{"id":661990,"date":"2025-12-21T11:58:12","date_gmt":"2025-12-21T11:58:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/661990\/"},"modified":"2025-12-21T11:58:12","modified_gmt":"2025-12-21T11:58:12","slug":"achtung-und-anstand-hoeflichkeit-und-takt-sollen-alte-maenner-jungen-muettern-ihren-platz-anbieten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/661990\/","title":{"rendered":"Achtung und Anstand, H\u00f6flichkeit und Takt: Sollen alte M\u00e4nner jungen M\u00fcttern ihren Platz anbieten?"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Knigge war die Antwort klar: \u201eEhre das Alter!\u201c Aber wie alt muss man eigentlich sein, um in Bus oder Bahn sitzenblieben zu d\u00fcrfen, wenn eine Schwangere oder eine junge Mutter keinen Sitzplatz hat \u2013 zumal in Zeiten verrohter Sitten?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Von Bahnen, Bussen und vom Nahverkehr als solchem konnte Knigge noch nichts wissen, als er 1788 schrieb: \u201eVor einem grauen Haupte sollst du aufstehen! Ehre das Alter!\u201c Heute w\u00e4re der Freiherr best\u00fcrzt, zu sehen, dass seine Benimmregel, zumindest im \u00d6PNV, kaum noch befolgt wird. Greise stehen, w\u00e4hrend sich die Jugend auf den Sitzen breitmacht und sich nicht die Spur um graue H\u00e4upter und gebeugte R\u00fccken schert. Es k\u00f6nnte an den Smartphones liegen, allerdings auch am allgemeinen Verfall der Sitten.<\/p>\n<p>Andererseits muss alles, was mit Anstand und Manieren gemeint ist, immer wieder neu verhandelt werden. Andere Zeiten werfen neue Fragen auf. Knigge wusste auch wenig \u00fcber Frauen. \u201e\u00dcber den Umgang mit Menschen\u201c, seine Benimmfibel, wandte sich ausdr\u00fccklich an M\u00e4nner: \u201eWir werden t\u00e4glich gewahr, dass die kl\u00fcgsten und gelehrtesten M\u00e4nner ungl\u00fccklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit, zur\u00fcckgesetzt zu bleiben, und dass die Geistreichsten, von der Natur mit allen inneren und \u00e4u\u00dferen Vorz\u00fcgen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu gl\u00e4nzen verstehen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Kapitel widmete der Freiherr dem \u201eUmgang mit Frauenzimmern\u201c. M\u00e4nner sollten nett zu ihnen sein, aber keineswegs unterw\u00fcrfig. 1797 legte Johann Christian Siede einen Ratgeber f\u00fcr Frauen vor: \u201eVersuch eines Leitfadens f\u00fcr Anstand, Solidit\u00e4t, Reiz, Grazie und weibliche Sch\u00f6nheit der aufbl\u00fchenden weiblichen Jugend geweiht\u201c. Mehr als im Titel steht auch nicht im ganzen Buch.<\/p>\n<p>Am interessantesten w\u00e4re heute die Frage: Sollen alte M\u00e4nner jungen M\u00fcttern ihren Platz anbieten? Geht Schwanger- und Mutterschaft vor Alter? Die Moralphilosophie h\u00e4lt f\u00fcr das Alter einiges bereit. Nach Seneca, dem Stoiker, lebt es sich erst im Alter wirklich frei, ohne st\u00e4ndig von Leidenschaften und Begierden eingeengt zu werden. Geist und Seele seien st\u00e4rker als in einem jungen K\u00f6rper. An Lucilius schrieb er: \u201eKraftvoll ist der Geist und froh dar\u00fcber, dass er nicht mehr viel mit dem K\u00f6rper gemein hat; einen Gro\u00dfteil seiner Last hat er abgelegt. Er jubelt und beginnt mit mir einen Wortwechsel wegen des Greisenalters: Dieses, sagt er, stelle seine Bl\u00fctezeit dar. Glauben wir ihm. Gibt es einen Grund zur Klage, ist es ein Schaden, wenn all das, was aufh\u00f6ren musste, zur Neige gegangen ist?\u201c<\/p>\n<p>Geradezu unwirsch arbeitete Aristoteles sich in seiner \u201eRhetorik\u201c am Begriff des Alters ab. Er fand ihn ungenau und unscharf, was \u201ein der Natur der Sache\u201c liege. Erst im 20. Jahrhundert untersuchten Ethiker die Kr\u00e4nkung durch das Alter. So setzte Jean Am\u00e9ry sich \u00fcber das aristotelische \u201eMan ist so alt, wie man sich f\u00fchlt\u201c hinweg und schrieb, das Alter sei ein \u201eFaktum des K\u00f6rpers \u2013 des hinf\u00e4lligen K\u00f6rpers in diesem Falle \u2212 das nicht nur der subjektiven Qualit\u00e4t des Alterns die spezifische Farbe gibt, sondern das auch die gesellschaftlichen Wirkungen prim\u00e4r und unmittelbar ausl\u00f6st\u201c.<\/p>\n<p>Alter wurde zu einer sozialen Angelegenheit, die nicht nur Achtung vor der Weisheit einforderte, sondern auch eine besondere R\u00fccksichtnahme auf das Alter und seine Gebrechen. Muss die Jugend davor aufspringen und ihren Platz r\u00e4umen? Auch wenn die Jugend eine Frau und schwanger oder Mutter ist mit kleinen Kindern?