{"id":64311,"date":"2025-04-27T02:30:13","date_gmt":"2025-04-27T02:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/64311\/"},"modified":"2025-04-27T02:30:13","modified_gmt":"2025-04-27T02:30:13","slug":"sibylle-berg-sibylle-bergs-experiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/64311\/","title":{"rendered":"Sibylle Berg: Sibylle Bergs Experiment"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/17\/sibylle-berg-eu-parlament-die-partei-experiment\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen    <\/a><\/p>\n<p>                        Inhalt<\/p>\n<ol class=\"article-toc__list\">\n<li class=\"article-toc__list-item\">\n<p>Seite 1Sibylle Bergs Experiment<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/17\/sibylle-berg-eu-parlament-die-partei-experiment\/seite-2\" data-ct-label=\"2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                    Seite 2&#8243;Jetzt werden meinetwegen irgendwelche Panzer losgeschickt!&#8220;<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"paragraph article__item\">Traurig ist&#8217;s, hier im Europaviertel von Stra\u00dfburg, wo die EU-Besch\u00e4ftigten an einem Mittwochmorgen aus ihren Marriott-Hotels str\u00f6men. Sie laufen den Boulevard de Dresde herunter, der leider vom Turm eines Betonwerks \u00fcberragt wird, und gegen\u00fcber von diesem Betonwerk tagt das Parlament der Europ\u00e4ischen Union. Der Himmel ist sitzungswochengraublau, es regnet, aber auch nicht so richtig, es tr\u00f6pfelt\u00a0\u2013 und dass einem das jetzt alles so \u00fcbertrieben traurig vorkommt, das liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass man im Zug hierher in einem alten Buch der Schriftstellerin <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/sibylle-berg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sibylle Berg<\/a> herumgelesen hatte, und die B\u00fccher von Sibylle Berg waren, bis vor Kurzem jedenfalls, immer sehr traurig. Bei Sibylle Berg war immer alles schlimm und einsam, und dann wurde es noch schlimmer.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Ausgerechnet diese Sibylle Berg ist im vergangenen Jahr bei der sogenannten Europawahl als Abgeordnete ins <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/europaeisches-parlament\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU-Parlament<\/a> gew\u00e4hlt worden; ein Parlament, von dem man zwar wei\u00df, dass es existiert, aber \u00fcber das man sonst nicht viel sagen k\u00f6nnte. &#8222;Man&#8220;, das ist in diesem Fall mindestens der Reporter, dessen EU-Kenntnisse ungef\u00e4hr dem der deutschen Durchschnittsbev\u00f6lkerung entsprechen und der sich deswegen hier verabredet hat, mit der Abgeordneten Sibylle Berg: Schnupperkurs, wir gucken ihr einen Tag lang bei der EU-Arbeit zu.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Es ist jetzt neun Uhr, kurze Nahaufnahme des EU-Apparats, wie sie sich hier vor dem Eingang des Parlaments darstellt, wo der Reporter in einem Raucherh\u00e4uschen wartet, in dem niemand raucht: viele M\u00e4nner in Fleecejacken oder sitzungswochengraublauen Anz\u00fcgen. Zwischendurch huscht auch mal ein \u00e4lterer Herr mit wei\u00dfem, wildem Haar in einer Wachsjacke vorbei, vielleicht ein Rechter. Bisschen Weltpolitik ist auch: Ein kleiner, \u00fcberambitionierter Rothaariger mit Kindergesicht f\u00e4llt auf, weil er einen viel zu gut sitzenden Anzug tr\u00e4gt, au\u00dferdem einen Laptop und zwei Regenschirme; auf Franz\u00f6sisch begr\u00fc\u00dft er eine asiatische Delegation. Beim Metalldetektor muss man seinen G\u00fcrtel ausziehen.\n<\/p>\n<p>    <a class=\"volume-teaser__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/17\/index?utm_campaign=wall_abo&amp;utm_content=premium_packshot_cover_zei&amp;utm_medium=fix&amp;utm_source=zeitde_zonpme_int&amp;wt_zmc=fix.int.zonpme.zeitde.wall_abo.premium.packshot.cover.zei\" title=\"Zur Ausgabe 17\/2025\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"volume-teaser__media-item volume-teaser__media-item--landscape\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1745506810_308_original__120x85.jpeg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"86\"\/><\/p>\n<p>        Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17\/2025. Hier k\u00f6nnen Sie die gesamte Ausgabe lesen.