{"id":665499,"date":"2025-12-23T00:06:21","date_gmt":"2025-12-23T00:06:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/665499\/"},"modified":"2025-12-23T00:06:21","modified_gmt":"2025-12-23T00:06:21","slug":"beerdigung-von-elisabeth-zimmermann-modler-in-duisburg-eine-ausserordentlich-mutige-persoenlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/665499\/","title":{"rendered":"Beerdigung von Elisabeth Zimmermann-Modler in Duisburg: \u201eEine au\u00dferordentlich mutige Pers\u00f6nlichkeit\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eElli war eine au\u00dferordentlich mutige Pers\u00f6nlichkeit. Sie ging ihren Lebensweg sehr gradlinig und konsequent.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dies sagte Ulrich Rippert, der Ehrenvorsitzende der Sozialistischen Gleichheitspartei, bei der Beerdigung von Elisabeth Zimmermann-Modler. \u201eElli\u201c, wie sie von allen genannt wurde, war 50 Jahre lang Mitglied der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) gewesen. Sie starb am 28. November im Alter von 69 Jahren an den Folgen eines tragischen Unfalls.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/d0f18962-a592-40de-ac8d-57dfdd9521b3\" style=\"max-height:100%\"\/>Ulrich Rippert spricht auf der Beerdigung von Elisabeth Zimmermann-Modler<\/p>\n<p>Am Freitag, den 19. Dezember, einem grau verhangenen Wintertag, hatte sich eine etwa 50-k\u00f6pfige Trauergemeinde am Ruhrorter Friedhof versammelt, um Elisabeth Zimmermann-Modler das letzte Geleit zu geben. Die Violinistin Ella Rotsch spielte das St\u00fcck \u201eAir\u201c von Johann Sebastian Bach. Unter den Teilnehmern waren au\u00dfer den seit Jahren mit Elli vertrauten SGP-Mitgliedern auch Arbeitskollegen von Siemens sowie mehrere Kollegen ihres Mannes, der Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp gewesen war, und Nachbarn und Freunde. Thas, ein tamilischer Genosse, erinnerte sich am offenen Grab daran, wie Elli ihn und andere Fl\u00fcchtlinge aus Sri Lanka aufgenommen, in den Prinzipien des Trotzkismus ausgebildet und sich als Freundin in allen Lebenslagen erwiesen hatte. \u201eSie war unsere Familie\u201c, sagte Thas.<\/p>\n<p>Ulrich Ripperts Rede war eine W\u00fcrdigung von Elisabeth Zimmermann-Modlers Leben. Viele Teilnehmer, darunter die anwesenden Stahlarbeiter, erkl\u00e4rten sp\u00e4ter, Rippert habe Ellis Wesen genau getroffen. Hier die Rede:<\/p>\n<p>Lieber Peter, liebe Verwandte von Elli,<br \/>Liebe Genossen und Freunde,<\/p>\n<p>Wir sind noch immer tief betroffen von dem \u00fcberraschenden und tragischen Tod von Elli. Noch immer wissen wir nicht, was an diesem Morgen des 28. November geschah, und wie es zu diesem verheerenden Feuer in ihrer Wohnung gekommen ist. Wir sind immer noch tief ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Wir wussten, dass sie der Schlaganfall, den sie vor drei Jahren erlitten hatte, und die Medikamente, die sie seitdem einnehmen musste, stark belastet haben. Viele, die heute hier versammelt sind, haben miterlebt, welche Auswirkungen die Krankheit hatte. Es ist wirklich tragisch. Wir waren gerade dabei, die medizinische Versorgung f\u00fcr Elli zu verbessern, und jetzt kam uns der Tod zuvor.<\/p>\n<p>Elli wollte trotz ihrer Krankheit noch an allem teilnehmen. Viele von uns hatten sie nur wenige Tage zuvor in Berlin auf einer Veranstaltung getroffen und mit ihr gesprochen und diskutiert.<\/p>\n<p>Elli war eine au\u00dferordentlich mutige Pers\u00f6nlichkeit; sie ging ihren Lebensweg sehr gradlinig und konsequent.<\/p>\n<p>Elli wurde nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren. Als sie auf die Welt kam, waren Krieg und Naziverbrechen erst elf Jahre vorbei. Ihre Kindheit und Jugend waren von den Wunden und Narben gepr\u00e4gt, die die Verbrechen und Kriege der Nazis in der deutschen Gesellschaft bis tief in die Familien hinein hinterlassen hatten.<\/p>\n<p>Ihre Mutter war aus Nordb\u00f6hmen im heutigen Tchechien vertrieben worden; sie war erst 17 Jahre alt, als Elli auf die Welt kam. Sie war alleinerziehend, Lehrerin, musste arbeiten. Elli kam in eine Pflegefamilie und verbrachte dort ihre ersten Kindheitsjahre. Als 12-J\u00e4hrige hatte Elli eine komplizierte R\u00fccken-OP, musste monatelang im Gipsbett liegen, und die R\u00fcckenprobleme verfolgten sie ihr ganzes Leben.