{"id":657228,"date":"2025-12-19T10:54:24","date_gmt":"2025-12-19T10:54:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/657228\/"},"modified":"2025-12-19T10:54:24","modified_gmt":"2025-12-19T10:54:24","slug":"east-side-story-a-german-jewsical-maxim-gorki-theater-berlin-lena-brasch-inszeniert-juri-sternburgs-und-paul-eisenachs-musikalisch-grundiertes-familienstueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/657228\/","title":{"rendered":"East Side Story. A German Jewsical \u2013 Maxim Gorki Theater Berlin \u2013 Lena Brasch inszeniert Juri Sternburgs und Paul Eisenachs musikalisch grundiertes Familienst\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>19. Dezember 2025. Am Ende singen sie &#8222;Sog nischt kejnmol&#8220;, erst auf Deutsch, dann auf Jiddisch: &#8222;Sage nie, du gehst den allerletzten Weg, \/ wenn Gewitter auch das Blau vom Himmel fegt. \/ Die ersehnte Stunde kommt, sie ist schon nah, \/ dr\u00f6hnen werden unsre Schritte, wir sind da!&#8220;. Das ber\u00fchmteste j\u00fcdische Partisanenlied, geschrieben 1943 von Hirsh Glick im Ghetto von Vilnius, erz\u00e4hlt vom bewaffneten Widerstand. Wie sie da am B\u00fchnenrand stehen, eher leiser werden, tastend, schwingt Trauer mit und Wut und vielleicht auch die Frage, was jetzt noch kommt und ob man gewappnet ist.<\/p>\n<p>Das ist der denkbar gr\u00f6\u00dfte Kontrast zum Beginn von &#8222;East Side Story \u2013 A German Jewsical&#8220; am Berliner Gorki Theater: Da st\u00fcrmen die Spieler*innen glitzernd die Vorb\u00fchne, tanzen und singen sich um Kopf und Kragen, als w\u00e4re das hier Barrie Koskys Komische Oper (nur nicht so perfekt): &#8222;Oh Theater! Oh ja, Theater! \/ Ich tanz schon 3 Minuten, das gibt n Muskelkater&#8220;. Oder auch: &#8222;Fahr Linie1 bis zum Starlight Express, \/ Und wenn schon keine Revolution, dann \u2013 wenigstens \u2013 etwas Exzess.&#8220;<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Wenn schon keine Revolution, dann Exzess<\/p>\n<p>Mit dem Exzess ist es dann aber gar nicht so weit her. Juri Sternburg, der einst als vielversprechender Theaterautor begann und dann beim Film Karriere machte, erz\u00e4hlt ziemlich stringent eine j\u00fcdische Berliner Familiengeschichte als Exempel, vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung. (Stief-)Vater Kommunist, Mutter aus einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Familie, die Schwestern Gerda und Renate uneins: Renate k\u00e4mpft f\u00fcr eine gerechtere Gesellschaftsordnung, Gerda ums \u00dcberleben; sp\u00e4ter setzt sie sich nach New York ab. So richtig gl\u00fccklich wird hier niemand von ihnen, die der Mordmaschinerie der Nazis entkommen sind. Warum das so ist, das erz\u00e4hlt die tote Halbschwester Dora anhand dreier Grundkonflikte: Mensch gegen Mensch, Mensch gegen System, Mensch gegen sich selbst.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/EastSideStory1_1200_Langkafel_MAIFOTO.jpg\" alt=\"EastSideStory1 1200 Langkafel MAIFOTO\" width=\"805\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Familiengeschichte durch die Zeiten: Nairi Hadodo, Sesede Terziyan, Jasna Fritzi Bauer, Lindy Larsson in &#8222;East Side Story&#8220; \u00a9 Ute Langkafel MAIFOTO<\/p>\n<p>Dass Sternburg, Teil der gro\u00dfen deutsch-j\u00fcdischen Theaterfamilie Langhoff, Dora zur Erz\u00e4hlerinnenfigur macht, ist ein kluger Schachzug. Sie kann Metaebenen etablieren, Diskurse zusammenfassen und bissig Charaktere und Zeitl\u00e4ufte kommentieren, ohne dass das Dialoge \u00fcberstrapazieren w\u00fcrde. Er nutzt sie auch f\u00fcr eine sp\u00e4te, kluge Perspektivverschiebung, die die Geschichte zum Schluss noch einmal in ein v\u00f6llig neues Licht r\u00fcckt. Davor aber l\u00e4sst er sich Zeit, erz\u00e4hlt insbesondere vom Aufbruch in der jungen DDR, dem Wiedereinzug in die Wohnung, von Schwarzmarkt und neuer Hoffnung. Und w\u00fcrzt das durchaus mit (b\u00f6sen) Pointen: &#8222;Der Hermann war ja auch im Untergrund.&#8220; \u2013 &#8222;Rote Kapelle? 20. Juni? Gruppe Stauffenberg?&#8220; \u2013 &#8222;Kanalarbeiter.&#8220;<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Musikband auf dem Dach<\/p>\n<p>Dass das alles auch noch ein Musical ist mit vierk\u00f6pfiger Band, mit Liedern zwischen Song und Rap und gelegentlicher Choreografie, macht die Sache einerseits leichter (zu verdauen), andererseits schwerer, weil man die Widerspr\u00fcche aushalten muss. Paul Eisenachs und Wenzel Krahs Musik braucht auch eine Weile, um sich zwischen gro\u00dfer Showparodie, Zitaten und Texten, die sich dem n\u00e4chstliegenden Reim ergeben, einen eigenen Ton zu entwickeln. Was zum Beispiel in &#8222;Hab ich das gesagt oder nur gedacht?