{"id":652963,"date":"2025-12-17T15:17:14","date_gmt":"2025-12-17T15:17:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/652963\/"},"modified":"2025-12-17T15:17:14","modified_gmt":"2025-12-17T15:17:14","slug":"frankfurt-am-main-filmemacher-und-provokateur-rosa-von-praunheim-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/652963\/","title":{"rendered":"Frankfurt am Main: Filmemacher und Provokateur: Rosa von Praunheim ist tot"},"content":{"rendered":"<p>Der Regisseur Rosa von Praunheim ist tot. Er pr\u00e4gte die schwule Emanzipationsbewegung wie kaum ein anderer. Der Pionier des Queer-Kinos starb im Alter von 83 Jahren in Berlin.<\/p>\n<p>Seinen K\u00fcnstlernamen Praunheim gab er sich nach dem Stadtteil von Frankfurt, in dem er aufwuchs. Zum produktivsten Schwulenfilmer der Welt wurde er aber erst sp\u00e4ter in Berlin. Am Dienstag ist er nach Medienberichten im Alter von 83 Jahren in Berlin gestorben.<\/p>\n<p>Sein Film \u201eNicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt\u201c machte ihn 1971 schlagartig bekannt. Der damals 29-j\u00e4hrige von Praunheim gab darin Einblicke in die Parallelwelt der Homosexuellen, denen er zugleich einen Spiegel vorhielt: \u201eDas wichtigste f\u00fcr alle Schwulen ist, dass wir uns zu unserem Schwulsein bekennen\u201c, lautet ein Schl\u00fcsselsatz.<\/p>\n<p>Auf den Spuren der Mutter in Riga <\/p>\n<p>Mehr als 70 Mal f\u00e4llt in diesem Film das Wort \u201eschwul\u201c. Das homophobe Schimpfwort wurde so zur positiven Selbstbezeichnung umgewertet. Aus der marginalisierten sexuellen Orientierung wurde ein politisches Signal. Diese Programmatik klingt auch im K\u00fcnstler-Vornamen des Filmemachers an: Rosa ist eine Verbeugung vor jenem \u201erosa Winkel\u201c, den Homosexuelle im KZ tragen mussten.<\/p>\n<p>Geboren 1942 im deutsch besetzten Riga, wuchs der sp\u00e4tere Regisseur als Holger Mischwitzky bei seinen Adoptiveltern aus Ostberlin auf. Wie er erst mit \u00fcber 60 erfuhr, kam er im Zentralgef\u00e4ngnis von Riga zur Welt und verbrachte das erste Jahr im Waisenhaus. Im Dokumentarfilm \u201eMeine M\u00fctter &#8211; Spurensuche in Riga\u201c begab er sich 2007 auf Suche nach den Wurzeln. Seine Adoptivfamilie floh in den Westen und siedelte sich in Frankfurt an, wo er an der Offenbacher Werkkunstschule &#8211; der heutigen Hochschule f\u00fcr Gestaltung &#8211; Malerei studierte und bald zum experimentellen Film fand.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nge mit bescheidenen filmischen Mitteln <\/p>\n<p>\u201eDie Bettwurst\u201c, sein 1970 mit Laiendarstellern und praktisch ohne Budget realisiertes Deb\u00fct, wurde zum Kult. In Studentenkinos spricht das Publikum pr\u00e4gnante Dialoge lautstark mit. Seine filmischen Mittel wirken dilettantisch, seine Botschaften jedoch authentisch.<\/p>\n<p>So avancierte von Praunheim vom Avantgarderegisseur zum Vorreiter der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit dem queeren Musical \u201eStadt der verlorenen Seelen\u201c (1983) und \u201eTranssexual Menace\u201c von 1996 realisierte er die ersten deutschen Filme \u00fcber transidente Menschen.<\/p>\n<p>Drehte einen der ersten Filme \u00fcber HIV <\/p>\n<p>Mit \u201eEin Virus kennt keine Moral\u201c, einem der weltweit ersten Filme \u00fcber das HI-Virus, polemisierte von Praunheim 1986 gegen den durch Aids wieder aufflammenden Schwulenhass in der Gesellschaft. Seine Strategie, das Private in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen, stie\u00df allerdings nicht nur auf Gegenliebe. 1991 outete er in einer Fernsehsendung Hape Kerkeling und Alfred Biolek, zwei der beliebtesten deutschen Fernsehgesichter, gegen ihren Willen als homosexuell. Anfeindungen aus der schwulen Community blieben daraufhin nicht aus.<\/p>\n<p>In der Folge wurde seine Ausdrucksform subtiler. Mit dem Dokudrama \u201eH\u00e4rte\u201c von 2015 griff er erneut ein Tabuthema auf. Psychologisch nuanciert erz\u00e4hlt der Film die authentische Geschichte eines jungen Mannes, der von seiner Mutter sexuell missbraucht und sp\u00e4ter zu einem der brutalsten Zuh\u00e4lter Berlins wurde. Von der Kritik hoch gelobt wurde \u201eRex Gildo &#8211; Der letzte Tanz\u201c, ein Mix aus Spielszenen, Zeitzeugeninterviews und Archivaufnahmen \u00fcber das schwule Doppelleben des popul\u00e4ren Schlagers\u00e4ngers.<\/p>\n<p> Rund 150 Kurz- und Langfilme gedreht <\/p>\n<p>Als Lehrer und Mentor von Axel Ranisch und Tom Tykwer pr\u00e4gte Praunheim bereits das Filmschaffen der n\u00e4chsten Generation. 2020 erhielt er auf dem Filmfestival Max Oph\u00fcls den Ehrenpreis f\u00fcr seine Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film.<\/p>\n<p>Aus dem Undergroundfilmer wurde ein international renommierter Botschafter f\u00fcr die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Menschen. Als Filmemacher und Aktivist trat er damit auch in die Fu\u00dfstapfen des schwulen Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der von den Nazis verfolgt wurde und dem er 1999 das Filmdrama \u201eDer Einstein des Sex\u201c widmete. F\u00fcr sein Engagement, das etwa 150 Kurz- und Langfilme umfasst, wurde Praunheim 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.<\/p>\n<p> Pflege der eigenen Marke <\/p>\n<p>Medienauftritte nutzte der oft papageienbunt gekleidete Regisseur gern zur Pflege seiner Marke. In einer Arte-Dokumentation anl\u00e4sslich seines 80. Geburtstages streckte er sich auf dem Grab, das er sich auf dem Berliner Friedhof ausgesucht hatte, schon mal zum Probeliegen aus. Das Altern, erkl\u00e4rte er einmal, habe ihn ver\u00e4ndert: \u201eDas macht mich d\u00fcnnh\u00e4utiger, vielleicht auch angreifbarer.\u201c<\/p>\n<p>Am vergangenen Freitag noch hatten von Praunheim und sein langj\u00e4hriger Partner Oliver Sechting in Berlin geheiratet &#8211; ein Instapost zeigte zwei H\u00e4nde mit Ringen in Form von Fr\u00f6schen. Ende November war der auf der Berlinale mit dem Teddy Award ausgezeichnete Doku-Filmessay \u201eSatanische Sau\u201c ins Kino gekommen, in dem Armin Dallapiccola als Alter Ego des Regisseurs auftritt. Es geht um Sex, Tod, schwules Leben und schlie\u00dflich auch um die Politik des Autorenfilmers und Aktivisten. Ein Verm\u00e4chtnis. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Regisseur Rosa von Praunheim ist tot. Er pr\u00e4gte die schwule Emanzipationsbewegung wie kaum ein anderer. 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