{"id":648109,"date":"2025-12-15T15:10:13","date_gmt":"2025-12-15T15:10:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/648109\/"},"modified":"2025-12-15T15:10:13","modified_gmt":"2025-12-15T15:10:13","slug":"das-mikro-weiterreichen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/648109\/","title":{"rendered":"Das Mikro weiterreichen \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Seit eh und je ist Jazz ein Resonanzraum f\u00fcr marginalisierte Stimmen, die sich mal lautstark, mal subtil in emanzipativen K\u00e4mpfen erheben \u2013 ein Resonanzraum, in dem sich das Politische mit dem Pers\u00f6nlichen, das \u00c4sthetische mit dem Ethischen verschr\u00e4nkt. \u00bbIch w\u00fcnschte, der Klang baute einen Raum f\u00fcr die Trauer\u00ab, erklingt es im Introsong des Albums \u00bbStimmen\u00ab vom Eva Klesse Quartett. Auf diesem werden die Lebenswirklichkeiten von Menschen h\u00f6rbar gemacht, die Ungerechtigkeit und Diskriminierung erfahren haben und sich gegen diese einsetzen. Im Gespr\u00e4ch sagt Eva Klesse dazu: \u00bbMusik bietet die einzigartige M\u00f6glichkeit, bestimmte Dinge auch ohne Worte zu verhandeln oder auf einer anderen Ebene Leute zu ber\u00fchren.\u00ab Das Album sei ein \u00bbmusikalisches Essay\u00ab, ein Versuch also, denn so politisch und pers\u00f6nlich sei noch keins ihrer Projekte gewesen.<\/p>\n<p>Eva Klesse geh\u00f6rt zu den renommiertesten Jazz-Schlagzeugerinnen in Deutschland. Ihre musikalische Karriere begann die 1986 im nordrhein-westf\u00e4lischen Werl Geborene neben Stationen in Weimar und Paris vor allem an der HMT in Leipzig. 2018 wurde sie als erste deutsche Instrumental-Professorin im Jazz-Bereich an die Hochschule f\u00fcr Musik, Theater und Medien nach Hannover berufen. Daneben ist Klesse in zahlreiche musikalische Projekte involviert. Mit ihrem 2013 gegr\u00fcndeten Eva Klesse Quartett hat sie nun auch das Stimmen-Projekt verwirklicht, im Zuge dessen ist dieses allerdings zu einem Kollektiv angewachsen. Zur eigentlichen Besetzung \u2013 mit Pianist Philip Frischkorn, Saxofonist Evgeny Ring, Kontrabassist Marc Muellbauer und nat\u00fcrlich ihr selbst \u2013 gesellen sich Michael Schiefel und Zuza Jasinska (Vocals) sowie Philipp Rumsch (Elektronik). Die stimmliche Vielfalt der Musikerinnen und Musiker wird durch weitere politische und pers\u00f6nliche Stimmen erg\u00e4nzt, die von ihrer jeweiligen Lebensgeschichte und -realit\u00e4t berichten. In \u00bbWitnesses\u00ab, dem von Philip Frischkorn konzipierten ersten Teil, kommt als Zeitzeugin die Schauspielerin Ellen Hellwig zu Wort. Ihre Erfahrungen in Leipzig 1989\/90, ihr Leben in der DDR und deren Ende werden mit angedeutetem Sirenengeheul und kammermusikalischer Untermalung greifbar. So kann man sich mit den damaligen Utopien, die leider oder zum Gl\u00fcck nicht Wirklichkeit geworden sind, auseinandersetzen. Evgeny Ring ist in Russland aufgewachsen und hinterfragt im zweiten Teil sein Herkunftsland und seine Vergangenheit im Schatten der russischen Invasion in die Ukraine. Dabei verschafft er zwei russischen Aktivistinnen Geh\u00f6r, die \u00fcber die brutale staatliche Repression vor und nach dem Angriffskrieg berichten.<\/p>\n<p>Diesen Erfahrungen zuzuh\u00f6ren, ersch\u00fcttert. Denn auch wenn sie \u00e4sthetisch verarbeitet wurden \u2013 verfremdet und \u00fcbereinandergeschichtet, im Einklang oder in Dissonanz mit der Musik \u2013, sind diese Stimmen inhaltlich teils nur schwer zu ertragen. Das gesprochene Wort reibt sich manchmal mit dem musikalischen Fluss. Doch das regt zum Nachdenken an und ist auch so intendiert: \u00bbDieses Programm ist ein Brett. Es hat uns viel abverlangt und es verlangt auch den Zuh\u00f6renden viel ab \u2013 ein intensives und ber\u00fchrendes Konzerterlebnis\u00ab, fasst Klesse zusammen.