{"id":638390,"date":"2025-12-11T05:14:22","date_gmt":"2025-12-11T05:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/638390\/"},"modified":"2025-12-11T05:14:22","modified_gmt":"2025-12-11T05:14:22","slug":"bayerische-staatsoper-muenchen-barrie-kosky-inszeniert-einen-teuflischen-weihnachtszirkus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/638390\/","title":{"rendered":"Bayerische Staatsoper M\u00fcnchen: Barrie Kosky inszeniert einen teuflischen Weihnachtszirkus"},"content":{"rendered":"<p>Zu Weihnachten wird in der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Oper\" title=\"Oper\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Oper<\/a> offenbar gerne kannibalisch gegrillt. So m\u00e4stet in Engelbert Humperdincks \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c die Knusperhexe den gefangenen Knaben, wird aber dann selbst von dessen Schwester in den Backofen gesto\u00dfen. Im M\u00fcnchner Nationaltheater dreht jetzt die riesenbusige Solocha (Ekaterina Semenchuk), auch eine Hexe mit Besen, und zwar eine eifers\u00fcchtige, eine Doppelg\u00e4ngerin der sch\u00f6nen Oksana \u00fcber dem Feuer wie einen Spie\u00dfbraten. Skurril drastisch hat <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.ein-portraet-des-opernintendanten-barrie-kosky-berliner-paradiesvogel.7656d709-f6c2-480c-b7ef-ef2a9fc1c22c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barrie Kosky<\/a>, der Unterhaltungsk\u00fcnstler, \u201eDie Nacht vor Weihnachten\u201c von Nikolai Rimski-Korsakow inszeniert. Wie hei\u00dft das Werk?<\/p>\n<p>Ja, es ist hierzulande ziemlich unbekannt. Das war an der Bayerischen Staatsoper die M\u00fcnchner Erstauff\u00fchrung \u2013 130 Jahre nach der Urauff\u00fchrung in St. Petersburg. Es ist ein M\u00e4rchen nach einer Erz\u00e4hlung von Nikolai Gogol: eine sehr menschliche Dorfkom\u00f6die, in der ein Teufel die Strippen zieht; und es geht nicht ums Christkind, sondern um die Wintersonnenwende. Viel Naturspuk, gute und b\u00f6se M\u00e4chte, pantheistische Poesie und ukrainische Folklore mit heidnischem Brauchtum. Dazu Koliada-Gesang (\u00e4hnlich der christlichen Tradition des Sternsingens), orchestrale Sp\u00e4tromantik, Glockengebimmel, monstr\u00f6se Arien, Chormassen und \u00fcberhaupt ein bunt eingepacktes, viele \u00dcberraschungen bietendes Klang-Geschenk zum Fest.<\/p>\n<p>Ukrainische Geschichte und Kultur <\/p>\n<p>Auch eine politische Note hat diese Neuproduktion. Rimski-Korsakow geh\u00f6rte im 19.\u2009Jahrhundert, wie Michael Glinka oder Modest Mussorgskij, zum \u201em\u00e4chtigen H\u00e4uflein\u201c nationaler russischer Komponisten. Die sinfonische Dichtung \u201eScheherazade\u201c ist sein Klassik-Hit, er hat aber auch eine ganze Reihe an Werken f\u00fcrs Musiktheater geschrieben \u2013 wie man etwa gr\u00fcndlich im 1985 erschienenen \u201eHandbuch der russischen und sowjetischen Oper\u201c (sic!) von Sigrid Neef nachlesen kann. Darin steht im \u00dcbrigen auch, dass die Handlung von \u201eDie Nacht vor Weihnacht\u201c in \u201eKleinrussland\u201c spiele. Keine Rede von der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Ukraine\" title=\"Ukraine\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a>. Putins Angriffskrieg aber hat uns Europ\u00e4er sensibilisiert f\u00fcr die ukrainische Geschichte und Kultur.