{"id":668627,"date":"2025-12-24T08:17:20","date_gmt":"2025-12-24T08:17:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668627\/"},"modified":"2025-12-24T08:17:20","modified_gmt":"2025-12-24T08:17:20","slug":"feier-mit-schwerkrankem-kind-heilig-abend-im-kinderhospiz-ich-kann-die-zeit-ganz-anders-geniessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668627\/","title":{"rendered":"Feier mit schwerkrankem Kind: Heilig Abend im Kinderhospiz \u2013 \u201eIch kann die Zeit ganz anders genie\u00dfen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kerzenschein, Geschichten und W\u00e4rme: Im Stuttgarter Kinderhospiz feiern Familien und Mitarbeitende gemeinsam Weihnachten. Eine Mutter erz\u00e4hlt, wie dieser Ort ihr Kraft gibt.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer roter Stern leuchtet drau\u00dfen am Stuttgarter Kinder- und Jugendhospiz. Drinnen stehen Wichtel und kleine Tannenb\u00e4ume auf den Fensterb\u00e4nken. Das ganze Haus ist weihnachtlich geschm\u00fcckt. Im Speisesaal brennen Kerzen. Hier feiern sie an Heiligabend gemeinsam: die erkrankten G\u00e4ste, ihre Geschwister und Eltern, die Mitarbeitenden. <\/p>\n<p>Um kurz vor 16 Uhr wird die Sozialp\u00e4dagogin Anne Bartels mit ihrer Kollegin an diesem Nachmittag die gespendeten Geschenke aus dem Zimmer im oberen Stock holen und im Saal unter den Weihnachtsbaum legen, sie mit einer Decke bedecken, bevor alle zusammenkommen. Die 61-j\u00e4hrige Hospiz-Mitarbeiterin freut sich schon seit Tagen auf die Feierlichkeiten. Sie ist <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Weihnachten\" title=\"Weihnachten\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Weihnachten<\/a> zwar auch sehr gerne zu Hause bei der Familie, aber sie hat eben auch sehr gerne an Heiligabend Dienst. Weihnachten im Kinderhospiz sei \u201esehr sch\u00f6n\u201c. Sie bildeten eine gro\u00dfe Gemeinschaft, niemand m\u00fcsse sich erkl\u00e4ren. \u201eDa gehe ich oft beseelt nach Hause.\u201c <\/p>\n<p>Besuch des Festgottesdienstes w\u00e4re zu trubelig f\u00fcr viele erkrankte Kinder <\/p>\n<p>Anne Bartels hat alles zusammen, was sie f\u00fcr die Weihnachtsgeschichte braucht, die sie beim Beisammensein mit den Familien an diesem 24. Dezember anhand von Bildertafeln erz\u00e4hlt \u2013 und mithilfe von viel Material: N\u00e4gel und Holz, Stroh und Sand, eine Babypuppe. Die Geschichte soll ein Erlebnis sein \u2013 f\u00fcr die gesunden Kinder wie f\u00fcr ihre erkrankten Geschwister, f\u00fcr die ein Besuch beim trubeligen Festgottesdienst in der Kirche meist gar nicht m\u00f6glich w\u00e4re. <\/p>\n<p>\u201eWir versuchen, mit allen Sinnen zu spielen\u201c, erkl\u00e4rt Anne Bartels. Sie hat sogar an eine W\u00e4rmflasche gedacht, um den Sand zu erw\u00e4rmen. Als w\u00e4re es echter W\u00fcstensand, in den die Kinder ihre Finger tauchen k\u00f6nnen. Die Kinder sollen die Geschichte miterleben, auch wenn sie diese wegen ihrer Beeintr\u00e4chtigung nicht begreifen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.d26f77cb-084c-4dca-976e-84fb22fcc26e.original1024.media.jpeg\"\/>     Anne Bartels probt die Weihnachtsgeschichte.    Foto: Viola Volland    <\/p>\n<p>Bis zu acht Familien k\u00f6nnen zeitgleich im Stuttgarter Kinderhospiz sein und hier Kraft sch\u00f6pfen. \u00dcber Weihnachten sind sechs G\u00e4ste mit ihren Angeh\u00f6rigen da, darunter auch eine junge Frau, die keinen Pflegedienst f\u00fcr die Feiertage gefunden hat, und ein Kind mit seiner alleinerziehenden Mutter. Manche sind erst kurz vorher angereist, andere haben sich schon l\u00e4nger eingelebt. In den Vortagen haben Geschwisterkinder Pl\u00e4tzchen gebacken und waren auf dem Weihnachtsmarkt. <\/p>\n<p>\u201eAn Weihnachten ist immer eine ganz besondere Atmosph\u00e4re\u201c, sagt auch Michaela M\u00fcller, die Leiterin des station\u00e4ren Kinderhospizes. Sie rechnet in diesem Jahr nicht mit einem Abschied wie 2018, als ein Kind an Heiligabend verstarb. F\u00fcr manche Familien