{"id":635111,"date":"2025-12-09T17:54:24","date_gmt":"2025-12-09T17:54:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635111\/"},"modified":"2025-12-09T17:54:24","modified_gmt":"2025-12-09T17:54:24","slug":"vereinigtes-koenigreich-britische-justiz-am-wendepunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635111\/","title":{"rendered":"Vereinigtes K\u00f6nigreich: Britische Justiz am Wendepunkt?"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/richter-uk-100.jpg\" alt=\"Richter auf dem Weg ins Parlament in London (Gro\u00dfbritannien)\" title=\"Richter auf dem Weg ins Parlament in London (Gro\u00dfbritannien) | AFP\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 09.12.2025 14:05 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Wer soll \u00fcber Schuld entscheiden &#8211; Richter oder das Volk? Diese Frage spaltet gerade das Vereinigte K\u00f6nigreich. Denn Justizminister Lammy plant eine weitreichende Justizreform. <\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                    <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/franziska-hoppen-106.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                                        <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Franziska Hoppen\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/franziska-hoppen-103.jpg\"\/><br \/>\n                                    <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Jahrelang wurde die Britin Katie Catt von ihrem Partner geschlagen. 2017 traute sie sich, ihn anzuzeigen. Doch erst sechs Jahre sp\u00e4ter fiel das Urteil. Das Warten, die Angst und die Ungewissheit seien hart gewesen. &#8222;Es ging soweit, dass ich meinen Job und meine Karriere aufgeben musste&#8220;, sagt die Britin im ITN-Fernsehen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">So wie Catt geht es in England und Wales zahlreichen Opfern von Gewalt. Wer heute etwa eine Vergewaltigung anzeigt, werde bis 2028 oder 2029 warten m\u00fcssen, bis der Fall vor Gericht landet, sagt Labour-Justizminister David Lammy. Denn an den Crown Courts, den Strafgerichtsh\u00f6fen, haben sich knapp 80.000 unbearbeitete F\u00e4lle angeh\u00e4uft. Bis 2028 werden es voraussichtlich 100.000 F\u00e4lle sein.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dabei stellen die langen Wartezeiten nicht nur Prozessteilnehmer vor Herausforderungen. Die veralteten, maroden Gef\u00e4ngnisse sind v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt: mit einer Rekordzahl an Inhaftierten in Untersuchungshaft, die etwa 20 Prozent aller Insassen ausmachen.<\/p>\n<p>    Richter statt Laien?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch nun hat Justizminister Lammy eine Reform angek\u00fcndigt, die Gerichte entlasten soll. Britische Zeitungen nennen sie die weitreichendste seit Jahrzehnten. Denn sie stellt auch das britische Selbstverst\u00e4ndnis in Frage: Lammy will die sogenannten jury trials in der Summe reduzieren. Das sind Schwurgerichtsverfahren, bei denen statt Richter zw\u00f6lf Laien \u00fcber Schuld und Unschuld entscheiden &#8211; diese Verfahren gelten als aufw\u00e4ndiger und zeitintensiver. Stattdessen sollen vor allem mehr ehrenamtliche Richter zum Einsatz kommen. \u00a0<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Noch k\u00f6nnen Angeklagte nach mittelschweren Vergehen, wie etwa Diebstahl oder Drogendelikten, selbst bestimmen, ob ihr Fall von einem Richter oder einer Jury entschieden werden soll. Bei schweren F\u00e4llen entscheidet automatisch die Jury.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das habe einen wichtigen Grund, erkl\u00e4rt Tony Lenehan, Rechtsanwalt in Schottland. Die Geschworenen stellten nicht nur einen echter Querschnitt der britischen Bev\u00f6lkerung dar. &#8222;Sie sind auch anonym, haben kein pers\u00f6nliches Interesse am Ausgang des Verfahrens und k\u00f6nnen deshalb v\u00f6llig unabh\u00e4ngig entscheiden. Und selbst wenn einer der zw\u00f6lf Laien eine extreme Meinung hat, dann wird sie wahrscheinlich durch jemand anderes wieder ausgeglichen.&#8220;<\/p>\n<p>    M\u00e4nnlich, alt, wei\u00df<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Berufsrichter hingegen seien angreifbarer f\u00fcr den Vorwurf, dass sie sich mit der Politik gemein machen, bei prominenten F\u00e4llen im Sinne ihrer Karriere entscheiden. Au\u00dferdem spiegelten sie nicht die Bev\u00f6lkerung wider: Sie seien vor allem m\u00e4nnlich, alt, wei\u00df und aus der gesellschaftlichen Elite.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Diese Einsch\u00e4tzung teilen auch Parteikollegen von Lammy, so wie Helena Kennedy aus dem Oberhaus: &#8222;Richter hier haben im Gro\u00dfen und Ganzen einen sehr \u00e4hnlichen Hintergrund&#8220;, so Kennedy. &#8222;Sie haben dieselbe Ausbildung, dieselbe Herangehensweise und geh\u00f6ren denselben Clubs an.&#8220; Vereinfacht gesagt, sollen die Schwurgerichtsverfahren also vor einem m\u00f6glichen Machtmissbrauch sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Justizminister David Lammy verteidigt Anfang Dezember seine Justizreform. Es gehe darum, eine Notlage im Justizsystem zu bew\u00e4ltigen.