{"id":633854,"date":"2025-12-09T05:15:22","date_gmt":"2025-12-09T05:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633854\/"},"modified":"2025-12-09T05:15:22","modified_gmt":"2025-12-09T05:15:22","slug":"die-reich-bebilderte-geschichte-einer-sich-staendig-aendernden-stadt-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/633854\/","title":{"rendered":"Die reich bebilderte Geschichte einer sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden Stadt \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Die Stra\u00dfenz\u00fcge in der Innenstadt sind noch dieselben wie vor 500 Jahren. Oberfl\u00e4chlich betrachtet. Aber wer nach Geb\u00e4uden sucht, die damals schon in Leipzigs Innenstadt standen, wird nur ganz wenige finden. Die City wirkt zwar historisch und kompakt wie wenige andere Innenst\u00e4dte deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte. Aber tats\u00e4chlich wurde sie in diesen 500 Jahren mehrfach umgebaut und umgekrempelt. Und Sebastian Ringel nimmt seine Leser mit auf die Reise in die Zeit. Bildgewaltig und informativ.<\/p>\n<p>Denn so eine Reise lebt von Bildern. Die Leipziger Stadtf\u00fchrer wissen es und schleppen in der Regel eine dicke Mappe mit historischen Ansichten mit sich herum, wenn sie den Teilnehmern des Rundgangs erkl\u00e4ren, was sich gerade da, wo sie stehen, ver\u00e4ndert hat. Welches einst ber\u00fchmte Geb\u00e4ude da stand und dann doch zum Opfer von Ver\u00e4nderungen wurde, die Leipzig die ganze Zeit gepr\u00e4gt haben.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/64d75b50c85b4b55bf15661bb17af6fd.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\"\/><\/p>\n<p>Selbst vom Leipzig des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts, wie es im gro\u00dfen Stadtmodell im Alten Rathaus zu besichtigen ist, steht heute kaum noch etwas. Gerade des 19. Jahrhundert war eine Zeit, in der die (reichen) Leipziger wieder einmal daran gingen, ihre Stadt v\u00f6llig umzukrempeln und umzubauen. Praktisch ihren Zwecken dienstbar zu machen, denn sie wollten Gesch\u00e4fte machen \u2013 in Kaufh\u00e4usern, Banken, Einkaufspassagen und Messeh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Es war nicht der erste Gro\u00dfumbau der Stadt, wie Sebastian Ringel zu berichten wei\u00df in diesem Buch, das im Grunde ein gro\u00dfes Teamwork ist, angeregt von Verleger Thomas Liebscher, der aus seiner Arbeit wei\u00df, dass so ein Buch schon lange gefehlt hat. Ein Buch, das auch den Horizont erweitert.<\/p>\n<p>Eine Stadt h\u00e4utet sich<\/p>\n<p>Denn wenn man so als Mensch durch eine Stadt l\u00e4uft, kann man sich die Heftigkeit der Ver\u00e4nderungen gar nicht vorstellen. Weshalb Ringel nicht nur in gr\u00f6\u00dferen Einleitungskapiteln die H\u00e4utungsgeschichte der Stadt erz\u00e4hlt und mit Karten sichtbar macht, sondern in reich bebilderten Einzel-Portr\u00e4ts bekannte Orte im Stadtbild zeigt, wo die permanente Transformation des Gebauten greifbar wird.<\/p>\n<p>Angefangen etwa mit der Nordseite des Marktplatzes, die auf den ersten Blick tats\u00e4chlich noch so aussieht wie um 1850. Nur dass der Schein tr\u00fcgt. Ein Schwenk gen\u00fcgt, und die Geschichte des Alten Rathhauses kommt in den Blick, die beinah schon vor 120 Jahren geendet h\u00e4tte, weil die H\u00e4lfte der damaligen Stadtr\u00e4te der Meinung war, zwei Rath\u00e4user, das sei eines zu viel. Man k\u00f6nnte das alte einfach abrei\u00dfen und dort ein gro\u00dfes Messehaus hinklotzen.<\/p>\n<p>Eine einzige Stimme rettete das Alte Rathaus.