{"id":634361,"date":"2025-12-09T10:27:12","date_gmt":"2025-12-09T10:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/634361\/"},"modified":"2025-12-09T10:27:12","modified_gmt":"2025-12-09T10:27:12","slug":"tatort-muenster-was-uns-blueht-wenn-wir-zu-alt-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/634361\/","title":{"rendered":"\u201eTatort\u201c M\u00fcnster: Was uns bl\u00fcht, wenn wir zu alt sind"},"content":{"rendered":"<p>Es hat lange gedauert, bis der \u201eTatort\u201c aus der Radfahrstadt M\u00fcnster auf den Drahtesel kam. Nun ist es so weit. Im Fundus einer verkorksten Bike-Dynastie wird der Bauplan f\u00fcr das erste Fahrrad gefunden. Dann liegt da eine Leiche. Und ein M\u00fcnsteraner Urgestein verabschiedet sich.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Manchmal m\u00f6chte man Wilhelmine Klemm sein. Je \u00e4lter man wird, desto \u00f6fter erwischt man sich dabei. Nicht der wilden schwarzen M\u00e4hne wegen oder der vor sich hin br\u00f6selnden Stimme aus dem Abgrund oder der Nikotinsucht. Sondern weil sie sich hinsetzt, seit 23 Jahren tut sie im \u201eTatort\u201c als Staatsanw\u00e4ltin in M\u00fcnster ihren Dienst, und in all ihrer Eleganz sagt, dass sie zu alt ist f\u00fcr diesen Schei\u00df. Das geschieht in Minute 68. \u201eDie Erfindung des Rades\u201c hei\u00dft der Fall, in dem sie es sagt.  <\/p>\n<p>Schei\u00df war er bis dahin allerdings wirklich nicht. Kommt eher einer Weisheit nahe, die noch \u00e4lter ist als Mechthild Gro\u00dfmann, die Wilhelmine Klemm ist im M\u00fcnsteraner \u201eTatort\u201c. Wenn\u2019s am Sch\u00f6nsten ist, soll man gehen, hei\u00dft die Weisheit. Sch\u00f6n ist es f\u00fcr Willi \u2013 von ihrem Kosenamen wussten wir bis \u201eDie Erfindung des Rades\u201c auch nichts \u2013, und f\u00fcr Boerne und Thiel und Alberich und Vadder und das Schraderchen, der diesmal gar nicht arme Assistent. <\/p>\n<p>F\u00fcr das ganze Team vom Aasee in M\u00fcnster. Das ging noch nie derart auf Augenh\u00f6he miteinander auf M\u00f6rderjagd wie in der Geschichte, die Thorsten Wettcke geschrieben und Till Franzen inszeniert hat. Klemms Kommissariat kommt einer W\u00e4rmestube schon sehr nahe. Was es auch braucht: Es geht um eine tiefgefrorene Leiche. <\/p>\n<p>Und das kam so: M\u00fcnster \u2013 410.000 Fahrr\u00e4der bei 310.000 Einwohnern und 150.000 Autos \u2013 ist eine Radlermetropole. Das wei\u00df eigentlich jeder, wenngleich er noch nie in M\u00fcnster war. Dass noch kein Sonntagabendkrimi (nicht mal der ebenfalls in der Westfalengro\u00dfstadt beheimatete \u201eWilsberg\u201c) aus M\u00fcnster Drahtesel zum Zentrum hatte, ist nat\u00fcrlich ein Skandal. \u201eDie Erfindung des Rades\u201c schreibt also Geschichte (in doppelter Hinsicht, aber dazu sp\u00e4ter) und beginnt in einem h\u00f6chsteleganten Schwarz-Wei\u00df und im Jahr 1882. <\/p>\n<p>Das erste Fahrrad<\/p>\n<p>Da wird ein Mann erschossen in seinem Radladen. Kurt Hobrecht hei\u00dft er. Eine Skizze bringt er noch in Sicherheit, bevor der M\u00f6rder mit dem markanten Schnurrbart Hobrechts Souterrain-Werkstatt abfackelt. Die Skizze eines Fahrrades mit zwei gleich gro\u00dfen R\u00e4dern und Pedal-Kette-Antrieb, das verteufelt jenem Rad \u00e4hnelt, das John Kemp Starley zwei Jahre sp\u00e4ter in Coventry als \u201eRover Safety Bicycle\u201c pr\u00e4sentierte, das als Urvater aller Velos gilt. <\/p>\n<p>Fast anderthalb Jahrhunderte, damit beginnt \u201eDie Erfindung des Rades\u201c in der Gegenwart, lag die Skizze ungefunden im Keller der Hobrechts. Dann \u00e4ndert sich alles. Hobrecht baut das \u201eFirst Bike\u201c, bekommt \u00c4rger mit Kemp Starleys Erben. Was nicht das Schlimmste ist, weil bei der Pr\u00e4sentation des nachgebauten Fahrrad-Urmeters statt eines Zweirades die tiefgek\u00fchlte Leiche von Albrecht Hobrecht aus der Kiste f\u00e4llt. Der war das schwarze, aber aufgrund finsterer Gesch\u00e4fte mit diversen Diktatoren dieser Welt auch schwerreiche Schaf der Familie.