{"id":652665,"date":"2025-12-17T12:31:17","date_gmt":"2025-12-17T12:31:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/652665\/"},"modified":"2025-12-17T12:31:17","modified_gmt":"2025-12-17T12:31:17","slug":"stuttgart-album-ueber-die-1960er-ein-ort-der-freiheit-erinnerungen-an-eine-villa-die-stadtgeschichte-schrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/652665\/","title":{"rendered":"Stuttgart-Album \u00fcber die 1960er: Ein Ort der Freiheit: Erinnerungen an eine Villa, die Stadtgeschichte schrieb"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blick zur\u00fcck ins Stuttgart der 60er: Ein Zeitzeuge erinnert sich an die Villa der Etzelstra\u00dfe vor der Hausbesetzung, an Freundschaft, Unbeschwertheit und an einen Stuntman.<\/p>\n<p>Oft sind es \u00fcberraschende Zuschriften oder Fotos, die ein l\u00e4ngst abgeschlossen geglaubtes Kapitel der Stadtgeschichte pl\u00f6tzlich in ein neues Licht tauchen. So geschehen nach unserem Artikel \u00fcber die Etzelstra\u00dfe 15 \u2013 jene markante Jugendstilvilla am Bopser, <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.der-fruehere-aktivist-axel-deubner-erinnert-sich-wie-es-1971-in-stuttgart-zur-ersten-hausbesetzung-kam.a3eb1761-36ef-4915-a0a3-f1bf2eecfbfd.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">die 1971 zum Schauplatz der ersten Hausbesetzung Stuttgarts wurde<\/a>, zum Politikum geriet und kurz darauf einem Abriss zum Opfer fiel, den viele bis heute als st\u00e4dtebauliches Fanal begreifen.<\/p>\n<p>Nach der Ver\u00f6ffentlichung in unserer Zeitung erreichte uns nicht nur die bewegende Nachricht aus Leeds <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.neue-erkenntnisse-zur-hausbesetzung-von-1971-erinnerungen-an-eine-politisch-aufgeladene-zeit-in-stuttgart.bd1d138f-\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">(\u201eDie tschechische Familie, das waren wir\u201c<\/a>), sondern nun auch ein weiterer Brief, der uns in eine Zeit zur\u00fcckf\u00fchrt, die vor den politischen Verwicklungen lag \u2013 und zeigt, dass die Villa einst ein Ort voller Leben und Leichtigkeit war.<\/p>\n<p>1969 kam Lutz Berlin zum ersten Mal in die gro\u00dfe Villa <\/p>\n<p>Der Absender Lutz Berlin lebt heute in M\u00fcnchen. Doch als er unsere Artikel las, stand er gedanklich wieder im Fr\u00fchjahr 1969 auf dem park\u00e4hnlichen Hanggrundst\u00fcck der Etzelstra\u00dfe 15. Damals war er Lehrling an der Mozartstra\u00dfe, ein Teenager \u2013 und tief beeindruckt, als ihn ein Kollege erstmals in die gro\u00dfe Villa f\u00fchrte.<\/p>\n<p>\u201eIch war \u00fcberw\u00e4ltigt\u201c, schreibt er, \u201evon der wundersch\u00f6nen Architektur, der noblen Innenausstattung mit Holzt\u00e4felungen und dem weitl\u00e4ufigen Garten.\u201c<\/p>\n<p>Im Hochparterre und im Souterrain befanden sich damals eine Betreuungsstelle und ein Jugendclub des Spastikervereins. \u201eHier arbeitete die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin, Frau Schlegel\u201c, erinnert sich Lutz Berlin. . Was jedoch kaum bekannt war: Die R\u00e4ume verwandelten sich abends und am Wochenende in einen privaten Treffpunkt \u2013 nicht f\u00fcr die betreuten Jugendlichen, sondern f\u00fcr die Clique der beiden Schlegel-S\u00f6hne, Peter und Thomas.<\/p>\n<p>Und so wurde die Villa zum lebendigen Szenetreff der sp\u00e4ten 60er-Jahre.<\/p>\n<p>Gesch\u00fctzter Raum in einer Zeit zwischen Aufbruch und Orientierungssuche  <\/p>\n<p>Etwa 20 Jugendliche geh\u00f6rten zur regelm\u00e4\u00dfigen Runde. Sie trafen sich zum Tischtennis, zum Proben im kleinen \u00dcbungsraum mit Klavier \u2013 wo unter anderem Frank Zimmerle spielte, Sohn des Jazz-Publizisten Dieter Zimmerle. Auch Musiker wie Andy G\u00f6ldner, damals Bassist der Band Five-Fold Shade, sp\u00e4ter bei Ex-Magma, schauten gelegentlich vorbei.<\/p>\n<p>Die Erinnerungen des Lesers Lutz Berlin sind bunt und warm: ausgelassene Nachmittage, lange Gespr\u00e4che, spontane Musik \u2013 ein gesch\u00fctzter Raum in einer Zeit zwischen Aufbruch und Orientierungssuche.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.5b928928-c176-436e-bc7d-00dd41ec5064.original1024.media.jpeg\"\/>     Jugendliche in der Villa an der Etzelstra\u00dfe.    Foto: Lutz Berin    <\/p>\n<p>Im Garten tauchte immer wieder Marian auf, ein junger tschechischer Automechaniker, der nach dem niedergeschlagenen \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c mit weiteren Familien im Obergeschoss der Villa lebte. Auf einigen Fotos posiert er als \u201eStuntman\u201c. Marian hielt den klapprigen Simca von Peter Schlegel am Laufen \u2013 und brachte viel Humor in die Runde.