{"id":639293,"date":"2025-12-11T14:02:19","date_gmt":"2025-12-11T14:02:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/639293\/"},"modified":"2025-12-11T14:02:19","modified_gmt":"2025-12-11T14:02:19","slug":"frank-gehry-nachruf-gebaeude-wie-jazzmusik-juedische-allgemeine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/639293\/","title":{"rendered":"Frank-Gehry-Nachruf: Geb\u00e4ude wie Jazzmusik | J\u00fcdische Allgemeine"},"content":{"rendered":"<p>Frank Gehry hat den ber\u00fchmten Aphorismus \u00bb\u00dcber Musik zu schreiben, ist wie \u00fcber Architektur zu tanzen\u00ab ad absurdum gef\u00fchrt, als er 1996 sein Tanzendes Haus in Prag verwirklichte. H\u00e4tte der Ausnahmek\u00fcnstler sein Leben nicht der Architektur gewidmet, er w\u00e4re m\u00f6glicherweise ein erstklassiger Jazzmusiker geworden. Seine Bauten leben von wilden, schiefen Formen, von Spontaneit\u00e4t und der Kunst der Improvisation. Gehrys unverkennbare Werke \u00bbtanzen\u00ab in aller Welt \u2013 von den USA \u00fcber Japan bis Deutschland. Mit ihnen setzte der gefeierte und bei manchen auch verhasste Architekt den allzu harmonischen, kantigen und klaren Bauten der Moderne seine Skulpturen in Form fantastisch geformter H\u00e4user entgegen.<\/p>\n<p>Am 5. Dezember ist Frank Gehry im Alter von 96 Jahren nach kurzer Krankheit in seinem Haus in Santa Monica gestorben.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick wirken seine Bauten immer wieder so, als seien sie aus einem Paralleluniversum, einer Welt mit anderen Schwerkraft-Gesetzen gefallen. Schimmernd und glitzernd biegen sie sich mit Titan-H\u00fcllen in den Himmel, mitten in der Bewegung eingefroren.<\/p>\n<p>Form beherrscht den Bau<\/p>\n<p>Gehrys postmoderne Bauweise begeisterte von Beginn an, weil sie den vom Bauhaus propagierten Gestaltungsgrundsatz \u00bbForm Follows Function\u00ab ins Gegenteil verkehrte: Form muss, wie sein Werk zeigt, keineswegs der Funktion folgen. Im Gegenteil, die Form selbst kann einen Bau beherrschen und f\u00fcr sich Wirkung entfalten. So auch bei Gehrys 1997 errichtetem Guggenheim-Museum im baskischen Bilbao oder der 2003 er\u00f6ffneten Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, die zu Gehrys ber\u00fchmtesten Projekten z\u00e4hlen. Die Fragmente dieser Geb\u00e4ude wirken einzeln betrachtet unorganisiert und chaotisch und folgen in ihrer Gesamtheit doch einem Rhythmus.<\/p>\n<p>Das spanische Guggenheim \u2013 ein dekonstruktivistisches (auch wenn er die Zuschreibung nicht mochte), funkelndes Wunderwerk aus Glas, Titan und Kalkstein \u2013 ist bis heute ein beliebtes Touristenziel und begeistert auch Menschen, die sich sonst weniger f\u00fcr Baustile interessieren. Architekturkritiker Philip Johnson bezeichnete es als \u00bbdas gro\u00dfartigste Geb\u00e4ude unserer Zeit\u00ab. Wegen der vielen Kultur-Pilger war bald vom \u00bbBilbao-Effekt\u00ab die Rede.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Mit seiner Gro\u00dfmutter baute er in seiner Kindheit aus Holzabf\u00e4llen kleine H\u00e4user und St\u00e4dte.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>20 bis 30 Modelle baute Gehry f\u00fcr jedes seiner Projekte, eigener Aussage zufolge; was manchmal auch ein zerrissenes und wieder zusammengesetztes St\u00fcck Papier sein konnte. Aus der st\u00e4ndigen Suche nach Wegen, um diese komplexen geometrischen Gebilde g\u00fcnstig und stabil in die Welt zu setzen, entstand auch Gehrys eigene Technologiefirma f\u00fcr Design-Software. Die erstbeste Idee zu verwenden oder nicht die bestm\u00f6gliche Leistung abzuliefern, sei \u00bbnicht fair\u00ab, sagte er. <\/p>\n<p>Der gefeierte Architekt riet dazu, alle Vorhaben gleich zu behandeln: \u00bbEgal, wie klein ein Projekt auch sein mag, behandle es, als sei es das wichtigste.