{"id":656651,"date":"2025-12-19T04:35:16","date_gmt":"2025-12-19T04:35:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656651\/"},"modified":"2025-12-19T04:35:16","modified_gmt":"2025-12-19T04:35:16","slug":"filmstart-der-held-vom-bahnhof-friedrichstrasse-im-kino-good-bye-wolfgang-becker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656651\/","title":{"rendered":"Filmstart \u201eDer Held vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe\u201c im Kino: Good Bye, Wolfgang Becker!"},"content":{"rendered":"<p>Was tut ein todkranker Regisseur, dem der Arzt empfiehlt, ein Mal noch die Welt zu bereisen? Wolfgang Becker drehte lieber einen letzten Film. Ohne einen selbstlosen Freundschaftsdienst h\u00e4tte es den \u201eHeld vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe\u201c dennoch nicht gegeben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als der \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article420435\/Nur-im-Falschen-gibt-es-Wahres.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article420435\/Nur-im-Falschen-gibt-es-Wahres.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Good Bye, Lenin<\/a>!\u201c-Regisseur Wolfgang Becker vor zwei Jahren seinen Onkologen aufsuchte, redete der Klartext: \u201eBei der kurzen Lebenserwartung, die Sie haben \u2013 was wollen Sie machen? Reisen Sie doch nochmals an all die sch\u00f6nen Orte, die Sie kennen.\u201c<\/p>\n<p>Becker war viel gereist, er kannte die sch\u00f6nen Orte dieser Welt. Die Idee \u00fcberzeugte ihn nicht.<\/p>\n<p>\u201eWas machen Sie denn am allerliebsten?\u201c, versuchte der Arzt es aufs Neue.<\/p>\n<p>\u201eAm liebsten mache ich einen Film\u201c, kam es wie aus der Pistole geschossen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein neuer Film von Wolfgang Becker, das war stets eine langwierige Angelegenheit gewesen. Zwischen \u201eKinderspiele\u201c und \u201eDas Leben ist eine Baustelle\u201c hatten f\u00fcnf Jahre gelegen, zwischen \u201eBaustelle\u201c und \u201eLenin\u201c sechs, zwischen \u201eLenin\u201c und \u201eIch und Kaminski\u201c zw\u00f6lf. Zeit, die er nun nicht mehr hatte, nicht ann\u00e4hernd. Diese Krankheit w\u00fcrde nicht gut enden.<\/p>\n<p>Becker rief Stefan Arndt an, seinen Produzenten und Kompagnon bei der Firma X-Filme. \u201eWolfgang und ich hatten ein, gelinde gesagt, schwieriges Verh\u00e4ltnis\u201c, erz\u00e4hlt Arndt, \u201eaber wir haben irre Sachen zusammen hingekriegt\u201c. Beim Reisebuchen k\u00f6nne er ihm nicht helfen, habe er Becker gesagt: \u201eAber bei einem Film w\u00e4re ich dabei.\u201c<\/p>\n<p>Der Stoff war, ganz unbeckerm\u00e4\u00dfig, schnell gefunden: der Roman \u201eDer Held vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe\u201c von Maxim Leo \u00fcber einen erfolglosen Berliner Videothekenbesitzer, der ungewollt zum Helden wird, weil er einst eine Massenflucht aus der DDR erm\u00f6glicht haben soll \u2013 ein riesiger geschichtlicher Fake, wie sich herausstellt, wie der Sieg des Sozialismus in \u201eLenin\u201c.<\/p>\n<p>Nun ben\u00f6tigt jeder Film heutzutage eine Versicherung, die einspringt, wenn er nicht fertiggestellt werden kann. Ohne Versicherung gibt kein Finanzier seine Gelder frei. Der halbseitig gel\u00e4hmte Michelangelo Antonioni h\u00e4tte seinen letzten Film \u201eJenseits der Wolken\u201c nicht drehen k\u00f6nnen, h\u00e4tte nicht Wim Wenders bereitgestanden, um notfalls \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Arndt wusste, es w\u00fcrde schwierig werden, jemanden zu finden, der Becker passte. \u201eLasst uns Namen auf einen Zettel schreiben, dann decken wir auf\u201c, schlug er vor. Als sie aufdeckten, stand zweimal derselbe Name: Achim.<\/p>\n<p>Achim von Borries ist seit 20 Jahren eine Art adoptierter X-Filmer, hat dort \u201eWas n\u00fctzt die Liebe in Gedanken\u201c und \u201eJeder stirbt f\u00fcr sich allein\u201c gedreht und vier Staffeln von \u201eBabylon Berlin\u201c. Borries war ideal, denn er, Tom Tykwer und Henk Handloegten praktizieren seit acht Jahren bei \u201eBabylon\u201c das, was nun bei \u201eHeld\u201c gefragt war: abwechselnd zu inszenieren, ohne dass Au\u00dfenstehende unterscheiden k\u00f6nnten, was von wem stammt.<\/p>\n<p>Nun hatte Becker jede Absicht, dies zu \u201eeinem Wolfgang-Becker-Film\u201c zu machen; er schrieb am Drehbuch mit, suchte Schauspieler und Schaupl\u00e4tze aus, probte und wollte nat\u00fcrlich inszenieren. Aber es war nicht abzusehen, wann er die n\u00e4chste Spritze brauchen w\u00fcrde. Wann sollte Borries sich bereithalten? An festen Tagen? F\u00fcr Szenen, die Becker nicht so wichtig waren? <\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich hat es keine Szene gegeben, die er nicht am liebsten selbst gedreht h\u00e4tte\u201c, sagt Borries. Es gab nur eine M\u00f6glichkeit: \u201eWann immer man mich anruft, komme ich.