{"id":660856,"date":"2025-12-21T00:15:24","date_gmt":"2025-12-21T00:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/660856\/"},"modified":"2025-12-21T00:15:24","modified_gmt":"2025-12-21T00:15:24","slug":"von-stuttgart-nach-kopenhagen-der-blaue-container-auf-dem-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/660856\/","title":{"rendered":"Von Stuttgart nach Kopenhagen: Der blaue Container auf dem Meer"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Amelie und Jonas aus dem Fenster gucken, ist da weit und breit kein l\u00e4stiges Nachbarhaus, das Sicht und Licht rauben k\u00f6nnte. Stattdessen: das glitzernde Meer \u2013 und ein paar Container. Manchmal schiebt Jonas das bodentiefe Fenster gleich am Morgen auf, springt kopf\u00fcber hinaus ins <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Wasser\" title=\"Wasser\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wasser<\/a>. Manchmal trifft er Enten und Schw\u00e4ne. Dann schwimmt er, schwimmen sie eine Weile umher, bevor Jonas wieder in den dunkelblauen Container steigt, duscht, fr\u00fchst\u00fcckt und zur Arbeit radelt. <\/p>\n<p>Seit vier Jahren wohnt das Paar aus der Region <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Kopenhagen\" title=\"Kopenhagen\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kopenhagen<\/a> \u2013 in einem ausgebauten Schiffscontainer am Pier der Halbinsel Refshale\u00f8en. Der Container sitzt zusammen mit weiteren Containern auf einem schwimmenden Ponton, der ans Festland angedockt ist. Insgesamt liegen sechs Container-Inseln nebeneinander im Wasser. Urban Rigger hei\u00dft die Anlage, umgesetzt vom B\u00fcro des d\u00e4nischen Architekten Bjarke Ingels, die Wohnraum f\u00fcr Studierende geschaffen und sich mittlerweile auch f\u00fcr andere Personengruppen ge\u00f6ffnet hat. <\/p>\n<p>Besuch schl\u00e4ft auf der Couch \u2013 oder im Nachbarcontainer <\/p>\n<p>Amelie und Jonas haben 30 Quadratmeter Wohnfl\u00e4che und einen kleinen Balkon gemietet, dazu kommen ein Innenhof, eine Dachterrasse und ein Gemeinschaftsraum, den sie sich mit den anderen Rigger-Bewohnern teilen. Von innen ist ihr Container mit hellem Bambusholz verkleidet. Es gibt nur einen gro\u00dfen Raum; ein kleines Badezimmer in der Mitte teilt ihn in eine Schlafnische und einen Wohnbereich. Wer zu Besuch kommt, schl\u00e4ft auf der Couch. Oder im Container der Nachbarn, falls die gerade im Urlaub sind.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.c892ffbe-9ffb-4f62-a1f3-3713e2dcbf32.original1024.media.jpeg\"\/>     Der blaue Container, das Zuhause von Amelie und Jonas.    Foto: privat    <\/p>\n<p>Jonas ist mein Bruder. Er und Amelie kennen sich schon aus ihrer Schulzeit in Kirchheim\/Teck (Kreis Esslingen) und haben auch in S\u00fcddeutschland studiert. Bis es Amelie f\u00fcr ihr Praxissemester 2021 nach Kopenhagen verschlug \u2013 und ihr die Agentur dort anbot, sie nach dem Studium zu \u00fcbernehmen. Sie sagte zu. Kurz darauf zog Jonas aus seiner Stuttgarter WG aus und kam nach. Als er die Container auf dem Meer zum ersten Mal sah, war f\u00fcr ihn klar: Dort wollte er wohnen. Amelie war anfangs skeptisch. \u201eIch w\u00e4re damals lieber in eine normale Stadtwohnung gezogen\u201c, sagt sie. Inzwischen ist sie selbst Container-Fan und froh \u00fcber die Entscheidung. <\/p>\n<p>\u201eDie Gr\u00f6\u00dfe zwingt einen, kreativ zu sein\u201c  <\/p>\n<p>Mit dem beschr\u00e4nkten Platz kommen die 29-J\u00e4hrige und der 30-J\u00e4hrige gut aus. \u201eDie Gr\u00f6\u00dfe zwingt einen, kreativ zu sein\u201c, sagt Amelie. \u201eDas mag ich.\u201c Als sie im Container ankamen, hatten sie ohnehin wenige Habseligkeiten. \u201eWir sind mit dem Koffer nach Kopenhagen gezogen\u201c, erinnert sich Jonas. Weil sie keinen Tisch hatten, picknickten die beiden anfangs auf dem Fu\u00dfboden. <\/p>\n<p>Dann zogen nach und nach ein paar M\u00f6bel ein. Ein Cordsofa in Beige, St\u00fchle im artek-Stil, Chromlampen von Verner Panton. Alles schlicht und Secondhand. Nur das Ziehharmonikabett kauften sie neu. Mit variabler Breite, falls sie eines Tages aus dem Container ausziehen und mehr Platz haben sollten. Auf Ger\u00e4te wie einen Wasserkocher oder eine Kaffeemaschine verzichten Amelie und Jonas bewusst, denn Platz zum Aufstellen und Verstauen gibt es kaum. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.ce19f1cf-6f5f-417d-a3f5-681a05b84846.original1024.media.jpeg\"\/>     Im Innern des Containers finden sich viel Chrom und Beige \u2013 und ein paar Farbtupfer.    Foto: privat    <\/p>\n<p>Nicht nur die Lage auf dem Meer sch\u00e4tzen die beiden. Auch die Gemeinschaft war ein Grund, sich f\u00fcr einen der Container zu bewerben. Das Ensemble ist so angelegt, dass sich die Menschen \u00fcber den Weg laufen. Amelie und Jonas sind inzwischen mit vielen Nachbarinnen und Nachbarn befreundet, verabreden sich mit ihnen zum Kochen oder zum Baden im Meer. <\/p>\n<p>Die Affinit\u00e4t der Stadt f\u00fcr gutes Design und gr\u00fcne Technik passen zu den Berufen der beiden: Amelie ist Kommunikationsdesignerin, Jonas Elektroingenieur mit Fokus auf erneuerbare Energien. Beide begeistern sich zudem f\u00fcr gutes Essen und bewegen sich inmitten der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.kopenhagen-kulinarisch-ren-s-erben.5eee9301-ef43-4144-84a4-a50b4ca25222.