sei es aber vielleicht das letzte gemeinsame Weihnachtsfest. Die Kinder, die ins Hospiz kommen, haben eine lebenszeitverk\u00fcrzende Erkrankung oder Behinderung. Und doch, betont sie, sei die Stimmung nicht schwer, nicht gedr\u00fcckt, sondern \u201esehr fr\u00f6hlich\u201c. <\/p>\n<p>So hat es auch Judith Sch\u00e4chterle empfunden. Die 50-j\u00e4hrige Alleinerziehende f\u00fchlt sich an Weihnachten mit ihren beiden Kindern geborgen im Hospiz, das f\u00fcr sie seit Jahren eine besondere Zuflucht ist. Sie kommt unterm Jahr zur Entlastung in die Einrichtung und wenn m\u00f6glich jedes zweite Weihnachten. Es ist der einzige Ort, an dem sie zur Ruhe kommen, ausschlafen und Luft holen kann. Andere w\u00fcrden in den Urlaub fahren, sie f\u00e4hrt aus T\u00fcbingen ins Hospiz. <\/p>\n<p> Gendefekt f\u00fchrt zu schweren epileptischen Anf\u00e4llen  <\/p>\n<p>Judith Sch\u00e4chterles Sohn Kiron wurde vor zw\u00f6lf Jahren mit einem sehr seltenen Gendefekt geboren, den man KCNT1-Mutation nennt. Die Mutation f\u00fchrt zu schweren epileptischen Anf\u00e4llen, die vor allem nachts auftreten. In den anstrengendsten Zeiten hatte er 80 bis 100 Anf\u00e4lle pro Tag. Seine Mutter erhielt damals kaum Unterst\u00fctzung, musste die N\u00e4chte selbst abdecken. Nach langem Kampf und gr\u00f6\u00dfter Ersch\u00f6pfung ist heute zum Gl\u00fcck in der Regel immer ein Nachtdienst bei ihr zu Hause, und auch die Anf\u00e4lle sind seltener geworden. <\/p>\n<p>Kiron hat einen sehr niedrigen Muskeltonus und kann deshalb seinen K\u00f6rper nicht halten, wodurch seine Wirbels\u00e4ule immer st\u00e4rker verkr\u00fcmmt. Er kann entsprechend auch nicht zum L\u00f6ffel greifen und ihn zum Mund f\u00fchren. Er ist ein ruhiger Junge, der nicht spricht und nicht weint. Judith Sch\u00e4chterle nennt ihn ihren \u201ekleinen Buddha.\u201c Aber er zeigt, wenn er etwas nicht mag. Sp\u00fcrt er die Zahnb\u00fcrste im Mund, wirft er den Kopf hin und her. Wenn er sich sonst st\u00e4rker bewegt, hat er meistens einen Anfall. <\/p>\n<p> Video ist ein Schatz f\u00fcr alle, die ihn lieben  <\/p>\n<p>Judith Sch\u00e4chterle zeigt ein r\u00fchrendes Video, auf dem ihr Sohn in ihrem Arm liegt und lautiert. Wie ein V\u00f6gelchen macht er den Mund auf und zu, st\u00f6\u00dft mehrfach den Laut \u201eAn\u201c aus \u2013 bis man ihn ganz deutlich \u201eAn-ja\u201c sagen h\u00f6rt. Ein besonderer Moment. Eine seiner Pflegerinnen hei\u00dft Anja. Nicht, dass er es bewusst gesagt haben kann, aber das ist nicht wichtig. Das Video ist ein Schatz f\u00fcr alle, die ihn kennen und lieben. <\/p>\n<p>Die Mutter wei\u00df nicht, ob ihr Sohn eine Vorstellung davon hat, wer sie selbst eigentlich ist. Aber Stimmungen k\u00f6nne er wahrnehmen. Und er sp\u00fcrt den Unterschied, ob seine H\u00e4nde in Sand oder Wasser tauchen, das Element, das er besonders mag. <\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Kinder wie Kiron macht sich Anne Bartels solch eine gro\u00dfe M\u00fche. Der Junge war 2024 das letzte Mal \u00fcber Weihnachten mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Vater, der getrennt von der Familie lebt, im Kinderhospiz. Auch da wurde die Weihnachtsgeschichte aufgef\u00fchrt. Judith Sch\u00e4chterle schw\u00e4rmt davon, wie \u201ewahnsinnig liebevoll\u201c alles im Hospiz an den Festtagen gestaltet sei. Es sei erleichternd, selbst \u201enichts damit zu tun\u201c zu haben. Sich einfach zur\u00fccklehnen zu k\u00f6nnen. Nicht einmal an Geschenke denken zu m\u00fcssen, wo sie sonst immer an so vieles denken muss. \u201eIch habe pflegefrei und kann die Zeit ganz anders genie\u00dfen\u201c, sagt sie. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/media.media.63a9f2e4-5564-4f15-89c2-02b67820f8ed.original1024.media.jpeg\"\/>     Mayara liebt es, den Baum zu schm\u00fccken.    