\u201c Beckers Krebs hatte gestreut, aber zwei Jahre war er nicht schlimmer geworden. An vielen Drehtagen reichte die Kraft, an manchen waren sie zu zweit, an einigen Borries allein.<\/p>\n<blockquote class=\"c-citation__body\">\n<p class=\"c-citation__text\">Vor 25 Jahren war das Filmemachen freier<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dann stand die Schulszene an. Eine Berliner Klasse \u2013 Mittelstufe \u2013 bekommt Zeitzeugenbesuch, einen fr\u00fcheren DDR-Systemkritiker. Die Sch\u00fcler sind neugierig: Waren Sie im Gef\u00e4ngnis? Sind Sie gefoltert worden? Irgendwann geht dem Besucher ihre Ahnungslosigkeit auf die Nerven, und es platzt aus ihm heraus: Nicht alles sei schlecht gewesen, etwa die Jobsicherheit, die Rolle der Frauen, das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Die Sch\u00fcler sind baff, die Lehrerin ist alarmiert. Schnell wird der Zeitzeuge in eine andere Klasse eskortiert.<\/p>\n<p>Es ist die Essenz der Nachwendegeschichtsschreibung in einer wunderbaren Sequenz. Wolfgang Becker lag an diesem Tag im Krankenhaus, Achim von Borries musste ins kalte Wasser springen. Er hatte die von Becker gecasteten Kinder noch nie gesehen. \u201eWir drehen die Probe gleich mit\u201c, sagte er zu seinem Kameramann und erinnert sich jetzt: \u201eDie Kinder waren so was von auf Zack! Die haben das ohne mein Zutun v\u00f6llig beckerhaft gespielt.\u201c<\/p>\n<p>Am Set konnte man glauben, man befinde sich nicht im Herbst 2024, sondern ein Vierteljahrhundert davor. \u201eWir haben alles gemacht, wie wir es fr\u00fcher gemacht haben\u201c, erinnert sich Arndt, \u201eein Team aus zehn, 15 Freunden, ungef\u00e4hr gleich alt und gleich erfahren, die alle wissen, was f\u00fcr ein Typ Wolfgang ist. Vor 25 Jahren war das Filmemachen freier. Du hast viel l\u00e4nger gedreht, viel mehr ausprobiert. Heutzutage tickt bei allem die Uhr, herrscht oft ein Unteroffizierston.\u201c <\/p>\n<p>All die alten Beckeraner, von J\u00fcrgen Vogel \u00fcber Christiane Paul und Peter Kurth bis Daniel Br\u00fchl, machten ihre Terminkalender frei \u2013 dies war ein Freundschaftsdienst, kein Engagement. Becker selbst, der bei \u201eLenin!\u201c den Etat ums Doppelte \u00fcberschritten hatte, hielt Disziplin. \u201eDer Held vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe\u201c blieb im Budget.<\/p>\n<p>Nach zwei Monaten, Ende November 2024, fiel die letzte Klappe. \u201eEr hat diesen Kraftakt geschafft, und es hat ihn riesig gl\u00fccklich gemacht\u201c, erinnert sich Achim von Borries. \u201eSo gel\u00f6st wie bei dem Abschiedsfest hatte ich ihn noch nie erlebt. Er stand auf der B\u00fchne und hat eine halbe Stunde lang das Team unterhalten, und manche haben leise gesagt: ,So warst du aber auch nicht immer\u2018.\u201c Die Woche darauf telefonierten Stefan Arndt und Wolfgang Becker drei Stunden lang, erinnert sich Arndt, \u201e\u00fcber Termine und Geld und den ganzen M\u00fcll\u201c. Zwei Tage sp\u00e4ter<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254870640\/Wolfgang-Becker-Das-Absurde-in-der-Welt-war-sein-Projekt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254870640\/Wolfgang-Becker-Das-Absurde-in-der-Welt-war-sein-Projekt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> war Becker tot<\/a>.<\/p>\n<p>Ein Film, sagt man, wird dreimal erfunden: beim Schreiben, beim Drehen und beim Schneiden. Den Cutter J\u00f6rg Hauschild, den Stammeditor von Andreas Dresen, hatte noch Becker selbst ausgesucht. Seine eigenen Filme gek\u00fcrzt hat er nie gerne, und vielleicht war es ganz gut, dass Borries diese Aufgabe zufiel. Borries, der \u00fcber 42 Folgen von \u201eBabylon Berlin\u201c die Disziplin erlernt hatte, Handlung in Dreiviertelstundenepisoden zu komprimieren, und der \u201efrei\u201c hatte, weil sich die f\u00fcnfte \u201eBabylon\u201c-Staffel durch eine Erkrankung im Cast verz\u00f6gerte.<\/p>\n<p>Wolfgang Beckers letzter Film kommt am 11. Dezember in die Kinos, einen Tag vor seinem ersten Todestag. Der \u201eHeld\u201c dauert 112 Minuten, hat viel Luft zum Atmen und strahlt eine gro\u00dfe W\u00e4rme aus. \u201eSelbst wenn es nicht unbedingt seine Art war\u201c, glaubt Stefan Arndt, \u201eder dort oben auf der Wolke w\u00fcrde sagen: ,Das habt ihr echt o.k. gemacht\u2018.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was tut ein todkranker Regisseur, dem der Arzt empfiehlt, ein Mal noch die Welt zu bereisen? 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