{"id":635058,"date":"2025-12-09T17:11:22","date_gmt":"2025-12-09T17:11:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635058\/"},"modified":"2025-12-09T17:11:22","modified_gmt":"2025-12-09T17:11:22","slug":"stomberg-im-kino-nee-bei-diesem-stromberg-machen-wir-nicht-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635058\/","title":{"rendered":"\u201eStomberg\u201c im Kino: Nee, bei diesem Stromberg machen wir nicht mit"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Bernd Stromberg hadert mit der Gegenwart. \u201eDer ganz normale Mann, der auf Frauen steht und arbeiten geht, das ist die einzig unproblematische Witzfigur?!\u201c, ledert der ehemalige Bereichsleiter der \u201eCapitol\u201c-Versicherung auf dem Parkplatz seines neuen Arbeitgebers los. \u201eNee, mach ich nicht mit!\u201c<\/p>\n<p>In \u201eStromberg \u2013 Wieder alles wie immer\u201c, nach \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article125011429\/Stromberg-Die-Ausweitung-der-deutschen-Krampfzone.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article125011429\/Stromberg-Die-Ausweitung-der-deutschen-Krampfzone.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stromberg \u2013 Der Film<\/a>\u201c der zweite Kino-Gig der Reihe, geht es hochpolitisch zu, was nicht nur am Cameo-Auftritt von Lars Klingbeil liegt. \u201eEin bisschen mehr Stromberg w\u00fcrde der SPD guttun\u201c, verlautbart Klingbeil am Ende des Films in einer fiktiven Video-Nachricht, und der naheliegende Gedanke dabei ist nat\u00fcrlich, dass der amtierende Vizekanzler daf\u00fcr nur mal auf der Regierungsbank neben sich schauen m\u00fcsste \u2013 h\u00f6h\u00f6. Der Auftritt eines Politikers in der Stromberg-Reihe ist dabei keineswegs neu: Kenner werden wissen, dass der erste Film von 2014 damit endet, dass Stromberg im Willy-Brandt-Haus vom damaligen, frisch gek\u00fcrten Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier empfangen wird.<\/p>\n<p>Von dieser Nuance abgesehen, macht \u201eStromberg \u2013 Alles wie immer\u201c vieles anders. Und schlechter. Wie sehr, wird bereits daran deutlich, dass sowohl Premiereng\u00e4ste im Berliner \u201eZoo Palast\u201c als auch das zahlende Kinopublikum am Erscheinungstag fr\u00fchzeitig den Saal verlie\u00dfen.  <\/p>\n<p>\u201eUnter diesen Umst\u00e4nden schwer\u201c<\/p>\n<p>\u201eB\u00fcro ist Krieg\u201c \u2013 in diesem Stromberg-Spruch steckt eine tiefere Wahrheit. Schon bei <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/medien\/article250722476\/Franz-Kafka-Das-Leben-als-Escape-Room-des-Erzaehlens.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/medien\/article250722476\/Franz-Kafka-Das-Leben-als-Escape-Room-des-Erzaehlens.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franz Kafka<\/a>, dem ber\u00fchmtesten Versicherungsangestellten der Literaturgeschichte, finden sich Eindr\u00fccke vom dumpf pochenden Schmerz des im Gro\u00dfraumb\u00fcro darbenden Angestellten. W\u00e4hrend Kafka tags\u00fcber in der Prager \u201eArbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt\u201c seine Zeit absa\u00df, klagte er abends seiner On\/Off-Verlobten Felice Bauer brieflich sein Leid. Er f\u00fchle sich wie eine \u201eeingesperrte Ratte\u201c, schrieb er. Und: \u201eIch kann wirklich nicht beschreiben, wie ich meine Tage hinbringe. Meine einzige Rettungsm\u00f6glichkeit, mein erstes Verlangen ist Freiheit vom Bureau.\u201c<\/p>\n<p>Das B\u00fcro als Gef\u00e4ngnis der Pers\u00f6nlichkeit, oder, um es mit Siegfried Kracauer zu sagen: \u201eDie Angestellten leben heute in Massen, deren Dasein mehr und mehr ein einheitliches Gepr\u00e4ge annimmt.