Foto: Hospiz <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>    <\/p>\n<p>Auch ihre Tochter Mayara ist dann immer gut besch\u00e4ftigt. Die Sechsj\u00e4hrige liebt es, gemeinsam mit den anderen Geschwisterkindern den Weihnachtsbaum zu schm\u00fccken. Sie selbst habe \u201ewenig Energie\u201c f\u00fcr Weihnachtsdeko zu Hause, sagt Judith Sch\u00e4chterle. Den Adventskalender hat diesmal die Haushaltshilfe bef\u00fcllt und aufgeh\u00e4ngt. Wenn Mayara im Hospiz mit Hingabe den Baum schm\u00fcckt, macht es sich ihr gro\u00dfer \u201eBrudi\u201c Kiron am liebsten auf dem Scho\u00df seiner Mama gem\u00fctlich. Er genie\u00dft den K\u00f6rperkontakt, liegt ganz ruhig auf ihr. Aber das geht nur, wenn Judith Sch\u00e4chterle die Ruhe daf\u00fcr hat und Mayara versorgt ist, wie eben an Weihnachten im Kinderhospiz. <\/p>\n<p> Sie geh\u00f6rte zu den ersten G\u00e4sten nach der Er\u00f6ffnung des Kinderhospizes  <\/p>\n<p>Anbieter von Mutter-Kind-Kuren und Rehakliniken winken ab, wenn sie von Kirons Diagnose h\u00f6ren und dass er auch nachts einen hohen Pflegebedarf hat. Sie k\u00f6nne zwar gerne kommen, h\u00f6rt sie dann, aber f\u00fcr die N\u00e4chte m\u00fcsse sie einen Pflegedienst mitbringen \u2013 oder diese selbst \u00fcbernehmen. Das ist f\u00fcr sie keine Entlastung. Als das Kinderhospiz in Stuttgart im November 2017 \u00f6ffnete, geh\u00f6rte sie zu den ersten G\u00e4sten. <\/p>\n<p>Judith Sch\u00e4chterle wird oft gefragt, ob sie schon vor Kirons Geburt gewusst habe, dass er nicht gesund auf die Welt kommt. Sie irritiert diese Frage und dass sie so h\u00e4ufig gestellt wird. Den Gendefekt konnte man nat\u00fcrlich nicht im Ultraschall sehen. Die Eltern wussten von einem gutartigen Tumor unter dem Arm, den Kiron unabh\u00e4ngig von der Mutation hatte. Sie wussten also, dass etwas auf sie zukommen w\u00fcrde, rechneten mit einem \u201ekleinen chirurgischen Eingriff\u201c. <\/p>\n<p> \u201eWill ich das Kind lieben?\u201c, hat sich die Mutter gefragt  <\/p>\n<p>Seinen ersten epileptischen Anfall hatte ihr Sohn am dritten Lebenstag, als Judith Sch\u00e4chterle ihn gerade stillte. Da nahm man in der Klinik noch an, dass sich das verw\u00e4chst. Doch nach relativ unbeschwerten dreieinhalb Monaten, in denen Kiron an der Brust trank, lautierte, schrie, normal Stuhlgang hatte, mussten sie wieder in die Klinik. \u201eDa sind wir dann h\u00e4ngen geblieben\u201c, sagt die Mutter. Es gab einen Moment, da hat sie sich gefragt: \u201eWill ich das Kind lieben?\u201c Schlie\u00dflich k\u00f6nnte er beim n\u00e4chsten Anfall sterben. Doch so ersch\u00f6pft sie war, die Antwort war klar. <\/p>\n<p>Judith Sch\u00e4chterle tr\u00e4gt ihren Sohn zum Pflegebett, legt ihn vorsichtig in seine Lieblingsposition, die stabile Seitenlage. Er atmet schwer gegen den Schleim an, der sich in der Luftr\u00f6hre gesammelt hat. Sie streicht ihm \u00fcber die Wange, wuschelt ihm durchs dichte Haar, das von einem Medikament lockig geworden ist. \u201eSo, jetzt kannst du abhusten\u201c, spricht sie zu ihm, k\u00fcsst ihn auf die Stirn. Sie ist froh, als er wenig sp\u00e4ter tats\u00e4chlich hustet. So muss sie den Schleim nicht absaugen, was unangenehm f\u00fcr ihn ist. <\/p>\n<p>Dieses Weihnachten feiern sie, Kiron und Mayara nicht im Kinderhospiz. Ihre zwei, sie nennt sie \u201edas liebste Kind der Welt und die s\u00fc\u00dfeste Nervens\u00e4ge der Welt\u201c, sind bei ihren V\u00e4tern. So ist sie nicht dabei, wenn im Hospiz die Weihnachtsgeschichte erz\u00e4hlt, gemeinsam gegessen wird und Geschenke ausgepackt werden. Wenn die anderen Familien sich abends an der Feuerschale versammeln und Weihnachtslieder singen, ist sie vielleicht noch bei dem Vater ihrer Tochter oder sie genie\u00dft schon den Abend alleine. Anne Bartels Dienst endet um 21 Uhr. Dann f\u00e4hrt sie zu ihrer Familie und ihren erwachsenen Kindern \u2013 f\u00fcr ihr zweites Weihnachtsfest. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kerzenschein, Geschichten und W\u00e4rme: Im Stuttgarter Kinderhospiz feiern Familien und Mitarbeitende gemeinsam Weihnachten. 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