{"id":653009,"date":"2025-12-17T15:42:19","date_gmt":"2025-12-17T15:42:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/653009\/"},"modified":"2025-12-17T15:42:19","modified_gmt":"2025-12-17T15:42:19","slug":"tunesiens-rueckfall-in-die-autokratie-15-jahre-nach-arabischem-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/653009\/","title":{"rendered":"Tunesiens R\u00fcckfall in die Autokratie -15 Jahre nach arabischem Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/tunis-178.jpg\" alt=\"Sicherheitskr\u00e4fte in Tunis bei einer Demonstration\" title=\"Sicherheitskr\u00e4fte in Tunis bei einer Demonstration | AFP\"\/><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 17.12.2025 15:13 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>15 Jahren nach dem Beginn des arabischen Fr\u00fchlings ist in Tunesien nichts vom damaligen Aufbruchsgef\u00fchl geblieben. Pr\u00e4sident Saied regiert mit harter Hand. Doch bedeuten die Proteste im Land, dass der Geist von 2010 noch lebt? <\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                    <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/stefan-ehlert-104.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><br \/>\n                                        <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Stefan Ehlert\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/stefan-ehlert-100.jpg\"\/><br \/>\n                                    <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Als der Aufstand in Tunesien vor 15 Jahren begann, hatte die junge Journalistin Amira Mohamed gerade ihren ersten Job angetreten und verbrachte viel Zeit auf Demonstrationen, die am Ende zum Sturz des Diktators Zine El-Abidine Ben Ali f\u00fchrten. Damals, erinnert sie sich, &#8222;hatte ich die Hoffnung, dass sich etwas \u00e4ndern w\u00fcrde. Aber nat\u00fcrlich hat keiner damit gerechnet, dass es so schnell gehen w\u00fcrde. Je mehr sich die Proteste ausgeweitet haben, desto gr\u00f6\u00dfer wurde die Hoffnung, dass das alles bald endet und die Diktatur verschwindet&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Was auf den Sturz des Alleinherrschers folgte, war ein wilder Ritt. Eine Regierungskrise folgte auf die n\u00e4chste, es gab Terroranschl\u00e4ge. Die Wirtschaft kam nicht auf die Beine. In der Folge machte sich Ern\u00fcchterung breit.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die Maghreb-Expertin Isabelle Werenfels von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik sagt, schon 2016 h\u00e4tten gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung ihr Vertrauen in die Demokratie verloren. In Gespr\u00e4chen mit Tunesierinnen und Tunesiern sei schon damals oft &#8222;eine gewisse Ben-Ali-Nostalgie&#8220; deutlich geworden, dessen Herrschaft viele r\u00fcckblickend als &#8222;sicher&#8220; und &#8222;stabil&#8220; gewertet h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        Gegen die Demonstranten, die ab 2010 gegen den Diktator Ben Ali aufbegehrten, gingen die Sicherheitsorgane brutal vor. Den Sturz des Regimes konnten sie aber nicht verhindern.\n                    <\/p>\n<p>    Putsch von oben<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Als \u00fcberparteilicher Retter inszenierte sich bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl 2019 ein zuvor wenig bekannter Juradozent, Kais Saied. Er versprach ein Ende von Korruption und Parteiengez\u00e4nk und mehr Macht f\u00fcr das Volk. Haushoch gewann er die Wahl.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auf dem H\u00f6hepunkt der Corona-Krise kam es dann am 25. Juli 2021 zum Putsch von oben. Saied suspendierte das Parlament, entlie\u00df den Regierungschef und riss die Macht an sich. Er selbst \u00fcbernehme ab jetzt die Regierungsgesch\u00e4fte, verk\u00fcndete Saied, umgeben von Sicherheitskr\u00e4ften.\u00a0<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zu dem Zeitpunkt hatte Tunesien in zehn Jahren elf Regierungen. Saieds\u00a0Versprechen lautete, er werde das politische Chaos beenden, der Bev\u00f6lkerung mehr Macht geben, die Wirtschaft reformieren. Mit einer neuen Verfassung, \u00fcber die ein Jahr sp\u00e4ter abgestimmt wurde, festigte Saied seine pr\u00e4sidiale Macht.<\/p>\n<p>    Nahezu unumschr\u00e4nkte Macht<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Inzwischen gibt es keine Institution mehr, die sich Saieds Systemumbau entgegenstellen k\u00f6nnte, denn ein Verfassungsgericht gibt es in Tunesien nicht.