<\/p>\n<p>            Ausgabe entdecken<\/p>\n<p>    <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8222;Manchmal denke ich, es w\u00e4re total gut, an irgendwas glauben zu k\u00f6nnen. An eine politische Idee oder so. Aber heute glaubt kaum wer noch was&#8220;, das schreibt Sibylle Berg auf den ersten Seiten ihres Deb\u00fctromans Ein paar Leute suchen das Gl\u00fcck und lachen sich tot, erschienen 1997. Auf dem Cover ist ein Bild von ihr, sie liegt im Bett, den Kopf aufgest\u00fctzt auf der rechten Hand, in der sie au\u00dferdem noch eine brennende Zigarette h\u00e4lt. Fast drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter betritt man ihr Parlamentsb\u00fcro, und die EU-Politikerin Sibylle Berg liegt dort auf kuscheligen Sitzkissen, im Mund hat sie eine wei\u00dfe Plastikh\u00fclse, auf der sie herumkaut, ein Nikotininhalierger\u00e4t. Sie tr\u00e4gt schwarze Wanderstiefel, schwarze Wollsocken, einen schwarzen Blazer und einen schwarzen Rollkragenpullover, \u00fcber dem das blaue Band mit ihrem EU-Hausausweis baumelt. &#8222;Kaufe nichts, ficke niemanden&#8220;, der Satz, der lange als Selbstauskunft in ihrem Twitter-Profil stand, er steht nun auf der Fu\u00dfmatte des EU-B\u00fcros.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Was haben wir heute vor? Wichtigster Termin: Mittags ist Abstimmung im Plenarsaal. &#8222;100 Minuten, so lang ging das noch nie in meiner Amtszeit.&#8220; Berg kaut m\u00fcde auf ihrer Plastikzigarette. &#8222;Aber muss so lang sein, weil die jetzt mal so ordentlich aufr\u00fcsten wollen.&#8220; Es gehe, seit sie hier sei, eigentlich immer um: viel Geld. Und viel Aufr\u00fcstung. &#8222;Worum es hingegen nie ging, ist Armutsbek\u00e4mpfung. Es ging eigentlich noch nie um Wohnungsnot, es ging noch nie um alleinerziehende M\u00fctter.&#8220; Das ist jetzt der ganz besondere Sibylle-Berg-Populismus, den man vor allem aus ihren letzten beiden Romanen kennt, ihren bisher erfolgreichsten. Berg hat sich n\u00e4mlich in den letzten Jahren politisch radikalisiert. &#8222;In der Pandemie bin ich knapp an einer Depression vorbeigeschrammt. Da wurden die Angst, Panik, Einsamkeitsgef\u00fchle, die es vorher schon gab, noch einmal beschleunigt. Das Nicht-mehr-miteinander-reden-K\u00f6nnen, die Lagerbildung.&#8220; Dann kam die Inflation, dann der Krieg, zwischendurch auch noch &#8222;Klimakatastrophen&#8220;. &#8222;Der kapitalistische K\u00f6rper stirbt und strampelt und zuckt und ist bereit, alles mit in den Abgrund zu rei\u00dfen&#8220;, das ist Bergs Kurzanalyse der politischen Gesamtlage.\n<\/p>\n<p>                            Es gehe eigentlich nur um viel Geld und Aufr\u00fcstung, sagt Berg \u00fcber die EU.                \u00a9\u00a0Anne-Sophie Stolz f\u00fcr DIE ZEIT<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Jetzt geht\u2019s aber noch nicht in den Abgrund, jetzt kommt erst mal der Satiriker und ehemalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn rein, ja, hallo. Er hat sein B\u00fcro nebenan, Berg und er sind die beiden EU-Abgeordneten der Partei <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/die-partei\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Partei<\/a>, 2004 gegr\u00fcndet von Sonneborn und anderen Titanic-Redakteuren. Berg bietet ihm einen Platz an auf einem Sitzkissen. &#8222;Da komm ich nie wieder hoch&#8220;, sagt Sonneborn. Er ist seit mehr als zehn Jahren im EU-Parlament, am Anfang war er der Clown, der Satiriker, jetzt sieht er sich eher als Investigativreporter, der aufdeckt, wie die EU arbeitet, der auf die Machenschaften von Ursula von der Leyen hinweist, \u00fcber die deutsche Medien zu wenig berichten\u00a0\u2013 seiner Meinung nach jedenfalls.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">\u00dcberhaupt: die Medien. Berg schimpft \u00fcber Klickgetriebenheit und Angstmacherei, die sie beim Spiegel, wo sie lange Kolumnistin war, genauso zu beobachten meint wie bei der ZEIT. Und da sieht sie auch ihre Aufgabe als Politikern: Sie will eine Alternative anbieten zu dem, was sie die &#8222;Politik der Angst&#8220; nennt, zum Ohnmachtsgef\u00fchl. &#8222;Ich bin hier angetreten, um Hoffnung zu verbreiten. Die Menschen zueinanderzubringen.