{"id":666198,"date":"2025-12-23T07:18:24","date_gmt":"2025-12-23T07:18:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/666198\/"},"modified":"2025-12-23T07:18:24","modified_gmt":"2025-12-23T07:18:24","slug":"ein-radikaler-weckruf-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/666198\/","title":{"rendered":"Ein radikaler Weckruf \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Gr\u00fcndungskongress der AfD-Jugendorganisation \u201eGeneration Deutschland\u201c sorgt eine Rede f\u00fcr anhaltende Irritationen. Alexander Eichwalds Auftritt in Gie\u00dfen wurde rasch skandalisiert, ebenso rasch von der Partei zur\u00fcckgewiesen. Zwei Wochen lang blieb dabei vieles unklar \u2013 \u00fcber die Person, die Motivation und die Bedeutung dieses Moments. Erst zwei Interviews, in der S\u00fcddeutschen Zeitung und im \u00f6sterreichischen Standard, erlauben nun eine genauere Einordnung.<\/p>\n<p>Eine Motivation wird sichtbar, die eigentliche Intention jedoch bleibt schleierhaft. Und neben vielen offenen Fragen steht eine zentrale im Raum: Verdient Eichwalds Rede Aufmerksamkeit und Analyse? Oder war sie lediglich eine \u201eFlood the zone with shit\u201c-Aktion?<\/p>\n<p>Schl\u00fcsselmoment \u2013 ja oder nein?<\/p>\n<p>Die Politik schenkt uns bisweilen Ereignisse, die wie grelle Blitze erhellen, was l\u00e4ngst sichtbar war und doch im Alltagsrauschen unterging. Ein solcher Moment war etwa das Potsdamer Treffen vor zwei Jahren, als der Begriff \u201eRemigration\u201c durch<a href=\"http:\/\/correctiv.org\/aktuelles\/neue-rechte\/2024\/01\/10\/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> die Correctiv-Recherchen<\/a> an die Oberfl\u00e4che des \u00f6ffentlichen Bewusstseins stieg und eine gesellschaftliche Welle ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Was damals im Verborgenen verhandelt wurde, spricht die AfD-Jugendorganisation \u201eGeneration Deutschland\u201c heute ohne Z\u00f6gern von der B\u00fchne herab aus. Ja, dies ist ein Schl\u00fcsselmoment, wenn auf dem Gr\u00fcndungskongress ausgerechnet jene, die den zuk\u00fcnftigen Vorstand der AfD-Jugendorganisation bilden wollen, nicht mehr nur von \u201eRemigration\u201c, sondern von \u201emillionenfacher Remigration\u201c sprechen. Was lange hinter T\u00fcren blieb, wird hier programmatisch ausgesprochen \u2013 offen und selbstbewusst.<\/p>\n<p>Nun hat Alexander Eichwald, 30 Jahre alt, politikwissenschaftlich und soziologisch ausgebildet, Russlanddeutscher und AfD-Mitglied, mit seiner Rede auf eben diesem Kongress einen weiteren entlarvenden Moment geschaffen. Sein Auftritt l\u00f6ste Irritation und Alarm aus \u2013 nicht nur in der \u00d6ffentlichkeit, sondern vor allem innerhalb der eigenen Partei.<\/p>\n<p>Die Reaktionen der AfD wirkten hastig und reflexhaft, als gelte es, einen gef\u00e4hrlichen Fremdk\u00f6rper abzuwehren. Zum Schl\u00fcsselmoment wird dies vor allem deshalb, weil Eichwald inhaltlich kaum von dem abwich, was andere Rednerinnen und Redner an diesem Tag teils noch sch\u00e4rfer formulierten. Der Unterschied lag nicht in der Botschaft, sondern im Ton. Er sprach nicht radikaler \u2013 er sprach so, dass die Radikalit\u00e4t wieder h\u00f6rbar wurde.