{"id":642012,"date":"2025-12-12T18:49:14","date_gmt":"2025-12-12T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/642012\/"},"modified":"2025-12-12T18:49:14","modified_gmt":"2025-12-12T18:49:14","slug":"die-russen-sind-gereift-steht-die-ukraine-vor-einer-niederlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/642012\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Russen sind gereift&#8220;: Steht die Ukraine vor einer Niederlage?"},"content":{"rendered":"<p>Langsam, aber kontinuierlich r\u00fcckt Russland in der Ukraine vor. Kiew hat zweifellos Probleme. Doch wie gravierend sind diese wirklich? Steht das angegriffene Land kurz vor einer Niederlage?<\/p>\n<p>Seit \u00fcber einem Jahr versucht die russische Armee, die Stadt Pokrowsk im Donbass einzunehmen. Mittlerweile sind die Russen so weit vorgedrungen, dass es den verbliebenen ukrainischen Truppen kaum noch gelingt, die Invasoren abzuwehren. F\u00fcr Russlands Machthaber Wladimir Putin ist diese Nachricht von gro\u00dfem Wert, denn ihm fehlte bislang eine Erfolgsmeldung zum Abschluss der Sommeroffensive. Die Einnahme der lang umk\u00e4mpften Stadt wird von der staatlichen Propaganda-Maschine intensiv ausgeschlachtet.<\/p>\n<p>Wichtiger im Informationskrieg Putins sind jedoch die Adressaten au\u00dferhalb Russlands \u2013 insbesondere die westlichen Unterst\u00fctzer der Ukraine. Die Meldungen aus Pokrowsk st\u00fctzen das Narrativ, dass \u201eRusslands Sieg unvermeidbar sei und die Russen nicht aufzuhalten sind\u201c, erkl\u00e4rt der Milit\u00e4rexperte George Barros, Leiter des Analysezentrums Ukraine am US-Institute for the Study of War (ISW). \u201eDie Russen werden, egal wie, immer weiter voranschreiten. Diesen Eindruck will der Kreml vermitteln.\u201c<\/p>\n<p>Will der Westen die Realit\u00e4t nicht wahrhaben?<\/p>\n<p>In den laufenden Verhandlungen \u00fcber einen Waffenstillstand ist entscheidend, wie viel Vertrauen die westlichen Unterst\u00fctzer noch in die milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten der Ukraine setzen. Lohnt es sich, weitere Gelder oder wom\u00f6glich die eingefrorenen russischen Milliarden bereitzustellen? Oder ist die Schlacht bereits verloren, doch der Westen will es noch nicht eingestehen?<\/p>\n<p>Der Kreml versucht, diesen Eindruck zu verbreiten, um die Unterst\u00fctzer der Ukraine zu verunsichern und zu spalten. \u201eDas ist eine ziemlich ausgekl\u00fcgelte Operation im Informationskrieg\u201c, so Barros. Strategisch ist die Einnahme der Stadt jedoch unbedeutend. Zwar war Pokrowsk lange ein wichtiges Logistik-Drehkreuz im Donbass, da es an einer Bahnstrecke und einer Autobahn liegt. Diese Nachschublinien wurden jedoch bereits im Juni von den Russen unterbrochen. Vor einem halben Jahr erreichte die russische Armee ihr strategisches Ziel im Raum Pokrowsk, der Rest dient vor allem der Propaganda.<\/p>\n<p>Wie aber steht es um die Kr\u00e4fte der Ukraine? Kann sie sich noch verteidigen oder droht im vierten Kriegswinter der Zusammenbruch?<\/p>\n<p>In einem Abnutzungskrieg leiden beide Seiten, wobei Moskaus Ressourcen umfangreicher sind als die Kiews. Der ukrainische Generalstab k\u00f6nnte seine Ressourcen allerdings strategisch kl\u00fcger einsetzen \u2013 wenn man ihn lie\u00dfe. Hindernisse sind politische Vorgaben, die bislang vom Pr\u00e4sidialamt kamen. \u201eAndrij Jermak hat festgelegt: Kein R\u00fcckzug ohne Urne\u201c, erkl\u00e4rt der \u00f6sterreichische Politologe und Ukraine-Experte Gustav Gressel. Das bedeutete bisher, dass keine taktischen R\u00fcckz\u00fcge auf bessere, hintere Linien erlaubt waren. Die Truppen mussten um jeden Quadratmeter bis zum letzten Moment k\u00e4mpfen. \u201eWenn aber nur daf\u00fcr Versorgungswege offen gehalten werden m\u00fcssen und Reserven an strategisch wichtigeren Orten fehlen, ist das ineffizient\u201c, analysiert Gressel.