{"id":633463,"date":"2025-12-09T00:57:21","date_gmt":"2025-12-09T00:57:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633463\/"},"modified":"2025-12-09T00:57:21","modified_gmt":"2025-12-09T00:57:21","slug":"was-die-show-so-besonders-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633463\/","title":{"rendered":"Was die Show so besonders macht"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/rs-badge-recommendation.png\" alt=\"ROLLING STONE Badge\"\/><\/p>\n<p>Empfehlungen der\u00a0Redaktion<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/89c093a990db49fc951f1a64e468d48b.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/>Foucault w\u00fcrde sich am\u00fcsieren \u00fcber diese B\u00fchne, ein geschlossenes Rund, das wie ein Panopticon aussieht, ein Gef\u00e4ngnisk\u00e4fig, der als Prinzip gesellschaftlicher \u00dcberwachung und Disziplinierung dient. Tats\u00e4chlich wollen die sechs Musiker (<a href=\"https:\/\/www.rollingstone.de\/radiohead-klartext-zu-kopenhagen-und-berlin-3080925\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Radiohead<\/a> plus neuer Live-Drummer Chris Vatalaro) von darin mit der Au\u00dfenwelt kommunizieren. Schon vor dem Konzert. Von den Panopticon-W\u00e4nden ert\u00f6nt ein Dreiklang-Motiv wie eine Variation der Kod\u00e1ly-5-Ton-Skala, mit dem Au\u00dferirdische in \u201eUnheimliche Begegnung der dritten Art\u201c Kontakt zu den Menschen aufnahmen. Das funktioniert auch hier in Berlin, beim ersten von vier Konzertabenden. Dreiklang ert\u00f6nt, Panopticon-Wand richtet seine Lichtstrahlen in eine Hallenecke, dort brandet Jubel auf. Die Panopticon-W\u00e4nde dirigieren als Call and Response die Massen noch vor den ersten Takten, die die Band selbst spielt.<\/p>\n<p>Der Catweazle auf der Rundb\u00fchne<\/p>\n<p>Dann endlich stehen Radiohead auf der B\u00fchne. Die Themen Kommunikation und Macht bestimmen auch die ersten drei Songs, eine Suite aus \u201ePlanet Telex\u201c, \u201e2+2=5\u201c und \u201eSit Down, Stand Up\u201c. Es hei\u00dft immer, Radiohead \u201espielen in ihrer eigenen Liga\u201c, was hei\u00dfen w\u00fcrde, dass sie nur mit sich selbst im Wettbewerb stehen k\u00f6nnten, und es stimmt: Sieben Jahre lang sind sie nicht getourt, und sie hinterlie\u00dfen eine L\u00fccke aus Rock, Frickel und Electronica, die keine andere Band f\u00fcr ein Massenpublikum aufzuf\u00fchren vermochte.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein gro\u00dfartiges Konzert. Der erstmalige Einsatz einer Rundb\u00fchne bietet vielleicht keine akustischen, sicher aber visuelle Offenbarungen. Thom Yorke tanzt in St\u00fccken wie \u201eThe Gloaming\u201c um die blau fluoreszierend umrandete B\u00fchne wie um ein Lagerfeuer, stets ein wenig so, als m\u00fcsste er aggressive Spinnen zun\u00e4chst aus dem \u00c4rmel in Richtung Hosenbund und dann aus dem Hosenbein sch\u00fctteln. Es gibt keinen Catweazle unter 1,70 Meter, der exzentrischer wuselt als er. Er positioniert sich abwechselnd in alle vier Himmelsrichtungen der Zuschauer, und seine Bandmitglieder m\u00fcssen mitziehen, was ungewohnte Eindr\u00fccke beschert, etwa wenn Bassist Colin Greenwood L\u00fccken f\u00fcllen muss und sich erstmals in der seit 1985 bestehenden Radiohead-Livegeschichte mehr als zwei Meter von seinem Schlagzeuger Phil Selway entfernt; auch, weil Gitarrist Ed O\u2019Brien sich so ungerne bewegt.