{"id":668525,"date":"2025-12-24T07:11:42","date_gmt":"2025-12-24T07:11:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668525\/"},"modified":"2025-12-24T07:11:42","modified_gmt":"2025-12-24T07:11:42","slug":"spielfilm-die-juengste-tochter-im-kino-jung-muslimisch-lesbisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668525\/","title":{"rendered":"Spielfilm \u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c im Kino: Jung, muslimisch, lesbisch"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Zuerst ist da nur das Ger\u00e4usch: Wasser, das gleichm\u00e4\u00dfig ins Waschbecken rinnt. Dann mischt sich eine Stimme dazu, leise sprechend. \u201eIm Namen Allahs\u201c, sagt sie. Eine junge Frau steht vor dem Spiegel, von hinten gesehen, das lange Haar dunkel und schwer, vom d\u00fcrftigen Licht eines kargen Badezimmers umrahmt. Die Kamera n\u00e4hert sich ihr behutsam.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Ihre H\u00e4nde gleiten durchs Wasser, \u00fcber die Handfl\u00e4chen, die Unterarme, in einer Abfolge von rituellen Gesten, die der Reinheit dienen sollen. Mit noch nassen Fingern streicht sie das Haar aus dem Gesicht, legt es zur\u00fcck. Der Blick im Spiegel h\u00e4lt sich selbst stand, ist klar, konzentriert und unerwartet streng.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Einen Schnitt darauf ist sie verh\u00fcllt. Dieselbe junge Frau ist nun im Hidsch\u0101b und dunklem Gebetskleid zu sehen. Ihr markantes Profil hebt sich vom bl\u00e4ulichen Morgenlicht ab. Der Muezzin ruft. Sie geht in ihrem Jugendzimmer auf die Knie, sinkt auf den Gebetsteppich.<\/p>\n<p>      Im Tanktop am Fenster<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">Sp\u00e4ter steht sie im Tanktop am Fenster. Der melancholische Blick wandert nach drau\u00dfen, vorbei an wei\u00dfen Hochhausbauten einer Banlieue von Paris. Fatima (Nadia Melliti) ist siebzehn Jahre alt, Tochter algerischer Einwanderer, gl\u00e4ubige Muslima. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie begreift, dass sie sich zu Frauen hingezogen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">\u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c. Regie: Hafsia Herzi. Mit Nadia Melliti, Park Ji-Min u.a. Frankreich\/ Deutschland 2025, 108 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Mehr als die Er\u00f6ffnungssequenz und ein paar solcher biografischen Daten braucht es nicht, um sich auszumalen, was f\u00fcr ein Film daraus h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Man erwartet den vertrauten Parcours: das strenge Elternhaus, die heimlich gelebte Sehnsucht, die erste verbotene Liebe, das (unfreiwillige) Coming-out als dramatischer Kulminationspunkt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Erz\u00e4hlt in Szenen des Ringens und der Tr\u00e4nen, der Schuld und des Streits und vielleicht sogar der Gewalt. Religion als starres System, Familie als Gegenkraft, Herkunft als Hindernis und Freiheit als etwas, das nur durch Flucht zu haben ist. Ein Film, der Konflikte so lange zuspitzt, bis sie moralisch sortiert, didaktisch verwertet und bequem abgelegt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">In der Rezeption w\u00e4re man sich schnell einig: ein \u201ewichtiges\u201c Werk, bereitwillig abgenickt und f\u00fcr seinen vermeintlichen Mut gelobt \u2013 eines, das insgeheim aber niemanden so richtig bewegt, weil es auf einfache Schemata setzt, wo es die Zumutung von Komplexit\u00e4t br\u00e4uchte, um menschlicher Erfahrung und damit dem, was Kino erst zu Kunst macht, nahezukommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Anders ausgedr\u00fcckt: Man glaubt ihn schon zu kennen, diesen Film, noch bevor er richtig begonnen hat. Doch \u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c entzieht sich der Bequemlichkeit, die Geschichte einer Selbstfindung in ein effektheischendes Narrativ zu verwandeln. Der franz\u00f6sischen Filmemacherin Hafsia Herzi gelingt mitunter gerade dadurch ein Beitrag zum lesbischen Kino mit Ereignischarakter, weil er Fatimas Geschichte nicht zum Ereignis macht.