\u201c In seiner 1929 erschienenen Untersuchung \u201eDie Angestellten\u201c beleuchtete der Soziologe und Architekt Kracauer die Ausformung des Proletariats hin zu einer \u201eindustriellen Reservearmee der Angestellten\u201c.  Sprache, Kleider, Geb\u00e4rden und Physiognomien w\u00fcrden sich angleichen, echte Pers\u00f6nlichkeit fange erst in den oberen Schichten der sozialen Hierarchie an. \u201eBerufsfreude zu pflegen, ist unter diesen Umst\u00e4nden schwer\u201c, so sein deprimierender Befund. Gleichzeitig erfahre das B\u00fcrgertum einen schleichenden Abstieg und pralle mit dem einstigen Proletariat im Angestelltenmilieu aufeinander. \u201eAls es dem Mittelstand noch besserging, fingerten manche M\u00e4dchen, die jetzt lochen, auf den h\u00e4uslichen Pianos Et\u00fcden\u201c, notierte Kracauer damals mit leicht schwitzigen H\u00e4nden. <\/p>\n<p>Womit wir direkt bei Bernd Stromberg w\u00e4ren, jenem ehemaligen mittleren Versicherungsangestellten, der sich f\u00fcr keine Anz\u00fcglichkeit und Zote zu schade ist. Vor zwanzig Jahren fing die gleichnamige Serie diesen Topos \u201eB\u00fcro\u201c mit seinen deprimierenden Insignien der Menschenbewirtschaftung auf so eindr\u00fcckliche wie komische Weise ein: das brutalistische Capitol-Geb\u00e4ude mit seiner Waschbeton-Fassade, hinter der kasernierte Sachbearbeiter unter Leuchtstoffr\u00f6hren sa\u00dfen, sich an ihren Schreibtischen mit bunten Gl\u00fcckwunschkarten und in Granulat getopften Yuca-Palmen tr\u00f6steten und sich zweimal t\u00e4glich zu Durchhaltemusik und Wochenendplausch in der miefigen Betriebsk\u00fcche zusammenfanden.<\/p>\n<p>Tropfende Wasserh\u00e4hne, mit Kaffeesatzringen versehene Tassen im Sp\u00fclbecken, brummende K\u00fchlschranke, in denen Joghurts und k\u00f6rniger Frischk\u00e4se ihrem Ablaufdatum sek\u00fcndlich n\u00e4herkamen: \u201eStromberg\u201c war der Horror-Core des deutschen Mittelstands, die \u201eNoir\u201c-Version des Wirtschaftsstandorts Deutschland, als dessen Motor noch lief und lief und lief. Vielleicht liegt darin das gr\u00f6\u00dfte Problem beim neuen Film: dass er sich des \u201eLebensraums B\u00fcro\u201c komplett entledigt hat. Von der einstigen Tragikomik bleibt so nur noch Klamauk \u00fcbrig. <\/p>\n<p>Ein Film mit Vollkasko-Schutz<\/p>\n<p>\u201eStromberg \u2013 Alles wie immer\u201c spielt auf einer Meta-Ebene und verlagert den Plot zu weiten Teilen in ein Fernsehstudio. Dort treffen sich die Capitol-Angestellten, die durch die \u201eDokumentation\u201c des Versicherungsalltags zu Ber\u00fchmtheiten geworden sind, zu einer von Pro7-Moderator Matthias Opdenh\u00f6vel gehosteten Reunion-Show. Im gewohnten \u201eMockumentary\u201c-Stil begleitet die Kamera zun\u00e4chst den Aufbau des B\u00fchnenbilds und die Proben. Nach und nach treffen die Protagonisten ein.<\/p>\n<p>Berthold Heisterkamp (Bjarne M\u00e4del) ist mittlerweile Lifecoach, Speaker und Autor eines Antimobbing-Buchs. Tanja (Diana Staehly), die in der Capitol Karriere gemacht hat, bringt Adoptivsohn Marvin und ihren Noch-immer-Ehemann Ulf (Oliver Wnuk) mit. Der findet im Laufe des Films raus, dass seine Frau ein Techtel-Mechtel ausgerechnet mit Lehnhoff (Laurens Walter) \u2013 dem \u201eBlockfl\u00f6tengesicht\u201c \u2013 hat. Strombergs Ex-Flamme Jennifer (Milena Drei\u00dfig) bringt ihren aktuellen Freund mit, den deutlich j\u00fcngeren Julian (L\u00e1szl\u00f3 Branko Breiding), einen kaugummikauenden Content-Creator mit Gen-Z-artigem Brokkoli-Haarschnitt und Glitzer-Ohrring. Und Stromberg (Christoph Maria Herbst) selbst arbeitet mittlerweile f\u00fcr ein nebul\u00f6ses \u201eMulti-Purpose\u201c-Unternehmen mit allerlei \u201ediversen\u201c Mitarbeitern, \u201eshared workspaces\u201c und sph\u00e4rischer Wohlf\u00fchlmusik in den Fluren.