<\/p>\n<p>Ein politisches Bewusstsein \u2013 nicht die Karikatur, f\u00fcr die man ihn hielt<\/p>\n<p>In den Interviews mit der<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/alexander-eichwald-alex-oak-satire-kuenstler-afd-li.3354434?reduced=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c<\/a> und dem<a href=\"http:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000300637\/hitler-redner-eichwald-zum-standard-wollte-bei-der-afd-jugend-gesellschaftskritik-ueben\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eStandard\u201c<\/a> wehrt Eichwald das Bild des verwirrten Au\u00dfenseiters ab. Er sei kein Provokateur zum Selbstzweck, sagt er, und schon gar kein Satiriker \u2013 vielmehr \u201edie Stimme von sehr, sehr vielen Menschen\u201c. Seine Rede sei eine \u201egeplante Aktion\u201c. Und weiter: \u201eWir m\u00fcssen in Deutschland dar\u00fcber reden, dass ich Dinge ge\u00e4u\u00dfert habe, die viele hinter verschlossenen T\u00fcren oder hinter vorgehaltener Hand, am Stammtisch und in der AfD sagen.\u201c<\/p>\n<p>Die ihm bislang angehefteten Etiketten \u2013 \u201eHitler-Stil\u201c, \u201eNS-Rhetorik\u201c, \u201eGoebbels-Dracula\u201c \u2013 greifen offenkundig zu kurz. Der Mann im blauen Dinnerjacket ist ein politisch geschulter Akteur; Politikwissenschaft und Soziologie habe er studiert, sagt er dem \u201eStandard\u201c. Er spricht von Persona, C. G. Jung, von einer Maske, die mehr offenbart als sie verbirgt. F\u00fcr ihn war dieser Auftritt kein Kontrollverlust \u2013 Eichwald stellt ihn ausdr\u00fccklich als bewusst geplant dar.<\/p>\n<p>Doch seine eigentliche Motivation bleibt erstaunlich blass. Weidels Gleichsetzung von Hitler und Stalin sei f\u00fcr ihn als Russlanddeutschen ein \u201eSchlag ins Gesicht\u201c gewesen \u2013 eine historische Verzerrung, die in seiner Wahrnehmung sowohl den Vernichtungskrieg gegen die slawischen V\u00f6lker als auch die \u201eLebensraum-im-Osten\u201c-Politik relativiere. Biografisch ist dieser Impuls nachvollziehbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wirkung seines Auftritts jedoch ist er nahezu irrelevant. Die Motivation erkl\u00e4rt den Ton \u2013 aber nicht den Moment. Entscheidend ist nicht, was Eichwald meinte, sondern was durch ihn sichtbar wurde.<\/p>\n<p>Die AfD zeigt eine klare Abwehrhaltung \u2013 und er\u00f6ffnet damit neue Einblicke<\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Rede begannen AfD-Funktion\u00e4re, sich von Eichwald zu distanzieren. Der frisch gew\u00e4hlte Bundesjugendvorsitzende Jean-Pascal Hohm sagte noch am selben Tag: \u201eEgal ob linker Provokateur, V-Mann oder einfach verr\u00fcckt \u2013 wer so auftritt, hat in der AfD und ihrer Jugendorganisation nichts verloren.\u201c Tino Chrupalla erkl\u00e4rte wenig sp\u00e4ter, Eichwald habe in der Partei keinen Platz; er solle austreten oder ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Die einfachste AfD-L\u00f6sung: Abschieben. Keine Analyse, kein Diskurs.<\/p>\n<p>Eichwald hingegen zeigt demonstrativ seinen Parteiausweis, bezeichnet sich als AfD-Anh\u00e4nger und m\u00f6chte ersichtlich bleiben.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte sich einen anderen Umgang gew\u00fcnscht: \u201eWenn die AfD politische Strategen h\u00e4tte, dann h\u00e4tten die angerufen und gesagt, Hallo Herr Eichwald, bitte, wir k\u00f6nnen das kl\u00e4ren, aber wir danken Ihnen daf\u00fcr, dass Sie mit Ihrer Rede die ganze Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, weg von den anderen gew\u00e4hlten Mitgliedern des Bundesvorstandes der Generation Deutschland, von denen etliche gesicherte Rechtsextreme sind.