{"id":633302,"date":"2025-12-08T23:17:18","date_gmt":"2025-12-08T23:17:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633302\/"},"modified":"2025-12-08T23:17:18","modified_gmt":"2025-12-08T23:17:18","slug":"mozarts-mitridate-an-der-oper-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633302\/","title":{"rendered":"Mozarts \u201eMitridate\u201c an der Oper Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Jahr 1770 hielt f\u00fcr den vierzehnj\u00e4hrigen <a data-rtr-index=\"0\" title=\"Wolfgang Amad\u00e9 Mozart\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/wolfgang-amadeus-mozart\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wolfgang Amad\u00e9 Mozart<\/a> eine unerwartete seelische Ersch\u00fctterung bereit: Jemand, der nicht zur Familie geh\u00f6rte, weinte um ihn und konnte sich nicht von ihm trennen. In Florenz hatte Mozart den gleichaltrigen Thomas Linley kennengelernt, einen hochbegabten Geiger und Komponisten aus England. Die beiden Jungen konnten von Anfang an nicht mehr voneinander lassen. Endlich hatten sie einen Gleichaltrigen gefunden, mit dem sie sich austauschen konnten. Im Haus der Florentiner Dichterin Corilla Olimpica machten sie bis zu f\u00fcnf Stunden hintereinander gemeinsam Musik: Linley auf der Geige, Mozart auf dem Cembalo.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Leopold Mozart schreibt sp\u00e4ter an seine Frau: \u201eDiese 2 Knaben producirten sich wechselweise den ganzen Abend unter best\u00e4ndigen Umarmungen.\u201c Beides, das Musizieren und das Umarmen, h\u00f6rte tagelang \u2013 zur Verwunderung des Mozart-Vaters \u2013 nicht auf. \u201eDer kleine Tomaso begleitete uns nach Hause und weinte die bittersten Tr\u00e4nen, weil wir Tags darauf abreiseten. Da er aber vernahm, dass unsere Abreise erst auf den Mittag vestgestellt seye, so kamm er morgens um 9 Uhr und gab dem Wolfg: unter vielen Umarmungen folgende Poesie, die die Corilla den Abend vorhero ihm noch machen musste und dann begleitete er unseren Wagen bis zum Stadtthore.\u201c<\/p>\n<p>Gedicht als Liebeserkl\u00e4rung zwischen Vierzehnj\u00e4hrigen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die \u201ePoesie\u201c, die Linley bei Corilla in Auftrag gab, beginnt mit den Worten: \u201eSeit das Schicksal mich von Dir getrennt, kann ich Dir nur noch in meinen Gedanken folgen und Freude und Lachen wird sich in Klage wandeln, doch inmitten der Klage hoffe ich, Dich wiederzusehen.\u201c Und sie endet mit den Zeilen: \u201eGeben die G\u00f6tter, dass Du aus Deinem Herzen nie Mich vertreibst! Ich werde Dich immer lieben und immerfort Deinem K\u00f6nnen nacheifern.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das war im April. Im Dezember wurde in Mailand Mozarts Oper \u201eMitridate, re di Ponto\u201c uraufgef\u00fchrt. Ihre sch\u00f6nste Musik sind die Arien und Duette von Aspasia und Sifare, die voneinander Abschied nehmen m\u00fcssen, weil Sifares Vater es so will. Mozart schreibt f\u00fcr zwei gleiche Stimmen: beides Sopran. Er hat weder das Libretto noch die Besetzung selbst gew\u00e4hlt. Aber aus seiner Erfahrung sch\u00f6pfen \u2013 das konnte er nun in neuer Weise. War er bislang das Wunderkind, das sich mit allen Kunstregeln auskennt, meldet sich nun ein Mensch, der den Zustand, sich nicht mehr auszukennen, in Musik fasst. Pl\u00f6tzlich, in Sifares Arie \u201eLungi da te, mio bene\u201c, \u00fcberfallen uns das traurige D-Dur mit tr\u00f6stlichem Solohorn, das schwebende h-Moll, das so oft die Subdominante G-Dur ersetzt, die chromatischen Ansch\u00e4rfungen der Sehnsucht in der Gesangslinie.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"DSGVO Platzhalter\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/gdpr-layer.webp.webp\" loading=\"lazy\" class=\"absolute w-full\"\/> Externe Inhalte aktivieren <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Regisseur Claus Guth hat dieses gewichtige Fr\u00fchwerk Mozarts nun gemeinsam mit dem Dirigenten Leo Hussain an der <a data-rtr-index=\"2\" title=\"Oper Frankfurt\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/thema\/oper-frankfurt\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Oper Frankfurt<\/a> herausgebracht. Er deutet den Konflikt der zwei