{"id":661422,"date":"2025-12-21T06:12:44","date_gmt":"2025-12-21T06:12:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/661422\/"},"modified":"2025-12-21T06:12:44","modified_gmt":"2025-12-21T06:12:44","slug":"blick-in-die-tiefe-monopol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/661422\/","title":{"rendered":"Blick in die Tiefe | Monopol"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilder der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck sind eine stille Sensation. Au\u00dferhalb von Nordeuropa kennen sie jedoch nur wenige. Eine gro\u00dfe Schau im Metropolitan Museum in New York d\u00fcrfte das nun \u00e4ndern<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die finnische Malerin Helene Schjerfbeck (1862\u20131946) in Nordeuropa l\u00e4ngst gefeiert wird, blieb sie in den USA bislang eher unbekannt. Das d\u00fcrfte sich nun \u00e4ndern, denn mit ihrer ersten Retrospektive im Metropolitan Museum of Art r\u00fcckt Schjerfbeck endlich ins Zentrum der amerikanischen Aufmerksamkeit.\u00a0<\/p>\n<p>Kaum ein Jahr nach der gro\u00dfen Paula-Modersohn-Becker-Schau in der Neuen Galerie und parallel zur Gabriele-M\u00fcnter-Ausstellung im benachbarten Guggenheim-Museum erweist sich Schjerfbeck als eine wichtige Pionierin der Moderne; eine, die aus der Kunstgeschichte nicht wegzudenken sein sollte. Zugleich zeigt sich, dass Anerkennung auf der einen Seite des Atlantiks nicht automatisch Resonanz auf der anderen bedeutet, insbesondere, wenn es um K\u00fcnstlerinnen geht. Doch die Ausstellung von Hilma af Klint im Guggenheim Museum 2019 markiert in diesem Zusammenhang eine Z\u00e4sur. Die schwedische Malerin, die ihre abstrakten Formen von \u00fcbersinnlichen Wesen eingefl\u00fcstert bekam, brach damals alle Besucherrekorde. Seither widmen sich immer mehr US-Museen der Wiederentdeckung historischer weiblicher Positionen.<\/p>\n<p>Unter dem treffenden Titel &#8222;Seeing Silence&#8220; begegnen dem New Yorker Publikum nun rund 60 Bilder von Helene Schjerfbeck, darunter zahlreiche Leihgaben aus der Finnischen Nationalgalerie, dem Ateneum in Helsinki. Im Robert-Lehman-Fl\u00fcgel, bewusst etwas abseits vom Trubel des Museums gelegen, ist Schjerfbecks Werk von einer sp\u00fcrbaren Stille umgeben. Man steigt eine Treppe hinab und n\u00e4hert sich ihrer Kunst behutsam, taucht in sie ein. Doch was genau erzeugt diese Ruhe?<\/p>\n<p>Konzentriert auf Individuen<\/p>\n<p>Es sind vor allem die feinen, ged\u00e4mpften Farbabstufungen, die keine harten \u00dcberg\u00e4nge zulassen und Inhalte gleichsam destillieren. Schjerfbeck konzentriert sich auf Individuen, auf wenige Gegenst\u00e4nde und auf unerwartete Stillleben, etwa eine geheimnisvolle Lichtquelle hinter einer verschlossenen T\u00fcr oder im Garten zum Trocknen ausgelegte W\u00e4sche. Es geht vor allem um atmosph\u00e4rische Nuancierungen, wodurch ihr Werk als Vorbote von Richard Diebenkorn oder Giorgio Morandi erscheint.<\/p>\n<p>Chronologisch angelegt, folgt die Ausstellung Schjerfbecks Weg von ihrer Ausbildung in Paris, welche nach dem Studium an der Finnish Art Society School of Drawing in Helsinki begann, bis zu ihren letzten Lebensjahren in Schweden. Sie dokumentiert ihre k\u00fcnstlerische Entwicklung von traditionellen, realistischen Motiven hin zu einer zunehmend reduzierten, klaren Bildsprache.\u00a0<\/p>\n<p>Immer wieder spielen dabei autobiografische Themen eine Rolle. So zum Beispiel in &#8222;Die Genesende&#8220;\u00a0(1888), einem eindrucksvollen Gem\u00e4lde, das im Pariser Salon gezeigt und kurz darauf von der Finnischen Kunstgesellschaft erworben wurde. Das Motiv des sich erholenden Kindes, zu dem Schjerfbeck mehrfach zur\u00fcckkehrte, beruht auf selbst Erlebtem. Nach einem schweren Treppensturz im Alter von nur vier Jahren konnte sie l\u00e4ngere Zeit nicht zur Schule gehen und behielt zeitlebens ein Hinken. Gerade aus dieser zur\u00fcckgezogenen Lebenssituation entwickelte die K\u00fcnstlerin zu Beginn des 20.\u00a0Jahrhunderts eine zunehmend abstrahierende Bildsprache.<\/p>\n<p>Pflege und Malen h\u00e4ngen zusammen<\/p>\n<p>1894 hatte die Finnische Kunstgesellschaft sie nach Wien und Florenz entsandt, wo sie Werke von Holbein, Vel\u00e1zquez, Fra Angelico, Fra Filippo Lippi und Giorgione kopierte. Sie begann an der Zeichenschule der Finnish Art Society zu unterrichten, musste diese T\u00e4tigkeit jedoch bereits 1901 krankheitsbedingt aufgeben. 