<\/p>\n<p>Schon Gogols Erz\u00e4hlung aber, erkl\u00e4rt der (russische) M\u00fcnchner Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski im Programmbuch, sei quasi der erste Versuch gewesen, die Ukraine als eine selbstst\u00e4ndige Nation mit einer selbstst\u00e4ndigen Kultur in der versnobten russischen Gesellschaft salonf\u00e4hig zu machen. Rimski-Korsakow wiederum habe in seiner Oper auf eine Sammlung ukrainischer Volkslieder zur\u00fcckgegriffen und damit viel getan f\u00fcr deren Popularisierung. Der emotional und ebenso schneidend klar und klischeefrei, nie s\u00fc\u00dflich dirigierende Jurowski hat in dieser Produktion deshalb darauf geachtet, dass sich das Ensemble (zu dem russische S\u00e4nger geh\u00f6ren) \u201esehr ukrainisch geb\u00e4rdet\u201c: also den Text ukrainisch ausspricht. Das ist ein Statement in diesen Zeiten, auch wenn das Normalpublikum solche sprachliche Differenzierung nicht h\u00f6rt. V\u00f6lkerverst\u00e4ndigender Friede, zumindest auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Weniger politisches Drama, mehr gro\u00dfer Weihnachtszirkus <\/p>\n<p>Dass der russische Komponist Rimski-Korsakow derart in die ukrainische Musik verliebt war, sei doch wirklich eine sch\u00f6ne Weihnachtsgeschichte, freut sich Regisseur Kosky. Ein politisches Drama hat er wirklich nicht inszeniert, sondern, vom Premierenpublikum bejubelt: den gro\u00dfen Weihnachtszirkus vor einer mehrst\u00f6ckigen, manegenartigen Kulisse (Klaus Gr\u00fcnberg). Der Teufel (Tansel Akzeybek) als Direktor mit Zylinder (aber mephistophelischen H\u00f6rnern drunter), die Dorfhelden (Sergei Leiferkus und andere) als aufgeblasene Clowns. Dazu Akrobatik am Seil, D\u00e4monengrusel und das Kosky-typische M\u00e4nnerballett.<\/p>\n<p>Die Geschichte, zumindest die m\u00e4rchenhafte: Der Schmied Wakula, von dem Tenor Sergey Skorokhodov tats\u00e4chlich metallisch hart und mit silbergl\u00e4nzender Klang-Legierung gesungen, begehrt die sch\u00f6ne Oksana. Elena Tsallagova verk\u00f6rpert dieses kokett verf\u00fchrerische M\u00e4dchen mit zwei Mega-Arien, in denen sie mit aller Sopranwucht und -kunst brilliert. Tja, aber Oksana w\u00fcrde den Wakula nur heiraten wollen, wenn er ihr die Schuhe der Zarin bringt.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr Kosky dann die spektakul\u00e4re Schau-Nummer. Vom B\u00fchnenhimmel f\u00e4hrt die Zarin (Violeta Urmana) herunter, eingerahmt vom kralligen russischen Doppeladler: eine wie dekoriert erstarrte Trapez-Attraktion oder eine rettende G\u00f6ttin aus dem barocken Maschinentheater. Aber sind ihre Beine nicht zu lang, die unterm Glitzerrock herabh\u00e4ngen? Genau, lustiger Gag: Sie sind nicht echt, lassen sich samt der gew\u00fcnschten Schuhe abschrauben.<\/p>\n<p>Apropos Grillen und Schmoren . . . Der erste, l\u00e4ngere Teil dieser dreist\u00fcndigen \u201eNacht vor Weihnachten\u201c ist eher trocken bis z\u00e4h durchgebraten. Da genehmigen sich einige Zuschauer in der Pause gern noch einen Sekt und gehen dann nach Hause. Was aber eine Fehlentscheidung ist. Denn diese Inszenierung nimmt erst im zweiten Teil so richtig fantasievoll Fahrt auf. Als gro\u00dfe ukrainisch-russische Revue.<\/p>\n<p> <b>Vorstellungen <\/b>im M\u00fcnchner Nationaltheater am 13., 19. und 22. Dezember; eventuell Restkarten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zu Weihnachten wird in der Oper offenbar gerne kannibalisch gegrillt. 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