machart, sondern im Sinne eines hierarchiefreien Tableaus, auf dem er die Personen und Ereignisse ins Licht setzt, wie es f\u00fcr die Werke der dann Impressionisten Genannten charakteristisch ist.<\/p>\n<p>Biografien und Geschichte eng verkn\u00fcpft<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Detailreich, nachgerade filmisch schildert er, beginnend mit dem Jahr 1869, die gesellschaftliche Entwicklung unter dem ungl\u00fccklich agierenden Kaiser Napoleon III. und seiner Regierung, die am 19. Juli 1870 Preu\u00dfen und dem Norddeutschen Bund den Krieg erkl\u00e4rten und damit ihren Teil zur Katastrophe des Deutsch-Franz\u00f6sischen Kriegs beitrugen. Er beschreibt die schrecklichen Auswirkungen der Belagerung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung von Paris, den daraus folgenden Aufstand der Kommune, der zur Durchsetzung der Republik im M\u00e4rz 1871 f\u00fchrte, und dessen Niederschlagung in der \u201eBlutigen Woche\u201c vom 21. bis 28. Mai 1871 durch die Truppen der franz\u00f6sischen Regierung \u2013 von furchtbarer Grausamkeit begleitet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Sebastian Smee: \u201eParis im Aufruhr\u201c. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus.\" height=\"1293\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/sebastian-smee-paris-im.webp.webp\" width=\"815\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Sebastian Smee: \u201eParis im Aufruhr\u201c. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus.Insel<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Was das Buch so mitrei\u00dfend macht, ist die Verkn\u00fcpfung der Biographien von Morisot und Manet (auch einiger anderer K\u00fcnstler, wie des radikalisierten, aber doch auch geschmeidigen Realismus-Protagonisten Gustave Courbet) mit dem Untergang des Second Em\u00adpire, dem Erstarken der Republik und dem Erwachen des <a data-rtr-index=\"3\" title=\"Impressionismus\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/impressionismus\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Impressionismus<\/a> als Stilrichtung.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Sorgf\u00e4ltig wendet Smee sich Berthe Morisot zu. Die junge Malerin hatte bereits Erfolge \u2013 schon seit 1864 konnte sie, wie auch ihre Schwester Edma, Gem\u00e4lde in den Pariser Salons pr\u00e4sentieren. Doch noch war sie, in ihrem gut situierten Elternhaus lebend, nicht an ihrem Ziel angekommen, das sie in einem Brief an Edma klar formulierte: \u201eich hoffe, dass du dich in meine Lage versetzen kannst und verstehst, dass die Arbeit mein einziger Daseinszweck ist\u201c. \u201eDie Botschaft war klar\u201c, kommentiert Smee, \u201eBerthe Morisot wollte die Malerei zu ihrem Beruf machen.\u201c Er zeigt, wie sehr Morisot unter ihrer strukturellen Benachteiligung als Frau litt, die sie als ernsthafte K\u00fcnstlerin und unverheiratete Frau, als \u201evieille fille\u201c, in eine nicht nur finanziell prek\u00e4re Lage h\u00e4tte bringen k\u00f6nnen. Das Schicksal blieb ihr erspart; sie heiratete 1874 Manets Bruder Eug\u00e8ne, der sie auch in ihrer Malarbeit unterst\u00fctzte, und brachte 1878 die Tochter Julie zur Welt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Mit dem in Gesellschaft gewandten \u2013 auch er geh\u00f6rte einer wohlhabenden Familie an \u2013, neun Jahre \u00e4lteren und verheirateten \u00c9douard Manet, dessen \u201eunfertiger\u201c Malstil im Aufbruch zu einer neuen Freiheit bei den konservativen Kunstrichtern auf Ablehnung und Unmut stie\u00df, verband sie eine vielleicht nicht nur k\u00fcnstlerische N\u00e4he.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">So war es f\u00fcr sie eine harte Erfahrung, als Manet im f\u00fcr Morisot von depressiver Verstimmung verd\u00fcsterten Jahr 1870 in ihr fast fertiges, intimes Gem\u00e4lde \u201eLa Lecture\u201c, das ihre Mutter und Schwester beim Lesen zeigt, eingriff: Er nahm sich einen ihrer Pinsel, und \u201eals er einmal angefangen hatte\u201c, schreibt sie an Edma, \u201ekonnte ihn nichts mehr aufhalten; vom Rock ging er zur B\u00fcste weiter, von der B\u00fcste zum Kopf, vom Kopf zum Hintergrund. Er machte tausend Scherze, lachte wie ein Verr\u00fcckter, reichte mir die Palette, nahm sie mir wieder aus der Hand. Um f\u00fcnf Uhr nachmittags hatten wir schlie\u00dflich die h\u00fcbscheste Karikatur aller Zeiten gemalt.