\u00ab Und er machte es am pers\u00f6nlichen Beispiel vor: 1977 gestaltete er sein zweist\u00f6ckiges Haus im traditionellen Bungalow-Stil in Santa Monica in Kalifornien: Dabei zerlegte er das Geb\u00e4ude bis auf den Rahmen und ummantelte es mit Maschendrahtzaun und Wellblech. Das Haus wirkte, als sei es explodiert. Bald darauf schon baute Gehry weltweit, etwa den Fisch-Pavillon zu den Olympischen Spielen in Barcelona (1992), die Cin\u00e9ma\u00adth\u00e8que Fran\u00e7aise in Paris (1994) und sein Tanzendes Haus in Prag. Jeder wollte ein St\u00fcck von Gehry.<\/p>\n<p>Geboren wurde Gehry am 28. Februar 1929 als Ephraim Owen Goldberg im kanadischen Toronto. Sein amerikanischer Vater war in New York City als Sohn russisch-j\u00fcdischer Eltern zur Welt gekommen, seine polnisch-j\u00fcdische Mutter stammte urspr\u00fcnglich aus \u0141\u00f3d\u0179 in Polen. Als Kind verbrachte Gehry viel Zeit mit seiner Gro\u00dfmutter Leah Caplan, die die Kreativit\u00e4t ihres Enkels unter anderem dadurch f\u00f6rderte, zusammen mit ihm aus Holzresten aus dem Baumarkt ihres Mannes stundenlang futuristische H\u00e4user und St\u00e4dte zu bauen. \u00bbIch wei\u00df nicht, warum sie das gemacht hat, aber es ist mein Leben geworden\u00ab, sagte Gehry, als er 2008 die Art Gallery of Ontario umgestaltete. \u00bbIch bin in dieser Stadt aufgewachsen, bis ich 17 war \u2013 ein Haufen emotionales Zeug ist damit verbunden.\u00ab<\/p>\n<p>Goldberg zu Gehry<\/p>\n<p>Der Baumarkt seines Gro\u00dfvaters, wo Gehry h\u00e4ufig den Schabbat verbrachte, sollte sich in seiner bis dahin in der modernen Architektur un\u00fcblichen Verwendung von Wellblech, Maschendrahtzaun, unlackiertem Sperrholz und anderen \u00bballt\u00e4glichen\u00ab Materialien wiederfinden. Von seinem Vater wiederum habe er das Zeichnen gelernt, w\u00e4hrend seine Mutter ihm die Kunstwelt erkl\u00e4rte. \u00bbDie kreativen Gene waren also vorhanden\u00ab, sagte Gehry vor einem Vierteljahrhundert dem \u00bbTime Magazine\u00ab. \u00bbAber mein Vater hielt mich f\u00fcr einen Tr\u00e4umer, der es zu nichts bringen w\u00fcrde. Meine Mutter hingegen glaubte, dass ich nur sch\u00fcchtern sei. Sie hat mich immer angespornt.\u00ab<\/p>\n<p>Seinen Nachnamen Goldberg \u00e4nderte er 1954 in Gehry, weil seine erste Ehefrau Anita Snyder Antisemitismus f\u00fcrchtete. Gehrys Familie war deshalb schon einmal umgezogen. Allerdings vergebens. 1947 emigrierte sie schlie\u00dflich in die USA und lie\u00df sich in Kalifornien nieder.<\/p>\n<p>Sein j\u00fcdisches Erbe und der famili\u00e4re Hintergrund als Einwanderer h\u00e4tten seine Architektur-Philosophie gepr\u00e4gt, erfuhr Barbara Isenberg in ihren Interviews f\u00fcr das Buch Gespr\u00e4che mit Frank Gehry. Er habe traditionelle Formen oft auf eine Weise neu interpretiert, die seine multikulturelle Erfahrung widerspiegelte. Seine Werke wurden als Verk\u00f6rperung einer \u00bbKritik des Konsumdenkens\u00ab beschrieben, da sie sich den Erwartungen an Luxus widersetzten und den Fokus auf Kreativit\u00e4t legten.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Er entwarf einzigartige Bauwerke, aber auch M\u00f6bel, Schmuck und Schnapsflaschen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Neugierde sei Teil der j\u00fcdischen Kultur, sagte er 2018 dem \u00bbJewish Journal\u00ab. \u00bbIch bin damit aufgewachsen. Mein Gro\u00dfvater hat mir aus dem Talmud vorgelesen. Ich bin mit dieser Neugierde aufgewachsen. Ich nenne sie eine gesunde Neugierde.