{"id":666278,"date":"2025-12-23T08:09:14","date_gmt":"2025-12-23T08:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/666278\/"},"modified":"2025-12-23T08:09:14","modified_gmt":"2025-12-23T08:09:14","slug":"horrorunfall-auf-saudi-flug-162-in-8800-metern-hoehe-wurden-zwei-kinder-aus-dem-jet-gesaugt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/666278\/","title":{"rendered":"Horrorunfall auf Saudi-Flug 162: In 8800 Metern H\u00f6he wurden zwei Kinder aus dem Jet gesaugt"},"content":{"rendered":"<p>Es ging um nur knapp einen Millimeter: Ein Flansch am Fahrwerk des 54 Meter langen Gro\u00dfraumflugzeugs Tristar war 0,47 statt 0,49 Zoll stark. Das kostete kurz vor Weihnachten 1980 zwei Menschen das Leben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Alles war normal an Bord von Flug Saudi Arabian Airlines 162 von Dschidda am Roten Meer \u00fcber Dhahran am Persischen Golf nach Karatschi in Pakistan. Mit 244 Passagieren sowie 20 Besatzungsmitgliedern war die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.globalsecurity.org\/military\/systems\/aircraft\/l-1011.htm\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.globalsecurity.org\/military\/systems\/aircraft\/l-1011.htm&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Lockheed L-1011<\/a> am 22. Dezember 1980 um 22.30 Uhr Ortszeit im Osten Saudi-Arabiens gestartet und hatte um 0.29 Uhr ohne Zwischenf\u00e4lle die Zwischenlandung in Dhahran absolviert. W\u00e4hrend dort 60 Passagiere ausstiegen und 87 hinzukamen, wurde der dreistrahlige Gro\u00dfraumjet mit der Kennung <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.jetphotos.com\/registration\/HZ-AHJ\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.jetphotos.com\/registration\/HZ-AHJ&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">HZ-AHJ <\/a>aufgetankt.  Gegen 1.51 Uhr hob die Maschine wieder ab und bekam das \u201eFlight level 330\u201c zugewiesen, also eine Flugh\u00f6he von zehn Kilometern. Die gesch\u00e4tzte Flugdauer zum Ziel betrug eine Stunde und 52 Minuten.<\/p>\n<p>Doch genau um 2.12 Uhr kam es zu einem in der zivilen Luftfahrt sehr seltenen Vorgang: Schlagartig sank der Druck in der Kabine \u2013 in einer H\u00f6he von fast neun Kilometern. Metall- und Gummist\u00fccke schossen beschleunigt von der explosionsartigen Dekompression durch die Kabine und verletzten mehrere Menschen. Schlimmer noch: In den Fu\u00dfboden wurde ein l\u00e4ngliches Loch von knapp einem halben Quadratmeter Gr\u00f6\u00dfe gerissen. <\/p>\n<p>Durch dieses Loch wurden ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen und ein anderthalbj\u00e4hriger Junge aus dem Rumpf gezogen; offenbar waren beide nicht (mehr) angeschnallt, obwohl das Flugzeug noch im Steigflug war. Sie st\u00fcrzten in die internationalen Gew\u00e4sser des Golfs von Bahrain, \u00fcber denen Saudi Flug 162 gerade auf \u201eFlight level 290\u201c (etwa 8800 Meter) flog; ihre Leichen wurden nie gefunden.<\/p>\n<p>Die Cockpitbesatzung (in der Tristar au\u00dfer Pilot und Copilot noch ein Flugingenieur) l\u00f6ste sofort die Sauerstoffmasken f\u00fcr die Passagiere aus und leitete den Notsinkflug ein; dann entschied Kapit\u00e4n Fouad Zaghabah, eine Notlandung auf dem Flughafen Doha zu versuchen. Doch als die Cockpitcrew versuchte, die Maschine vorzubereiten, zeigte sich: Die Landeklappen, die (zulasten des Luftwiderstandes) den Auftrieb erh\u00f6hen und damit die notwendige Landegeschwindigkeit reduzieren, wollten nicht ausfahren. Also musste auch die Hydraulik der Maschine schwer besch\u00e4digt sein.