{"id":639265,"date":"2025-12-11T13:48:16","date_gmt":"2025-12-11T13:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/639265\/"},"modified":"2025-12-11T13:48:16","modified_gmt":"2025-12-11T13:48:16","slug":"urauffuehrung-in-frankfurt-hasenprosa-von-maren-kames","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/639265\/","title":{"rendered":"Urauff\u00fchrung in Frankfurt: \u201eHasenprosa\u201c von Maren Kames"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Reist eine Frau mit einem Hasen. Noch dazu einem, der das gefl\u00fcgelte Wort \u201eMein Name ist Hase, ich wei\u00df von nichts\u201c gen\u00fcsslich umdreht: Dieser Hase wei\u00df alles. Er wei\u00df um die gro\u00dfen Fragen und die kleinen Ausweichman\u00f6ver seiner Reisegef\u00e4hrtin, die in \u201eHasenprosa\u201c unverkennbar auch autofiktional mit der Autorin Maren Kames zusammenf\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wo hat Kames, die Autorin der \u201eHasenprosa\u201c, diesen Hasen her? Aus ihrem Kopf. Aber weil der Kopf dieser 1984 geborenen Mixed-Media-Autorin auch voller Lekt\u00fcren, Filmen und Pop ist und ihre Texte vor Referenzen stets nur so wimmeln, schaut da, unverkennbar, auch der Kom\u00f6dienklassiker \u201eMein Freund Harvey\u201c hervor, der auf der B\u00fchne und im Film seit den Vierzigerjahren erfolgreich ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Vielleicht ist deshalb Marlon Otte, Regieassistent am Schauspiel Frankfurt, auf die Idee gekommen, f\u00fcr sein hauseigenes Regiedeb\u00fct Kames\u2019 h\u00f6chst ungew\u00f6hnliches Prosawerk in eine B\u00fchnenfassung zu verwandeln. So reist nun Nina Wolf sehr zart und schalkhaft durch eine Landschaft \u00fcbergro\u00dfer Baukl\u00f6tze (B\u00fchne Marco Pinheiro), die Bezug nimmt auf ein Zitat aus dem Text. Doch entpuppen sich die Kl\u00f6tze, mit denen die Ich-Erz\u00e4hlerin spielt, sehr sp\u00e4t als die Bausteine ihrer Familiengeschichte. Bis es an dieses Ziel kommt, muss gereist werden, in den Marianengraben der Erinnerung, zumal der unbewussten.<\/p>\n<p>Im Marianengraben der Erinnerung<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Daf\u00fcr ist ein Hase, ob sichtbar oder unsichtbar, selbstredend der beste Reisegef\u00e4hrte. Sebastian Rei\u00df mit riesigen Ohren und kleinem Puschel am Popo, den er gen\u00fcsslich einmal vorf\u00fchrt, ist wie Wolf schon da, wenn das Publikum die in 70 Minuten immer stickiger werdende Box des Schauspiels betritt. Fr\u00fchlingsfrische hingegen verbreiten die starken S\u00e4tze \u00fcber Wiesen und L\u00f6wenm\u00e4ulchen, die Kames in ihren Text montiert hat, und ausgesprochen frisch sind die zum Teil in v\u00f6lligen Nonsens driftenden Behauptungen des allwissenden Hasen, der gen\u00fcsslich seine M\u00f6hre m\u00fcmmelt. \u00dcberhaupt regiert Komik, auch da, wo man ahnt, dass diese Bewusstseinsreise einer noch jungen Frau mit einer depressiven Lebensphase zusammenh\u00e4ngen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eHasenprosa\u201c, erschienen bei Suhrkamp, stand 2024 auf der Shortlist des <a data-rtr-index=\"0\" title=\"Deutscher Buchpreis\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/deutscher-buchpreis\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Deutschen Buchpreises<\/a>, Kames hatte mit ihrem Deb\u00fct \u201eHalb Taube, halb Pfau\u201c, einem zwischen Prosa und Lyrik schillernden Text mit viel Wei\u00dfraum, QR-Codes zu Sounds und einer eigenen Internetseite, 2016 viel Aufmerksamkeit erregt, vor ihren ersten Buchver\u00f6ffentlichungen war sie mit literarisch-musikalischen Performances hervorgetreten. Die hybriden Formen, die auch \u201eHasenprosa\u201c auszeichnen, m\u00fcssen, bis auf die popkulturellen Anspielungen und die niedlich-komischen T\u00fccken der Objekte, die sich auf der B\u00fchne befinden, notwendigerweise wegfallen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Und durch die Spielfassung tritt, sosehr man auch die k\u00fchnen Assoziationsspr\u00fcnge der Autorin noch merkt, etwas Bem\u00fchtes hervor. So wirken die l\u00e4chelnd vorgetragenen Blumen-, Frucht- und Dornenst\u00fccke aus dem Leben der hier unbenamten weiblichen Figur sehr selbstbezogen, auch die heutzutage viel zitierte Unsichtbarkeit \u00e4lterer und alter Frauen wirkt eher wie abgehakt und st\u00f6rt mehr, wo es interessant wird in der Beschreibung der Vorfahren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">So ger\u00e4t bisweilen etwas aufdringlich Nabelschauhaftes in den Vordergrund, was nicht sein m\u00fcsste, wenn die noch junge Frau \u00fcber \u201eOma\u201c und \u201eMa\u201c redet. Dabei scheint doch auf, dass dahinter mehr stecken kann als die Erforschung der eigenen Wesensz\u00fcge auf Grundlage der Herkunft: ein Erkenntnisinteresse an der eigenen Familiengeschichte und wom\u00f6glich dadurch auch an den Untiefen der Gesellschaft. Das merkt man vor allem immer dann, wenn die Tauchg\u00e4nge in die Vergangenheit Bonmots und Beobachtungen hervorzaubern, die \u00fcber die Figur auf der B\u00fchne und im Text hinausweisen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das, was Maren Kames\u2019 hybriden Roman interessant und schillernd macht, das Assoziative, auch Bildungssatte, diese ganze muntere Mixtur, die Lyrik und Prosa und Songs zusammenzimmert, scheint nur momentweise auf. Es kann im Grunde auch gar nicht anders sein, denn all das, was diese abenteuerliche Erinnerungsfahrt ausmacht, kann ein Hasendarsteller, auch wenn er das so phantastisch macht wie Sebastian Rei\u00df, nicht ausgleichen.<\/p>\n<p>\u201eHasenprosa\u201c, Schauspiel Frankfurt, n\u00e4chste Vorstellung am 21. Dezember<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Reist eine Frau mit einem Hasen. 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