{"id":665947,"date":"2025-12-23T04:49:14","date_gmt":"2025-12-23T04:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/665947\/"},"modified":"2025-12-23T04:49:14","modified_gmt":"2025-12-23T04:49:14","slug":"wie-man-den-kuenstler-sighard-gille-in-seinen-eigenen-bildern-finden-kann-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/665947\/","title":{"rendered":"Wie man den K\u00fcnstler Sighard Gille in seinen eigenen Bildern finden kann \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Dass die Arbeiten eines K\u00fcnstlers auch seine direkte Kommunikation mit der Welt sind, wird selbst in der Kunstkritik oft vergessen. Da versteckt man sich dann oft genug hinter schwammigen, irgendwie wissenschaftlich klingenden Zuschreibungen, wird abstrakt und theoretisch. Aber dass Bilder davon leben, dass sie den Betrachter direkt ansprechen, scheint kaum noch formulierbar. Aber gerade da erst wird Kunst spannend. Das zeigt auch der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede in diesem Buch, in dem er seine Sicht auf die Bilder des Leipziger Malers Sighard Gille lebendig werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auch das muss man erst einmal k\u00f6nnen. Aber Schneede ist ja nicht nur Kunsthistoriker, sondern leitete auch bis 2006 die Hamburger Kunsthalle, wei\u00df also auch, wie man Kunst vermitteln muss, damit sie ihr Publikum erreicht. Was nicht bedeutet, dass das Publikum auch in die Ausstellung kommt.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/5470cf6803d94b3eaf6a4a5bd937c41b.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/12\/1\"\/><\/p>\n<p>Denn oft fehlt den m\u00f6glicherweise Interessierten einfach auch der Mut, die Schwelle zu \u00fcberschreiten. Kunst wird noch viel zu oft wie ein heiliger Gral verkauft, als w\u00fcssten nur die Eingeweihten wirklich, was da zu sehen ist. Und der landl\u00e4ufige Mensch w\u00fcrde sowieso nicht begreifen, was K\u00fcnstler und Kuratoren so treiben.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich muss der unverstellte Blick auf Kunst (erst wieder) gelernt sein. Irgendwie ist es wie bei der Literatur, deren ungezwungene Eroberung den Kindern schon in der Schule gr\u00fcndlich und theorielastig ausgetrieben wurde. Die Abenteuer liegen vor unserer Nase. Aber wir d\u00fcrfen sie nicht sehen. Sollen uns nicht ganz unvoreingenommen hinstellen vor die Bilder und uns darauf verlassen, dass wir auch sehen, was wir sehen.<\/p>\n<p>Erwartungshaltungen unterlaufen<\/p>\n<p>Was im Fall von Sighard Gille nat\u00fcrlich doppelt von Bedeutung ist. Denn als Teil der Leipziger Schule geh\u00f6rt er nat\u00fcrlich auch zu jenen Malern, die mit zunehmender Unabh\u00e4ngigkeit den verklemmten Kunstkanon der SED-Funktion\u00e4re unterliefen und aufbrauchen. Er geh\u00f6rt zur zweiten Generation der Leipziger Schule.<\/p>\n<p>Seine Bilder \u201eBrigadefeier \u2013 Ger\u00fcstbauer\u201cund \u201eF\u00e4hre\u201c sorgten in den 1970er Jahren f\u00fcr Aufsehen, forderten die Betrachter heraus zur Auseinandersetzung. Und zum Schauen nat\u00fcrlich. Es war auch die Zeit, in der Schneede auf Gille aufmerksam wurde und dessen bildnerisches Schaffen fortan begleitete, wohl selbst verbl\u00fcfft, wie radikal Gille in den Folgejahren mit Erwartungen brach und sich eine eigene Bildsprache erarbeitete, die das vermittelte, was ihn tats\u00e4chlich bewegte.