{"id":649318,"date":"2025-12-16T03:04:18","date_gmt":"2025-12-16T03:04:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/649318\/"},"modified":"2025-12-16T03:04:18","modified_gmt":"2025-12-16T03:04:18","slug":"fotograf-martin-parr-%e2%80%a0-nichts-ist-grotesker-als-das-ganz-normale-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/649318\/","title":{"rendered":"Fotograf Martin Parr \u2020: Nichts ist grotesker als das ganz normale Leben"},"content":{"rendered":"<p>Mit knalligen Farben und ungebremster Offenheit hielt Martin Parr das britische Alltagsleben fest \u2014 beim Sonnenbad am Strand bis in die Schlange am Supermarkt. Nun ist der warmherzige Chronist des Banalen im Alter von 73 Jahren gestorben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Er war ein Chronist des Allt\u00e4glichen und einer der erfolgreichsten Fotografen der Welt. Parrs oft farbges\u00e4ttigte Aufnahmen hielten die britische Gesellschaft fest, wenn sie sich unbeobachtet w\u00e4hnte: beim Anstehen f\u00fcr Eiscreme, beim Kirchgang, am Strand, bei Gartenpartys oder beim Mittagschlaf auf dem Parkplatz. Es sind selten die feinen Leute und nie stilsichere Models gewesen, die Parrs Fotografien bev\u00f6lkern. <\/p>\n<p>Seine Protagonisten lesen Revolverbl\u00e4tter und trinken am Strand zuckrige Sodas aus \u00fcbergro\u00dfen Plastikflaschen. Sie lassen sich in der Sonne verbrennen. Das Groteske des Lebens in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft wurde in Martin Parrs Aufnahmen weder denunziert noch h\u00f6flich unter den Teppich gekehrt. Es blickt einen direkt an \u2013 auch, weil Parr die Gabe besa\u00df, nirgends aufzufallen.<\/p>\n<p>Nie h\u00e4misch, immer mit Witz \u2013 Martin Parrs Verm\u00e4chtnis <\/p>\n<p>Geboren am 23. Mai 1952 im englischen Epsom, Surrey, studierte <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article532713\/Martin-Parr-Ich-bin-ein-Populist.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article532713\/Martin-Parr-Ich-bin-ein-Populist.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Martin Parr<\/a> Anfang der 1970er-Jahre Fotografie in Manchester. In den 1980ern wechselte er von pr\u00e4zise abstrahierender Schwarz-Wei\u00df-Fotografie zur Farbe \u2013 einem Medium, das damals in der Kunst noch nicht etabliert war, in der Reportagefotografie jedoch l\u00e4ngst seinen Platz gefunden hatte. Und ein Reporter war Parr, immer auf der Suche nach der Wirklichkeit. <\/p>\n<p>Doch was ist diese sogenannte Wirklichkeit? Dass jeder Blick subjektiv ist und seinen Urheber verr\u00e4t, zeigen Parrs Bilder. Sie sind oft von kr\u00e4ftigen Farben und starkem Licht durchdrungen, das die Eigenheiten und kleinen Bl\u00f6\u00dfen der Menschen sichtbar macht \u2013 nie h\u00e4misch, immer mit spielerischem Witz.<\/p>\n<p>Der Fotoband \u201eThe Last Resort: Photographs of New Brighton\u201c zeigte Urlauber der Arbeiterklasse in dem bekannten britischen Ferienort und markierte eine Wende vom strengen, ernsten Schwarz-Wei\u00df hin zu einer frecheren, farbintensiveren Bildsprache. Parrs Fotos dokumentierten keine politischen Ereignisse, lie\u00dfen einen aber umso tiefer in die Zeit eintauchen, in der sie entstanden. <\/p>\n<p>\u201eThe Cost of Living\u201c (1986\u20131988) fing Gro\u00dfbritannien in einer Phase des Umbruchs und der Unruhe ein \u2013 ein fotografischer Essay \u00fcber den Aufstieg der Mittelschicht unter der Regierung Thatcher. 1996 widmete er sich mit \u201eSMALL WORLD\u201c der globalen Tourismuskultur, die jede Illusion von Abenteuer, Entdeckung oder Fremdsein unter dem Massenandrang erholungswilliger Pauschaltouristen begr\u00e4bt und dabei doch eine gewisse Freude spendet.<\/p>\n<p>Insgesamt erschienen mehr als 60 Fotob\u00fccher von Martin Parr \u2013 selbst im Krankenhaus h\u00f6rte er nicht auf zu fotografieren. Seine Beobachtungen haben nichts Didaktisches oder vordergr\u00fcndig Politisches \u2013 auch wenn sie viel \u00fcber die Gesellschaft verraten, in der sie entstanden sind. <\/p>\n<p>Seit 1987 in der Hafenstadt Bristol lebend, wurde Parr 1994 Mitglied von Magnum Photos, der bedeutendsten Fotoagentur der Welt; von 2013 bis 2017 war er sogar ihr Pr\u00e4sident. Anders als viele Fotok\u00fcnstler dachte er weniger in Einzelbildern, sondern in Serien und Projekten, die als B\u00fccher erschienen und dieses Genre pr\u00e4gten. Seine eigene Sammlung von Fotob\u00fcchern verkaufte er an die Londoner Tate Gallery.<\/p>\n<p>Mit dem Erl\u00f6s gr\u00fcndete er die Martin Parr Foundation, die eine Bibliothek und Ausstellungsr\u00e4ume umfasst. Ihr Ziel ist die F\u00f6rderung von Fotografen, die sich in ihrem Werk auf Gro\u00dfbritannien und Irland konzentrieren. Vergangenes Jahr erschien unter dem Titel \u201eUtterly Lazy and Inattentive: Martin Parr in Words and Pictures\u201c eine bebilderte Autobiografie.<\/p>\n<p>Wie die Martin Parr Foundation bekannt gab, verstarb Parr am 6. Dezember 2025 im Alter von 73 Jahren in seiner Heimatstadt Bristol; seit 2021 litt er an Knochenmarkkrebs. Er hinterl\u00e4sst seine Frau, seine Schwester, eine Tochter und einen Enkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit knalligen Farben und ungebremster Offenheit hielt Martin Parr das britische Alltagsleben fest \u2014 beim Sonnenbad am Strand&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":649319,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,16076,29,214,1885,30,1794,152281,20926,152282,215],"class_list":{"0":"post-649318","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-bildende-kunst","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-fotografie","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-magnum-fotoagentur","16":"tag-martin","17":"tag-parr","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115727031569179269","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=649318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649318\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/649319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=649318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=649318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=649318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}