{"id":656668,"date":"2025-12-19T04:44:13","date_gmt":"2025-12-19T04:44:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656668\/"},"modified":"2025-12-19T04:44:13","modified_gmt":"2025-12-19T04:44:13","slug":"chanukka-gedenken-am-donnerstagabend-hat-trauer-solidaritaet-und-warnung-vor-antisemitismus-verbunden-du-bist-halle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656668\/","title":{"rendered":"Chanukka-Gedenken am Donnerstagabend hat Trauer, Solidarit\u00e4t und Warnung vor Antisemitismus verbunden \u2013 Du bist Halle"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Motto \u201eVon Halle bis Sydney\u201c versammelten sich am Donnerstagabend zahlreiche Menschen am Steintor in Halle (Saale), um der Opfer eines antisemitischen Anschlags im australischen Sydney zu gedenken. Im Rahmen einer \u00f6ffentlichen Chanukka-Veranstaltung erinnerte die J\u00fcdische Gemeinde Halle gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Initiativen, Vertretern der Stadt und solidarischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern an die 15 Menschen, die am 14. Dezember bei einem Attentat am Bondi Beach erschossen worden waren. Zwei Attent\u00e4ter hatten die Chanukka-Feier an dem beliebten K\u00fcstenabschnitt angegriffen.<\/p>\n<p>Was viele tausend Kilometer voneinander trennt, r\u00fcckte an diesem Abend eng zusammen: Australien und Sachsen-Anhalt, Bondi Beach und das hallesche Steintor, Trauer und Hoffnung, Entsetzen und der Wille zur Solidarit\u00e4t. Die Veranstaltung verband das traditionelle Entz\u00fcnden der Chanukka-Kerzen mit einem politischen und gesellschaftlichen Appell gegen Antisemitismus, Gewalt und Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p><strong>Ein Ort des Gedenkens im \u00f6ffentlichen Raum<\/strong><\/p>\n<p>Das Steintor wurde an diesem Abend zu einem Ort stiller Erinnerung. Inmitten des st\u00e4dtischen Alltags, zwischen Stra\u00dfenbahnverkehr und Passanten, entstand ein Raum des Innehaltens. Kerzen wurden an der Chanukkia entz\u00fcndet, die Namen und Daten der 15 ermordeten Menschen verlesen. Viele Anwesende hielten Kerzen in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Mit der Wahl des \u00f6ffentlichen Raums setzte die Veranstaltung bewusst ein Zeichen: Antisemitische Gewalt sei kein Randthema und keine Angelegenheit einer einzelnen Gemeinschaft, sondern betreffe die gesamte Gesellschaft. Das Gedenken sollte sichtbar, h\u00f6rbar und nicht zu \u00fcbersehen sein.<\/p>\n<p>Organisiert wurde die Veranstaltung unter anderem vom Jungen Forum. Unterst\u00fctzt wurde sie von Vertreterinnen und Vertretern der J\u00fcdischen Gemeinde. F\u00fcr die Stadt Halle nahm Kulturdezernentin Judith Marquardt teil, selbst geb\u00fcrtige Australierin. Ihre Anwesenheit unterstrich die besondere Verbindung zwischen den beiden Orten und verlieh dem Gedenken eine zus\u00e4tzliche pers\u00f6nliche Dimension.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"676\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2c80da9e-870d-49cc-8219-fec9277f5d3b-1200x676.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-337902\"  \/><\/p>\n<p><strong>Chanukka zwischen Trauer und Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Chanukka gilt als Fest des Lichts, der Hoffnung und des Widerstands gegen Unterdr\u00fcckung. In Halle bekam diese Symbolik an diesem Abend eine besondere Schwere. Die Kerzen erinnerten nicht nur an ein religi\u00f6ses Fest, sondern standen auch f\u00fcr das Weiterbestehen j\u00fcdischen Lebens trotz Gewalt und Bedrohung.<\/p>\n<p>Shania Timpe vom Jungen Forum beschrieb die Atmosph\u00e4re der Veranstaltung als ein bewusstes Gegenbild zum Terror. \u201eDie Veranstaltung war ein friedliches und fr\u00f6hliches Fest des Lichts und der Gemeinschaft\u201c, sagte sie mit Blick auf den Anschlag. Chanukka stehe \u201ef\u00fcr Widerstand, Hoffnung und die Freude am Miteinander. Ein Symbol daf\u00fcr, dass Licht auch in dunklen Zeiten nicht erlischt.\u201c<\/p>\n<p>Gleichzeitig lie\u00df Timpe keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem Attentat um einen gezielten Akt antisemitischer Gewalt handelte. Der Anschlag sei ein Akt \u201ebrutaler Menschenfeindlichkeit\u201c gewesen. \u201eAusgerechnet ein Ort des Friedens und der Freude wurde von zwei Attent\u00e4tern zur B\u00fchne von Gewalt und Mord, um Angst und Schrecken zu verbreiten.\u201c<\/p>\n<p>Der Angriff habe sich nicht nur gegen die unmittelbar Betroffenen gerichtet. \u201eSondern gegen die Idee von Gemeinschaft, Zusammenhalt und j\u00fcdische Identit\u00e4t.