{"id":643021,"date":"2025-12-13T06:52:11","date_gmt":"2025-12-13T06:52:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/643021\/"},"modified":"2025-12-13T06:52:11","modified_gmt":"2025-12-13T06:52:11","slug":"russischer-kriegsdienstverweigerer-trotz-folter-kein-asyl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/643021\/","title":{"rendered":"Russischer Kriegsdienstverweigerer: Trotz Folter kein Asyl"},"content":{"rendered":"<p>Sieben Tage brauchte Artem Klyga, um Russland zu verlassen. Von Moskau aus nahm er zehn Z\u00fcge, um dem Dienst an der Front zu entkommen. Der Rechtsanwalt verweigerte in <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/my-europe\/2025\/11\/27\/kallas-friedensplan-russland-einschraenken-ukraine\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Russland den Kriegsdienst<\/strong><\/a>, half als Experte f\u00fcr Milit\u00e4rrecht und Aktivist anderen, dasselbe zu tun. Doch dann begann Russland im gro\u00dfen Stil zu mobilisieren. &#8222;Ich hatte f\u00fcr mich entschieden: Ich bleibe nur, bis ich eine reale Bedrohung f\u00fcr mein Leben und meine Gesundheit sehe&#8220;, erkl\u00e4rt Klyga im Gespr\u00e4ch mit Euronews. <\/p>\n<p>&#8222;Ich arbeitete damals mit anti-kriegsorientierten unabh\u00e4ngigen Lokalpolitikern zusammen. Wir zogen viel Aufmerksamkeit auf uns. Es gab einen Versuch der Polizei, mich zur Armee zu schicken. Rechtlich w\u00e4re das anfechtbar gewesen, aber ich wollte es nicht riskieren \u2013 also floh ich nach Usbekistan.&#8220; Mehr als 2.000 Kilometer sind es f\u00fcr Klyga von Moskau bis an die usbekische Grenze, bis in die Sicherheit.<\/p>\n<p>Von dort aus beantragte Klyga ein humanit\u00e4res Visum f\u00fcr Deutschland. Zahlreiche Unterlagen sammelte er zusammen, wies seine Arbeit als Anti-Kriegsdienst-Aktivist nach. Klyga bekam das Visum, den Befreiungsschlag, so wie etwa 2.150 russische Staatsangeh\u00f6rige seit Beginn des gro\u00df angelegten russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Sie alle eint eine nachgewiesene besondere Gef\u00e4hrdungssituation.<\/p>\n<p>Abgelehnte Asylantr\u00e4ge<\/p>\n<p>Deutlich schwieriger ist es f\u00fcr russische M\u00e4nner, die in Deutschland Asyl beantragen. Von Anfang 2022 bis Oktober 2025 stellten 6.747 russische M\u00e4nner zwischen 18 und 45 Jahren einen Asylantrag in Deutschland. In demselben Zeitraum wurden 353 als Asylberechtigte oder <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2025\/11\/26\/finnlands-grenzzaun-zu-russland-gegen-illegale-immigration-in-lappland-liegt-das-grosste-p\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Fl\u00fcchtlinge anerkannt<\/strong><\/a>. 3.370 Antr\u00e4ge wurden abgelehnt, 2.165 erledigten sich, weil es sich beispielsweise um Dublin-F\u00e4lle handelt, f\u00fcr deren Asylantr\u00e4ge andere L\u00e4nder zust\u00e4ndig sind, wie das BAMF Euronews mitteilt. Allerdings w\u00fcrden nicht alle Antr\u00e4ge und Ablehnungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine stehen. <\/p>\n<p>&#8222;Die neue deutsche Regierung verfolgt eine politische Linie, in der behauptet wird, Russland nutze nur Berufssoldaten und es gebe keine Risiken f\u00fcr russische Asylsuchende&#8220;, betont der Rechtsanwalt. &#8222;Es gibt auch F\u00e4lle von Menschen, die im Krieg gefoltert wurden und es \u00fcber andere L\u00e4nder nach Deutschland geschafft haben \u2013 und dennoch abgelehnt wurden.&#8220;<\/p>\n<p>Jedes Asylverfahren sei eine &#8222;Einzelfallpr\u00fcfung, in der jede vorgetragene Fluchtgeschichte sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft wird. Bewertet werden immer die individuell vorgetragenen Verfolgungsgr\u00fcnde&#8220;, so das BAMF zu dem Vorwurf. &#8222;Die Herkunft aus einem bestimmten Land sowie ein bestimmter Fluchtgrund sind relevant f\u00fcr die Pr\u00fcfung eines Asylbegehrens. Allein an diesen entscheidet sich aber nicht die Zuerkennung eines Schutzstatus oder die Ablehnung des Asylantrags.