\u00ab<\/p>\n<p>Gehrys Arbeit war immer viel mehr als nur Bauen, es war bildende Kunst mithilfe von Statikern, Ingenieuren, Designern und Investoren. Neue Auftr\u00e4ge bezeichnete er als \u00bbSkulptur-Objekte\u00ab, als \u00bbr\u00e4umliche Container, gef\u00fcllt mit Licht und Luft\u00ab. Heute ist Gehrys Handschrift \u00fcberall auf der Welt zu finden: in der Fondation Louis Vuitton in Paris, im Biomuseo in Panama oder auch im Guggenheim Museum in Abu Dhabi, das nach langer Bauzeit und vielen Verz\u00f6gerungen voraussichtlich im kommenden Jahr er\u00f6ffnet werden soll. <\/p>\n<p>Und Gehrys Einfluss reicht weit \u00fcber die Architektur hinaus: Er entwarf ebenso M\u00f6bel, Schmuck und Cognac-Flaschen. 1972 lie\u00df er bereits einen Stuhl \u00bbtanzen\u00ab und nannte ihn \u00bbWiggle Side Chair\u00ab. Er durfte allerdings nicht nass werden, da er gr\u00f6\u00dftenteils aus Karton bestand. 2015 designte er seine erste Jacht, die er \u00bbFoggy\u00ab nannte. Gehry liebte das Meer.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p>Im Laufe seiner Karriere erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1989 den Pritzker-Architekturpreis, der als h\u00f6chste Auszeichnung in diesem Bereich gilt, 2007 bekam er den Jerusalem-Preis f\u00fcr Kunst und Literatur verliehen, und 2016 \u00fcberreichte ihm US-Pr\u00e4sident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom.<\/p>\n<p>Wie jeder gro\u00dfe K\u00fcnstler hatte auch Gehry Kritiker, die seine Bauten als s\u00fcndhaft teure Spielereien eines Egozentrikers abtaten, der nur eine gro\u00dfe Show hinlegen wolle. \u00bb98 Prozent dessen, was auf unserer Welt gebaut und entworfen wird, ist pure Schei\u00dfe\u00ab, wehrte sich Gehry 2014, als ein Journalist ihn mit dieser Kritik konfrontierte \u2013 und zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Es gebe keinen Sinn f\u00fcr Design, \u00bbkeinen Respekt f\u00fcr die Menschheit oder sonst etwas\u00ab, emp\u00f6rte er sich. So exzentrisch und k\u00fchn wie Gehrys Bauten konnte der Mann eben manchmal auch selbst sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frank Gehry hat den ber\u00fchmten Aphorismus \u00bb\u00dcber Musik zu schreiben, ist wie \u00fcber Architektur zu tanzen\u00ab ad absurdum&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":639294,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,573,574,29,214,30,411,570,576,572,80,1794,14,16,575,215,571],"class_list":{"0":"post-639293","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-berichte","10":"tag-blogs","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-israel","15":"tag-juedische-allgemeine","16":"tag-juedisches-leben","17":"tag-kommentare","18":"tag-kultur","19":"tag-kunst-und-design","20":"tag-nachrichten","21":"tag-politik","22":"tag-religion","23":"tag-unterhaltung","24":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115701307346162574","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/639293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=639293"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/639293\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/639294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=639293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=639293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=639293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}