<\/p>\n<p>Jermak steht seit Kurzem wegen des Verdachts der Verstrickung in einen Korruptionsskandal nicht mehr an der Spitze des Pr\u00e4sidialamts. Ein Nachfolger k\u00f6nnte die Vorgaben f\u00fcr die Truppen lockern oder einen anderen Befehlshaber f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte einsetzen. Olexandr Sirskyj gilt ebenfalls als wenig pragmatischer Hardliner. In dieser Hinsicht k\u00f6nnte der Korruptionsskandal innerhalb des Kiewer Regierungsapparats tats\u00e4chlich einen positiven Effekt haben, falls die Erneuerung an der Spitze des Pr\u00e4sidialamts auch auf die Armee durchschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Derzeit wirken sich die bisherigen Strategien noch aus \u2013 im Fall der Region Pokrowsk fatal f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte. Die Ukrainer halten noch immer den n\u00f6rdlichsten Teil der Stadt, vor allem um die letzten Versorgungswege in den Nachbarort Myrnohrad offen zu halten, der selbst von Einkesselung bedroht ist. \u201eAus Myrnohrad k\u00f6nnen Verwundete bereits nicht mehr evakuiert werden, da die Russen mit Drohnen die Nachschubwege kontrollieren\u201c, sagt Gressel. H\u00e4tte der Generalstab den gesamten Kessel vor drei Wochen aufgegeben, h\u00e4tte er den Truppen vor Ort diese Situation erspart. \u201eJetzt verlieren die Luftlandetruppen, die dort eingesetzt sind, wahrscheinlich viele Soldaten.\u201c Gressel sch\u00e4tzt die kommenden Verluste auf rund 5000 \u2013 haupts\u00e4chlich Freiwillige und Elite-Infanterie.<\/p>\n<p>F\u00fcr Saporischschja wird es kritisch<\/p>\n<p>Der erbitterte Kampf um Pokrowsk wirkt sich auch auf andere Frontabschnitte aus. In der Oblast Saporischschja fehlten die Kr\u00e4fte, die im Donezk gebunden waren. Die Russen nutzten dies und r\u00fcckten seit September mit deutlich mehr Tempo vor. Am Tag wurden zwischen zwei und f\u00fcnf Kilometer Gel\u00e4ndegewinn erzielt. Der Vormarsch h\u00e4lt an, hat sich jedoch etwas verlangsamt. Die Stadt selbst ist noch etwa 50 Kilometer von der Front entfernt und bislang von Gleitbomben- und Drohnenangriffen weitgehend verschont. Mit weiterem Vorr\u00fccken k\u00f6nnte sich die Lage jedoch drastisch versch\u00e4rfen, zumal die Front von S\u00fcden und Osten n\u00e4her r\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Russen \u00fcben an allen Frontabschnitten weiterhin Druck aus, doch das bedeutet nicht, dass sie im neuen Jahr direkt auf Kiew marschieren. Im Hinterland gibt es noch gut ausgebaute ukrainische Verteidigungslinien, allerdings mangelt es oft an Streitkr\u00e4ften, um diese effektiv zu sichern. Es fehlt an Infanterie, was ein ernsthaftes Problem darstellt. Eine \u00c4nderung der Vorgaben k\u00f6nnte die Personalsituation auch in den hinteren Linien verbessern. Wenn nicht mehr verbissen um jeden Meter Boden gek\u00e4mpft werden muss, werden Kr\u00e4fte f\u00fcr andere Eins\u00e4tze frei.