{"id":663389,"date":"2025-12-22T01:49:29","date_gmt":"2025-12-22T01:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/663389\/"},"modified":"2025-12-22T01:49:29","modified_gmt":"2025-12-22T01:49:29","slug":"ein-doppeltes-buch-ueber-die-kirchengeschichte-in-der-ddr-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/663389\/","title":{"rendered":"Ein doppeltes Buch \u00fcber die Kirchengeschichte in der DDR \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich mit der Kirchengeschichte des Ostens besch\u00e4ftigt wie Holger Z\u00fcrch, der st\u00f6\u00dft auch auf all die F\u00e4lle, in denen die Kirchenpolitik der SED mit der Realit\u00e4t kollidierte. Auf vielerlei Weise. Denn so recht wollte der Versuch, den Menschen ihren Glauben auszutreiben, nicht gl\u00fccken, auch wenn die Kirchengemeinden schrumpften.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend die Funktion\u00e4re gerade in der Nachkriegszeit jede Gelegenheit nutzten, unliebsame Kirchengeb\u00e4ude sprengen zu lassen, ist gerade die Sp\u00e4tphase der DDR gepr\u00e4gt von neuen Kirchenbauten \u2013 gebaut mit Geld aus Westdeutschland.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/b8df2496eefd40dab8bdf39c2097bdf6.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>LZ-Leser kennen Holger Z\u00fcrch schon durch<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/tag\/kirchengeschichte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> seine Serie \u201eSonntagskirche\u201c<\/a>, in der er mittlerweile \u00fcber 150 Kirchen in Ostdeutschland, ihre Baugeschichte und ihre architektonischen Besonderheiten vorgestellt hat. Darunter auch etliche der Kirchen, die er jetzt in diesem Doppel-Buch vorstellt. Denn es ist ein Buch zum Umdrehen \u2013 mit einer traurigen und einer frohen Botschaft. Die traurige steckt in jenem Teil, den Z\u00fcrch \u201eSakraler Phantomschmerz\u201c genannt hat.<\/p>\n<p>Denn hier hat er die Erinnerungen an all jene Kirchen gesammelt, die in der DDR zerst\u00f6rt wurden \u2013 63 an der Zahl. Plus eine Kirche, die erst in j\u00fcngerer Zeit verschwand \u2013 die zweite Leipziger Trinitatiskirche. Aber es sind auch die Beispiele dabei, die f\u00fcr richtig Aufsehen sorgten \u2013 die Garnisonskirche in Potsdam und die Paulinerkirche in Leipzig, beide gegen den stillen Protest aus der B\u00fcrgerschaft gesprengt.<\/p>\n<p>Aber die meisten Sprengungen erfolgten schon in den 1950er Jahren. Oft waren die Kirche w\u00e4hrend der Bombardements im Zweiten Weltkrieg teilweise oder ganz gesch\u00e4digt worden. Geld f\u00fcr einen Wiederaufbau war oft nicht da. Was nicht hei\u00dft, dass einige Kirchgemeinden ihre Kirche nicht doch mit eigenen Mitteln repariert hatten. Was die Kirche dann eben doch nicht vor dem rigiden Zugriff der neue Stadtplaner sch\u00fctzte.<\/p>\n<p>Oft ging es um richtig stadtbildpr\u00e4gende Kirchen, wie die Ulrichskirche in Magdeburg. Vielfach gab es vor Ort auch noch Kompromisse, die Teile der Kirche konservierten, um vielleicht sp\u00e4ter an den Wiederaufbau zu gehen \u2013 so wie bei der Johanniskirche in Leipzig oder der Markuskirche in Reudnitz. Die Markuskirche wurde 1978 gesprengt, der noch verbliebene Turm der Johanniskirche 1963. Oft erinnern nur noch Gr\u00fcnfl\u00e4chen an den einstigen Standort der Kirche, manchmal halten B\u00fcrgerinitiativen die Erinnerung wach.<\/p>\n<p>West-Geld f\u00fcr Ost-Kirchen<\/p>\n<p>Und dann dreht man das Buch um. Und manch Leser wird verbl\u00fcfft sein, dass in der DDR tats\u00e4chlich auch neue Kirchen gebaut wurden. In der Regel am Rand der neu entstehenden Wohnquartiere. \u201eSonderbauprogramm\u201c nannte sich dieses Programm, mit dem die DDR-Staatsf\u00fchrung den beiden gro\u00dfen Kirchen ab den 1970er Jahren die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umte, mit Geld aus Westdeutschland ihre Kirchen zu sanieren oder gar neue zu bauen, aber auch in Wohnungen und Kinderg\u00e4rten zu investieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die DDR ein gutes Gesch\u00e4ft, denn die Baukosten wurden 1:1 in D-Mark verrechnet. Gebaut wurde mit Material und Firmen aus dem Osten. Auf diese Weise flossen \u00fcber eine halbe Milliarde an D-Mark an die DDR.