{"id":658970,"date":"2025-12-20T04:33:23","date_gmt":"2025-12-20T04:33:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/658970\/"},"modified":"2025-12-20T04:33:23","modified_gmt":"2025-12-20T04:33:23","slug":"wie-sich-berlin-mit-denglisch-vor-seinen-gefuehlen-wegduckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/658970\/","title":{"rendered":"Wie sich Berlin mit Denglisch vor seinen Gef\u00fchlen wegduckt"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eI mean \u2026 honestly?!\u201c, ruft Kiara mit hochgezogener Augenbraue, w\u00e4hrend Alexa, eine ihrer Freundinnen, gerade erz\u00e4hlt, wie ihr Ex-Freund sie entt\u00e4uscht hat. Kiara wird heute 31 \u2013 und gefeiert. Sie tr\u00e4gt ein Top, hinter dem die Nippel ihrer kleinen runden Br\u00fcste durchscheinen. In ihrem Gesichtsausdruck liegt gespielte Ungl\u00e4ubigkeit, ein \u201ewie kann er nur\u201c entwischt ihren Lippen, das in Gespr\u00e4chen zwischen Frauen aber meist nicht so ernst gemeint ist. Eher als eine Solidarit\u00e4tsgeste und nicht als echte Verwunderung. <\/p>\n<p>Insgeheim wei\u00df man nat\u00fcrlich schon, dass er kann, und dass er vermutlich auch getan und am Ende irgendeine Erkl\u00e4rung gefunden hat, warum und wie sein Verhalten irgendwie doch okay war. \u201eM\u00e4nner eben\u201c, sagen sich die Frauen dann, ohne es explizit ausdr\u00fccken zu m\u00fcssen. Ich weigere mich jedoch immer ein wenig, in diesen Klagechor einzustimmen. M\u00e4nner k\u00f6nnen n\u00e4mlich auch anders. Auch wenn mich manche Geschichten immer wieder an dieser \u00dcberzeugung zweifeln lassen.<\/p>\n<p>Willkommen in Berlin \u2013 und einer anderen Lebensrealit\u00e4t<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eI mean, he can\u2019t be for real, guck dich mal an\u201c \u2013 doch der Hinweis auf Alexas Attraktivit\u00e4t hilft nicht weiter. Die Sch\u00f6nheit ihrer Partnerinnen hat M\u00e4nner noch nie davon abgehalten, sich danebenzubenehmen, ob das nun Fremdgehen oder irgendeine andere Verfehlung bedeutet. Sch\u00f6nheit ist eben kein Schutzschild, das lehren schon Mythen aus der Antike. W\u00e4hrend ich mich frage, ob nicht gerade das permanente Durchanalysieren von Chats, Timings und Tonf\u00e4llen auch Teil des Problems sein k\u00f6nnte, weil es dem Fehlverhalten zu viel Aufmerksamkeit schenkt, nehme ich einen Schluck von meinem Drink und schaue mich um.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wir sind mit einigen Girls zum Geburtstag von Kiara in der Torte, einer Bar, die sich in einem ehemaligen Tortenversandhaus gleich an der S-Bahnhaltestelle Sonnenallee befindet. Heute sind die W\u00e4nde mit Putz versehen, die Kellner tragen ausgefranste Kleidung und grungige Tattoos.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es gibt Buttermilk Margaritas, Earl Grey Sours und ziemlich viel Gossip. Ich bin umgeben von Mesh-Oberteilen mit Pelzbesatz, Balenciaga-Taschen, kleinen Brillen mit Chromrahmen, Steinchen auf Z\u00e4hnen und N\u00e4geln, ausgefransten Jeans in schlammigen Farben, R\u00fcschen und bodenlangen Kapuzenkleidern. Gro\u00dfe silberne Ohrringe zieren die Gesichter und gro\u00dfe Augen wandern so ganz nebenbei aufmerksam durch den Raum, vielleicht kennt man ja jemanden.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Neben mir sitzt Mimi, die gerade aus Frankfurt zu Besuch ist. Sie tr\u00e4gt blaue Jeans, dunkelbrauner Parka, flache Schuhe und sieht aus wie eine Millennial-Mama aus einer mittelgro\u00dfen deutschen Stadt, die zwischen ihrem Job, Verpflichtungen und einem strukturierten Alltag nicht mehr dazu kommt, sich einen guten Look rauszusuchen \u2013 auch wenn sie noch gar nicht Mutter ist und neben einem sogar f\u00fcr sie uninspirierenden Marketing-Job gar nicht so besch\u00e4ftigt ist. Neben meinen Berliner Freundinnen wirkt sie wie aus einer anderen Lebensrealit\u00e4t oder zumindest aus einer anderen Zeit. Dabei macht Mimi von Ausgehen \u00fcber Daten bis hin zu Gel-N\u00e4geln all die Dinge, die auch meine Berliner Freundinnen gerne tun.