<\/p>\n<p>Brav sein wollte er nie. Daf\u00fcr bewegte ihn die ganze Zeit etwas, in dem sich viele Ostdeutsche wiederfinden k\u00f6nnen: der Drang, die Dinge ungeschminkt und \u00fcberdeutlich beim Namen zu nennen bzw. eben ins Bild zu setzen. Im Zentrum immer: das Menschliche, der Ma\u00dfstab f\u00fcr alles, was wirklich wichtig ist.<\/p>\n<p>So unterlief Gille schon die von den Funktion\u00e4ren erwarteten Brigade-Bilder gr\u00fcndlich, so unterlief er das von der Partei so erw\u00fcnschte \u201esozialistische Menschenbild\u201c auch in den 1980er Jahren, als er K\u00fcnstlerfreunde und -freundinnen portr\u00e4tierte, scheinbar deutlich \u00fcberspitzt, als w\u00fcrden die Charaktere den Bildrahmen sprengen. Aber das kam ganz offensichtlich auch bei den Dargestellten an: Sie erkannten sich wieder.<\/p>\n<p>Gerade weil Gille darauf verzichtete, sie naturalistisch abzupinseln, sondern das Besondere und Rahmensprengende an ihnen sichtbar machte.<\/p>\n<p>Zum Schauen herausgefordert<\/p>\n<p>Und darum geht es wohl am Ende in der Kunst: Sichtbar zu machen, was man f\u00fcr gew\u00f6hnlich \u00fcbersieht. Dabei entstehen eben Bilder, die zum Schauen geradezu herausfordern, die den Betrachter zwingen, sich selbst ins Verh\u00e4ltnis zu setzen zum Geschehen. Auch wenn es frappiert oder gar verwirrt.<\/p>\n<p>Und damit h\u00f6rte Gille auch nach 1990 nicht auf, nachdem die ganze Welt der vormundschaftlichen Funktion\u00e4re verschwunden war \u2013 damit aber auch der ganz spezielle Kunstbetrieb der DDR, der f\u00fcr Kunstschaffende durchaus auch einen existenzsichernden Rahmen bot. Selbst f\u00fcr die schr\u00e4gen Typen aus der Leipziger Schule, die mit ihrer Art Malereiverst\u00e4ndnis den ganzen alten Denkkanon der Funktion\u00e4re aushebelten.<\/p>\n<p>Nur: 1990 war nicht nur die DDR futsch. Da merkten auch die viel diskutierten K\u00fcnstler der einstigen DDR schnell, dass sie nun auf einmal in einen Kunstmarkt hineingeworfen waren, in dem eigentlich kein Platz f\u00fcr sie vorgesehen war. Alle Pl\u00e4tze am Tisch waren schon besetzt. Und auch das thematisiert Gille in seinen Bildern.<\/p>\n<p>Und Schneede spricht es deutlich an, wohl wissend, dass sich au\u00dfer ein paar privaten Sammlern im westdeutschen Kunstbetrieb kaum eine Institution f\u00fcr die Kunst aus dem Osten interessierte. Es sei denn, man konnte sie als Staatskunst diffamieren. Man hatte sie 40 Jahre lang ignoriert und machte mit der Ignoranz einfach weiter.<\/p>\n<p>Was auch leichter fiel, weil man sich schon lange in einem abstrakten Verst\u00e4ndnis von Kunst eingerichtet hatte, das sich auf die tats\u00e4chliche und bildliche Begegnung von K\u00fcnstler und Betrachter gar nicht mehr einlassen musste. Deswegen sind die meisten Kunstkritiken so ungenie\u00dfbar und letztlich phrasenhaft. Zeichen einer institutionalisierten Nicht-Begegnung.<\/p>\n<p>Aber Gilles Bilder (und auch die der anderen Vertreter der Leipziger Schule) leben von der Begegnung, davon, dass die Betrachter sich mit dem Dargestellten auseinandersetzen k\u00f6nnen, sich einlassen auf Bilder, in denen \u2013 gerade bei Gille \u2013 das Surreale des menschlichen Daseins geradezu greifbar wird. Ganz zu schweigen davon, dass Gille selbst in seinem Werk immer wieder auftaucht, oft in frappierenden Selbstportr\u00e4ts, in denen der Maler auch die Fragilit\u00e4t des eigenen Wahrnehmens sichtbar macht: Wer bin ich wirklich? Wer bin ich heute?