\u201c Diese Dimension mache antisemitische Anschl\u00e4ge besonders gef\u00e4hrlich: Sie zielten darauf ab, Menschen nicht nur k\u00f6rperlich zu verletzen, sondern gesellschaftliche Bindungen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Besonders hervorgehoben wurde w\u00e4hrend der Veranstaltung ein Mann, der w\u00e4hrend des Anschlags in Sydney einen der Attent\u00e4ter entwaffnet hatte. Sein Eingreifen rettete vermutlich weitere Leben. Ohne Pathos wurde dieser Moment als Beispiel f\u00fcr Zivilcourage und Mitmenschlichkeit gew\u00fcrdigt \u2013 als Gegenbild zur Gewalt und als Beweis daf\u00fcr, dass individuelles Handeln einen Unterschied machen kann.<\/p>\n<p>In einer Zeit, in der antisemitische Gewalt weltweit zunimmt, wurde dieser Akt als Symbol verstanden: f\u00fcr Solidarit\u00e4t jenseits religi\u00f6ser oder kultureller Zugeh\u00f6rigkeiten und f\u00fcr den Mut, nicht wegzusehen.<\/p>\n<p><strong>Kritik an symbolischer Solidarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Deutlich wurde an diesem Abend auch der Frust vieler j\u00fcdischer Menschen \u00fcber das, was sie als unzureichende gesellschaftliche Reaktion auf Antisemitismus empfinden. Shania Timpe formulierte diesen Unmut in eindringlichen Worten. \u201eJ\u00fcdinnen und Juden f\u00fchlen sich im Stich gelassen. Sie kritisieren, dass wir nur gedenken, wenn es um ermordete Juden geht. Sie vermissen echte Solidarit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Statt nachhaltiger Unterst\u00fctzung gebe es oft nur wohlfeile Worte. Abgespeist w\u00fcrden sie mit Plattit\u00fcden und schwerf\u00e4lligen Politikerreden. Timpe beschrieb ein Gef\u00fchl permanenter Warnung, das ungeh\u00f6rt verhallt: \u201eSie m\u00fcssen mahnen, warnen, betteln, sich den Mund fusselig reden immer und immer wieder, ohne dass sich etwas wirklich \u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p>Besonders bedr\u00fcckend sei die Erfahrung, mit einer dauerhaften Bedrohung zu leben. \u201eSie leben mit der Gewissheit, dass das n\u00e4chste Massaker nur eine Frage der Zeit ist und Sie wissen, dass die Welt ihnen die Schuld daran geben wird.\u201c Diese Wahrnehmung, so wurde deutlich, ist Teil einer tiefen Ersch\u00f6pfung innerhalb j\u00fcdischer Gemeinschaften.<\/p>\n<p><strong>Eine globale Erfahrung von Verlust<\/strong><\/p>\n<p>Auch Max Privorozki, Vorsitzender der J\u00fcdischen Gemeinde Halle, betonte die emotionale N\u00e4he zu den Opfern in Sydney. Das grausame Attentat habe alle fassungslos gemacht. Und obwohl die Ereignisse viele tausend Kilometer entfernt passiert seien, \u201ef\u00fchlt es sich die Verluste f\u00fcr uns an, als w\u00e4ren sie im eigenen Umfeld passiert.\u201c<\/p>\n<p>Diese N\u00e4he sei kein Zufall. Sie resultiere aus einer Kette von Erfahrungen, die j\u00fcdische Gemeinschaften weltweit teilen. \u201eDas liege daran, dass wir schon viele Attentate auf Juden in aller Welt erleben mussten.\u201c Der Anschlag von Sydney sei kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines gr\u00f6\u00dferen Musters.<\/p>\n<p>Privorozki sprach von einer strategischen Vorbereitung, die solchen Taten h\u00e4ufig vorausgehe. Antisemitische Gewalt sei geplant, ideologisch unterf\u00fcttert und gezielt auf symbolisch bedeutsame Momente ausgerichtet.<\/p>\n<p>Der Vorsitzende zog eine direkte Linie zwischen dem Anschlag in Sydney und fr\u00fcheren Terrorakten. Er erinnerte an den Anschlag auf die hallesche Synagoge an Jom Kippur 2019, an den Anschlag auf eine Synagoge in Manchester sowie an die Ereignisse des 7. Oktober 2023.<\/p>\n<p>Besonders perfide sei, dass j\u00fcdische Feiertage gezielt f\u00fcr Angriffe genutzt w\u00fcrden. \u201eDas besonders perfide an den Attacken war, dass j\u00fcdische Feiertage genutzt wurden, um Menschen anzugreifen und zu t\u00f6ten.\u201c Ziel sei nicht nur der Mord an Einzelnen, sondern die Demoralisierung einer gesamten Gemeinschaft. \u201eJuden soll jedes Gef\u00fchl der Sicherheit genommen werden.\u201c<\/p>\n<p>Diese Strategie treffe den Kern j\u00fcdischen Lebens: religi\u00f6se Praxis, Gemeinschaft und \u00f6ffentliche Sichtbarkeit. Feiertage, die eigentlich der Freude und dem Zusammenhalt dienen, w\u00fcrden so zu Momenten maximaler Gefahr.<\/p>\n<p><strong>Enthemmter Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>Privorozki beschrieb einen drastischen Anstieg antisemitischer Einstellungen und Taten. Der Antisemitismus sei in den letzten zwei Jahren explosionsartig gewachsen und habe eine ungeahnte Enthemmung erfahren. Besonders scharf kritisierte er Versuche, antisemitische Gewalt zu relativieren. \u201eWer glaubt, der Morden mit Verweis auf die israelische Regierung relativieren zu k\u00f6nnen, entlarvt am Ende nur seinen eigenen Hass auf Juden.