\u201c<\/p>\n<p>Die Zartheit der Portraits<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das war zweifellos ein \u00dcbergriff, ein Akt von Mansplaining. Dennoch entstand nach dem Ende des Aufstands in Paris vor\u00fcbergehend eine eher noch engere Verbindung zwischen Morisot und Manet \u2013 eine k\u00fcnstlerische Einflussnahme, die sichtbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Manet malte bezaubernde Portr\u00e4ts von Morisot, in denen ihr Duktus erkennbar wird. Ihre Beherrschung des Lichteinfalls und der Farbe, die hart erk\u00e4mpfte Leichtigkeit der Pinself\u00fchrung, ihr Mut, im Bild die Intimit\u00e4t reiner Gegenwart festzuhalten, stellte sie schlie\u00dflich auf Augenh\u00f6he mit ihren Kollegen Monet und Renoir, als bedeutende Protagonistin des Impressionismus. Ob Smee mit seiner Annahme recht hat, dass Morisot in Manet verliebt war \u2013 und vice versa \u2013, ist mit Dokumenten nicht zu untermauern. Es sei denn, man l\u00e4sst die Zartheit der Portr\u00e4ts, die er von ihr malte, als Beleg gelten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Manet griff freim\u00fctig in den Malprozess ein: Berthe Morisot, La Lecture (1869\/1870)\" height=\"2985\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/manet-griff-freimuetig-in-den.webp.webp\" width=\"2360\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Manet griff freim\u00fctig in den Malprozess ein: Berthe Morisot, La Lecture (1869\/1870)picture alliance\/dpa\/MAXPPP<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die meisten j\u00fcngeren franz\u00f6sischen K\u00fcnstler, auch Morisot, standen auf der Seite der Republik. \u00c9douard Manet und sein Freund und Konkurrent Edgar Degas lie\u00dfen sich sogar f\u00fcr die Nationalgarde rekrutieren. \u201eDie beiden Maler waren Pa\u00adtrioten\u201c, schreibt Smee, \u201eund hielten es f\u00fcr ihre Pflicht, die junge Republik zu verteidigen.\u201c Die Bedrohung best\u00e4rkte sie im Gef\u00fchl, richtig zu handeln. Allerdings ging Manet schlie\u00dflich auf Distanz zu Teilen der Pariser Kommune: \u201eDas blutr\u00fcnstige Vorgehen der Radikalen, so seine Bef\u00fcrchtung, habe eine Idee, die in der \u00d6ffentlichkeit gro\u00dfen Zuspruch gefunden hatte, nahezu zerst\u00f6rt, n\u00e4mlich die Vorstellung, das einzige geeignete Regierungssystem f\u00fcr ,anst\u00e4ndige, friedliche, intelligente Menschen\u2018 sei die Republik.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nach dem Ende des Chaos vertraten das konservative Kunst-Establishment wie auch die Nationalversammlung die Besinnung auf die \u00fcberkommene Haltung, die der klassische Salon erf\u00fcllen sollte. Gegen dieses Programm trat die erste Ausstellung der Sezessionisten 1874 an, als Feier des freien Lichts, zugleich Zeichen eines demokratischen Aufbruchs (es gab auch keine beschr\u00e4nkte Zulassung): \u201eDie Ereignisse der j\u00fcngsten Vergangenheit flossen in verschiedener Form in die Arbeiten der neuen Maler ein, aber ihr vielleicht wichtigstes Thema war das Gef\u00fchl der Verg\u00e4nglichkeit, das in ihren Bildern allgegenw\u00e4rtig war.\u201c Und, so Smee weiter, \u201ebewusst oder unbewusst \u2013 ein tiefes Gef\u00fchl der existenziellen Zerbrechlichkeit. Am wichtigsten war ihnen Aufrichtigkeit.\u201c Gegen Manets Rat \u2013 vielleicht f\u00fcrchtete er, sie k\u00f6nne sich damit als schon etablierte K\u00fcnstlerin diskreditieren \u2013 reichte Berthe Morisot einige Werke ein.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Sebastian Smee, der in Australien geborene Pulitzer-Preistr\u00e4ger und Kritiker der \u201eWashington Post\u201c, hat sein fast 500 Seiten langes Buch ganz ohne Anmerkungen verfasst. Er verschr\u00e4nkt nicht nur das Aufkommen und Erstarken des neuen, so fl\u00fcchtigen Malstils mit dem Geschehen in Paris, sondern es gelingt ihm, was er vorsichtig in den Quellenhinweisen am Ende als \u201eVersuch\u201c bezeichnet, \u201eGeschichte, Biographie sowie Milit\u00e4r- und Sozialgeschichte miteinander zu verflechten\u201c. Dort nennt er die f\u00fcr ihn wichtigsten Titel, die auch in einer Bi\u00adbliographie zusammengefasst sind, und dort ist auch ein Personen- und Werkregister aufgef\u00fchrt. Er schreibt in einem angenehm k\u00fchlen Stil, den auch die \u00dcbersetzung von Stephan Gebauer zu vermitteln wei\u00df. Wo seine Sympathien liegen, wird klar. Doch er urteilt ohne pers\u00f6nliche Emphase, was den Erkenntnisgewinn und nicht zuletzt das Lesevergn\u00fcgen befl\u00fcgelt.<\/p>\n<p><strong>Sebastian Smee: \u201eParis im Aufruhr\u201c. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus.<\/strong> Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Insel Verlag, Berlin 2025. 495 S., Abb., geb., 30,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Sebastian Smees Buch \u201eParis in Ruins. The Siege, the Commune and the Birth of Impressionism\u201c voriges Jahr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":633183,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-633182","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115686212096322592","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=633182"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633182\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/633183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=633182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=633182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=633182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}