\n                    <\/p>\n<p>    Justizminister verteidigt Reformvorhaben<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch Justizminister Lammy m\u00f6chte die Zahl der &#8222;jury trials&#8220; in England und Wales trotzdem halbieren: Bei Straftaten mit voraussichtlich weniger als drei Jahren Freiheitsstrafe sollen sie wegfallen, nur noch bei besonders schweren Straftaten wie Mord, Raub und Vergewaltigung zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Au\u00dferdem, rechnet Lammy vor, endeten 90 Prozent aller F\u00e4lle ohnehin vor dem &#8222;Magistrates Court&#8220; f\u00fcr kleinere Delikte, \u00e4hnlich dem Amtsgericht in Deutschland. Nur zehn Prozent gingen an die Strafgerichtsh\u00f6fe, in sieben Prozent pl\u00e4dierten die Beschuldigten direkt auf &#8222;schuldig&#8220;, sodass ohnehin nur in drei Prozent der F\u00e4lle eine Jury zum Einsatz k\u00e4me.<\/p>\n<p>    Kleinkriminelle spekulieren auf den Faktor Zeit<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dies seien zudem oft F\u00e4lle, f\u00fcgt Labour-Staatssekret\u00e4rin Sarah Sackman hinzu, bei denen sich Kleinkriminelle bewusst f\u00fcr das Jury-Verfahren entschieden h\u00e4tten, &#8222;weil sie wissen, dass sie nicht nur dieses Weihnachtsfest, sondern auch noch das n\u00e4chste und das \u00fcbern\u00e4chste mit ihrer Familie verbringen k\u00f6nnen, ohne sich einem Gerichtsverfahren stellen zu m\u00fcssen&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Somit tragen aus Sicht des Justizministeriums also Verhandlungen \u00fcber ein gestohlenes Fahrrad oder Cannabisbesitz dazu bei, dass der Stapel unbearbeiteter F\u00e4lle immer weiter w\u00e4chst \u00a0und Opfer von Gewalt lange auf ein Urteil warten m\u00fcssen sowie Gefahr laufen, sich Jahre sp\u00e4ter retraumatisieren zu lassen. Nach Angaben der Regierung w\u00fcrden zum Beispiel mehr als zehn Prozent der Vergewaltigungsf\u00e4lle eingestellt, weil das Opfer sich aus dem Verfahren zur\u00fcckgezogen habe.\u00a0<\/p>\n<p>    Eine Art Filter f\u00fcr Vorurteile<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch f\u00fcr Rechtsanwalt Tony Lenehan geht\u2019s ums Prinzip. &#8222;Recht wird im Namen des Volkes gesprochen. Wenn wir das Volk aus dem Prozess herausnehmen, vergessen wir, warum wir dieses System \u00fcberhaupt eingef\u00fchrt haben.&#8220; Dazu komme, dass viele Angeklagte besonders schutzbed\u00fcrftig seien. &#8222;Meine Erfahrung zeigt, dass Menschen, die vor Gericht landen, zu einem gro\u00dfen Teil aus schlimmsten sozio\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen stammen. Sie haben einen viel h\u00f6heren Anteil an psychischen Problemen, Kommunikationsproblemen. Die Aush\u00f6hlung ihres Schutzes muss gut durchdacht sein.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Londoner Anw\u00e4ltin Gemma Lindfield gibt au\u00dferdem zu Bedenken, dass Richter in England und Wales eher wie neutrale Schiedsrichter den Streit zwischen Anklage und Verteidigung moderieren. Anders als in Deutschland griffen sie kaum ein, &#8222;untersuchen den Fall nicht selbst aktiv&#8220;, so Lindfield, indem sie etwa eigene Fragen stellen oder mehr Beweise fordern.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Deshalb sei die Jury so wichtig: Sie zwinge Anklage und Verteidigung, zw\u00f6lf ganz normale Briten von ihrem Anliegen zu \u00fcberzeugen und funktionierten dabei wie ein Art Filter f\u00fcr Vorurteile, so Lindfield.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\u00a0&#8222;Und wo soll das enden&#8220;, fragt die Anw\u00e4ltin? Sie f\u00fcrchtet, Lammys Justizreform k\u00f6nnte ein Dammbruch sein, um die Schwelle f\u00fcr Schwurgerichtsverfahren in Zukunft noch h\u00f6her zu h\u00e4ngen und sie so weiter zu reduzieren, was wiederum das Vertrauen in die Rechtstaatlichkeit und demokratische Institutionen erodieren lassen k\u00f6nne.\u00a0<\/p>\n<p>    Marode Geb\u00e4ude, veraltete Technik<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zumal es aus Lindfields Sicht weniger die Laien sind, die schnellen Prozessen im Weg stehen, als marode Geb\u00e4ude, veraltete Technik, Mangel an \u00dcbersetzern und Gef\u00e4ngnisse, die so \u00fcberlastet sind, dass Insassen nicht rechtzeitig in den Gerichtssaal gebracht w\u00fcrden. Sie w\u00fcnscht sich deshalb vor allem mehr Geld von der Regierung. Das hat Justizminister Lammy auch versprochen: mehr als 550 Millionen Pfund in den n\u00e4chsten drei Jahren. Doch an der Reform der &#8222;jury trials&#8220; h\u00e4lt er vorerst fest.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">In dem Prozess um Katie Catts gewaltt\u00e4tigen Ex-Partner entschieden 2017 \u00fcbrigens auch zw\u00f6lf Geschworene. Dar\u00fcber sei sie trotz der langen Wartezeit froh gewesen, sagt die Britin. &#8222;Das war meine Chance, zw\u00f6lf Menschen meine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Ich denke nicht, dass ein einziger Richter h\u00e4tte entscheiden k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 09.12.2025 14:05 Uhr Wer soll \u00fcber Schuld entscheiden &#8211; Richter oder das Volk? 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