{"id":656784,"date":"2025-12-19T06:09:20","date_gmt":"2025-12-19T06:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656784\/"},"modified":"2025-12-19T06:09:20","modified_gmt":"2025-12-19T06:09:20","slug":"claude-lanzmanns-audio-archiv-zum-film-shoah-im-juedischen-museum-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/656784\/","title":{"rendered":"Claude Lanzmanns Audio-Archiv zum Film &#8222;Shoah&#8220; im J\u00fcdischen Museum Berlin"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-2 font-sans text-base font-thin leading-[26px] md:mb-[16px] md:text-xl md:leading-[32px]\">Der franz\u00f6sische Filmemacher sprach mit Opfern und T\u00e4tern und drehte an den Schaupl\u00e4tzen des Holocaust. Das J\u00fcdische Museum in Berlin stellt sein Audioarchiv aus.<\/p>\n<p>Paul Jandl19.12.2025, 05.30 Uhr<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/78c55c21-c0b0-454d-9fa8-ad58d77e9ad6.jpg\" class=\"absolute left-0 top-0 block h-full w-full  \"  width=\"3999\" height=\"4278\" alt=\"Der franz\u00f6sische Filmemacher Claude Lanzmann hat von 1974 bis 1985 Ton- und Bilddokumente gesammelt f\u00fcr seinen Film \u00abShoah\u00bb. Aufnahme von 2012.\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1)\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\" \/>Der franz\u00f6sische Filmemacher Claude Lanzmann hat von 1974 bis 1985 Ton- und Bilddokumente gesammelt f\u00fcr seinen Film \u00abShoah\u00bb. Aufnahme von 2012.<\/p>\n<p>Serge Cohen \/ Imago<\/p>\n<p class=\"articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcje0ir40\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Er sei kein Schauspieler, er habe noch nie in einem Film mitgespielt, sagt Jacob Werbin z\u00f6gernd zu Claude Lanzmann. Der Regisseur muss ihm erst einmal erkl\u00e4ren, dass es um einen Dokumentarfilm geht. \u00abYeah\u00bb, sagt Werbin, der ein \u00dcberlebender des Holocaust war und 1949 nach Amerika emigrierte. Und dann beginnt er zu erz\u00e4hlen. Nicht als Schauspieler, sondern als er selbst. \u00dcber das Ghetto im litauischen Kowno, wo er bei der Torwache eingesetzt war.<\/p>\n<p>Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen<\/p>\n<p>NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.<\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jclvvgbe1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Das Gespr\u00e4ch findet sich auf einer Sony-Tonbandkassette mit einer Spielzeit von 120 Minuten. Sie ist eine von 152, die Claude Lanzmann bei den Vorarbeiten zu seinem Film \u00abShoah\u00bb aufgenommen hat. Elf Jahre lang, von 1974 bis 1985, waren er und zwei Mitarbeiter vor allem in Deutschland, Polen, Israel und Amerika unterwegs, um jenes Material zusammenzutragen, aus dem sp\u00e4ter eines der ersch\u00fctterndsten Dokumente \u00fcber die planvolle Vernichtung der Juden in Europa werden sollte.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcm00d701\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Ein neun Stunden langer Film mit Zeitzeugengespr\u00e4chen und Aufnahmen von den Orten des Holocaust. Die Ergebnisse der Recherchen zu \u00abShoah\u00bb f\u00fcllen ein Archiv, das heute im Berliner J\u00fcdischen Museum ist und zum Unesco-Weltdokumentenerbe geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Auf Spurensuche in Polen<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jclvr9si0\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Vor hundert Jahren wurde Claude Lanzmann in der N\u00e4he von Paris geboren, aber das ist nur einer der \u00e4usseren Anl\u00e4sse, um sechsundzwanzig bisher unver\u00f6ffentlichte Interviews mit Opfern, T\u00e4tern und Zeugen in einer akustischen und \u00fcberaus eindringlichen Ausstellung h\u00f6rbar zu machen. \u00abClaude Lanzmann. Die Aufzeichnungen\u00bb im J\u00fcdischen Museum ist ein Gang durch die Geschichte. Eine Geschichte, die sich immer wieder neu aktualisiert, wie man am neu aufkeimenden Antisemitismus sehen kann.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcm03gml1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Als Claude Lanzmann, der zur franz\u00f6sischen R\u00e9sistance geh\u00f6rt hatte, an seinem Film zu arbeiten begann, wollte er keine historische Perspektive liefern. Er forschte nach den Orten, an denen das Grauen des Holocaust gegenw\u00e4rtig geblieben ist. Im Ged\u00e4chtnis der Opfer, in den vernarbten Landschaften, wo fr\u00fcher die Konzentrationslager standen. An Bahnstrecken, die zu ihnen hinf\u00fchrten.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jclvr9sk0\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">In der Ausstellung sieht man das Aiwa-Aufnahmeger\u00e4t, mit dem Claude Lanzmann in den siebziger Jahren unterwegs war. Man sieht eine Strassenkarte von Polen mit Markierungen f\u00fcr die Reise, Karteikarten zu Biografien der Interviewten und penible Aufzeichnungen f\u00fcr die Vorbereitung.