<\/p>\n<p> Die Szene-Kneipe Brett war ein beliebter Treff  <\/p>\n<p>Abends zog es Teile der Clique oft weiter ins \u201eBrett\u201c, jene legend\u00e4re Szene-Kneipe der sp\u00e4ten Sechziger, ein Ort mit toleranter Atmosph\u00e4re und g\u00fcnstiger K\u00fcche. F\u00fcr viele wurde sie zu einem sozialen Wohnzimmer der Generation zwischen Sch\u00fclerdemos und Rockmusik.<\/p>\n<p>Doch gegen Ende 1970 begann der Ort sich zu ver\u00e4ndern. \u201eDie Villa war zu einer Art Geheimtipp geworden\u201c, erinnert sich Lutz Berlin. Immer mehr Menschen wollten hinein. Nicht nur Freunde der Clique, sondern auch Fremde, die einen Platz zum ungest\u00f6rten Kiffen suchten \u2013 oder Aktivisten, die das Geb\u00e4ude nach Bekanntwerden der Abrisspl\u00e4ne als politisches Symbol entdeckten.<\/p>\n<p>Die Stimmung kippte. Familie Schlegel, \u00fcberfordert von der Entwicklung, schloss den Treff. Der Spastikerverein zog in die Alexanderstra\u00dfe um. Unser Leser kehrte nicht zur\u00fcck. Von der sp\u00e4teren Hausbesetzung und dem Polizeieinsatz erfuhr er nur aus der Zeitung.<\/p>\n<p> Der Tag, an dem die Bagger kamen <\/p>\n<p>Was ihn jedoch ein Leben lang begleiten sollte, war der Moment des Abrisses. \u201eIch hatte davon in der Zeitung gelesen und ging in meiner Mittagspause hin\u201c, schreibt er. \u201eDer Anblick war schmerzlich. In Anwesenheit vieler Zuschauer taten die Bagger ihre Arbeit. Das Haus war bereits zur H\u00e4lfte zerst\u00f6rt. Ich ertrug es nicht und verlie\u00df den Ort nach wenigen Minuten.\u201c<\/p>\n<p>Besonders bitter: Das geplante Hotel, das angeblich n\u00f6tig war und die Villa verdr\u00e4ngte, wurde nie gebaut.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist die Genauigkeit, mit der sich die Erinnerungen unseres Lesers mit den Schilderungen von Axel Deubner decken, dem Aktivisten der Hausbesetzung von 1971. Beide berichten von den tschechischen Familien im Obergeschoss \u2013 darunter jener Familie, deren Tochter uns sp\u00e4ter aus Leeds schrieb und bewegend schilderte, wie unfreiwillig sie damals ausziehen mussten.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.9480692c-ec96-477b-bb60-9b34c6be87d4.original1024.media.jpeg\"\/>     Axel Deubner am Zaun der Etzelstra\u00dfe.    Foto: LICHTGUT    <\/p>\n<p>Mehr als 50 Jahre sind vergangen. Trotzdem bleibt f\u00fcr Lutz Berlin die Zeit in der Etzelstra\u00dfe 15 \u201eunausl\u00f6schlich\u201c. Zwei Jahre Jugend, die sich in ein markantes Geb\u00e4ude einschrieben \u2013 und in ein Herz.<\/p>\n<p> Was das <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>-Album ausmacht <\/p>\n<p>Die Zuschrift aus M\u00fcnchen zeigt mal wieder, was unser <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Album.Stuttgart\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Stuttgart- Album <\/a>ausmacht: Stadtgeschichte entsteht nicht nur durch Bauakten, Zeitungsarchive oder politische Debatten. Sie entsteht in jenen pers\u00f6nlichen Momenten, die Menschen verbinden \u2013 \u00fcber Jahrzehnte hinweg. Die Etzelstra\u00dfe war vielleicht ein Objekt st\u00e4dtebaulicher Fehlentscheidungen, aber f\u00fcr viele auch ein Ort der Begegnung, des Aufbruchs, der Freundschaft. Liegt darin die wahre Bedeutung der Jugendstilvilla? Nicht im Traurigen des Abrisses, sondern im Gl\u00fcck deren, die dort ein St\u00fcck Jugend fanden und heute gern daran zur\u00fcckdenken. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Blick zur\u00fcck ins Stuttgart der 60er: Ein Zeitzeuge erinnert sich an die Villa der Etzelstra\u00dfe vor der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":652666,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[4657,73726,1634,3364,29,152927,30,1441,8078,8077,85897],"class_list":{"0":"post-652665","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-stadtreporter","9":"tag-60er","10":"tag-baden-wuerttemberg","11":"tag-de","12":"tag-deutschland","13":"tag-etzelstrasse","14":"tag-germany","15":"tag-stuttgart","16":"tag-stuttgart-frueher","17":"tag-stuttgart-album","18":"tag-textmanager"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115734924365186785","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/652665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=652665"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/652665\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/652666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=652665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=652665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=652665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}