&#8220;<\/p>\n<p>Kein Direktflug, keine Abschiebung?<\/p>\n<p>Viele Geschichten abgelehnter russischer Kriegsdienstverweigerer kennt Klyga. Schon wie in Russland ber\u00e4t er auch in Deutschland <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/2025\/05\/26\/kyjiw-russlands-verluste-bei-fast-einer-million-soldaten\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><strong>Kriegsdienstverweigerer<\/strong><\/a>. Sie stammen aus Russland, der Ukraine, Georgien und anderen L\u00e4ndern der Region. F\u00fcr den Verein Connection e.V. ber\u00e4t er w\u00f6chentlich Dutzende M\u00e4nner, die fliehen wollen oder schon geflohen sind. &#8222;Viele bekommen mittlerweile Ausreiseaufforderungen direkt nach Russland.&#8220;<\/p>\n<p>Leichter als in Deutschland sei es in anderen L\u00e4ndern, wie etwa Frankreich, Asyl zu bekommen. &#8222;Dort werden Risiken sehr differenziert eingesch\u00e4tzt \u2013 je nach milit\u00e4rischer Vorgeschichte, Beruf, Erfahrung.&#8220; <\/p>\n<p>Abschiebungen nach Russland sind aktuell nicht m\u00f6glich, weil es keine Direktfl\u00fcge gibt. 2024 hat Deutschland stattdessen 66 Abschiebungen \u00fcber Transitflugh\u00e4fen <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/21\/001\/2100196.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\"><strong>durchgef\u00fchrt<\/strong><\/a>, der Gro\u00dfteil nach Georgien (35), gefolgt von Serbien (30) und Aserbaidschan (1).<\/p>\n<p>Undurchsichtige Rekrutierungsstrategien<\/p>\n<p>Statt auf Zwangsmobilisierung setzt Russland mittlerweile auf gesellschaftlich akzeptiertere Methoden: Etwa 130.000 Euro zahlt der russische Staat an die Familien gefallener Soldaten, Sarggeld wie es auch genannt wird, berichtet die New York Times. F\u00fcr im Kriegseinsatz entstandene Behinderungen, wie etwa verlorene Gliedma\u00dfen, gibt es 30.000 Euro. Und auch sonst ist der Sold f\u00fcr russische Verh\u00e4ltnisse stattlich: 2.110 Euro monatlich. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Monatslohn in Russland lag im August 2025 bei 998 Euro, so die US-Plattform Trading Economics. In l\u00e4ndlichen Gegenden liegt er weit darunter.<\/p>\n<p>&#8222;Um Akzeptanz zu schaffen, zahlen sie riesige Summen. Viele sagen: &#8218;Mein Sohn ist gestorben, aber wir haben Geld bekommen.&#8216; Es ist auch eine Methode, die Menschen zum Schweigen zu bringen&#8220;, sagt Klyga dazu.<\/p>\n<p>Doch auch mit undurchsichtigeren Methoden arbeitet Putins Regime: Immer h\u00e4ufiger verwendet Russland in Jobbeschreibungen Begriffe wie &#8222;keine Front&#8220; oder &#8222;ruhiger Dienst&#8220;, wie der Thinktank OpenMinds <a href=\"https:\/\/www.openminds.ltd\/reports\/russia-launches-new-war-recruitment-campaign-promoting-safe-frontline-jobs\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\"><strong>analysiert<\/strong><\/a>. Damit w\u00fcrden ahnungslose Bewerber gelockt. Nachdem sie unterschrieben haben, landen sie trotzdem an der Front.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt auch Menschen in Gef\u00e4ngnissen &#8211; sie unterschreiben Vertr\u00e4ge, aber das ist keine freie Entscheidung. Migranten aus \u00e4rmeren L\u00e4ndern wie Tadschikistan, Kirgistan oder Usbekistan werden oft erpresst: Geldstrafen, Deportationsdrohungen \u2013 und als Ausweg wird ihnen ein Milit\u00e4rvertrag angeboten. Wenn man unterschreibt, bekommt man sehr schnell die Staatsb\u00fcrgerschaft&#8220;, erkl\u00e4rt Klyga. <\/p>\n<p>Nach Russland zur\u00fcckzukehren, selbst wenn der Krieg vorbei ist, ist f\u00fcr Klyga unvorstellbar: &#8222;Das System bleibt dasselbe: dieselben Gesetze, dieselben Repressionen.&#8220; Eine echte R\u00fcckkehrm\u00f6glichkeit sieht er nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sieben Tage brauchte Artem Klyga, um Russland zu verlassen. 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