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcm097db1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Die Gespr\u00e4che selbst wirken improvisiert, und es gibt immer diese Momente, wo sich die zeitlichen Schichten \u00fcbereinanderzulegen scheinen. Gerade noch t\u00f6nt aus dem Autoradio \u00abRot ist die Liebe\u00bb, dann wird an der T\u00fcr von Ulrich Brand geklingelt, fr\u00fcher SA-Sturmmann und Personaldezernent bei der Reichsbahn Oppeln, die f\u00fcr die Transporte nach Auschwitz zust\u00e4ndig war. Lanzmanns Assistentin Irena Steinfeldt-Levy kann gerade noch sagen, dass man wegen einer historischen Dokumentation hier sei, dann wird Ulrich Brand patzig: \u00abNee, da hab ich grad keine Zeit. Ich bin besch\u00e4ftigt.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/7b57b3b7-f30e-4012-b0ea-baea1643c7c6.jpg\" class=\"absolute left-0 top-0 block h-full w-full  \"  width=\"2126\" height=\"1593\" alt=\"Audiokassetten aus der Sammlung Lanzmann.\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1)\" loading=\"lazy\" \/>Audiokassetten aus der Sammlung Lanzmann.<\/p>\n<p>J\u00fcdisches Museum Berlin, Foto: Roman M\u00e4rz<\/p>\n<p>Lebensl\u00fcgen der T\u00e4ter<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcm0b2an1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Nicht ganz so besch\u00e4ftigt war Kurt Eisfeld. Er redet mit der Interviewerin, Lanzmanns Mitarbeiterin Corinna Coulmas. Eisfeld, ehemals SS-Mann und Betriebsleiter von I.\u00a0G. Farben in Ludwigshafen, beschreibt die Suche nach einem geeigneten Standort f\u00fcr ein Chemiewerk in Polen. Zuf\u00e4llig sei man bei Auschwitz f\u00fcndig geworden.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jcm0dgdl1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">\u00abEin ebenes, hochwasserfreies Gel\u00e4nde in der N\u00e4he von guten Abwasserm\u00f6glichkeiten, in der N\u00e4he von Kohle, Kalk und Salz\u00bb, sagt Eisfeld. \u00abWir hatten von der Anwesenheit eines Konzentrationslagers \u00fcberhaupt keine Ahnung.\u00bb Die Wahrheit ist: Die I.\u00a0G. Farben hat eng mit der SS zusammengearbeitet. H\u00e4ftlinge aus dem KZ Auschwitz, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene mussten im neuen Chemiewerk arbeiten, in dem synthetischer Kautschuk hergestellt wurde.<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jclvr9sk1\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Die sechsundzwanzig Tonbandausschnitte, die man jetzt im J\u00fcdischen Museum h\u00f6ren kann, sind auch Zeitdokumente rhetorischer Figuren. Die T\u00e4ter haben keine Fragen, sie haben Antworten, die selbstgewiss alle Schuld bestreiten. Den Opfern bleiben ewige Fragezeichen. Der jiddische Dichter Avrom Sutzkever, der 1943 aus dem Ghetto Wilna fliehen konnte, meint im Gespr\u00e4ch: \u00ab\u00dcber das Ghetto kann ich nicht sprechen.\u00bb Und er tut es dann doch: \u00abAm Morgen t\u00f6teten sie dort Menschen, und am Abend ging man ins Theater. Als meine Mutter get\u00f6tet wurde, schrieb ich gerade ein Gedicht. Wer kann so was schon verstehen?\u00bb<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-950 dark:text-paper-50 darknzz:text-paper-50 dark:lightnzz:text-paper-950 font-serif text-lg font-normal leading-[1.56] md:text-xl md:leading-[1.6]\" id=\"id-doc-1jclvr9sk2\" componenttype=\"p\" data-team-paragraph=\"true\">Wer kann es verstehen? Claude Lanzmann und sein Team haben bei der Vorbereitung des Jahrhundertprojekts \u00abShoah\u00bb Menschen getroffen, die wegen ihrer Erinnerungen gezwungen waren, in der Vergangenheit zu leben, und die doch in der Gegenwart ankommen wollten. Unter den Emigranten trifft Claude Lanzmann auf Handwerker, N\u00e4herinnen und Kaufleute. Man bietet ihm amerikanischen K\u00e4se an. K\u00e4se m\u00fcsse er doch m\u00f6gen als Franzose. In Jacksonville sitzt der Regisseur mit dem Ehepaar Shlomo und Sara Gol beisammen. Sie stammen aus Litauen und haben das Ghetto in Wilna \u00fcberlebt. Ob er Material brauche f\u00fcr seinen Film, fragen die Gols, und Claude Lanzmann antwortet: \u00abNein, ich brauche kein Material. Ich brauche Menschen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"nzzinteraction articlecomponent text-paper-700 dark:text-paper-200 darknzz:text-paper-200 dark:lightnzz:text-paper-700 relative pt-4 text-sm md:text-base font-sans after:content-[''] after:absolute after:top-0 after:left-0 after:w-[40px] after:h-0 after:border after:border-0 after:border-b after:border-solid border-paper-950 dark:border-paper-25 darknzz:border-paper-25 dark:lightnzz:border-paper-950 after:border-paper-500 dark:after:border-paper-400\" id=\"id-doc-1jclvr9sl0\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" data-team-footnote=\"true\">Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen. J\u00fcdisches Museum Berlin. Bis 12.\u00a0April 2026. Kein Katalog. Der Film \u00abShoah\u00bb ist zurzeit in der Arte-Mediathek zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der franz\u00f6sische Filmemacher sprach mit Opfern und T\u00e4tern und drehte an den Schaupl\u00e4tzen des Holocaust. Das J\u00fcdische Museum&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":656785,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-656784","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115744746898981917","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656784\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/656785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=656784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=656784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}