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es sp\u00e4ter im Buch auch die Geschichte des Neuen Rathauses zu erz\u00e4hlen. Jedes Kapitel l\u00e4dt ein zum Innehalten und einzutauchen in die permanente Ver\u00e4nderung der Stadt. Eine Ver\u00e4nderung haben ja schon die Gro\u00dfen Bildb\u00e4nde von Armin K\u00fchne und Nils Gormsen sichtbar gemacht, in denen die ruin\u00f6sen Stadtbilder der sp\u00e4ten DDR-Zeit mit den sanierten oder neu gebauten Geb\u00e4uden der j\u00fcngeren Zeit konfrontiert wurden und Nils Gormsen dazu die Baugeschichte der abgebildeten H\u00e4user erz\u00e4hlte. Man denke nur an den 2013 im Passageverlag erschienenen Bildband <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2013\/12\/bildband-leipzig-stadt-des-wandels-52720\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eLeipzig. Stadt des Wandels\u201c.<\/a><\/p>\n<p>Aber Sebastian Ringel schl\u00e4gt den Bogen weiter, zeigt die Stadt als geradezu lebendigen Organismus, der sich immer wieder h\u00e4utet. Der aber auch Gewalt und Zerst\u00f6rung erlebte wie in den Bombenn\u00e4chten des Zweiten Weltkrieges, die auch gro\u00dfe Teile der Innenstadt in Schutt und Asche legten, darunter eine Menge Geb\u00e4ude, die den Bauboom des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts \u00fcberlebt hatten.<\/p>\n<p>L\u00fccken und Brachen erinnerten noch bis in die 1990er Jahre an diese gewaltigen Zerst\u00f6rungen. Aber auch in det DDR-Zeit wurde gebaut, oft einfach sperrig mitten in die leeren R\u00e4ume. Nicht jedes dieser Geb\u00e4ude bestand den Test der Zeit.<\/p>\n<p>Neu und gro\u00df<\/p>\n<p>Aber die sich wandelnden Bauten erz\u00e4hlen nun einmal auch von ihrer Nutzung. Fast beschaulich wirkt da das alte Kaffeehaus \u201eNational\u201c an der Ecke zur Petersstra\u00dfe im Jahr 1876, kurz vor dem Abriss, bevor hier diverse Gesch\u00e4fts- und Messeh\u00e4user ihren Platz fanden und die Petersstra\u00dfe in DDR-Zeiten regelrecht zum breiten Boulevard aufgerissen wurde.<\/p>\n<p>Es kommen echte Architekturverluste ins Bild. Und nat\u00fcrlich auch die H\u00e4user, die eigentlich an die ber\u00fchmtesten Leipziger erinnerten \u2013 die alte Thomasschule, Wohn- und Wirkungsst\u00e4tte von Johann Sebastian Bach, und Wagners Geburtshaus \u201eZum Roten und zum Wei\u00dfen L\u00f6wen\u201c. Beide abgerissen.<\/p>\n<p>Da taten sich Leipzigs Stadtv\u00e4ter noch schwer, gebaute Erinnerung zu bewahren. Sie bauten lieber neu und gro\u00df, r\u00e4umten auch mit der einst pr\u00e4gende Barockstadt auf, die Goethe noch kennengelernt hat. Der nat\u00fcrlich auch vorkommt im diesem Buch \u2013 einmal mit dem alte Juriducum, wo er pflichtschuldigst ein paar Vorlesungen h\u00f6rte, und mit Auerbachs Keller nat\u00fcrlich, zu dem Ringel die ganze Geschichte von Auerbachs Hof erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Seine f\u00fcr jedes Kapitel gew\u00e4hlten \u00dcberschriften zeigen einen Liebhaber dieser Stadt, der durchaus ironisch von den Freveln der Vorfahren zu erz\u00e4hlen wei\u00df. Unter \u201eTabula rasa\u201c erf\u00e4hrt man den durchaus gewaltsamen Umgang mit der Kleinen Fleischergasse und damit dem Ende einer der letzten noch dicht bewohnten Viertel in der Innenstadt. Unter der \u201eKurzlebigkeit der Leipziger Zwingburgen\u201c erz\u00e4hlt er die Geschichte des Matth\u00e4ikirchhofs und unterm \u201eTiefen Fall des Apfels\u201c den Komplettverlust der alten Plauenschen Stra\u00dfe. Da gehe mal einer suchen, ob er sie findet.