{"id":646861,"date":"2025-12-15T02:02:57","date_gmt":"2025-12-15T02:02:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/646861\/"},"modified":"2025-12-15T02:02:57","modified_gmt":"2025-12-15T02:02:57","slug":"daniel-richter-ich-bin-aus-versehen-expressionist-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/646861\/","title":{"rendered":"Daniel Richter: &#8222;Ich bin aus Versehen Expressionist geworden\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Daniel Richter stellt sich vor eines seiner Gem\u00e4lde, die in der Regel rund 230 mal 170 Zentimeter messen. Um zu demonstrieren, warum genau dies sein Idealformat ist, tut der hochgewachsene Maler so, als w\u00fcrde er gerade den Pinsel schwingen. Sofort wird klar: Bildgr\u00f6\u00dfe und K\u00fcnstlerk\u00f6rper passen perfekt zusammen, denn Richter kann ohne gr\u00f6\u00dfere Anstrengung jede Stelle auf der Leinwand erreichen, hat zudem stets die gesamte Bildfl\u00e4che im Blick. Das Format, erkl\u00e4rt er, entspreche seinen \u201ephysischen und geistigen F\u00e4higkeiten\u201c.<\/p>\n<p>Malerei zwischen Figuration und Abstraktion<\/p>\n<p>Das 2025 entstandene Bild, vor dem Richter seine Arbeitsweise vorf\u00fchrt, hei\u00dft \u201eDer m\u00fcde Geiger\u201c. Wer den Titel kennt, meint, die vibrierende Violine zu sehen und die Ersch\u00f6pfung des Musikers zu sp\u00fcren. Lebensgro\u00dfe Gestalten agieren in der j\u00fcngsten Werkgruppe des Malers vor gefleckten Hintergr\u00fcnden in leuchtenden Farben. \u201eIch bin aus Versehen Expressionist geworden, das war gar nicht meine Absicht\u201c, sagt der 1962 in Eutin geborene Maler. Die Ausstellung \u201eDaniel Richter. Torf \u2013 Malerei zwischen Figuration und Abstraktion\u201c, die vom 10. Dezember an die Reithalle auf Schloss Gottorf bespielt, f\u00fchrt den expressiven Charakter der Werke vor. Geballte Farbigkeit trifft auf dynamisches Personal.<\/p>\n<p>Zu sehen sind in Schleswig knapp 60 Werke, darunter kleinformatige, d\u00fcstere Bilder aus der Zeit von 1999 bis 2010, deren geisterhafte Motive laut Richter keine gro\u00dfe Leinwand gef\u00fcllt h\u00e4tten. Der Schwerpunkt der Schau liegt auf den idealgro\u00dfen, farbintensiven Figurenkompositionen des letzten Jahrzehnts, das sich in verschiedene Schaffensphasen unterteilen l\u00e4sst. Richter, der in den 1990er-Jahren an der Hamburger Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste bei Werner B\u00fcttner studierte und heute zu den erfolgreichsten deutschen Gegenwartsk\u00fcnstlern geh\u00f6rt, sucht sich immer wieder neue Herausforderungen. \u201eIch langweile mich ziemlich schnell\u201c, erkl\u00e4rt der Malerstar, es sei sein Ziel, \u201eL\u00f6sungen zu finden f\u00fcr unbekannte Aufgabenstellungen\u201c.<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht gef\u00e4llig, was Richter macht\u201c<\/p>\n<p>Eine Konstante ist der Dialog zwischen den sich stetig wandelnden Hintergr\u00fcnden und den surreal verfremdeten Gestalten davor, die ihre Emotionen und Obsessionen ausleben. Es sind gepeinigte, verletzte, einander verletzende Figuren, deren Inneres im wahren Wortsinn sichtbar wird: manchmal quellen Organe aus Wunden hervor, zuweilen str\u00f6mt Blut aus den gemalten Leibern. Die heitere, verlockende Farbgebung tarnt die prek\u00e4re Situation dieser allzu menschlichen Wesen: \u201eEs ist nicht gef\u00e4llig, was Richter macht\u201c, sagt Carsten Fleischhauer, der die Schleswiger Schau kuratiert hat.<\/p>\n<p>Jede Werkphase unterscheidet sich von der vorherigen durch neue Merkmale, doch \u201ejede Gruppe bezieht sich auf die Gruppe zuvor\u201c, erl\u00e4utert Daniel Richter. Zun\u00e4chst sind da die seit 2015 entstandenen, von Pornografie inspirierten Gem\u00e4lde, deren Bildgrund von Farbverl\u00e4ufen gepr\u00e4gt ist. Der Maler empfindet sie als \u201edurchsichtig, zierlicher, \u00e4ngstlicher, weil ich die Wirkung nicht absch\u00e4tzen konnte. Ich sehe das Z\u00f6gern darin wirklich stark\u201c. Diese Arbeiten sind ihm wichtig, denn sie bedeuteten damals einen Bruch mit dem Vorangegangenen: Mit Richters riesengro\u00dfen Historienbildern, von denen er sich ebenso abwandte, wie er sich zuvor, um die Jahrtausendwende, auch von der Abstraktion distanziert hatte.<\/p>\n<p>Anregung: Ein Foto aus dem Jahre 1915<\/p>\n<p>Obwohl die Schau nicht chronologisch aufgebaut ist, l\u00e4sst sich die Metamorphose der formalen Merkmale nachvollziehen. Die Farbverl\u00e4ufe werden zun\u00e4chst monochrom, dann bildet sich auf jedem Gem\u00e4lde ein Horizont aus, an dem zwei Farbbl\u00f6cke aufeinanderprallen. Die folgenden Arbeiten sind von einem strengen, schwarz-wei\u00dfen Raster hinterlegt, vor dem die Haltlosigkeit der farbenfrohen Gestalten noch krasser wirkt. In einer weiteren Phase bekommt Richters Personal Kr\u00fccken an die Hand, auf die es seine versehrten K\u00f6rper st\u00fctzen kann. Zugleich strukturieren die linearen Laufhilfen die Bildfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Zur Kr\u00fccken-Metapher wurde Richter durch ein Foto von 1915 angeregt. Die historische