<\/p>\n<p>Live-Versionen offenbaren neue M\u00f6glichkeiten<\/p>\n<p>\u201eVideotape\u201c spielen sie live mit dem gewohnten \u201eSecret Rhythm\u201c, \u201eWeird Fishes \/ Arpeggi\u201c erh\u00e4lt von Jonny Greenwood ungewohntes Supertramp-Wurlitzer-Flair und bei \u201eNo Surprises\u201c l\u00e4sst Greenwood sich auf dem Xylophon zu einem Solo hinrei\u00dfen, das auch die Studioversion sch\u00f6n geschm\u00fcckt h\u00e4tte. \u00dcberhaupt offenbaren die Live-Fassungen M\u00f6glichkeiten, die Radiohead sicher in Erw\u00e4gung gezogen hatten, aber f\u00fcr die Alben dann verwarfen \u2013 sie gelten als Stanley Kubricks der Musik, zig Studio-Variationen pro Lied, und sie brauchen ewig f\u00fcr eine Entscheidung.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt des Abends etwa, \u201eKid A\u201c, spielen sie in einer Dark-Folk-Version (wie ein Outtake aus \u201eA Moon Shaped Pool\u201c), das viel vollendeter, lebendiger klingt als das \u201eKid A\u201c-Titelst\u00fcck mit seinem absichtlich verzerrt-dumpfen Produktionsanspruch. Es ist noch immer ein Wunder, dass dieses Album auf Platz eins der US-Billboard-Charts stand. \u201eModetrends f\u00fcr was auch immer \u2013 Jay!\u201c (\u201efads f\u00fcr whatever\u201c) hei\u00dft es sarkastisch im sp\u00e4ter erschienenen Lied \u201e15 Step\u201c, und es stimmt: Radiohead wurden gegen jede Wahrscheinlichkeit zu Stars.\u201e15 Step\u201c ist eines von sechs am heutigen Abend dargebotenen \u201eIn Rainbows\u201c-Songs, es ist ihr bestes Album, vielleicht auch das liebste der Band. Darauf deuten die \u00dcberrepr\u00e4sentationen auch auf anderen Konzerten dieser Reunion-Tournee hin.<\/p>\n<p>Die Frage nach der Zukunft<\/p>\n<p>Die zwei gro\u00dfen Comeback-Tourneen des Jahres absolvierten <a href=\"https:\/\/www.oasis.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Oasis<\/a> und Radiohead. Und nachdem sich die Aufregung nach den ersten Konzerten ein wenig gelegt hat, r\u00fcckt l\u00e4ngst die vielleicht noch wichtigere Frage in den Mittelpunkt: Wie geht es weiter? Geht es \u00fcberhaupt weiter?<\/p>\n<p>Liam Gallagher w\u00e4re schlecht beraten, seinen Bruder Noel nicht um neue Oasis-Songs zu bitten \u2013 die m\u00fcssten dann allerdings live gespielt werden, was das perfekte Konzerterlebnis ihrer j\u00fcngsten \u201eNur-Hits\u201c-Reise vermutlich unterbieten w\u00fcrde. Und was denkt Thom Yorke wohl \u00fcber neue Radiohead-Songs? Wom\u00f6glich bleibt ihm sein Zweitprojekt The Smile wichtiger. Immerhin vereint es mit ihm und Jonny Greenwood bereits die Nummer 1 und Nummer 2 der f\u00fcnf Mitglieder von Radiohead \u2013 keine ideale Voraussetzung, um sich \u00fcberhaupt noch einmal zu f\u00fcnft in ein Studio zu begeben. Anders als Oasis sind Radiohead jedoch nicht nur eine Neunziger-, sondern auch eine pr\u00e4gende Nullerjahre-Band; vielleicht haben sie dieses Jahrzehnt mit dem Indietronica von \u201eKid A\u201c sogar noch st\u00e4rker beeinflusst.<\/p>\n<p>65 Songs, erz\u00e4hlte Bassist Colin Greenwood, habe Yorke der Band zum Einstudieren gegeben. Die Setlist ist sehr gut, aber vorhersehbar. wie eine Tournee, die Radiohead zwei Jahre nach ihrem letzten Album \u201eA Moon Shaped Pool\u201c h\u00e4tten geben k\u00f6nnen, mit dem impliziten Auftrag: Genug von der letzten Platte \u2013 jetzt erst einmal 25 Evergreens. F\u00fcr ihre 20 Europa-Konzerte haben Radiohead Hunderttausende Tickets verkauft. Da geht es auch um Verbindlichkeiten, weil nicht nur Die-Hard-Fans und B-Seiten-Fanatiker begeistert werden m\u00fcssen, sondern auch der Normalh\u00f6rer: \u201eParanoid Android\u201c und \u201eKarma Police\u201c d\u00fcrfen nicht fehlen.