&#8220; Sie habe angefangen, in ihren B\u00fcchern zu leben, erkl\u00e4rt Berg, und in ihrem letzten Roman, da sei die Revolution tats\u00e4chlich gelungen. Stimmt: In dem Buch, das vor drei Jahren unter dem geheimnisvollen Dreibuchstabentitel RCE erschien, schafft es eine verschworene Gemeinschaft von Aktivisten und Hackern, das politische System Europas zu st\u00fcrzen, ohne Blutvergie\u00dfen. Aber das reicht Berg noch nicht: In ihrem n\u00e4chsten Buch, sie hat es gerade fertig geschrieben, entwirft sie die bessere, gerechtere Gesellschaft, die nach dieser Revolution erbl\u00fcht.\n<\/p>\n<p>            Sibylle Berg        <\/p>\n<p>Mehr zum Thema<\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2023-09\/die-partei-sibylle-berg-europawahl-kandidatur\" data-ct-label=\"Die Partei: Schluss mit lustig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>                        Die Partei:<br \/>\n                        Schluss mit lustig<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/19\/sibylle-berg-rce-verschwoerung-links\" data-ct-label=\"Sibylle Bergs &quot;RCE&quot;: Virtuelle Revolution\u00e4rin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p>        Z+ (registrierungspflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Sibylle Bergs &#8222;RCE&#8220;:<br \/>\n                        Virtuelle Revolution\u00e4rin<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Im Kleinen will sie diese bessere Gesellschaft jetzt schon einmal aufblitzen lassen in der EU-Wirklichkeit. Berg plant einen Hackathon f\u00fcr Frauen; ein Programm f\u00fcr politische Bildung, mit dem sie durch Deutschland touren will; ein Festival mit Wissenschaftlern in Berlin. In einem neuen Podcast spricht sie mit Computerfachleuten \u00fcber die Gefahren der digitalen \u00dcberwachung. Dem Satiriker Sonneborn reichte es nicht, sich nur \u00fcber die EU lustig zu machen, er wollte \u00fcber sie aufkl\u00e4ren. Und der <a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/schriftsteller\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schriftstellerin<\/a> Berg reicht es nicht, die EU nur traurig zu finden, sie will jetzt Hoffnung machen. Hier aus ihrem EU-B\u00fcro heraus, in das sie einen richtig gem\u00fctlichen Sisalteppich hat legen lassen, \u00fcber den sitzungswochengraublauen EU-Einheitsbodenbelag. Einen Stuhl oder Schreibtisch gibt es nicht, nur die Sitzkissen. Die Stimmung: Wohngemeinschaft. Nein, eher: Jugendzimmer, Ranzen in die Ecke, Computerkiste hochfahren, Freunde einladen, LAN-Party, Revolution planen, Eltern verboten. Da passt dann auch der m\u00fctterliche Hinweis ihrer Mitarbeiterin, die gegen\u00fcber in einem Sitzsack sitzt und bis eben in ihr MacBook tippte: Gleich ist Abstimmung, Sibylle. Willst du nicht lieber vorher was essen? Nimm doch eine Banane, sonst kippst du um!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1Sibylle Bergs Experiment Seite 2&#8243;Jetzt werden meinetwegen irgendwelche Panzer losgeschickt!&#8220; Traurig&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":64312,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,3101,16245,548,663,158,1560,10317,3934,3935,13,80,14,15,12,5472,28875],"class_list":{"0":"post-64311","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-belletristik","11":"tag-die-partei","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europaeische-union","15":"tag-europaeisches-parlament","16":"tag-europawahl","17":"tag-europe","18":"tag-european-union","19":"tag-headlines","20":"tag-kultur","21":"tag-nachrichten","22":"tag-news","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-schriftstellerin","25":"tag-sibylle-berg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114407579520418661","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64311\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/64312"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}