<\/p>\n<p>Aber Elli widersetzte sich all diesen Schwierigkeiten. Sie war ein sehr lebensfroher Mensch.<\/p>\n<p>Es ist \u00fcber 50 Jahre her, dass ich Elli zum ersten Mal getroffen habe. Es war Anfang Mai 1975. Sie war 19 Jahre alt und bereitete sich aufs Abitur vor. Ich erinnere mich, dass wir schon bei diesem ersten Treffen intensive Diskussionen hatten, und es begann eine enge Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Elli geh\u00f6rte zu einer Generation, f\u00fcr die die Verbrechen des Nazi-Terrors noch sehr lebendig waren. Die Frage, wie in einem modernen Land mit einer ausgepr\u00e4gten Kultur und einer starken Arbeiterbewegung ein solcher R\u00fcckfall in die Barbarei m\u00f6glich war, trieb sie und uns alle damals um.<\/p>\n<p>Elli hatte schon in jungen Jahren Schriften von Nazi-Gegnern gelesen, unter anderem das Schauspiel \u201eDer Stellvertreter\u201c von Rolf Hochhut, das sich mit der Kollaboration von Vatikan und Nazis besch\u00e4ftigte. Und, konsequent wie sie war, trat sie daraufhin aus der Kirche aus.<\/p>\n<p>Viele erkl\u00e4rten damals die Ursache des Faschismus mit der Psychologie der Massen und der Verf\u00fchrbarkeit der Deutschen. Doch Elli gab sich mit einfachen und oberfl\u00e4chlichen Antworten nicht zufrieden. Sie wollte den Dingen auf den Grund gehen.<\/p>\n<p>Elli diskutierte \u00fcber den Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus. Sie wusste, dass Hitler von der Gro\u00dfindustrie finanziert und an die Macht gebracht worden war. <\/p>\n<p>Sp\u00e4ter schrieb sie mehrere Artikel, die betonten, warum dieser Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus so wichtig ist, wenn man verstehen will, warum heute wieder faschistische Parteien aufgebaut und an die Macht gebracht werden.<\/p>\n<p>Aber dann stellte sich eine weitere Frage: Warum hatte die Arbeiterklasse 1933 den Sieg der Nazis nicht gestoppt und einen solchen R\u00fcckfall in die Barbarei verhindert? <\/p>\n<p>Um das zu beantworten, beteiligte sich Elli an einem intensiven Studium der Schriften von Leo Trotzki, der die Perspektive des Sozialismus gegen den Stalinismus verteidigt hatte. Trotzki hatte aufgezeigt, dass Hitler nur an die Macht kommen konnte, weil Stalin mit seiner Politik des Sozialfaschismus die Arbeiterklasse gespalten und unterdr\u00fcckt hatte.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung war klar: Es gibt nur eine gesellschaftliche Kraft, um Krieg und Faschismus zu verhindern, und das ist die Arbeiterklasse. Aber dazu braucht sie eine starke revolution\u00e4re Partei.<\/p>\n<p>Elli zog diese Schlussfolgerung und wurde zu einer begeisterten K\u00e4mpferin f\u00fcr den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei \u2013 die erstens sozialistisch und zweitens international ist.<\/p>\n<p>Liebe Freunde, Als ich mir in den vergangenen Tagen Gedanken machte, was ich hier \u2013 am offenen Grab von Elli \u2013 sagen soll, fragte ich mich, was Elli selbst sagen w\u00fcrde, und ich h\u00f6rte pl\u00f6tzlich ganz deutlich ihre helle Stimme \u2013 Elli konnte laut, deutlich, temperamentvoll und sehr \u00fcberzeugend sprechen \u2013 und sie sagte: \u201eWarum sagst du nicht einfach die Wahrheit? Ich habe ein sehr politisches Leben gef\u00fchrt. Und ich bin stolz darauf!\u201c<\/p>\n<p>Es gibt etwas sehr Typisches und Beeindruckendes in Ellis Leben. Ich glaube man nennt das Konsequenz. Sie lebte nach Karl Marx\u2018 Devise: \u201eMan muss den Mut haben zu denken, ohne Angst zu haben vor den Ergebnissen, zu denen man kommt \u2013 und dann muss man danach handeln.\u201c<\/p>\n<p>Nach dieser Maxime lebte Elli. Was sie als richtig anerkannte, setzte sie in die Tat um \u2013 und zwar radikal und mit allen Konsequenzen. Sie war nicht die einzige ihrer Generation, die gegen Krieg und Faschismus demonstrierte, aber sie geh\u00f6rte zu den ganz wenigen, die die korrekten Schlussfolgerungen zogen und daran unnachgiebig festhielten.<\/p>\n<p>Sie hasste die Wendeh\u00e4lse der Gr\u00fcnen, die sich von Pazifisten in hysterische Militaristen verwandelten. Sie bek\u00e4mpfte die L\u00fcgen der Linkspartei, die links redet und rechts handelt.