<\/p>\n<p>Die Setlist zwischen Sicherheit und Wagnis<\/p>\n<p>Gerade weil Radiohead auf die bedingungslose Liebe ihrer Anh\u00e4nger z\u00e4hlen k\u00f6nnen, h\u00e4tten sie unter ihre \u201e65 Songs\u201c auch einmal solche mischen k\u00f6nnen, die sie nur ganz selten performen. \u201eSpectre\u201c, \u201eFaust Arp\u201c, \u201eHunting Bears\u201c, \u201eElectioneering\u201c. Auch mal \u201eHigh and Dry\u201c. Oder einfach ein Konzert mit \u201eParanoid Android\u201c beginnen und mit \u201eReckoner\u201c beenden. Greenwood hatte eine gewisse Variabilit\u00e4t versprochen; eine gewisse Ordnung aber ist klar erkennbar: \u201eEverything in its Right Place\u201c ist das Motto Thom Yorkes. Dass Radiohead \u201eCreep\u201c nicht live darbieten? Es gilt als schick, diese Leise-Laut-Leise-Hymne des Grunge zu verachten \u2013 und Radiohead tun das selbst. Aber es ist nun einmal ihr gr\u00f6\u00dfter Hit. (Gibt es irgendeine andere Superstar-Band, die ihren gr\u00f6\u00dften Hit einfach ignoriert?)<\/p>\n<p>Jetzt, da die Tournee sich dem Ende zuneigt, schwinden die Chancen, \u201eCreep\u201c doch noch zu spielen. Und vielleicht w\u00fcrde es auch zu sehr nach gewichtigem Statement aussehen, dieses Lied ausgerechnet beim letzten Auftritt, <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.de\/radiohead-klartext-zu-kopenhagen-und-berlin-3080925\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">in Kopenhagen,<\/a> zu bringen. Zu viel Klischee \u2013 Yorke d\u00fcrfte sich bei diesem Gedanken allein schon sch\u00fctteln. Dass Radiohead sieben Jahre nach ihrer letzten Tournee ihren Backkatalog nicht neu bewerten, ist solide, vielleicht aber auch ein wenig entt\u00e4uschend. Sie klingen also eher wie sehr gut eingespielt als wie eigens einge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Aber nicht sehr gut eingespielt w\u00e4re ja auch keine L\u00f6sung. Vor bald zehn Jahren ver\u00f6ffentlichten Radiohead ihr letztes Album. Seitdem haben alle Mitglieder kreative musikalische Projekte verfolgt. Und niemand von Radiohead hat jemals Schei\u00dfe gebaut. Wer sie wegen ihrer politischen Haltung angreift (Yorke und Greenwood haben durchaus Differenzen), dem fehlten bald die Argumente, weil Radiohead saubere Antworten geben. Wenn man sie so auf der B\u00fchne beobachtet, im Jahr 2025 w\u00fcnscht man sich, so cool zu altern wie sie. For a minute there I lost myself.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Empfehlungen der\u00a0Redaktion Foucault w\u00fcrde sich am\u00fcsieren \u00fcber diese B\u00fchne, ein geschlossenes Rund, das wie ein Panopticon aussieht, ein&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":633464,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30,36867],"class_list":{"0":"post-633463","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-radiohead"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115686896568438061","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=633463"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633463\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/633464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=633463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=633463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=633463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}