<\/p>\n<p>Im Zirkus<\/p>\n<p>\u201eAlbtr\u00e4ume und Freiheitsverlangen\u201c hat Schneede das letzte Kapitel in diesem Buch \u00fcberschrieben, in dem er sich mit den j\u00fcngsten Arbeiten des Malers besch\u00e4ftigt, darunter gro\u00dfformatige Clownsbilder, in denen auch das \u201eClowneske als Haltung\u201c greifbar wird.<\/p>\n<p>Eigentlich als doppelter Haltung \u2013 die des K\u00fcnstlers, der auch seine durchaus ignorierte Rolle als Kritiker der erlebten Wirklichkeit darzustellen wei\u00df, und des Gegenwartsbewohners, der sich Tag f\u00fcr Tag wie in einem Zirkus vorkommen kann, als w\u00e4re er unter lauter Clowns gefallen. Schneede sieht im Harlekin eher das \u201eAlter Ego des K\u00fcnstlers\u201c. Womit sich Gille in eine ganze Kunsttradition von Picasso \u00fcber Klee bis Beckmann einreiht.<\/p>\n<p>Aber sieht sich der K\u00fcnstler nicht gerade deshalb auch als in die Verr\u00fccktheiten der Welt geworfener Mensch? Also doch irgendwie genauso wie der Betrachter? Es ist, als w\u00fcrde die von Gille und den anderen Maler\/-innen der Leipziger Schule in Auseinandersetzung mit dem starren Kunstverst\u00e4ndnis der DDR-Funktion\u00e4re entwickelte Bildsprache auch heute noch wirksam und ein ideales Instrumentarium, den Menschen mit seiner Rolle in einer Welt zu konfrontieren, in der die Clowns den Bildschirm bestimmen und selbst der n\u00fcchternste Mensch sich wie ein Clown vorkommt.<\/p>\n<p>Als w\u00e4re tats\u00e4chlich nur die Au\u00dfenseiterrolle noch denkbar, wenn man an den Narreteien der allgegenw\u00e4rtigen Selbstdarsteller keinen Teil mehr haben will \u2013 oder kann.<\/p>\n<p>Denn manchmal kann man einfach nicht. Und so werden die Begegnungen mit Gilles Bildern eben auch Selbst-Begegnungen des Betrachters. Und das erleichtert dieser Band, indem er die jeweiligen Bilder Gilles aus den einzelnen Schaffensphasen gro\u00df und farbenpr\u00e4chtig neben Schneedes Texte setzt, in denen er schildert, wie er Gilles Bildern begegnete und darin immer den K\u00fcnstler fand, der mit kr\u00e4ftiger Palette von sich selbst sprach und seinem zuweilen Befinden in einer ganz und gar nicht n\u00fcchternen Welt.<\/p>\n<p><strong>Uwe M. Schneede <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783690010146@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eSighard Gille. Zeitbilder\u201c<\/a><\/strong> E. A. Seemann, Leipzig 2025, 30 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dass die Arbeiten eines K\u00fcnstlers auch seine direkte Kommunikation mit der Welt sind, wird selbst in der Kunstkritik&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":665948,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[9225,3364,29,30,71,1804,2705,1803,859],"class_list":{"0":"post-665947","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-bildband","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-leipzig","13":"tag-leipziger-schule","14":"tag-malerei","15":"tag-rezension","16":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=665947"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665947\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/665948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=665947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=665947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=665947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}