{"id":650336,"date":"2025-12-16T13:26:30","date_gmt":"2025-12-16T13:26:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/650336\/"},"modified":"2025-12-16T13:26:30","modified_gmt":"2025-12-16T13:26:30","slug":"griffelkunst-wo-auch-werke-von-beruehmten-kuenstlern-guenstig-zu-haben-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/650336\/","title":{"rendered":"Griffelkunst: Wo auch Werke von ber\u00fchmten K\u00fcnstlern g\u00fcnstig zu haben sind"},"content":{"rendered":"<p>Die Hamburger Griffelkunst-Vereinigung wollte den Kunsterwerb demokratisieren und ist damit zum erfolgreichen Grafik-Verlag aufgestiegen: Ihre Drucke gibt es schon seit 100 Jahren.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Zutiefst vom Volksbildungsgedanken der Weimarer Republik beseelt, lud der Lehrer Johannes B\u00f6se die Bewohner der Stadtrandsiedlung Hamburg-Langenhorn zur Kunstbetrachtung in seine Privatwohnung ein. Bald darauf stellte er Originalkunstwerke in der Siedlungsschule aus und gr\u00fcndete schlie\u00dflich 1925 die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.griffelkunst.de\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.griffelkunst.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Griffelkunst-Vereinigung<\/a> mit 79 Mitgliedern. Gewiss h\u00e4tte der ambitionierte P\u00e4dagoge es sich nicht tr\u00e4umen lassen, dass sein kleiner Verein ein Jahrhundert sp\u00e4ter zum gr\u00f6\u00dften Grafik-Verleger der Welt werden und rund 4500 Mitglieder verzeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie alle guten Ideen basiert auch Griffelkunst auf einem einfachen, bis in die Gegenwart beibehaltenen Prinzip: Der Volksschullehrer lud von ihm gesch\u00e4tzte K\u00fcnstler dazu ein, ihre Motive als Druckgrafiken zu entwickeln. Diese Originalbl\u00e4tter bot er dann seinen Vereinsmitgliedern, deren Beitrag eine Reichsmark im Monat betrug, zum Selbstkostenpreis an. \u201eJohannes B\u00f6se dachte: Ich setze mich viel mehr mit einem Kunstwerk auseinander, wenn ich es mit nach Hause nehme und damit lebe\u201c, sagt Dirk Dobke, seit 2010 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Hamburger Griffelkunst-Vereinigung.<\/p>\n<p>Mit dem Vereinsbeitrag (derzeit 200 Euro j\u00e4hrlich), erwirbt jedes Mitglied automatisch ein Kunstwerk pro Quartal. Zweimal im Jahr werden die w\u00e4hlbaren Grafiken in 90 sogenannten Ortsgruppen bundesweit ausgestellt. Die Mitglieder treffen ihre Auswahl vor den Originalen und k\u00f6nnen zus\u00e4tzlich weitere Einzelwerke oder ganze Mappen kaufen. \u201eWir drucken immer so viele Bl\u00e4tter, wie von den Mitgliedern bestellt werden\u201c, so Dobke, \u201eunsere Auflagen sind also nicht von vornherein limitiert\u201c. <\/p>\n<p>Alle K\u00fcnstler erhalten ein Pauschal-Honorar von 8500 Euro \u2013 unabh\u00e4ngig von der Auflagenh\u00f6he. Laut Satzung vermittelt die Griffelkunst \u201erelevante zeitgen\u00f6ssische Positionen\u201c und ist damit keiner Kunstrichtung verpflichtet. Wie heterogen das Programm \u00fcber die Jahrzehnte hinweg aussah, offenbart sich jetzt in der Ausstellung, mit der \u00f6ffentliche Sammlungen in Hamburg und Bremen das Jubil\u00e4um w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Hamburg und Bremen feiern das Griffelkunst-Jubil\u00e4um<\/p>\n<p>In der Hamburger Kunsthalle sind 470 Werke zu sehen, das Spektrum der vorgestellten K\u00fcnstler reicht von Conrad Felixm\u00fcller bis zu <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus243662983\/Daniel-Richter-und-Ulf-Poschardt-im-Streitgespraech-Ich-bin-von-allen-verlassen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus243662983\/Daniel-Richter-und-Ulf-Poschardt-im-Streitgespraech-Ich-bin-von-allen-verlassen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Richter<\/a>, von Horst Janssen bis zu Nan Goldin, von Gretchen Wohlwill bis zu Jenny Holzer. Seit 1964 trifft eine Jury die Auswahl der K\u00fcnstler, die der Verein publiziert. \u201eEs ist ein Zusammenspiel von ber\u00fchmten Namen und Namen, die noch ber\u00fchmt werden\u201c, sagt Kunsthallendirektor und Jury-Mitglied Alexander Klar \u00fcber die Griffelkunst-Grafiker.<\/p>\n<p>Mit der Ausstellung feiert das Museum zugleich den 60. Jahrestag seiner eigenen Vereinsmitgliedschaft. Die Verbindung lag nah: B\u00f6ses Vorbild war Alfred Lichtwark, der Gr\u00fcndungsdirektor der Kunsthalle in Hamburg. \u201eWir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das t\u00e4tig in die k\u00fcnstlerische Erziehung der Bev\u00f6lkerung eingreift\u201c, schrieb der Pionier der Museumsp\u00e4dagogik. Auch die Griffelkunst definiert ihr Tun bis heute als Bildungsauftrag. <\/p>\n<p>Allerdings blieb der Lehrer, anders als Lichtwark, dem Realismus verpflichtet. \u201eB\u00f6ses Auswahl der Werke war subjektiv, aber sie traf einen breiten Zeitgeschmack\u201c, so Griffelkunst-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dobke: \u201eEs gab auch Einfl\u00fcsse der Moderne, diese blieben jedoch moderat. Sein Programm war eher bodenst\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<p>Dieses im Wesentlichen vormoderne Kunstverst\u00e4ndnis erleichterte es dem jungen Verein, sich ab 1933 mit den Nazis zu arrangieren: \u201eB\u00f6se opponierte nicht gegen die neuen Machthaber, sondern kooperierte mit ihnen. Er lavierte sich geschickt durch die ver\u00e4nderten gesellschaftspolitischen Verh\u00e4ltnisse\u201c, erl\u00e4utert Dobke. <\/p>\n<p>Dies bedeutete einerseits, dass der Vereinsgr\u00fcnder einige linientreue K\u00fcnstler vorstellte. Andererseits publizierte er jedoch ungehindert weiterhin Werke der Hamburgischen Sezessionisten, etwa von Willem Grimm, Ivo Hauptmann, Karl Kluth oder Friedrich Ahlers-Hestermann, deren Arbeiten von den Nazis als \u201eentartet\u201c diffamiert wurden. Dem Lehrer scheint es vorrangig darum gegangen sein, den Bestand seiner Sache zu sichern, um den Vereinsmitgliedern weiterhin ausgew\u00e4hlte Originalgrafiken anbieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Werke der Ausstellung illustrieren chronologisch den Werdegang der Griffelkunst. Dabei zeigt sich, dass es keineswegs bei der Realismus-Lastigkeit der Anfangsjahre geblieben ist. Als B\u00f6se 1955 starb, \u00fcbernahm zun\u00e4chst seine Tochter Gerda die Leitung. Nach ihrem R\u00fccktritt 1963 wurde die Vereinsstruktur reorganisiert und die Jury einberufen. Mit diesem Schritt hielt auch die Avantgarde Einzug: Experimentelle K\u00fcnstler wie KP Brehmer, Sigmar Polke, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68ef96d90dc4b85759d384f5\/gerhard-richter-in-paris-er-hat-aufgehoert-zu-malen-und-erschafft-doch-noch-immer-neue-bilder.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article68ef96d90dc4b85759d384f5\/gerhard-richter-in-paris-er-hat-aufgehoert-zu-malen-und-erschafft-doch-noch-immer-neue-bilder.