<\/p>\n<p>Schornsteinw\u00e4lder bis zum Horizont<\/p>\n<p>Mehrere Kapitel widmen sich den Ver\u00e4nderungen im Universit\u00e4tsviertel \u2013 vom Roten Kolleg (\u201eEsel und Studenten\u201c) bis zum Neubau am Augustusplatz, der auch die Konturen der mutwillig zerst\u00f6rten Paulinerkirche aufgreift. (\u201ePaulus, Marx und Egeraat\u201c)<\/p>\n<p>Aber Sebastian Ringel beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf die immer wieder umgekrempelte Innenstadt. Er beleuchtet auch \u2013 als Auswahl \u2013 die Ver\u00e4nderungen in einige der einstigen D\u00f6rfer, die zu Leipziger Ortsteilen geworden sind.<\/p>\n<p>Ein ganzes Kapitel widmet sich dem Wohnen, ein weiteres der Wirtschaft. Denn auch hier kann man losziehen und sucht \u2013 vergeblich \u2013 nach den einstigen Fabriken, die im 19. Jahrhundert Leipzigs Aufschwung befl\u00fcgelten. Und wenn man die prachtvollen Fabrikgeb\u00e4ude findet, werden sie heute anders genutzt.\u00a0Dass es damals vielleicht gar nicht so heimelig war, wie man sich das heute denkt, zeigen dann meist gro\u00dfformatige Aufnahmen, manche mit qualmenden Schornsteinw\u00e4ldern bis zum Horizont.<\/p>\n<p>Aber auch der Ausflug in die Vorst\u00e4dte f\u00f6rdert einst ber\u00fchmte Bauten ans Tageslicht \u2013 so wie den Wintergarten, die Markthalle, das Kaufhaus Ury oder K\u00fcnstlerhaus und M\u00e4rchenhaus am Nikischplatz. Alles eingebettet in die Vorgeschichte, die ja manchmal auch eine Geschichte Leipziger Lustg\u00e4rten war. Jede Doppelseite ist eine Entdeckung \u2013 gerade f\u00fcr all jene, die Leipzig nur so kennen, wie es heute da steht.<\/p>\n<p>Ahnend, dass jeder Ort eine spannende Vorgeschichte hat \u2013 ob das nun das Grassi-Museum am Johannisplatz ist (\u201eArt D\u00e9co vom Feinsten\u201c) oder das Deutsche Buchgewerbehaus am Gutenbergplatz, Erinnerung daran, dass gleich nebenan bis zum Krieg das Deutsche Buchh\u00e4ndlerhaus stand. (\u201eRegierungsviertel der Schwarzen Kunst\u201c).<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Atem<\/p>\n<p>Ringel verortet das verschwundene Gewandhaus im Musikviertel, erz\u00e4hlt die Baugeschichte der Leipziger Bahnh\u00f6fe (die mit Bild auch aufs Cover gekommen sind), findet das alte Gut Pfaffendorf und die ebenso verschwundene Garnfabrik, bringt den einstigen Flughafen Mockau ins Bild und die einst pr\u00e4sentablen Hotels am Ro\u00dfplatz.<\/p>\n<p>Da wird so mancher Leipzig-Liebhaber n\u00e4chtelang bl\u00e4ttern und staunen. Mancher wird \u00fcberrascht sein, weil er endlich die Vorgeschichte zu einem Ort findet, der ihn schon immer verwirrt hat. Mancher wird ein Leipzig entdecken, das er noch gar nicht kannte. Aber eines werden alle Leser finden: den gro\u00dfen Atem einer Stadt, die sich in den vergangenen 500 Jahren immer wieder ver\u00e4ndert hat und dabei doch immer irgendwie die umtriebige Stadt geblieben ist, die Reisende aller Art aus allen Himmelsrichtungen anzog.<\/p>\n<p>Und weil das auch heute noch so ist, wurden s\u00e4mtliche Texte auch ins Englische \u00fcbersetzt, sodass alle des Englischen Kundigen von den reich bebilderten Kapiteln immer wieder auch in den Anhang bl\u00e4ttern k\u00f6nnen, um dort Ringels Ausfl\u00fcge in die Geschichte auf Englisch zu lesen.<\/p>\n<p><strong>Sebastian Ringel <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783954151530@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eZeitreise Leipzig\u201c<\/a><\/strong> Passageverlag, Leipzig 2025, 28 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Stra\u00dfenz\u00fcge in der Innenstadt sind noch dieselben wie vor 500 Jahren. Oberfl\u00e4chlich betrachtet. 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