{"id":658412,"date":"2025-12-19T22:47:20","date_gmt":"2025-12-19T22:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/658412\/"},"modified":"2025-12-19T22:47:20","modified_gmt":"2025-12-19T22:47:20","slug":"wie-die-architektur-zum-bild-wird-ausstellung-in-kunsthalle-karlsruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/658412\/","title":{"rendered":"Wie die Architektur zum Bild wird: Ausstellung in Kunsthalle Karlsruhe"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Lichtdurchflutet empf\u00e4ngt das Entree der wiederer\u00f6ffneten Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe die Besucher: Die gl\u00e4serne Kuppel der Rotunde, die stark sanierungsbed\u00fcrftig war, ist fast wiederhergestellt. Orangerien, mit denen man sich im b\u00fcrgerlichen Zeitalter ein St\u00fcck s\u00fcdlicher Vegetation ins Haus holte und einen Gesellschaftsraum schuf, sind heute Vergangenheit. In der stark von Hitzewellen betroffenen Stadt ist das Geb\u00e4ude nicht nur ein Architekturdenkmal, sondern auch, \u00f6kologisch betrachtet, ein Sinnbild.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der weitl\u00e4ufige Raum, der jetzt nicht mehr wie vor der Renovierung die Dauerausstellung der Moderne beherbergt, sondern f\u00fcr Sonderausstellungen vorgesehen ist, wurde mit Verschattungs- und Verdunklungsm\u00f6glichkeiten ert\u00fcchtigt. Nicht nur Fotografien, Zeichnungen und Aquarelle leiden unter zu vielen Sonnentagen, auch Druckgrafik darf nicht \u00fcber l\u00e4ngere Zeit unkontrolliert dem Licht ausgesetzt sein. Noch steht ein kleines Ger\u00fcst vor dem Geb\u00e4ude, noch dringt ab und an von au\u00dfen kommender Baul\u00e4rm in die R\u00e4ume, die Ausstellung \u201eArchistories\u201c, kundig kuratiert von Kirsten Voigt, widmet sich indes mit Werken von fast 70 K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern den M\u00f6glichkeiten der Architekturerfahrung.<\/p>\n<p>In slapstickhafter Sisyphusarbeit<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nicht nur w\u00e4hrend der dr\u00f6hnenden, staubigen und anstrengenden Bauarbeiten selbst nehmen wir Architektur \u00fcber unseren K\u00f6rper wahr, auch als Stadtbewohner oder in einem Haus bewegen wir uns in einem Raum, den wir zwar bespielen k\u00f6nnen, der aber doch starke Vorgaben setzt. Gleich zu Beginn der Ausstellung werden wir mit diesen Vorgaben konfrontiert: Linkerhand geschieht dies \u00fcber das klassische Medium von Architekturzeichnungen \u2013 die Kunsthalle besitzt Federzeichnungen mit Piranesis Raumphantasien und Ornamentstudien, und nach einer Neuzuschreibung werden zwei Konvolute mit Vorlagen aus seiner Werkstatt erstmals der \u00d6ffentlichkeit gezeigt. Sie waren im Besitz von Friedrich Weinbrenner, dem Baumeister, dem <a data-rtr-index=\"8\" title=\"Karlsruhe\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/karlsruhe\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Karlsruhe<\/a> seine klassizistische Anlage und einige verbliebene Geb\u00e4ude verdankt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Hier ist mehr als eine Hand im Spiel: Aus der Serie \u201eQuarantine\u201c von Alain Delorme, 2020\" height=\"3000\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/hier-ist-mehr-als-eine-hand-im.webp.webp\" width=\"2250\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Hier ist mehr als eine Hand im Spiel: Aus der Serie \u201eQuarantine\u201c von Alain Delorme, 2020Alain Delorme<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf direktem Weg aber gehen wir auf eine gro\u00df angelegte Videoinstallation von Julia Oschatz zu. Auf der einen H\u00e4lfte einer Wand sehen wir ein Raumraster, mit dickem wei\u00dfem Strich auf schwarzem Grund aufgetragen, der Blick f\u00e4llt in einen leeren, geometrisch konstruierten Innenraum, auf der anderen H\u00e4lfte l\u00e4uft ein Video im Loop.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es zeigt fast den gleichen Raum, hier aber ist das Bodenraster des Innenraums zum sanft vibrierenden Boden einer B\u00fchne geworden, in der die maskierte K\u00fcnstlerin selbst in slapstickhafter Sisyphusarbeit die W\u00e4nde bemalt und dabei unentwegt von einem Raumgeh\u00e4use ins n\u00e4chste steigt. An der Wand gegen\u00fcber lehnen drei mit schwarzem Eisenpulver best\u00e4ubte Magnetplatten von Nicolas Daubanes, sie enthalten ein reliefartiges grafisches Geflecht, man sieht sich in einen gotisch anmutenden Kerker im Stil Piranesis versetzt, in dem ein Brand schwelt.<\/p>\n<p>Wie wird Architektur zum Bild?