<\/p>\n<p>Vor dem Studio campieren derweil gehypte Hardcore-Fans im gruseligen Stromberg-Cosplay, die lediglich in Zitaten des B\u00fcro-Ekels miteinander kommunizieren. Im Regieraum laufen kakofonisch alte Stromberg-Clips auf den Bildschirmen rauf und runter. Eine junge Produktionsassistentin (\u201eDie war aber auch mal Modell bei der Apothekenumschau, Thema Depression \u2013 Phhhwooahh\u201c) beklagt diesen ganzen \u201eMacho-M\u00fcll\u201c und diese \u201ealte frauenfeindliche Kackschei\u00dfe\u201c. <\/p>\n<p>Noch langweiliger als \u201ewoke\u201c<\/p>\n<p>Damit strengt sich der Film erkennbar an, \u201eStromberg\u201c in die bundesdeutsche Gegenwart zu hieven und aktuelle Debatten aufzugreifen. Das Problem dabei: Im Bem\u00fchen, sich gegen m\u00f6gliche Kritik dadurch zu impr\u00e4gnieren, indem man diese antizipiert und vorwegnimmt, verheddert er sich komplett. Langweiliger als die \u201eWoke Culture\u201c und \u201ePolitical Correctness\u201c sind eben nur die Debatten um selbige, und so wirkt dieser mit ideologischem Vollkasko-Schutz abgesicherte Film unendlich verquast und \u00f6de.<\/p>\n<p>Dabei gibt es anfangs ein paar sch\u00f6ne Momente. Als etwa Berthold, der in der Serie zu seinem Leidwesen immer nur \u201eErnie\u201c genannt wurde, in der Umkleide des fiktiven TV-Studios eintrifft und die Kamera ganz nebenbei den Zettel der Produktion mit dem falsch geschriebenen \u201eBertold\u201c an der T\u00fcr einf\u00e4ngt, ist man f\u00fcr einen Moment entz\u00fcckt, wie der Film alte Running Gags auf subtile Art wieder aufgreift. Und auch die \u201eStromberg-Zombies\u201c vor dem Studio sind als bissiger Kommentar zum Kult um die Serienfigur zu verstehen. Denn l\u00e4ngst ist Stromberg ja zu einer Art S\u00e4ulenheiligen der \u201eDas-wird-man-ja-noch-sagen-d\u00fcrfen\u201c-Fraktion geworden, die jeden Stromberg-Spruch mit der gleichen Verbissenheit verteidigt, mit der die Gegenseite dagegen wettert. Bernd im Kreuzfeuer des Kulturkampfs?<\/p>\n<p>Gegen Ende des Films \u2013 nachdem er im Verlauf der abstrusen Handlung einen Mitarbeiter auf dem Firmenparkplatz verpr\u00fcgelt, dessen Auto gestohlen, und damit einen Unfall gebaut hat \u2013 geistert Stromberg durch das verlassene Capitol-Geb\u00e4ude. \u201eInteressant ist ja eh nur das Scheitern\u201c, murmelt er in Selbstmitleid versinkend ins Treppenhaus, \u201enur scheitern ist siegen.\u201c Nur nach dieser Logik ist der Film ein gro\u00dfer Gewinner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bernd Stromberg hadert mit der Gegenwart. \u201eDer ganz normale Mann, der auf Frauen steht und arbeiten geht, das&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":635059,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[155],"tags":[149851,29,214,91432,30,851,95,149850,215],"class_list":{"0":"post-635058","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-christoph-maria","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-fernsehserien-ks","12":"tag-germany","13":"tag-herbst","14":"tag-kino","15":"tag-stromberg-tv-serie","16":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115690726033385379","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/635058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=635058"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/635058\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/635059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=635058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=635058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=635058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}