<\/p>\n<p>Dazu \u00e4u\u00dfert sich die klassische Moralphilosophie erstaunlich einsilbig. Sokrates wird das Wort \u201eM\u00e4eutik\u201c zugeschrieben, die hohe Hebammenkunst. Das war\u2019s aber auch schon. Da mussten erst die Frauen selbst zu Schriftgelehrten werden. Hannah Arendt f\u00fchrte die Begriffe der \u201eGeb\u00fcrtlichkeit\u201c oder \u201eNatalit\u00e4t\u201c ein, um den Neuanfang, den jedes Kind verk\u00f6rpert, zu beschreiben: \u201eDer Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neu\u00adank\u00f6mmling die F\u00e4higkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.\u00a0h. zu handeln.\u201c <\/p>\n<p>F\u00fcr Simone de Beauvoir wurde die Frau erst durch die aktive Geburtenkontrolle befreit in ihrer Mutterschaft. M\u00e4nner hielten sich weitgehend zur\u00fcck zum Thema. Nach Nietzsche und Schopenhauer konnten Frauen ohnehin nicht denken und nur f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Im sozialen Alltag, der sich nirgends so verdichtet wie im \u00f6ffentlichen Nahverkehr, in \u00fcberf\u00fcllten Bussen und Bahnen mit Sitzplatzmangel, stellen sich heute auch andere Fragen, von denen Sokratiker und Stoiker, die fr\u00fcheren und sp\u00e4teren Knigges wenig ahnen konnten. Ist die junge Frau vielleicht nur f\u00fcllig? Ist die alte Frau vielleicht beleidigt, weil sie gar nicht alt aussehen will? Und was hei\u00dft <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article157779821\/Ich-muss-doch-bitten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article157779821\/Ich-muss-doch-bitten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">H\u00f6flichsein im 21. Jahrhundert<\/a>? Sind Kulturtechniken wie das T\u00fcraufhalten f\u00fcr die Frau oder den Mann, egal wie alt, der nach mir durch die T\u00fcr muss, antiquiert und albern? Hat sich niemand mehr daran zu st\u00f6ren, wenn jemand telefoniert und tiktokt ohne Kopfh\u00f6rer?<\/p>\n<p>Schon Goethe war ein Skeptiker des Anstands, als er seinem Faust die Worte in den Mund legte: \u201eIm Deutschen l\u00fcgt man, wenn man h\u00f6flich ist.\u201c Aber hier irrte Goethe, er meinte die Etikette. \u201eDie H\u00f6flichkeit dient dem Gegen\u00fcber, die Etikette dagegen demjenigen, der sich an sie h\u00e4lt, selbst\u201c, schreibt Rainer Erlinger in seinem postmodernen Anti-Knigge \u201eH\u00f6flichkeit \u2013 Vom Wert einer wertlosen Tugend\u201c.<\/p>\n<p>Der Ton wird im Alltag r\u00fcder und die Sitten auf der Stra\u00dfe roher. Auch das k\u00f6nnte an den Smartphones und sozialen Medien liegen, am Narzissmus des vereinzelten, vernetzten Daseins. Aber auch der echte Mensch im analogen \u00f6ffentlichen Raum ist kein Mensch ohne Resonanz. Es geht um Takt f\u00fcr den t\u00e4glichen Tanz um Achtung und Respekt, um Empathie und Umsicht, den jeder in jeder Lebenslage mit dem Gegen\u00fcber immer wieder anders auff\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer Mann bietet der j\u00fcngeren Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern seinen Sitzplatz an, weil sie ihn an den m\u00fcden Vater, der er einmal war, erinnern und an seine beiden Kinder, als sie weder stehen noch still sitzen konnten. Eine junge Frau steht f\u00fcr ihn auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr Knigge war die Antwort klar: \u201eEhre das Alter!\u201c Aber wie alt muss man eigentlich sein, um in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":661991,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[155],"tags":[29,214,30,154516,154517,154514,2908,64077,154515,215],"class_list":{"0":"post-661990","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-deutschland","9":"tag-entertainment","10":"tag-germany","11":"tag-hoeflichkeit-ks","12":"tag-knigge-ks","13":"tag-moralphilosophie-ks","14":"tag-msn-feed-plus","15":"tag-oeffentlicher-personennahverkehr-oepnv-ks","16":"tag-umgangsformen-ks","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115757443344140840","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=661990"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/661990\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/661991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=661990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=661990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=661990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}