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/westgeld.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-641814 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/westgeld.jpg\" alt=\"Das Buch einfach umgedreht: &quot;West-Geld f\u00fcr Ost-Kirchen&quot;. Foto: Ralf Julke\" width=\"2253\" height=\"1500\"  \/><\/a>Das Buch einfach umgedreht: \u201eWest-Geld f\u00fcr Ost-Kirchen\u201c. Foto: Ralf Julke<\/p>\n<p>Aber im Gegenzug entstanden eben auch neue Kirchen, oft viel schneller als die f\u00fcr die Gro\u00dfwohnsiedlungen geplanten Gastst\u00e4tten, Kulturh\u00e4user usw. So entstand 1983 die Pauluskirche in Gr\u00fcnau und 1985 die Kirche St. Martin ebenfalls in Gr\u00fcnau, sodass dort wieder beide Konfessionen vertreten waren.<\/p>\n<p>Aber auch die zweite Trinitatiskirche in Leipzig wurde aus diesem Programm finanziert. Sie entstand 1982 an der Emil-Fuchs-Stra\u00dfe \u2013 und ist heute wieder verschwunden, 2018 bis auf den Glockenturm abgerissen, denn sie war auf unsicherem Grund gebaut. Die Gemeinde errichtete daf\u00fcr ihre dritte Trinitatiskirche, nun wieder im Herzen der Stadt am Martin-Luther-Ring.<\/p>\n<p>Die neu entstandenen Kirchen portr\u00e4tiert Holger Z\u00fcrch in diesem Band nicht gesondert. Er erl\u00e4utert nur, wie das Sonderbauprogramn funktionierte und wie spendenbereit die westdeutschen Partnergemeinden waren, die mit ihrem Geld den Gemeinden im Osten unter die Arme griffen. Die Liste der umgesetzten Projekte ist dann doch erstaunlich lang. Allein 117 Bauprojekte verzeichnete die Evangelische Kirche, die Katholische Kirche verzeichnete 34 Kirchen und Gemeindezentren \u2013 dazu 106 Sozial- und Verwaltungsbauten.<\/p>\n<p>Das Sonderbauprogramm erz\u00e4hlt aber auch davon, dass in den 1970er Jahren der harsche Konfrontationskurs der SED gegen die Kirchen beendet war. Jetzt setzte der auch zunehmend unter Geldnot leidende Staat doch lieber auf Kompromissse und eine \u201efriedliche\u201c Koexistenz. Was nat\u00fcrlich einst pr\u00e4gende Kirchenbauen nicht zur\u00fcckbrachte.<\/p>\n<p>Und dass deren Wiederaufbau auch nach 1990 nicht zwangsl\u00e4ufig war, auch wenn sich B\u00fcrgerinitiativen ernsthaft daf\u00fcr einsetzten, erlebten die Leipziger am Beispiel der Paulinerkirche. An ihrer Stelle gibt es heute im Uni-Campus das Paulinum in seiner modernen Interpretation von Erick van Egeraat.<\/p>\n<p><strong>Holger Z\u00fcrch \u201eWest-Geld f\u00fcr Ost-Kirchen\u201c \/ \u201eSakraler Phantomschmerz<\/strong>\u201c, Holger Z\u00fcrch, Leipzig 2025, 20 Euro, Bestellungen unter sapha@posteo.de.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer sich mit der Kirchengeschichte des Ostens besch\u00e4ftigt wie Holger Z\u00fcrch, der st\u00f6\u00dft auch auf all die F\u00e4lle,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":663390,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[129,65037,3364,29,30,154841,71,1803,859],"class_list":{"0":"post-663389","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-ddr","9":"tag-ddr-geschichte","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-kirchengeschichte","14":"tag-leipzig","15":"tag-rezension","16":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115760712107993470","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/663389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=663389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/663389\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/663390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=663389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=663389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=663389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}