{"id":668827,"date":"2025-12-24T10:30:24","date_gmt":"2025-12-24T10:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668827\/"},"modified":"2025-12-24T10:30:24","modified_gmt":"2025-12-24T10:30:24","slug":"heute-vor-80-jahren-das-vergessene-weihnachtsfest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/668827\/","title":{"rendered":"Heute vor 80 Jahren \u2013 Das vergessene Weihnachtsfest"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anfang Mai 1945 endete auch in Kiel der verheerende 2. Weltkrieg. Rund 5,3 Millionen Kubikmeter Schutt waren angeh\u00e4uft, die Einwohnerzahl von 273.000 vor Kriegsbeginn auf 135.000 gesunken. Nahrungsmittelknappheit und Elend pr\u00e4gten den Alltag der Bev\u00f6lkerung.<\/strong> <strong>Fortan zogen Fl\u00fcchtlingstrecks aus den abgetrennten Ostgebieten in Schlesien und dem baltischen Raum durch Schleswig-Holstein, wo man bis zum Ende 1945 rund eine Million mehr Einwohner z\u00e4hlte als zu Kriegsende.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte auch der\u00a0Holsteinplatz\u00a0an der Projensdorfer Stra\u00dfe zahlreiche Bombentreffer abbekommen. Trib\u00fcne und Spielfeld waren zerst\u00f6rt, die drei Nebenspielfelder konnten nur noch eingeschr\u00e4nkt genutzt werden. Bereits zwei Wochen nach Kriegsende begannen die Planungen f\u00fcr den Wiederaufbau, f\u00fcr den sich M\u00e4nner wie der Unternehmer Egon\u00a0Fle\u00dfner\u00a0einsetzten. Erstmals nach langer Zeit trafen sich \u00fcberlebende und vom Schlachtfeld heimkehrende Vereinsmitglieder wieder zum Fu\u00dfballspielen und sie alle intensivierten die Bem\u00fchungen, so etwas wie einen \u201eNormalzustand\u201c wieder herzustellen. \u201eAlle haben mit angepackt und mit Tr\u00fcmmerschutt die Bombentrichter geschlossen\u201c, berichtete\u00a0Fle\u00dfner\u00a0sp\u00e4ter. Und am 1. September 1945 kam es sogar zum allerersten Fu\u00dfballspiel in Kiel seit Kriegsende: 5.000 Zuschauer auf der Waldwiese sahen ein 3:2 der KSV Holstein \u00fcber den VfB Kiel. Unter den Torsch\u00fctzen f\u00fcr Holstein auch der legend\u00e4re Franz Linken, der nach dem Krieg eine Schl\u00fcsselrolle im Verein innehaben sollte.<\/p>\n<p><strong>Keine Zeit f\u00fcr Fu\u00dfball<\/strong><\/p>\n<p>Doch den britischen Besatzern war vor allem die Wiederbelebung des Spielbetriebs ein Dorn im Auge \u2013 sie f\u00fcrchteten sich vor einer schwer zu kontrollierenden Eigenst\u00e4ndigkeit der Fu\u00dfballbewegung. Ganz anders im S\u00fcden Deutschlands. In der amerikanischen Besatzungszone rollte in der erstklassigen Oberliga S\u00fcd bereits am 4. November 1945 das runde Leder wieder \u2013 und die Massen fanden eine \u00fcberaus willkommene Abwechslung inmitten der zerst\u00f6rten St\u00e4dte.\u00a0Doch in dem einst so wichtigen Marine- und R\u00fcstungsstandort Kiel, in dem\u00a080 % der Innenstadt, weite Teile der Wohn- und Industriegebiete und insgesamt rund 35 % aller Geb\u00e4ude verw\u00fcstet waren, hatten die Menschen eigentlich gar keine Zeit f\u00fcr Fu\u00dfball, denn ihre Stadt sah katastrophal aus.