<\/p>\n<p>Dass sich der letzte Teil \u2013 \u00bbPass the Mic\u00ab von Eva Klesse \u2013 unter anderem mit Sexismus in der Jazzszene auseinandersetzt, ist nur folgerichtig. Denn eine ehrliche Gesellschaftskritik schlie\u00dft eben auch den pr\u00fcfenden Blick auf das eigene Milieu mit ein. Queere Musikerinnen und Musiker hatten es in einer m\u00e4nnerdominierten Jazzszene lange Zeit besonders schwer. Repr\u00e4sentativ daf\u00fcr sind die Erfahrungen des US-amerikanischen Jazzpianisten Fred Hersch. ER musste sich S\u00e4tze gefallen lassen wie: \u00bbIt\u2019s okay that you\u2019re gay. Just don\u2019t hit on me!\u00ab \u2013 diese werden nun mit ger\u00e4uschvollem Schlagzeug-Groove eindr\u00fccklich vorgetragen. Der Abschlusssong, eine \u00bbHoffnungshymne\u00ab, wie Klesse sagt, soll der teils unertr\u00e4glichen Negativit\u00e4t des Geh\u00f6rten etwas entgegensetzen \u2013 mehrere starke Stimmen von Women of Colour erklingen, die sich f\u00fcr mehr Sichtbarkeit einsetzen.<\/p>\n<p>Aus einer privilegierten Position das Wort f\u00fcr Betroffene zu ergreifen, kann problematisch sein. Die ausf\u00fchrenden Musikerinnen und Musiker sind nicht im selben Ausma\u00df involviert, wie es die Stimmen des Projekts sind. Klesse reflektiert das kritisch: \u00bbEs war auf jeden Fall unser Ziel, zur\u00fcckzutreten und eben das Mikro weiterzureichen. Ganz funktioniert es aber nat\u00fcrlich nicht, wir spielen die Musik, wir stehen auf der B\u00fchne.\u00ab Gerade als Musikschaffende k\u00f6nnen sie aber den \u201aStimmen\u2018 gerecht werden. \u00bbMit ihnen verbinden wir uns und m\u00f6chten sie gern unterstreichen, mit Kraft und mit dem, was wir in der Hand haben \u2013 der Musik.\u00ab<\/p>\n<p>Eva Klesse hat f\u00fcr diese Musik in diesem Jahr den Deutschen Jazzpreis als \u00bbK\u00fcnstlerin des Jahres\u00ab gewonnen und beschert Leipzig einen politischen Musik-Dezember. Nicht nur tritt sie mit dem Stimmen-Projekt im Theaterhaus Schille auf. Gemeinsam mit dem Fizz-Kollektiv organisiert sie au\u00dferdem den Advenzz-Benefizz-Jazz, der sich explizit gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft positionieren m\u00f6chte. <\/p>\n<p>&gt; Advenzz Benefizz Jazz, mit Mona Linus Quintett, Lucas Rauch Organ Trio, Johannes Wasikowski und dem Real Mondayboxxx Jazzorchestra: 18.12., 19.30 Uhr, Neue Musik Leipzig<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit eh und je ist Jazz ein Resonanzraum f\u00fcr marginalisierte Stimmen, die sich mal lautstark, mal subtil in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":648110,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,14084,1310,30036,71,810,859,152120,3699,33065,38653,20183,33068],"class_list":{"0":"post-648109","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-jazz","12":"tag-konzert","13":"tag-konzerttipp","14":"tag-leipzig","15":"tag-musik","16":"tag-sachsen","17":"tag-schlagzeugerin","18":"tag-veranstaltung","19":"tag-veranstaltung-leipzig","20":"tag-veranstaltunge","21":"tag-veranstaltungshinweis","22":"tag-veranstaltungstipp"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115724224274413362","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=648109"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648109\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/648110"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=648109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=648109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=648109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}