<\/p>\n<p>      Fr\u00fchling, Sommer und Winter in Paris<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Im Laufe der Jahreszeiten, in die der Film unterteilt ist, vom Fr\u00fchling des einen bis hin zu dem des n\u00e4chsten Jahres, fallen Erkenntnisse niemals pl\u00f6tzlich, und Entscheidungen werden nicht dramatisch zugespitzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Stattdessen folgt der Film den kleinen Verschiebungen im Alltag seiner au\u00dfergew\u00f6hnlichen Protagonistin, zun\u00e4chst am Gymnasium und auf dem Schulhof, wo Fatima \u2013 in Bomberjacke, Kapuzenpullover und Cargohosen gekleidet, rauchend \u2013 ein zur\u00fcckhaltender, zugleich selbstverst\u00e4ndlicher Teil einer rein m\u00e4nnlichen Clique ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Es ist wom\u00f6glich ein beil\u00e4ufiger Kommentar eines schwulen Mitsch\u00fclers, der Fatimas Reflexionsprozess \u00fcber ihr Begehren in Bewegung setzt, als er ihren Freunden \u2013 nach einer homofeindlichen Bemerkung \u2013 entgegenschleudert, ob sie denn nicht w\u00fcssten, dass sie selbst mit einer Lesbe abhingen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Das Ergr\u00fcnden dieses Begehrens erz\u00e4hlt \u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c vor allem in Blicken, Pausen, Haltungen, Momenten, in denen etwas noch keinen Namen hat. Dass selbst das Unspektakul\u00e4re dabei eine eigent\u00fcmliche Spannung entfaltet, ist vor allem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Filmfestspiele-in-Cannes\/!6088828\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nadia Melliti zu verdanken, einer Laiendarstellerin, die bei den diesj\u00e4hrigen Filmfestspielen von Cannes \u00fcberraschend, aber vollkommen zurecht, als \u201ebeste Schauspielerin\u201c ausgezeichnet wurde<\/a>.<\/p>\n<p>      Pose der Unber\u00fchrbarkeit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">J\u00e9r\u00e9mie Attards Kamera kehrt immer wieder zu ihrem Gesicht zur\u00fcck, verharrt dort, als lie\u00dfe sich darin etwas Entscheidendes ablesen. Ein Anflug von Trotz etwa, eine Spur der Sch\u00fcchternheit, Regungen, die sich zeigen, obwohl Fatima alles daransetzt, sie nicht preiszugeben. Ihr Mund formt beinahe genauso selten Worte wie ein echtes Lachen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Nicht etwa, weil Fatima m\u00fcrrisch, hart oder bitter w\u00e4re. Vielmehr hat sie sich eine Attit\u00fcde angeeignet, wie man sie sonst vor allem von gleichaltrigen Jungs kennt. Was leicht als L\u00e4ssigkeit gelesen wird, verbirgt eine einengende Vorsicht. Sie tr\u00e4gt diese \u00fcbersteigerte Pose der Unber\u00fchrbarkeit vor sich her, wenn ihr muslimischer \u201ePartner\u201c von einer gemeinsamen Zukunft spricht, und gleicherma\u00dfen beim ersten Treffen mit einer Frau (Sophie Garagnon), die sie \u00fcber eine Dating-App kennengelernt hat.<\/p>\n<p class=\"typo-teaser-text mgt-xsmall\">\nWir w\u00fcrden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden,<br \/>\nob Sie dieses Element auch sehen wollen:\n<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Bildschirmfoto-2025-12-22-11-24-20.png\" loading=\"lazy\" height=\"1181\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"18\">Die Unsicherheit aber bricht sich immer wieder Bahn, auch in dieser Szene, die zu den z\u00e4rtlichsten des Filmes geh\u00f6rt. Als ihr Date sie im Auto abholt, lotst Fatima sie zu einem abgelegenen Parkplatz \u2013 entgegen dem selbstsicheren Auftreten, das sie zur Schau stellt, doch nicht etwa, um sich n\u00e4herzukommen. Sie m\u00f6chte reden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"19\">Die andere, deutlich \u00e4ltere Frau nimmt die skurrile Situation mit Humor, spricht offen \u00fcber sexuelle Praktiken, dar\u00fcber, wie man eine Frau liebt, was im Allgemeinen gef\u00e4llt und was m\u00f6glich ist. Fatima h\u00f6rt zu, \u00e4u\u00dferlich gefasst, beinahe reglos, stellt jedoch neugierige Fragen \u2013 als w\u00fcrde sich vor ihr ein Raum \u00f6ffnen, f\u00fcr den sie bislang keine Sprache hatte.