<\/p>\n<p><strong>Kein Tannenbaum, kein Lichterglanz<\/strong><\/p>\n<p>Besonders hart wurde es in der F\u00f6rdestadt mit dem Einsetzen der kalten Jahreszeit. Die Bev\u00f6lkerung hungerte und fror und im harten Winter 1945\/46 ging es schlicht und einfach ums \u00dcberleben. Es war der Beginn einer schweren Notzeit in Nachkriegsdeutschland, die im folgenden extrem harten \u201eHungerwinter\u201c 1946\/47 gipfelte, mit extremen Temperaturen von bis zu\u00a0-25\u00a0\u00b0C, totalem Mangel an Nahrung und Heizmaterial, zerst\u00f6rten St\u00e4dten und \u00fcberlasteter Infrastruktur. Schwarzmarkthandel und Diebstahl bl\u00fchten in der einst so stolzen Hafenstadt. Kohle wurde von den Waggons gestohlen, die in der\u00a0Wik\u00a0und am Hafen standen. \u201eKein Tannenbaum, kein Lichterglanz, keine Geschenke oder gar Festtagsbraten\u00a0\u2013 nichts von alledem, was zum richtigen Weihnachtsfest geh\u00f6rt, gab es an den Feiertagen 1945. Die Kieler Innenstadt lag im Schutt und Asche. Wir hatten eine Zukunft, eine sehr schlechte zwar. Aber sie lie\u00df sich nicht wegdiskutieren\u201c, berichtete der Kieler Karl-Heinz\u00a0Reischuk\u00a0sp\u00e4ter in seinem Aufsatz \u201eDas vergessene Fest. Weihnachten 1945\u201c. Das erste Fest nach dem gro\u00dfen Krieg blieb vielen allenfalls aufgrund der schweren Entbehrungen und Kriegsfolgen in Erinnerung.<\/p>\n<p><strong>Warten auf ein Lebenszeichen<\/strong><\/p>\n<p>Tiefschwarze Schatten hingen \u00fcber den drei Feiertagen, auch wenn es das erste Weihnachtsfest seit Langem war, an dem die Fenster nicht verdunkelt waren. Die Menschen mussten sich endlich nicht mehr vor Fliegeralarm und Bombenangriffen f\u00fcrchten. Ruhe war eingekehrt. Doch von Gl\u00fcck und Besinnlichkeit war nur wenig zu sp\u00fcren. Geliebte Br\u00fcder, V\u00e4ter und Ehem\u00e4nner wurden vermisst. Viele Frauen waren im Krieg Witwen geworden, viele Kinder Waisen. Andere wiederum warteten sehns\u00fcchtig auf einen Brief aus der Kriegsgefangenschaft oder auf ein Lebenszeichen der Vermissten. Viele Gefangene sollten erst zehn Jahre sp\u00e4ter heimkehren, unz\u00e4hlige Kieler M\u00e4nner nie.<\/p>\n<p><strong>Die Hoffnung hatte \u00fcberlebt<\/strong><\/p>\n<p>Weihnachten 1945 \u2013 heute vor 80 Jahren\u00a0\u2013\u00a0war im Schein der hellen Kerzen in den meisten (zerst\u00f6rten) H\u00e4usern still. Aus dem Fest der Familie war ein Fest der Sehnsucht geworden. Nicht nur in Kiel, sondern im gesamten zerst\u00f6rten Land. Die Mischung aus Trauer, Hunger und Armut \u00fcberschattete den Geist der Weihnacht. Die Illusion, dass es ein Fest der Freude sein w\u00fcrde, zerbrach. Vielleicht hatten sich die Menschen mehr vom Frieden erhofft als blo\u00df das Ende vom Krieg. Wom\u00f6glich verstanden sie erst zu Weihnachten 1945, dass es lange dauern wird, bis Normalit\u00e4t einkehren w\u00fcrde. Vor 80 Jahren ging das Weihnachtsfest unter. Doch die Hoffnung hatte den langen Krieg \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1180\" height=\"1704\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Der-Zweite-Weltkrieg-hatte-auch-von-Holstein-Kiel-unzaehlige-Opfer-gefordert.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-187582\"  \/>Der Zweite Weltkrieg hatte auch von Holstein Kiel unz\u00e4hlige Opfer gefordert.<\/p>\n<p><strong>Quellenangaben:<\/strong><br \/>125 Jahre Holstein Kiel \u2013 Die Chronik (Bielefeld 2025)<br \/>MDR-Zeitgeschichte \u2013 Friedensweihnacht 1945: K\u00e4lte, Hunger und Sehnsucht (Leipzig 2021)<br \/>\u201cDas vergessene Fest\u201d von Karl-Heinz Reischuk (Kiel, 1995)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anfang Mai 1945 endete auch in Kiel der verheerende 2. Weltkrieg. 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