&#8220; gelingt, in dem Sprechen und Singen ineinander \u00fcbergehen und rhythmisch zwingend das Staunen beglaubigen, das sich in einer Situation oder einem System einstellt, in der oder dem man nicht frei sprechen kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachtkritik.de\/glossar\/brasch-lena\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Lena Brasch<\/a> \u2013 ihrerseits Spross einer ber\u00fchmten deutsch-j\u00fcdischen Familie \u2013 inszeniert das erfreulich geradlinig als packende Geschichte. Das Studio Dietrich&amp;Winter hat ein Geb\u00e4ude auf die Drehb\u00fchne gestellt, das auf der einen Seite die Ruine eines b\u00fcrgerlichen Altbaus ist und auf der anderen eine neusachlich halbrunde Mendelsohn-Ecke. Oben auf dem Dach sitzt die Band.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Ich packe meinen Koffer&#8230;<\/p>\n<p>Toll sind auch Eleonore Carri\u00e8res Kost\u00fcme. Denn Brasch will keine Sepiafarben, keine korrekte Geschichtsstunde. Hier vibriert das Leben, weil diese stilistisch durchaus an die sp\u00e4ten 40er, fr\u00fchen 60er Jahre angelegten Kleider problemlos als zeitgen\u00f6ssisch durchgehen. Wie ja auch die Figuren allwissend sind, von Solingen und M\u00f6lln und Hoyerswerda sprechen, obwohl das noch weit in ihrer Zukunft liegt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/EastSideStory_05A3953Ute_Langkafel_MAIFOTO.jpg\" alt=\"EastSideStory 05A3953Ute Langkafel MAIFOTO\" width=\"805\" style=\"margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Vibrierendes Leben: &#8222;East Side Story&#8220; am Berliner Maxim Gorki Theater mit Kost\u00fcmen von Eleonore Carri\u00e8re \u00a9 Ute Langkafel MAIFOTO<\/p>\n<p>Dass diese Figuren wirklich lebendig werden, obwohl der Abend in seinen 135 pausenlosen Minuten immer schneller durch die Geschichte eilt, liegt aber nat\u00fcrlich in erster Linie an den Spielenden. Obwohl Sesede Terziyan und Nairi Hadodo ihre gegens\u00e4tzlichen Schwestern klar umrei\u00dfen, sind sie fein schattiert. Allein, wie sie den etwas spr\u00f6den Beginn mit dem &#8222;Ich packe einen Koffer und nehme mit&#8220;-Spiel mit Leben f\u00fcllen, ist bewundernswert.<\/p>\n<p>Erst allm\u00e4hlich sch\u00e4lt sich Jasna Fritzi Bauers Dora als geheime Hauptfigur heraus, klar und funkelnd \u00fcber einem Abgrund aus Trauer. Hinrei\u00dfend einmal mehr Lindy Larsson als Mutter, w\u00e4hrend Edgar Eckert als Schwarzmarkt-Mendel st\u00e4rker funkeln kann denn als Vater. Wird man je vergessen, wie bodenst\u00e4ndig Anastasia Gubareva den Hans-Albers-Schlager &#8222;La Paloma&#8220; auf Russisch singt? Oder wie sie, pl\u00f6tzlich ganz z\u00e4rtlich, das &#8222;Baruch atah Adonai&#8220; anstimmt? Klara Deutschmann und Fridolin Sandmeyer skizzieren die selbstgerechten Deutschen mit Erinnerungsl\u00fccken: Waren andere Zeiten.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Trauer und Wut<\/p>\n<p>Sie alle spielen das mit einem Hauch Expressionismus, mit schwarzer Kontur. Dass sie singen k\u00f6nnen, wei\u00df man als regelm\u00e4\u00dfiger Gorki-Besucher. Aber man genie\u00dft es wieder, wie sie sich alle ins Zeug legen, ob Bauer mit dem wirklich tollen Song &#8222;Der Mensch gegen das System&#8220; oder Hadodo mit &#8222;Neon Signs&#8220;. All die Verzweiflung, die Trauer, die Wut, als J\u00fcdin und Jude in Deutschland immer eine Rolle zugewiesen zu bekommen, nie ganz zu Hause zu sein, sie vibriert nicht zuletzt in diesen Liedern. Und der Wunsch danach, solidarisch zusammenzustehen, wenn&#8217;s mal wieder drauf ankommt.<\/p>\n<p class=\"text_besetzung\"><strong>East Side Story \u2013 A German Jewsical<\/strong><br \/>von Juri Sternburg mit Songs von Paul Eisenach<br \/>Regie: Lena Brasch, B\u00fchne: Studio Dietrich&amp;Winter, Kost\u00fcme: Eleonore Carri\u00e8re, K\u00fcnstlerische Mitarbeit Kost\u00fcm: Julia Radewald, Komposition: Paul Eisenach, Co-Komposition: Wenzel Krah, Choreografie: Zarina Stahnke, Lichtdesign: Murat \u00d6zuzun, Stimmcoaching: Turan von Arnim, Dramaturgie: Simon Meienreis.<br \/>Mit: Jasna Fritzi Bauer, Klara Deutschmann, Edgar Eckert, Anastasia Gubareva, Nairi Hadodo, Lindy Larsson, Fridolin Sandmeyer, Sesede Terziyan; Wenzel Krah (Bandleader), Gidon Carmel, Fee Aviv Dubois, Izzy Ment, Albertine Sarges.<br \/>Urauff\u00fchung am 18. Dezember 2025<br \/>Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gorki.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">www.gorki.de<\/a><\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/e3d27e2d3dcb40559fa47b569d8f2539.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"19. Dezember 2025. 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