{"id":635912,"date":"2025-12-10T03:06:15","date_gmt":"2025-12-10T03:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635912\/"},"modified":"2025-12-10T03:06:15","modified_gmt":"2025-12-10T03:06:15","slug":"sophie-rois-an-der-berliner-volksbuehne-eine-schwere-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/635912\/","title":{"rendered":"Sophie Rois an der Berliner Volksb\u00fchne: Eine schwere Geburt"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Am Anfang war das Wort, am Ende wohl nichts. Wie sich Christian Filips an der Inszenierung eines neuen Krippenspiels versucht, versuche ich mich an seiner Besprechung. Die muss schlie\u00dflich mit dem arbeiten, was dem Publikum vorgesetzt wurde. Und das war eher der Versuch eines Krippenspiels, ohne Jesuskind, daf\u00fcr mit kommunistischen M\u00f6nchen, die eindrucksvoll Vogel-, Ochsen- und Schafsger\u00e4usche imitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Vorab muss ich beichten: Ich habe nichts verstanden. Aber: Meine Sitznachbarn auch nicht. \u201eSophie Rois halt\u201c, h\u00f6re ich es murmeln und sehe Schultern zucken. Am U-Bahn-Eingang meint jemand, er glaube, er habe die Stelle verstanden, an der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nonnen-beim-Skaten\/!6123523\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nonnen in Cargohosen<\/a> als neue M\u00e4rtyrerinnen rekrutiert werden, also die Parallele, die hier angedeutet wurde. Die Stelle geht vielleicht f\u00fcnf Minuten. Sind wir alle zu bl\u00f6d? Wissen zumindest Sophie Rois, der Chor und der Regisseur, worum es in \u201ePropriet\u00e0 Privata\u201c eigentlich geht?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Ich versuche, meinen Platz im intellektuellen Stall zu finden, zwischen Ochsen, Esel und jener Art von wohlmeinender Selbstgei\u00dfelung, die entsteht, wenn man nach zwei Stunden Lichtschaltertesten und Chor\u00e4len erkennt, dass die eigene Hirnkapazit\u00e4t offenbar nur f\u00fcr Adventskr\u00e4nze reicht. Vielleicht ist dieses St\u00fcck ja die Rache des modernen Dramas an allen, die behaupten, Kunst m\u00fcsse \u201everst\u00e4ndlich\u201c sein. Oder einfach ein Fiebertraum mit Budget.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>            Ich m\u00f6chte bitte abgeholt werden. Stattdessen werde ich von oben gefilmt und ebenfalls an die Wand geworfen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"4\">Ein Mysterienspiel also. Oder ein Meta-Mysterienspiel. Oder ein Meta-Meta-irgendwas-Spiel. Und ganz viel unmissverst\u00e4ndliche Kapitalismus- und Kirchenkritik. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ein-Tanzstueck-zum-Abschied\/!6125951\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Volksb\u00fchne<\/a> meint es sogar so ernst mit der subversiven Kritik der B\u00fcrgerlichkeit, dass sie sich jeder M\u00f6glichkeit einer Theaterkritik entzieht.<\/p>\n<p>      Zur\u00fcck ins Mittelalter<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Der Technofeudalismus, so lerne ich, f\u00fchrt uns alle zur\u00fcck ins Mittelalter, als Franz von Assisi das erste Krippenspiel auff\u00fchrte und kein Gott zur Welt kam, sondern das moderne Drama. Au\u00dferdem wohl die Idee dieses St\u00fcckes, die Weihnachtsgeschichte und Privateigentum \u00e0 la franziskanischem M\u00f6nchskommunismus zusammenzudenken. Damals in Umbrien spielen die M\u00f6nche fast alle Rollen selbst. Heute spielt Sophie Rois Franziskus und ich spiele die Kritikerin.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Kommunistisches Theater bedeutet in der Praxis: Ein betender M\u00f6nch kniet neben einem Betonmischger\u00e4t, Rois erz\u00e4hlt von Engp\u00e4ssen an der A 555 und A 1. Ein riesiger sprechender Rabe mit glitzernden Augen sitzt da auf der B\u00fchne. Rois wird ihn sp\u00e4ter mit einem Gewehr abschie\u00dfen und mit seinen Knochen und Federn um sich werfen. Dann wird er, inzwischen wieder von den Toten auferstanden, mit riesigen schwarzen Federfl\u00fcgeln umherfliegen und eine d\u00fcstere Botschaft verk\u00fcnden. Victoria\u2019s Secret ist nett, aber waren Sie schon mal in der Volksb\u00fchne?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Nat\u00fcrlich geht es auch inhaltlich um Privateigentum, Kapitalismus und Cloudkommunismus. Die heilige Klara ruft zur Hausbesetzung auf. Und wo Nonnen sind, liegen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Neues-Album-von-Superstar-Rosalia\/!6123529\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rosal\u00edas virale Lyrics<\/a> \u201eSeine Angst ist meine Angst\u201c nicht fern. Passt auch gut, denn Hitchcocks V\u00f6gel werden an die Wand projiziert. Ich m\u00f6chte bitte abgeholt werden. Stattdessen werde ich von oben gefilmt und ebenfalls an die Wand geworfen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">In meinem Ohr ert\u00f6nt ein hochfrequentes Piepsen, das wahrscheinlich Absicht ist, aber auch ein defekter Lautsprecher sein k\u00f6nnte. Dann gibt es doch noch etwas Tierqu\u00e4lerei light, als ein echter Esel in den B\u00fchnenstall gef\u00fchrt wird. Sophie Rois und das Ensemble beten das \u201eHippietier\u201c an, raunen etwas von \u201eSalami\u201c und hoffen auf die Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>\u201ePropriet\u00e0 privata: Die Influencer Gottes kommen!\u201c in der Volksb\u00fchne<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">n\u00e4chste Auff\u00fchrungen: 10.\/19.\/28.12, 2.\/18.1.26, <a href=\"https:\/\/www.volksbuehne.berlin\/de\/repertoire\/proprieta-privata-die-influencer-gottes-kommen\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Volksb\u00fchne<\/a><\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Zwei Stunden hat mich Sophie Rois angeschrien und mit ihrer Riesenzigarette bis in Reihe 16 vollger\u00e4uchert. Am Ende war es eine schwere Geburt, dieses Krippenspiel, diesen Text zu schreiben, diesen Text zu lesen vermutlich auch. Jetzt sind wir alle davon erl\u00f6st.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am Anfang war das Wort, am Ende wohl nichts. 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