\u201c<\/p>\n<p>Der Eklat erkl\u00e4rt sich weniger durch Eichwalds Worte als durch jene, die neben ihm gesprochen wurden. Denn andere Redner waren an diesem Tag unmissverst\u00e4ndlicher.<\/p>\n<p>Abschieben \u2013 dass die Startbahnen gl\u00fchen<\/p>\n<p>Kevin Dorow forderte, die Jugendorganisation m\u00fcsse zu einer \u201eKaderschmiede\u201c werden, \u201eein Ort, an dem junge Menschen mit rechten Prinzipien durchdrungen werden (\u2026) Und diese Jugendorganisation (\u2026) wird die Speerspitze der jungen Rechten in Deutschland sein.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr eine weitere Passage pr\u00fcft die Justiz nun ein strafrechtliches Verfahren wegen Dorows Sekund\u00e4rzitats eines Hitlerjugend-Spruchs: \u201eJugend muss durch Jugend gef\u00fchrt werden.\u201c<\/p>\n<p>Julia Gehrckens erkl\u00e4rte Feminismus zur \u201egeisteskranken und b\u00f6sartigen Ideologie\u201c und sagte: \u201eNur millionenfache Remigration sch\u00fctzt unsere Frauen und Kinder.\u201c Mio Trautner verlangte, es m\u00fcsse nun endlich so weit sein, \u201edass die Abschiebungen im Land starten, dass die Startbahnen in Deutschland gl\u00fchen\u201c. Helmut Stauf brachte es auf die Formel: \u201eWir m\u00fcssen abschieben, abschieben, abschieben, bis Deutschland wieder Heimat wird.\u201c<\/p>\n<p>Diese Reden waren kein Randprogramm \u2013 sie bildeten den programmatischen Kern dieses Gr\u00fcndungskongresses. Und dennoch ist es Eichwald, dem jetzt die T\u00fcr gewiesen werden soll. Doch er war nicht der Ausrei\u00dfer. Er war der Spiegel. Und kein politisches Projekt vertr\u00e4gt es, sein eigenes Spiegelbild so ungefiltert pr\u00e4sentiert zu bekommen.<\/p>\n<p>Ein Weckruf f\u00fcr Deutschland<\/p>\n<p>F\u00fcr B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger kann der Fall Eichwald ein aufschlussreicher Moment sein \u2013 sofern man bereit ist, den Gr\u00fcndungskongress der \u201eGeneration Deutschland\u201c genauer zu betrachten und nicht vorschnell weiterzugehen. Er macht sichtbar, wie weit Teile der AfD-Jugend ideologisch positioniert sind und mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit diese Positionen inzwischen \u00f6ffentlich vertreten werden.<\/p>\n<p>Der Blick l\u00e4sst sich dabei verschieben: weg von der Person Eichwald, hin zu den Reaktionen. Sie erz\u00e4hlen von inneren Grenzlinien, von dem, was sagbar ist \u2013 und von dem, was erst dann irritiert, wenn es anders ausgesprochen wird.<\/p>\n<p>Dass Eichwalds Auftritt Beachtung und Analyse verdient, liegt weniger an seinen Antworten als an seinen Zumutungen. Der Gr\u00fcndungskongress der \u201eGeneration Deutschland\u201c und die Persona Eichwald sendet so einen radikalen Weckruf durchs Land \u2013 deutlich genug, um geh\u00f6rt zu werden, offen genug, um unterschiedlich gelesen zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit dem Gr\u00fcndungskongress der AfD-Jugendorganisation \u201eGeneration Deutschland\u201c sorgt eine Rede f\u00fcr anhaltende Irritationen. 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