<\/p>\n<p><a class=\"db avenir f6 lh-title pa1 br2 tc mw6 mw7-l bg-black-05 mt3 center\" href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/special\/pages\/freebogdan.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"dn db-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/7e4eabbf-72c5-4c32-bbe7-fbf358c98be8\"\/><img decoding=\"async\" class=\"db dn-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/0fbce9ab-d2c4-417c-a910-46ad612cfce5\"\/><\/a><\/p>\n<p>Zwei Dinge in Ellis Leben stechen besonders hervor: <\/p>\n<p>Erstens: Sie kannte die Arbeiterklasse und verstand sie. Sie war Teil davon. 35 Jahre hat sie bei Siemens gearbeitet und war dort Vertrauensfrau. Vor 42 Jahren lernte sie ihren sp\u00e4teren Mann Peter Modler kennen, der als Stahlarbeiter und Vertrauensmann bei ThyssenKrupp im Schichtdienst arbeitete und ihre politische Arbeit tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Aber auch gegen\u00fcber Arbeitern betonte Elli, dass es nicht gen\u00fcgt, sich \u00fcber die Brutalit\u00e4t der Kapitalisten, die Entlassungen und die st\u00e4ndigen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen zu beschweren. Es reicht nicht, sich \u00fcber die Verantwortungslosigkeit der Regierung und der Herrschenden zu emp\u00f6ren. Es ist notwendig die eigene Verantwortung zu erkennen und wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Elli kannte den Satz von Marx: \u201eDie Befreiung der Arbeiter muss das Werk der Arbeiter selbst sein!\u201c und nahm ihn sehr ernst.<\/p>\n<p>Das zweite Beeindruckende an Elli war ihr Internationalismus.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass sie Freunde \u00fcberall auf der Welt hatte. Sie verstand Internationalismus als politisches Programm. Sie k\u00e4mpfte gegen den Nationalismus der Gewerkschaften und Parteien. Sie wusste, dass Arbeiter kein Vaterland haben und im globalen Produktionsprozess weltweit miteinander verbunden sind. Sie betonte oft, dass Arbeiter in jedem Land auf der Welt vor denselben oder \u00e4hnlichen Problemen stehen, und dass der Kampf gegen den Kapitalismus nur dann erfolgreich sein kann, wenn er international gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Auf vielen Versammlungen k\u00e4mpfte Elli gegen die systematische Abschaffung des Asylrechts und die Hetze gegen Ausl\u00e4nder. Sie betonte, dass Migranten und Asylsuchende ein wichtiger Teil der internationalen Arbeiterklasse sind, und dass Arbeiter ihre eigenen Rechte nur verteidigen k\u00f6nnen, wenn sie alle Angriffe auf Ausl\u00e4nder prinzipiell zur\u00fcckschlagen.<\/p>\n<p>Elli wusste, dass jede opportunistische Str\u00f6mung in der Arbeiterbewegung mit einer Anpassung an Nationalismus begann, und als vor 40 Jahren eine Auseinandersetzung \u00fcber diese Fragen in unseren Reihen stattfand, stellte sie sich sofort und ohne Z\u00f6gern auf die Seite der Internationalisten.<\/p>\n<p>Elli war sehr stolz auf unsere Partei als Weltpartei und nahm an vielen internationalen Tagungen und Konferenzen teil.<\/p>\n<p>Mehrere Jahrzehnte war sie Mitglied im Vorstand der Sozialistischen Gleichheitspartei, kandidierte bei vielen Wahlen und erkl\u00e4rte unser Programm in Funk und Fernsehen.<\/p>\n<p>Trotz dieser intensiven politischen Arbeit fand sie Zeit f\u00fcr Kultur. Sie liebte Literatur, Kino, Opern und Konzerte. <\/p>\n<p>Das tragische an Ellis Tod besteht gerade darin, dass sie gerade in dem Moment aus dem Leben gerissen wurde, in dem die politischen Ideen und Perspektiven, f\u00fcr die sie ihr ganzes Erwachsenen-Leben gek\u00e4mpft hat, so gro\u00dfe Aktualit\u00e4t und Bedeutung gewinnen.<\/p>\n<p>Liebe Elli,<br \/>wir sind sehr traurig, dass du nicht mehr bei uns bist. Wir vermissen dich.<br \/>Aber wir werden den Kampf fortsetzen, dem du dein Leben gewidmet hast.<br \/>In unserer Erinnerung wirst du als K\u00e4mpferin f\u00fcr die Befreiung der Arbeiterklasse immer lebendig bleiben. Das versprechen wir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eElli war eine au\u00dferordentlich mutige Pers\u00f6nlichkeit. 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