Aufnahme zeigt zwei deutsche Kriegsinvaliden im schwedischen Haparanda: W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs tauschten Russland und Deutschland schwerstversehrte Kriegsgefangene \u00fcber eine Route aus, die durch das neutrale Schweden verlief. Die beiden Soldaten auf der Fotografie haben jeweils ein Bein verloren und bewegen sich mit Achselkr\u00fccken m\u00fchsam voran. \u201eEben zogen sie noch begeistert in den Krieg und schon gingen sie als Kr\u00fcppel betteln\u201c, sagt Richter. Die Tristesse der Szene \u00fcbertr\u00e4gt er in grellbunte Bilder, holt sie in die Gegenwart, variiert sie immer wieder. Die Figur auf dem Gem\u00e4lde \u201eSelbst mit Kr\u00fccken\u201c zum Beispiel hat er mit vier St\u00fctzen ausgestattet, die nicht nur ihre Beine, sondern auch die Arme ersetzen \u2013 einen Pinsel zu f\u00fchren, d\u00fcrfte ihr schwerfallen.<\/p>\n<p>Heimatlose Seele auf dem Weg ins Nichts<\/p>\n<p>Mit seinem tiefgr\u00fcndigen Werk kurbelt der Maler, in dieser Hinsicht eher Surrealist als Expressionist, die Assoziationsf\u00e4higkeit der Betrachter an und schickt ihre Vorstellungkraft auf die Reise; gut m\u00f6glich, dass am Wegesrand Abgr\u00fcnde und Albtr\u00e4ume lauern. Seine Titel, sofern vorhanden, weisen eine Tendenz zum Trostlosen auf: \u201eRatschl\u00e4ge, nutzlos\u201c, hei\u00dft ein rosagrundiges Gem\u00e4lde mit einer gro\u00dfen \u2013 selbstgerechten \u2013, und einer kleinen \u2013 unbelehrbaren \u2013 jeweils monsterhaft verzerrten Gestalt, w\u00e4hrend die personifizierte \u201eSeele, heimatlos etc.\u201c mit gro\u00dfen Schritten in ein alarmrotes, haltloses Nichts marschiert. \u201eBei der Interpretation seiner Werke h\u00e4lt sich der K\u00fcnstler ganz klar heraus\u201c, so Fleischhauer. Interessiert h\u00f6rt Daniel Richter sich die Deutungen der Betrachter an, etwa zum Bild \u201eUnter Birnen\u201c, das zu der aktuellen Gruppe z\u00e4hlt: Ein fl\u00fcgelschlagender Engel schwebt auf einer Wolke \u00fcber einen gestirnten Himmel. Oder: Ein Mann tanzt durch einen Garten, w\u00e4hrend um ihn herum reife Birnen zu Boden fallen. \u201eDas d\u00fcrfen Sie gerne so sehen\u201c, sagt der Maler freundlich und f\u00fcgt hinzu, dies sei \u201edas einzige Bild, das ein bisschen gute Laune evoziert\u201c.<\/p>\n<p>Wo Deutungen fehlen, erlaubt die Musik, die Richter seinen Werken zuordnet, die er beim Arbeiten aufdreht und die im Museum per QR-Code abrufbar ist, eine Ann\u00e4herung: Da sind etwa die Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch zu h\u00f6ren, da treiben Reggae-Rhythmen oder auch Punkrock die Fantasie voran. Der K\u00fcnstler ist seit seiner in Ostholstein verbrachten Jugend, in der er der Punk-Szene angeh\u00f6rte, mit der Musik verbunden. Als junger Maler in Hamburg, unterwegs im linksautonomen Milieu, gestaltete Richter Plattencover und Plakate f\u00fcr Punkbands wie \u201eDie Goldenen Zitronen\u201c. 2005 wurde er Inhaber des Independent-Plattenlabels Buback.<\/p>\n<p>Politischer K\u00fcnstler, kritischer Zeitgenosse<\/p>\n<p>Seine gesellschaftskritische Haltung hat der Maler, wie seine Bilder beweisen, beibehalten. \u201eDie Verweigerung der glatten Geste zieht sich durch Richters Werk. Er war nie interessiert an eindeutig lesbaren, politischen Botschaften; gleichwohl ist er ein politischer K\u00fcnstler im Sinne einer kritischen Zeitgenossenschaft\u201c, erkl\u00e4rt Thorsten Sadowsky, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen auf Schloss Gottorf. Dort w\u00fcrdigt die Ausstellung den in L\u00fctjenburg aufgewachsenen Maler, der heute als Professor an der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien unterrichtet, anl\u00e4sslich der Verleihung des Kunstpreises der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft.<\/p>\n<p>Schloss Gottorf: \u201eDaniel Richter. Torf \u2013 Malerei zwischen Figuration und Abstraktion\u201c, bis 15. Februar 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Daniel Richter stellt sich vor eines seiner Gem\u00e4lde, die in der Regel rund 230 mal 170 Zentimeter messen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":646862,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,151944,29,214,30,1794,2705,147516,1998,151943,215],"class_list":{"0":"post-646861","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-daniel-kuenstler","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-kunst-und-design","14":"tag-malerei","15":"tag-pohle-julika","16":"tag-richter","17":"tag-schleswig-stadt","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115721129369584900","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/646861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=646861"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/646861\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/646862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=646861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=646861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=646861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}