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wie vielf\u00e4ltig die Zug\u00e4nge zur Architektur sind, l\u00e4sst uns die Ausstellung in einem abwechslungsreichen Parcours erleben. So kommen wir nach den Raumgeh\u00e4usen in transitorische Welten: Wir begegnen Br\u00fccken von Albert Marquet bis Lyonel Feininger, sanft in die Stadtlandschaft eingelassen oder als k\u00fchne Eisenkonstruktionen. Sie dienen aber auch wie auf einem Bild von Wilhelm Tr\u00fcbner als verbindendes Element einer bilderbogenhaften Stadtszenerie von London. Im Vordergrund sehen wir winterlich gekleidete Passantinnen, im Hintergrund rauchende Schlote, die gusseiserne Br\u00fccke wurde sp\u00e4ter abgerissen. \u00dcberdauert hat der Eiffelturm, ein im Gegenlicht gefilmtes Video \u201ePiran\u00e8se\u201c von Laurent Goldring zeigt emsige Menschen, die wie Schatten die eisernen Treppen des Turms scheinbar endlos hinauf- und hinunterhasten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Formrhythmus des Kubismus: Robert Delaunay: \u201eDer Eiffelturm\u201c, 1909\u20131911\" height=\"2560\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/formrhythmus-des-kubismus.webp.webp\" width=\"1785\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Formrhythmus des Kubismus: Robert Delaunay: \u201eDer Eiffelturm\u201c, 1909\u20131911Staatliche Kunsthalle Karlsruhe<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wie wird Architektur zum Bild? Ein in erdigen T\u00f6nen gehaltenes Bild von Sean Scully wurde durch die Pyramiden von Chich\u00e9n Itz\u00e1 angeregt, w\u00e4hrend Fritz Klemms gespachteltes Relief auf seine Atelierw\u00e4nde aus Sichtbeton zur\u00fcckgreift. Und was macht ein Haus aus? Der Bildhauer Werner Pokorny platziert ein H\u00e4uschen mit Satteldach auf drei \u00fcbereinanderget\u00fcrmten wuchtigen Gef\u00e4\u00dfformen. Es wirkt in seiner Unscheinbarkeit ebenso verwundbar wie eigenwillig. Sch\u00f6n dazu sind zwei Zeichnungen aus seiner Hand, die beide ein rasch hingeworfenes, von einem Ring umschlossenes Haus zeigen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Isa Melsheimer aquarelliert brutalistische Bauwerke vor bestirntem Firmament, sie wirken, so betrachtet, durchaus liebenswert. Ein kleiner, zauberhaft gezeichneter Film von Jochen Kuhn reflektiert K\u00f6rper, Architektur und Bild: Ein Mann l\u00e4sst sich in einer Arztpraxis mit einem neuen, bildgebenden Verfahren untersuchen. Der Blick in sein Innerstes zeigt ein Haus, Frauen, ein Tier. So unbehaglich ihn derlei Fundst\u00fccke anmuten, es sind doch nur Bilder, und drau\u00dfen ist alles beim Alten geblieben \u2013 wir sehen einen von B\u00fcrgerh\u00e4usern umgebenen Platz, als er die Praxis verl\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer vom Haus spricht, denkt auch an zerst\u00f6rte H\u00e4user. Bilder mit Ruinen von Tempeln oder Pal\u00e4sten bezeugen den Verfall einstiger Gr\u00f6\u00dfe und wurden im 17. und 18. Jahrhundert gerne als stimmungsvolles Bildsujet gew\u00e4hlt, wir sehen unter anderem Werke von Claude Lorrain und Jean-Jacques de Boissieu. Anders sieht es aus, wenn Ruinen nicht das Werk der Zeit, sondern das Resultat kriegerischer Zerst\u00f6rung sind. Dies zeigt 1945 ersch\u00fctternd ein gro\u00dfformatiges \u00d6lbild einer von oben betrachteten zerbombten Stadt von Erwin Spuler. Oder das Werk der Abrissbirnen: Laurent Goldring dokumentiert in rhythmischen Sequenzen die Niederwalzung eines von Sinti und Roma angelegten H\u00fcttendorfs in der N\u00e4he von Paris. Noch die erb\u00e4rmlichste H\u00fctte dient als bergende Behausung oder als eine \u2013 wenn auch por\u00f6se \u2013 Haut f\u00fcr die Menschen, die in ihr lebten. Architektur bildet die Grundlage f\u00fcr das menschliche Zusammenleben, die Ausstellung belegt dies eindrucksvoll.<\/p>\n<p><strong>Archistories. Architektur in der Kunst.<\/strong>  Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis 12 April 2026. Der Katalog kostet 48 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lichtdurchflutet empf\u00e4ngt das Entree der wiederer\u00f6ffneten Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe die Besucher: Die gl\u00e4serne Kuppel der Rotunde,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":658413,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-658412","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115748670487213569","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=658412"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658412\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/658413"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=658412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=658412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=658412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}