<\/p>\n<p>\u201eUnd meine G\u00fcte, ist Berlin arm \u2026 und dreckig\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Sp\u00e4ter am Wochenende, am Sonntag im Taxi auf dem Weg ins Berghain, sagt Mimi \u00fcber den Abend: \u201eWei\u00dft du, ich verstehe das nicht ganz. Alle Leute hier sprechen Denglisch. In wirklich jeder einzelnen Phrase, in jedem einzelnen Satz scheint mindestens ein englisches Wort zu fallen.\u201c Sie meint nicht das spielerische, bewusste Code-Switching, sondern das reflexhafte, unbemerkte Dazwischenwerfen von \u201eliterally\u201c, \u201erandom\u201c, \u201ehonestly\u201c, als w\u00fcrde Deutsch allein nicht mehr ausreichen, um Gef\u00fchle, Situationen oder sich selbst zu beschreiben. Sie z\u00e4hlt auf, fast schon am\u00fcsiert: \u201eKinda, lowkey\u201c, \u201emakes sense\u201c, \u201evibe\u201c, \u201eto be fair\u201c \u2013 h\u00f6rt ihr das \u00fcberhaupt noch?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Mimi hat recht. Ich h\u00f6re das gar nicht mehr. Hintergrundrauschen, Teil der Berliner Sinneseindr\u00fccke, wie der elende Gestank in der U8 oder die \u201ezu verschenkenden\u201c Klamottenberge am Stra\u00dfenrand. Vielleicht ist es Gewohnheit, vielleicht Abstumpfung. Vielleicht auch ein Schutzmechanismus. Denn Denglisch erlaubt Distanz. Es macht Aussagen weicher, weniger verbindlich. Man sagt nicht mehr: Ich bin unsicher, sondern: \u201eI\u2019m not sure.\u201c Man sagt nicht: \u201eDas verletzt mich\u201c, sondern: \u201eThat was kind of weird.\u201c<\/p>\n<p><img alt=\"Die h\u00e4rteste T\u00fcr der Welt: Wenn man Pech hat, stand man f\u00fcr das Berghain stundenlang an \u2013 und bleibt drau\u00dfen.\" loading=\"lazy\" width=\"4221\" height=\"2814\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" style=\"color:transparent;width:100%;height:auto\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/6d9f3a87-e9b3-4e96-94e4-42e230dec4a9.jpg\"\/><\/p>\n<p>Die h\u00e4rteste T\u00fcr der Welt: Wenn man Pech hat, stand man f\u00fcr das Berghain stundenlang an \u2013 und bleibt drau\u00dfen.Imago\/Roland Owsnitzki<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eI\u2019m manifesting getting in\u201c, h\u00f6re ich jemanden sagen, als ich an der Schlange von Berlins meistbesprochenem Club vorbeilaufe. Wie fast immer wirken die Wartenden angespannt und betont entspannt gleichzeitig. \u201eDer Vibe ist wohl richtig intense da drin\u201c, sagt jemand anderes, und ich l\u00e4chle Mimi an. Als wir drin sind, verliert sich Sprachkritik und Berlin-Analyse im Bass und in der Bewegung. Sprache ist hier nebens\u00e4chlich.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Sp\u00e4ter, auf dem R\u00fcckweg, formuliert Mimi ihr Berlin-Res\u00fcmee: \u201eDie Distanzen, all das ist mir einfach zu weit weg voneinander. Und meine G\u00fcte, ist Berlin arm \u2026 und dreckig. \u00dcberall liegt M\u00fcll auf der Stra\u00dfe. Aber die H\u00e4user sind sch\u00f6n. Und die Menschen hier, die interessiert wirklich gar nix, die laufen rum, wie sie wollen. Das gibt es nicht in Frankfurt. Aber das Denglisch auch nicht, und da bin ich eigentlich ganz froh drum.\u201c Fast will ich antworten: \u201eFeel you, Mimi!\u201c, aber dann sage ich: \u201eGute Beobachtung.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht ist das Berliner Denglisch genau das: eine Sprache f\u00fcr eine Stadt, die sich zwischen Freiheit und Verweigerung nicht festlegen will. \u201eI mean\u201c als Daueranfang eines Gedankens, der nicht dazu verpflichtet ist, zu Ende gef\u00fchrt zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eI mean \u2026 honestly?!\u201c, ruft Kiara mit hochgezogener Augenbraue, w\u00e4hrend Alexa, eine ihrer Freundinnen, gerade erz\u00e4hlt, wie ihr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":658971,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-658970","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115750031642859318","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=658970"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658970\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/658971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=658970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=658970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=658970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}