<\/p>\n<p>Vielleicht schieben wir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs ein. Das M\u00fcnsterland \u00e4hnelt wie wahrscheinlich keine Gegend in Deutschland Midsomer, der idyllischen Gegend um Oxford, in der Inspector Barnaby seine M\u00f6rder jagt. Und nicht die schlechtesten aller M\u00fcnsteraner \u201eTatort\u201c-Folgen erz\u00e4hlten Geschichten, die auch in Nettlebed und Crocker End erz\u00e4hlt werden. <\/p>\n<p>Geschichten, in denen sich Ph\u00e4nomene, Festivit\u00e4ten, Familien der Region radikalisieren. Geheimnisse von Familien wie den Hobrechts. Die seit Jahrhunderten von Zwistigkeiten, Bruderkriegen, von Missgunst, Neid und dem Unterdr\u00fccken der Hobrecht-Frauen zusammengehalten werden. \u201eDie Erfindung des Rades\u201c,  in dem der klassische Whodunit nicht neu erfunden, aber interessant neu interpretiert wird, ist \u2013 wie die besten M\u00fcnsteraner F\u00e4lle \u2013 eine erzbritische Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Eine dysfunktionale Dynastie<\/p>\n<p>Im Haus der Hobrechts hei\u00dfen, von den Finsterlingen abgesehen, alle Kurt und Kasimir und Konstantin und Klara. Alliterationen sind ein Spiel, mit dem es Thorsten Wettcke fast zu weit treibt. Da herrscht Missgunst und Neid und all das, was sich in dysfunktionalen Dynastien halt so ansammelt. Wundert einen fast, dass bisher noch keiner der Hobrechts seit 1882 in seinem Blut lag. <\/p>\n<p>Es kommt nach Albrechts Ableben zu diversen Gest\u00e4ndnissen. Zu R\u00fcckblenden. Absurden Trinkspielen. Exhumierungen von Toten und von Geheimnissen. Um Rache geht es und um Zusammenhalt. Die \u201eWand des Wahnsinns\u201c, jene Tafel, an der Fotos von Verd\u00e4chtigen aufgeh\u00e4ngt werden und Karten und Fundst\u00fccke, war selten wahnsinniger, die Harmonie zwischen den M\u00fcnsteraner Urgesteinen selten gr\u00f6\u00dfer. Jeder tr\u00e4gt zur Ermittlung bei. Es wird sogar gelobt. Dass selbst Professor Karl-Friedrich Boerne, der statt eines angejahrten Kraftfahrzeugs ein Elektro-Bike durch M\u00fcnster f\u00e4hrt, diese Kunst beherrscht, erschreckt einen fast ein bisschen.<\/p>\n<p>Dann m\u00fcssen wir kurz zur\u00fcck zu Wilhelmine Klemm. Die hatte n\u00e4mlich mal einen Traum. Und eine Liebe. Mit der war sie an allen Hotspots der Aussteigertr\u00e4ume. H\u00e4tte sie fast geheiratet. Es gibt noch einen Ring, der nie getauscht wurde. F\u00fcnfzig Jahre ist das her. Er h\u00e4tte sie schon gez\u00e4hmt irgendwann. Sagt Kurt Hobrecht heute. In der Klinik. Ihn hat ein Infarkt im Anschluss an das \u201eFirst Bike\u201c-Desaster beinahe um die Ecke gebracht. Sie schauen sich Bilder an. Schauen sich in die Augen. Etwas ist da noch. <\/p>\n<p>Und dann hat Wilhelmine Klemm einen Plan. Zu dem \u2013 und \u00fcberhaupt f\u00fcr ihren weiteren Lebensweg \u2013 wir alles erdenklich Gute w\u00fcnschen. Wir werden sie vermissen.  Allm\u00e4hlich werden wir auch zu alt f\u00fcr diesen Schei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es hat lange gedauert, bis der \u201eTatort\u201c aus der Radfahrstadt M\u00fcnster auf den Drahtesel kam. 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