<\/p>\n<p>Zaghabah lie\u00df 16 Tonnen Treibstoff ab, um das Landegewicht zu reduzieren. Immerhin konnten sein Kollege und er die Querruder und das Fahrwerk regul\u00e4r bedienen. Um 2.48 Uhr setzte die L-1011 auf und bremste, dann lenkten die Piloten das Flugzeug auf das leere Vorfeld, stoppten, schalten die Triebwerke aus und befahlen der Kabinenbesatzung, die Passagiere \u00fcber die Notrutschen zu evakuieren.<\/p>\n<p>Doch \u2013 der n\u00e4chste Schreck: Die Notrutschen konnten nicht aufgeblasen werden, es fehlte der notwendige Druck. Eiligst fuhr die Bodencrew Treppen an die T\u00fcren der Tristar heran, \u00fcber die 284 Menschen unverletzt und f\u00fcnf weitere leicht verletzt evakuiert werden konnten. Das M\u00e4dchen und der kleine Junge blieben die einzigen Todesopfer.<\/p>\n<p>Das war eine Erleichterung, denn nur vier Monate zuvor war eine Tristar nach einer gegl\u00fcckten Notlandung wegen Feuers an Bord am Boden total ausgebrannt; alle 301 Menschen an Bord starben. Daraufhin hatte die Fluglinienleitung alle Mitarbeiter durch ein hartes Trainingsprogramm geschickt und sie die Sicherheitsvorschriften pauken lassen. Das bew\u00e4hrte sich an diesem fr\u00fchen Morgen des 23. Dezember 1980: Cockpit- und Kabinencrew reagierten vorschriftsm\u00e4\u00dfig und vermieden dadurch (noch) Schlimmeres.<\/p>\n<p>Sofort begannen die technischen Untersuchungen, um die Ursachen des Unfalls aufzukl\u00e4ren. Dabei stellte sich heraus, dass weder der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article163140933\/Zivile-Luftfahrt-Die-groesste-Flugkatastrophe-kostete-583-Menschenleben.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article163140933\/Zivile-Luftfahrt-Die-groesste-Flugkatastrophe-kostete-583-Menschenleben.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stimmenrekorder<\/a> im Cockpit noch der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article145367989\/August-1985-Der-Monat-in-dem-vier-Passagierflieger-abstuerzten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article145367989\/August-1985-Der-Monat-in-dem-vier-Passagierflieger-abstuerzten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Flugdatenschreiber<\/a> funktioniert hatten; die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Versagen blieben ungekl\u00e4rt. Beides war schlecht, aber nicht lebensgef\u00e4hrlich. <\/p>\n<p>Die US-amerikanische Beh\u00f6rde f\u00fcr die Untersuchung von Verkehrsunf\u00e4llen aller Art, das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.ntsb.gov\/Pages\/home.aspx\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.ntsb.gov\/Pages\/home.aspx&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">National Transportation Safety Board<\/a> (NTSB), \u00fcbernahm die Leitung; das war selbstverst\u00e4ndlich, weil es sich um ein technisches Versagen eines in den USA hergestellten Flugzeuges handelte. Trotz der Weihnachtstage und des Jahreswechsels fanden die eingeflogenen Experten binnen kurzem heraus, was geschehen war; ihre Empfehlungen datierten vom 6. Januar 1981.<\/p>\n<p>Die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.ntsb.gov\/safety\/safety-recs\/recletters\/A81_1_5.pdf\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.ntsb.gov\/safety\/safety-recs\/recletters\/A81_1_5.pdf&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">NSTB-Analyse<\/a> zeigte, wie es zum Unfall gekommen war. Verantwortlich war ein Teil  des inneren Radflansches des Hauptfahrwerks im Flug, der beim Start gebrochen und in den Rumpf eingeschlagen war. Dadurch kam es zu erheblichen Sch\u00e4den an den Flugsteuerungs-, Elektro- und Hydrauliksystemen sowie der Flugzeugstruktur. Die explosionsartige Dekompression der Kabine w\u00e4hrend des Steigfluges war die Folge. <\/p>\n<p>Schnell hatte sich herausgestellt, dass Materialerm\u00fcdung bei R\u00e4dern aus der Produktionsserie P\/N 3-1311 im Fahrwerk von Tristar-Maschinen