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gerhard Richter<\/a> \u2013 und in der aktuellen Auswahl Jonathan Meese \u2013 gestalteten Griffelkunst-Grafiken. <\/p>\n<p>Gegenposition zum Kunstmarkt<\/p>\n<p>Ab 1971 trat die Fotografie neben die Druckgrafik. Den Anfang machten die Lichtbilder \u201eSilo K\u00fchlturm\u201c und \u201eHochspannungsmast Hochofen\u201c von Hilla und Bernd Becher. Auch historische Editionen erschienen in loser Folge, etwa Neuauflagen von Man Ray, L\u00e1szl\u00f3 Moholy-Nagy, Carl Blossfeldt oder Alexander Rodtschenko. 2005 wurden als weitere Neuerungen Multiples ins Programm genommen, also vervielf\u00e4ltigte Skulpturen. Darunter sind der Hartbleiguss eines stehenden Mannes von Stephan Balkenhol oder Suse Bauers gurkenf\u00f6rmige Keramiken. <\/p>\n<p>B\u00f6se wollte den Zugang zur Kunst demokratisieren. Anfangs wurden nur Personen im Verein aufgenommen, deren Einkommen das Gehalt eines mittleren Beamten nicht \u00fcberstieg. Heute besteht diese Einschr\u00e4nkung nicht mehr, doch eine weitere Regel ist nach wie vor g\u00fcltig: \u201eDie Mitglieder d\u00fcrfen ihre Werke nicht verkaufen. Wir sind eine Gegenposition zum Kunstmarkt\u201c, erkl\u00e4rt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. \u201eDoch bei tausenden Bl\u00e4ttern in 100 Jahren gelangt immer mal etwas auf den Markt, jedes Kunstwerk verbreitet sich, das liegt in der Natur der Sache.\u201c<\/p>\n<p>Zu den traditionellen, 2018 von der Unesco zum immateriellen Weltkulturerbe erkl\u00e4rten Handdruck-Verfahren Kupferstich, Radierung, Holzschnitt und Lithografie kamen seit Mitte der 1960er-Jahre Siebdruck und Offsetdruck. Das Prinzip Griffelkunst beruht klassischerweise auf einer Kooperation zwischen K\u00fcnstler und Drucker, die der Verein vermittelt. Eine Ausnahme sind die gen\u00e4hten Zeichnungen von Michaela Meli\u00e1n, deren Landschaften aus Garn auf Papier bestehen und nicht von einer Druckerei, sondern von einer Stickerei angefertigt wurden. <\/p>\n<p>Dennoch sind sie im urspr\u00fcnglichen Wortsinn \u201eGriffelkunst\u201c: Den Vereinsnamen hat B\u00f6se von dem Leipziger Symbolisten Max Klinger \u00fcbernommen, der seine Papierarbeiten unter dieser Bezeichnung zusammenfasste. In der Ausstellung der Kunsthalle Bremen ist unter anderem Klingers grafische Folge \u201eEin Handschuh, Opus VI\u201c von 1881 zu sehen. <\/p>\n<p>\u201eAnd so on to infinity. 100 Jahre Griffelkunst\u201c, bis 18. Januar 2026, Kunsthalle Hamburg; \u201eFlirt und Fantasie. Griffelkunst von Max Klinger bis Peter Doig\u201c, bis 1. M\u00e4rz 2026, Kunsthalle Bremen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Hamburger Griffelkunst-Vereinigung wollte den Kunsterwerb demokratisieren und ist damit zum erfolgreichen Grafik-Verlag aufgestiegen: Ihre Drucke gibt es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":650337,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,16076,29,214,89858,30,8781,1794,2148,215],"class_list":{"0":"post-650336","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-bildende-kunst","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-geldanlage-ks","13":"tag-germany","14":"tag-grafik","15":"tag-kunst-und-design","16":"tag-kunsthandel","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115729477344678192","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/650336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=650336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/650336\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/650337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=650336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=650336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=650336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}