\u00a0Auch die Justiz, sagen Kritiker, habe Saied zum willf\u00e4hrigen Instrument des Regimes umgeformt, mit dem Ziel, Opposition und Zivilgesellschaft stummzuschalten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Erst Ende November dieses Jahres wurden wieder Haftstrafen von bis zu 45 Jahren f\u00fcr Anw\u00e4lte, Politiker oder Gesch\u00e4ftsleute verh\u00e4ngt unter dem Vorwurf, sie h\u00e4tten einen Staatsstreich vorbereitet. Von einer Farce und einem Schauprozess sprechen Kritiker, nicht nur in diesem Fall.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch wenige im Land trauen sich noch, ihre Meinung offen zu sagen. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Tunesien heute nur noch auf Platz 129 von 180 &#8211; ein Minus von 36 Pl\u00e4tzen in drei Jahren.\u00a0<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Ein Gef\u00fchl mache sich breit, von dem man geglaubt habe, es mit dem Sturz von Ben Ali hinter sich gelassen zu haben, sagte Monia Brahim. Sie ist die Ehefrau von Abdelhamid Jelassi, einem der vielen Verurteilten in Tunesiens Staatstreichprozess. Nach der Revolution von 2010 habe sie gedacht, dass die Tyrannei Geschichte sei, den Sieg Saieds 2019 habe sie auf der Stra\u00dfe gefeiert.<\/p>\n<blockquote class=\"zitat\">\n<p>\n                    Jetzt reden wir, und danach werde ich gehen und mich st\u00e4ndig nach rechts und links umdrehen, um zu schauen, ob mir jemand folgt. Angst zu haben, dass nach einer Demo die Polizei wartet, dass nach einem Fernsehauftritt jemand an die T\u00fcr klopft &#8211; warum das alles?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>    Ist Chaos die Alternative?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Trotzdem verteidigen noch immer viele Saieds harte Linie und hoffen darauf, dass er ihr Land nach vorne bringt. Zu ihnen geh\u00f6rt der Politiker Mahmoud Ben Mabrouk, Vorsitzender der Partei &#8222;Weg des 25. Juli&#8220;. Der Name der Partei verweist auf den Tag des Putsches von Saied und des ein Jahr sp\u00e4ter abgehaltenen Verfassungsreferendums.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Tunesien vertrage &#8222;kein neues Chaos&#8220;, sagt Ben Mabrouk. Er fragt, was denn die Alternative zu Saied w\u00e4re: &#8222;Es gibt niemanden, der so sauber ist wie er. Wenn jetzt jemand anderes k\u00e4me, h\u00e4tte der denn einen Zauberstab?&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik kommt zu einem sehr deutlichen Urteil \u00fcber die Lage in Tunesien: &#8222;Das hat mit Demokratie nichts zu tun.&#8220; Es gebe keine Gewaltenteilung, das Parlament mache in der Regel, was der Pr\u00e4sident will. &#8222;Das ist in meinen Augen ganz klar ein autorit\u00e4res System.&#8220;<\/p>\n<p>    Neue Proteste<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch inzwischen mehren sich wieder die Proteste, es gibt soziale Unruhen auf dem Land, politischen Widerstand in der Hauptstadt Tunis. Die tunesische Historikerin Kmar\u00a0Bendana sagt, das Verm\u00e4chtnis des demokratischen Aufbruchs sei durchaus noch lebendig:<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Ich wei\u00df nicht, ob das eine Revolte ist. Aber es zeigt, dass die Leute keine Angst haben und ihre Rechte einfordern. Die politische Kultur aus der Revolutionserfahrung von 2010 und 2011 ist nicht ganz tot. Es braucht nur Zeit, bis diese Keime sprie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 17.12.2025 15:13 Uhr 15 Jahren nach dem Beginn des arabischen Fr\u00fchlings ist in Tunesien nichts vom damaligen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":653010,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[152981,13,14,15,12,10,8,9,11,20303,103,104],"class_list":{"0":"post-653009","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-arabischer-fruehling","9":"tag-headlines","10":"tag-nachrichten","11":"tag-news","12":"tag-schlagzeilen","13":"tag-top-news","14":"tag-top-meldungen","15":"tag-topmeldungen","16":"tag-topnews","17":"tag-tunesien","18":"tag-welt","19":"tag-world"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115735675463196509","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/653009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=653009"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/653009\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/653010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=653009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=653009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=653009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}