<\/p>\n<p>In Bezug auf die Drohnenproduktion sind die Ukrainer inzwischen gut aufgestellt. Es hapert jedoch an M\u00f6glichkeiten, russische Ziele in Entfernungen zwischen 30 und 300 Kilometern empfindlich zu treffen. Dort hat die Kreml-Armee ihre Fliegerabwehr konzentriert, so dass langsame Drohnen kaum Chancen haben, diesen Abwehrg\u00fcrtel unbeschadet zu \u00fcberfliegen. W\u00e4re das m\u00f6glich, k\u00f6nnten die Ukrainer noch h\u00e4ufiger erfolgreiche Angriffe auf russische Infrastruktur melden.<\/p>\n<p>Gressel sieht auch eine Schw\u00e4che in der F\u00fchrungskultur der ukrainischen Truppen, die noch stark an alte sowjetische Befehlsstrukturen angelehnt ist. Hier k\u00f6nnten die westlichen Unterst\u00fctzer seiner Ansicht nach kurzfristig mehr helfen als mit schweren Waffen. Diese h\u00e4tten bereits vor Monaten oder Jahren bestellt werden m\u00fcssen. Was jetzt an der Front an Artilleriesystemen und Panzern ausf\u00e4llt, kann nicht schnell genug ersetzt werden.<\/p>\n<p>\u201eDamit sind die Ukrainer \u00fcberfordert\u201c<\/p>\n<p>In der Kriegsf\u00fchrung steckt aber noch Potenzial. \u201eEs hei\u00dft oft, der Drohnenkrieg sei so anders, dass die NATO den Ukrainern nichts mehr beibringen k\u00f6nne. Das trifft h\u00f6chstens auf die taktische Ebene an der Front zu\u201c, sagt Gressel. \u201eWas F\u00fchrungskultur, operative Planung auf Brigade- und Korps-Ebene sowie Ressourcenplanung betrifft, k\u00f6nnen wir der Ukraine noch viel vermitteln, weil dort solche Erfahrungen fehlen.\u201c Entsprechend gibt es viel Kritik aus den unteren R\u00e4ngen an der operativen F\u00fchrung. \u201eDamit sind die Ukrainer \u00fcberfordert.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Russen machen noch Fehler, doch laut US-Experte Barros nicht mehr die gleichen \u201edummen Fehler wie vor drei Jahren\u201c. Das bereitet dem ISW-Wissenschaftler Sorgen, besonders f\u00fcr die kommenden Monate. Denn in den bisherigen Kriegsjahren \u201e2022, 2023 und 2024 hatten die Ukrainer ein sicheres Hinterland. Das ist vorbei.\u201c Die Russen attackieren die ukrainische Logistik nahe der Front mit kleinen FPV-Drohnen und weiter entfernt mit gr\u00f6\u00dferen Shahed-Drohnen. Zudem wurde eine Eliteeinheit, das sogenannte Rubikon-Kommando, eingerichtet, die Kampfdrohnen f\u00fcr pr\u00e4zise Schl\u00e4ge einsetzt. So geraten die Ukrainer zus\u00e4tzlich unter Druck.<\/p>\n<p>\u201eWir sehen hier, wie das operative Konzept der Russen inzwischen gereift ist. Es hei\u00dft nicht mehr: \u201aWir werfen jeden Monat neue Leute an die Front und ersch\u00f6pfen die Ukrainer durch Masse.\u2018 Stattdessen gestalten sie zun\u00e4chst das Schlachtfeld, indem sie monatelang intensiv die Logistik unterbinden. Dann zerm\u00fcrben sie die Ukrainer. Das ist eine sehr gef\u00e4hrliche neue F\u00e4higkeit.\u201c<\/p>\n<p>Weder der \u00d6sterreicher noch der Amerikaner sehen die Ukraine in den kommenden Monaten verlieren. Allerdings wachsen die Herausforderungen an der Front, w\u00e4hrend die ukrainische Armee nicht entsprechend mitw\u00e4chst. Pragmatismus und entschlossene Entscheidungen der westlichen Partner werden notwendig sein, um das Land durch den Winter zu bringen \u2013 vorausgesetzt, es wird sich nicht bald auf einen Waffenstillstand geeinigt. Der Gipfel am kommenden Montag in Berlin k\u00f6nnte einen Vorentscheid bringen.<\/p>\n<p>\t\tBeitragsnavigation<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Langsam, aber kontinuierlich r\u00fcckt Russland in der Ukraine vor. Kiew hat zweifellos Probleme. 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