<\/p>\n<p>      Begehren als Erkenntnisprozess<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"21\">Gerade darin liegt das zweite Ereignis von \u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c, das wegen des ersten \u2013 dem unaufgeregten Erz\u00e4hlen \u00fcber eine junge Frau, die zugleich gl\u00e4ubige Muslima und lesbisch ist \u2013 umso mehr \u00fcberrascht: Hafsia Herzi inszeniert ihren Film mit einer selbstverst\u00e4ndlichen Sinnlichkeit und k\u00f6rperlichen Direktheit, die im lesbischen Kino leider nach wie vor selten ist. Sexualit\u00e4t wird nicht umgangen oder verk\u00fcrzt, sondern als treibende Kraft einer Selbstann\u00e4herung ernst genommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"22\">Fatima beginnt, mit tief ins Gesicht gezogenem Basecap, Frauen in queeren Bars zu treffen, sammelt erste, fl\u00fcchtige Erfahrungen, begegnet schlie\u00dflich Ji-Na (Park Min-ji), einer jungen Koreanerin, mit der sie erstmals Verbindlichkeit erlebt \u2013 und mit ihr auch Entt\u00e4uschung und Liebeskummer.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"23\">Fatima reagiert darauf nicht mit R\u00fcckzug, sondern mit Bewegung: weiteren Begegnungen auf Studentenpartys, kurzen Allianzen, unter anderem mit einem erfahrenen, in einer offenen Beziehung lebenden lesbischen Paar (Mouna Soualem und Jade Fehlmann). Der Film bleibt dar\u00fcber nah an ihr, ohne zu dramatisieren, interessiert an dem Prozess, der sich im Inneren abspielt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"24\">Auch den Konflikt mit ihrem Glauben erz\u00e4hlt \u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c auf diese Weise: introspektiv, ohne die bequeme Figur eines strafenden oder belehrenden Patriarchen aufzubieten. Fatimas Zuhause, das Leben mit ihren Eltern und beiden Schwestern wird, auch wenn tradierte Rollenvorstellungen durchaus durchscheinen, mit einer wohltuenden Allt\u00e4glichkeit gezeigt.<\/p>\n<p>      Ohne Patriarch, ohne Urteil<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-31\" pos=\"26\">Den Imam sucht Fatima dementsprechend aus eigenem Antrieb auf, schildert ihre eigene Situation als die einer \u201eFreundin\u201c und erh\u00e4lt die erwartbare Antwort: dass sie in S\u00fcnde lebe, sich weiblicher geben, einen Mann finden solle. Der Film registriert diese Worte mit seiner Protagonistin, ohne sie zu kommentieren \u2013 und ohne sie zur finalen Instanz zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-32\" pos=\"27\">Am Ende steht keine Entscheidung im klassischen Sinn. Fatima kehrt weder ihrem Glauben noch ihrem Begehren den R\u00fccken, sondern sucht nach einer eigenen Form, in der beides nebeneinander existieren kann, das Gebet ebenso wie eine selbstbewusst gelebte Identit\u00e4t. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Internationaler-Literaturpreis-verliehen\/!5783447\/\" class=\"link in-text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie j\u00fcngste Tochter\u201c, der auf dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas<\/a> basiert, weigert sich, die Dinge in einem bevormundenden Gestus f\u00fcr das Publikum aufzul\u00f6sen, als br\u00e4uchte es die Eindeutigkeit, um mit dieser Geschichte umgehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-33\" pos=\"28\">Dadurch begegnet der Film auch seiner Protagonistin selbst nie mit Paternalismus. Hafsia Herzi agiert mit Z\u00e4rtlichkeit, aber ohne Fatimas Leben auf etwas zu reduzieren, das vor allem nach Mitgef\u00fchl verlangt. Vielleicht, weil die Filmemacherin darum wei\u00df, dass Mitgef\u00fchl manchmal nichts anderes bedeutet als die sanfteste Form der Dem\u00fctigung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zuerst ist da nur das Ger\u00e4usch: Wasser, das gleichm\u00e4\u00dfig ins Waschbecken rinnt. 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