Prinzen Sifare und Farnace mit ihrem tyrannischen Vater Mitridate, dessen Verlobte Aspasia sie beide lieben, als Familienrivalit\u00e4t innerhalb eines gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Firmenimperiums. Christian Schmidt hat daf\u00fcr eine Luxuswohnung aus kastanienbraunen Holzw\u00e4nden und grauem Stein gebaut. Sie l\u00e4sst sich drehen. Auf der R\u00fcckseite wird ein abstrakter Raum sichtbar, in dem die Choreographin Sommer Ulrickson sehr einleuchtende psychologische Spiegelungen und Familienaufstellungen tanzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es wird ein Abend \u00fcber Manipulation und Erpressung, auch \u00fcber die Reifung zweier Schn\u00f6sel zu verantwortungsvollen Menschen. Dass die L\u00f6sung des Konflikts durch die Selbstt\u00f6tung des verh\u00e4ngnisvollen Vaters nicht in der konkreten Welt, sondern im abstrakten Raum stattfindet, ist eine kluge Entscheidung Guths, mit der Unwahrscheinlichkeit des guten Endes in der ernsten Oper umzugehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"DSGVO Platzhalter\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/gdpr-layer.webp.webp\" loading=\"lazy\" class=\"absolute w-full\"\/> Externe Inhalte aktivieren <\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es ist vor allem der Abend der Sopranistin Monika Buczkowska-Ward als Sifare, die bei sauberster Intonation mit durchschlagender Intensit\u00e4t singt. Man kann sich der \u00dcberredungskraft dieser stimmlichen Sch\u00f6nheit schwer entziehen. In der Kehlfertigkeit der Koloraturen, der H\u00f6hentauglichkeit \u2013 Mozart jagt sie gleich in der ersten Arie aufs dreigestrichene C \u2013 steht ihr Bianca Tognocchi als Aspasia keineswegs nach. Doch ihre Stimme wirkt leichter, heller, etwas k\u00f6rper\u00e4rmer, auch wenn ihr die Kavatine \u201eBleiche Schatten\u201c \u2013 noch so ein fr\u00fcher Geniestreich \u2013 eindrucksvoll gelingt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Countertenor Franko Klisovi\u0107, der in H\u00e4ndels \u201ePartenope\u201c durch seinen gl\u00fchenden Lyrismus auffiel, zeigt sich jetzt als Farnace dramatischer, aggressiver und sprungsicher vom und in den Mischbereich zwischen Brust- und Kopfstimme. Mit der Sopranistin Younji Yi als Isemene k\u00f6nnen wir die n\u00e4chste gro\u00dfe Gesangsbegabung aus Korea in Frankfurt begr\u00fc\u00dfen: Sie vereint verf\u00fchrerische timbrale S\u00fc\u00dfe mit einem hervorragenden rhetorischen Sinn f\u00fcr theatrale Sprache. Und Robert Murray als Mitridate legt einen furiosen tenoralen Wutausbruch hin, f\u00fcr den Mozart auf aberwitzige Koloraturen fast g\u00e4nzlich verzichtete.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Leo Hussain treibt mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester das Geschehen an, erzeugt \u2013 mit anschwellenden Obert\u00f6nen der Oboe \u2013 atmende Innigkeit, aber h\u00e4lt sich von einem modisch gewordenen Aufkratzen der Affekte angenehm fern. Zwischen den Figuren geistert Philippe Jacq als stummer Diener wie ein Wiederg\u00e4nger Hubert (\u201eHubsi\u201c) von Meyerincks herum. Das ist sehr h\u00fcbsch und das Publikum am Ende von allem begeistert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Jahr 1770 hielt f\u00fcr den vierzehnj\u00e4hrigen Wolfgang Amad\u00e9 Mozart eine unerwartete seelische Ersch\u00fctterung bereit: Jemand, der nicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":633303,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1829],"tags":[29,2050,2051,30,2052],"class_list":{"0":"post-633302","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankfurt-am-main","8":"tag-deutschland","9":"tag-frankfurt","10":"tag-frankfurt-am-main","11":"tag-germany","12":"tag-hessen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115686503465230495","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=633302"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633302\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/633303"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=633302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=633302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=633302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}