\u201c<\/p>\n<p>Auch gegen\u00fcber \u00f6ffentlichen Bekundungen der Betroffenheit zeigte sich Privorozki skeptisch. Man falle nicht \u201eauf jede herein, die jetzt Betroffenheit heucheln, aber bis vor Kurzem mit ihrem Antisemitismus und sogenannten Antizionmismus den Hass erst gesch\u00fcrt haben.\u201c Deshalb d\u00fcrfe man nicht m\u00fcde werden, diese Verlogenheit offenzulegen.<\/p>\n<p>Trotz aller Bedrohung betonte Privorozki auch den inneren Zusammenhalt der j\u00fcdischen Gemeinschaft. Der Anschlag lasse sie enger zusammenr\u00fccken. Solidarit\u00e4t bleibe nicht abstrakt: Die J\u00fcdische Gemeinde Halle habe die Gemeinde in Bondi Beach mit einer Geldspende finanziell unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Zugleich machte er deutlich, dass antisemitische Anschl\u00e4ge zwar in erster Linie Juden tr\u00e4fen, aber immer eine gesamtgesellschaftliche Dimension h\u00e4tten. Es seien \u201eAkte gegen unsere Art des Zusammenlebens, gegen unsere Werte, gegen unsere Demokratie.\u201c Jeder Angriff auf Juden ziele letztlich auf die offene Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Der Blick aus der Gemeinde<\/strong><\/p>\n<p>Igor Matviyets, Mitglied der halleschen J\u00fcdischen Gemeinde, ordnete die Ereignisse in eine globale Perspektive ein. Aus j\u00fcdischer Sicht n\u00e4hmen derartige Ereignisse zu. \u201eJuden sind in der \u00d6ffentlichkeit weltweit nicht sicher.\u201c Gewaltt\u00e4tige Angriffe w\u00fcrden rasant zunehmen, gleichzeitig br\u00e4chen Verb\u00fcndete weg.<\/p>\n<p>Besonders schmerzlich sei das Schweigen weiter Teile der Gesellschaft. Matviyets vermisste die Zivilgesellschaft, \u201ewenn es man nicht zu einem Massaker an Juden kam.\u201c Er fragte, wo diese Zivilgesellschaft sei, wenn an der Universit\u00e4t Halle Veranstaltungen mit Antisemiten organisiert w\u00fcrden oder \u201ewer widerspricht, wenn es an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule immer wieder zu Grenz\u00fcbertritten kommt?\u201c<\/p>\n<p>Matviyets verwies darauf, dass gesellschaftliche Mobilisierung durchaus m\u00f6glich sei. Das zeige das Engagement der Zivilgesellschaft gegen Rechtsextremismus und die AfD. Umso schmerzhafter sei es zu sehen, wie viele Menschen sich beim Thema Antisemitismus nicht bewegten. \u201eF\u00fcr mich f\u00fchlt es sich schmerzhaft an zu sehen, wieviele sich da nicht herausbewegen, nicht dazu in der Lage sind auf die Stra\u00dfe zu gehen, sichtbar zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Er formulierte eine d\u00fcstere Prognose: \u201eWenn die Juden erfolgreich aus der \u00d6ffentlichkeit vertreiben wurde, dann wird es auch das Ende unserer freiheitlichen Grundordnung sein.\u201c Antisemiten weltweit, unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Verortung, h\u00e4tten dasselbe Ziel: \u201edie Vertreibung von Minderheiten, das Gleichschalten der \u00d6ffentlichkeit, aus Ausradieren von individuellen Meinungen.\u201c<\/p>\n<p>Dass sich dieser Hass auf eine vergleichsweise kleine Gruppe richte, mache Juden besonders verwundbar. Weltweit gebe es nur 15 bis 20 Millionen j\u00fcdische Menschen \u2013 \u201eleider das dankbarste Ziel\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"577\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/49f1d42f-33ab-465e-b0be-bd7ede96333e-577x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-337901\"  \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Unter dem Motto \u201eVon Halle bis Sydney\u201c versammelten sich am Donnerstagabend zahlreiche Menschen am Steintor in Halle (Saale),&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":656669,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1860],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,4062,17332,13,14,15,17331,860,12],"class_list":{"0":"post-656668","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-halle-saale","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-halle","15":"tag-halle-saale","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-saale","20":"tag-sachsen-anhalt","21":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656668","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656668"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656668\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/656669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656668"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=656668"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=656668"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}