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">umtriebigen Food-Szene<\/a>, die sich im Dunstkreis des Sternerestaurants Noma \u2013 nur ein paar Spazierminuten vom Container entfernt \u2013 entwickelt hat. <\/p>\n<p>Immer wieder er\u00f6ffnen neue Caf\u00e9s und Restaurants. Die meisten von ihnen eint der Fokus auf regionale, saisonale und minimalistische Gerichte und das dazu passende Faible f\u00fcr fermentierte Lebensmittel im Sinne des Nordic Fine Dining.<\/p>\n<p>Im Baka d\u2018 Busk etwa gibt es fabelhaftes fermentiertes Gem\u00fcse, bei Fabro gibt es Pasta mit feinen So\u00dfen, in der Lille Bakery gleich bei den Containern gutes Sauerteigbrot. Und bei Eat Wasted, einem Start-up, das Nudeln aus altem Brot herstellt, packen Jonas und Amelie immer wieder selbst mit an. Bei einem Event haben die beiden f\u00fcr mehr als 100 Personen Brotnudeln gekocht. <\/p>\n<p>Gibt es Dinge, die sie vermissen an der schw\u00e4bischen Heimat? \u201eDas Laugengeb\u00e4ck\u201c, sagt Amelie sofort \u2013 und lacht. \u201eUnd die Familie ist schon weit weg.\u201c \u00dcberrascht hat beide, wie schwer man es als Vegetarier in Kopenhagen hat. \u201eNeben dem hippen gibt es auch noch das andere, das alte Kopenhagen \u2013 mit viel Schweinefleisch und mit dunklem Holz vert\u00e4felten Bodegas\u201c, sagt Amelie. Und Jonas kommt noch ein anderes Thema in den Sinn: \u201eWir finden vieles toll in D\u00e4nemark, die restriktive Migrationspolitik geh\u00f6rt aber nicht dazu\u201c, bemerkt er. <\/p>\n<p>Auch das unbest\u00e4ndige Wetter kann herausfordernd sein. In den Wintermonaten, wenn sich Kopenhagen windig und grau gibt, freut sich das Paar umso mehr \u00fcber die ausgepr\u00e4gte Saunakultur \u2013 und sein gem\u00fctliches Zuhause. Wenn es st\u00fcrmt, schaukeln die Wellen dem Container sanft auf und ab. Die gro\u00dfen Fenster lassen viel Licht herein. Der Blick aufs Wasser wirkt beruhigend. <\/p>\n<p>Auch in den dunklen Monaten zieht es die beiden nach drau\u00dfen. Zusammen mit ihren Nachbarn wagen sie sich selbst im Januar ins f\u00fcnf Grad kalte Wasser und machen ein paar Z\u00fcge \u2013 vor ihrem blauen Container im Meer. Einmal tauchte dort sogar eine Robbe auf.<\/p>\n<p> Container schwimmen auf dem steigenden Meeresspiegel <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Urspr\u00fcnge<\/strong><br \/>Im Jahr 2013 bekam der d\u00e4nische Unternehmer Kim Loudrup mit, wie schwierig es f\u00fcr seinen Sohn war, eine Wohnung in Kopenhagen zu finden &#8211; die Idee mit den schwimmenden Frachtcontainern als Wohnanlage f\u00fcr Studierende war geboren. Der Architekt Bjarke Ingels setzte das Projekt um.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Energie<\/strong><br \/>Der Rigger ist mit moderner Technologie wie Solarmodulen, einem wasserbasierten Heizsystem und energiesparenden Pumpen f\u00fcr Wasser, W\u00e4rme, Bel\u00fcftung und Abwasser ausgestattet.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Vision <\/strong><br \/>Das Konzept der Container-Inseln wird auch \u00fcber Kopenhagen hinaus als potenzielle L\u00f6sung f\u00fcr st\u00e4dtische Wohnprobleme und die Anpassung an den Klimawandel diskutiert. Ein Vorteil des Projekts ist etwa, dass es in St\u00e4dten mit begrenztem Bauland Wohnraum auf ungenutzter Wasserfl\u00e4che schaffen kann und sich durch die modulare Bauweise schnell umsetzen l\u00e4sst. Die Rigger lassen sich sogar versetzen. Und: Steigt der Meeresspiegel, schwimmen sie einfach mit dem Wasserstand mit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn Amelie und Jonas aus dem Fenster gucken, ist da weit und breit kein l\u00e4stiges Nachbarhaus, das Sicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":660857,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[103613,1793,29,214,21907,30,2914,1794,1441,215,4106],"class_list":{"0":"post-660856","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-architektur-und-wohnen","9":"tag-art-and-design","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-extra","13":"tag-germany","14":"tag-kopenhagen","15":"tag-kunst-und-design","16":"tag-stuttgart","17":"tag-unterhaltung","18":"tag-wasser"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115754679482944990","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=660856"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660856\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/660857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=660856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=660856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=660856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}