1902 zog sie schlie\u00dflich nach Hyvink\u00e4\u00e4, einer kleinen Eisenbahnstadt n\u00f6rdlich von Helsinki, um dort ihre alternde Mutter zu pflegen.\u00a0<\/p>\n<p>Obwohl diese dem Talent ihrer Tochter nur wenig Begeisterung entgegenbrachte, nutzte Schjerfbeck sie wiederholt als Modell. Dazu kamen wenige andere Menschen aus ihrem Umfeld. Sie begann zu experimentieren, wie zum Beispiel im Gem\u00e4lde &#8222;Fragment&#8220;\u00a0(1904), dessen Oberfl\u00e4che durch das wiederholte Auftragen und Abkratzen von Farbschichten an abgenutzte Fresken erinnert. Es scheint, als spielte oder sch\u00e4lte sie ihre Subjekte frei.\u00a0<\/p>\n<p>Formen, Farben und auch die Hintergr\u00fcnde, vor denen sie ihre Figuren platzierte, begannen sich zu vereinfachen. Ob die Abgeschiedenheit der l\u00e4ndlichen Umgebung ihre reduzierte, hochkonzentrierte Malerei erst erm\u00f6glichte, l\u00e4sst sich nur vermuten. Die innere Ruhe und die fast verblasst wirkenden Farben scheinen jedenfalls wie von langen Wintern gepr\u00e4gt. Diese Atmosph\u00e4re spiegelt sich nicht nur in ihren Landschaften und Stillleben, sondern auch in der konsequenten Hinwendung zum eigenen Bild.<\/p>\n<p>Blick auf sich selbst<\/p>\n<p>Da Schjerfbeck zur\u00fcckgezogen und bescheiden lebte und \u00fcber keine professionellen Modelle verf\u00fcgte, mag ihr Fokus auf Selbstportr\u00e4ts auch praktische Gr\u00fcnde gehabt haben. Zugleich stellt sich die Frage, ob diese Vielzahl an Bildern nicht ebenso eine Form der Selbstvergewisserung war, ein Nachweis der eigenen Existenz inmitten von Isolation.<\/p>\n<p>Sicher ist, dass Schjerfbeck ab Mitte 40 einige ihrer ber\u00fchrendsten Werke schuf, darunter dutzende Selbstportr\u00e4ts. Nirgends zeigt sich ihr Blick auf das Wesentliche so eindringlich wie hier, wo sie ihr Altern in Etappen festhielt, parallel zu einem pers\u00f6nlichen Prozess seelischer Reifung.\u00a0<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den Portr\u00e4ts anderer, bei denen sie die Dargestellten bat, den Blick abzuwenden, um sich ganz auf das Zusammenspiel von Form, Licht und Raum zu konzentrieren, sind die Selbstbildnisse psychologisch aufgeladen. Ihr Blick richtet sich sowohl auf sich selbst als auch auf die Betrachtenden.<\/p>\n<p>Unerbittliche Bilder des Alters<\/p>\n<p>Die Ausstellung endet mit drei eindringlichen Gem\u00e4lden aus dem Jahr 1945, die nur wenige Monate vor Schjerfbecks Tod entstanden. Sie war bereits \u00fcber 80 Jahre alt &#8211; und diese Bilder wirken weniger analytisch als schonungslos. Ihre Augen und ihr Mund werden zu schwarzen H\u00f6hlen, die Nase ist nur angedeutet.\u00a0<\/p>\n<p>Ebenso unerbittlich ist die Behandlung der Leinwand, auf der Reibspuren und Kratzer des Palettenmessers die Oberfl\u00e4che bestimmen; so, als h\u00e4tte sich in diesem Lebensabschnitt ihre ganze Wut auf Vergangenes oder die Verg\u00e4nglichkeit selbst entladen. Im Vergleich zu ihren fr\u00fcheren Arbeiten wirken diese emotionalen Explosionen ungew\u00f6hnlich, und doch sind sie Ausdruck derselben St\u00e4rke, die ihr fast asketisch konzentriertes Lebenswerk erforderte. Die Retrospektive erreicht dabei zweierlei: Sie verankert ihr Werk \u00fcberzeugend im Kanon der Moderne und hinterl\u00e4sst einen cliffhanger, indem sie eine K\u00fcnstlerin sichtbar macht, deren Tiefen noch zu ergr\u00fcnden sein werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Bilder der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck sind eine stille Sensation. Au\u00dferhalb von Nordeuropa kennen sie jedoch nur&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":661423,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-661422","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115756082303042018","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=661422"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661422\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/661423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=661422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=661422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=661422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}