bekannt waren, weshalb alle US-Fluggesellschaften auf R\u00e4der aus der an sich st\u00e4rker dimensionierten Serie P\/N 3-1365 umgestiegen waren. Jedoch gab es eine fr\u00fche Charge von R\u00e4dern mit der Teilenummer P\/N 3-1365, die hinsichtlich Abmessungen und Material mit den R\u00e4dern mit der Teilenummer P\/N 3-1311 identisch waren. Erst sp\u00e4tere \u00c4nderungen an den technischen Spezifikationen f\u00fchrten zur Verst\u00e4rkung der R\u00e4der mit der Teilenummer 3-1365 durch dickere Au\u00dfenflansche \u2013\u00a0offiziell ab der Baunummer 165.<\/p>\n<p>Das gebrochene Rad der Ende M\u00e4rz 1979 ausgelieferten, nur anderthalb Jahre sp\u00e4ter also fast neuen Tristar HZ-AHJ trug die Seriennummer P\/N 3-1365-185, h\u00e4tte also eigentlich den neuen Spezifikationen entsprechen sollen. Tats\u00e4chlich aber war der Flansch etwas weniger als 0,47 Zoll stark, h\u00e4tte aber mindestens 0,49 Zoll haben sollen. Nur ein winziger Unterschied (11,938 zu 12,446 Millimeter), aber offenbar entscheidend.<\/p>\n<p>Das NTSB empfahl der US-Luftfahrtbeh\u00f6rde Federal Aviation Administration (FAA), die weitere Nutzung der L-1011 abh\u00e4ngig zu machen von einer \u00dcberpr\u00fcfung der R\u00e4derflansche auf Erm\u00fcdungsbr\u00fcche. Beim n\u00e4chsten regul\u00e4ren Reifenwechsel, sp\u00e4testens aber innerhalb der n\u00e4chsten 20 \u201eZyklen\u201c (also Starts und Landungen) sollten zudem alle Flansche mit weniger als der Mindestst\u00e4rke von 0,49 Zoll aussortiert werden. Wie \u00fcblich folgte die FAA der Empfehlung und informierte alle Luftfahrtbeh\u00f6rden, in deren L\u00e4ndern das Muster im Einsatz war. <\/p>\n<p>Das war eine pragmatische Entscheidung: Das gebrochene Rad der Tristar HZ-AHJ war 28 \u201eZyklen\u201c vor dem Bruch untersucht und f\u00fcr einwandfrei befunden worden \u2013 wobei allerdings nicht die Dicke des Flansches gemessen worden war, weil die Teile aus der Serie P\/N 3-1365 als hinreichend dimensioniert galten.<\/p>\n<p>Die beim Unfall schwer besch\u00e4digte L-1011 wurde \u00fcbrigens zun\u00e4chst provisorisch geflickt und dann zu Lockheed nach Kalifornien geflogen, wo man sie grundlegend reparierte. Anschlie\u00dfend kehrte das Flugzeug zur\u00fcck in den Dienst bei Saudi Arabian Airlines und blieb in Nutzung bis zur Ausmusterung 1999; vielfach landete sie auch auf europ\u00e4ischen Flugh\u00e4fen. 2008 verschrottete man das zwischenzeitlich eingemottete Flugzeug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ging um nur knapp einen Millimeter: Ein Flansch am Fahrwerk des 54 Meter langen Gro\u00dfraumflugzeugs Tristar war&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":666279,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[155290,13,79858,65428,14,15,12,103132,10,8,9,11,103,104],"class_list":{"0":"post-666278","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-welt","8":"tag-flugzeugungluecke-ks","9":"tag-headlines","10":"tag-lockheed-martin","11":"tag-luftverkehr-ks","12":"tag-nachrichten","13":"tag-news","14":"tag-schlagzeilen","15":"tag-technikgeschichte-ks","16":"tag-top-news","17":"tag-top-meldungen","18":"tag-topmeldungen","19":"tag-topnews","20":"tag-welt","21":"tag-world"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115767867058542083","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/666278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=666278"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/666278\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/666279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=666278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=666278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=666278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}